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Nr. 481.

Wiesbaden, Dienstag, 13. Oktober 1807.

Morgen - Kusgads.

1. WLcrtt.

Die Prüenüewögung rm Westen.

Die Polenpartei in Westdeutschland hat einen be­merkenswerten Schritt getan. Sie hat für die Zukunft jedes Bündnis mit dem Zentrum a b ge­lehnt. Wir wollen kurz über die tatsächlichen Vor­gänge berichten: In den letzten Monaten wurde zwischen Zentrum und Polen, jedoch nicht von den offiziellen Parteivertretungen, über ein Wahlkompromitz für die nächsten Neichstagswahlen verhandelt. Ern Pfarrer Szymanski, der zu diesem Zweck aus dem Osten nach Westfalen gereist war, und der frühere Redakteur des eingegangenenDziennick Polski" in Dortmund, Kaufmann Ignaz ZninSki, betrieben diese Verhand­lungen, zu denen die Initiative von polnischer Seite ergriffen war. Zninski hatte früher eine radikale, zentrumsfeindliche Haltung eingenommen, hatte aber, wie er sagt, mittlerweiledie Aussichtslosigkeit pol­nischer Sonderkandidaturen in Westfalen und Rhein­land eingesehen" und schlug nun ein Kompromiß auf der Grundlage dar, daß den Polen ein Reichstags­mandat im Westen eingeräumt werde (richtiger wohl: daß in einem Wahlkreise der polnische Kandidat vom Zentrum unterstützt werde), wohingegen die Polen in den übrigen Kreisen das Zentrum zu unterstützen sich verpflichten würden. Zninski verlangt also mehr, als die polnische Parteileitung in Oberschlesien, die even­tuell alle Stimmen der westfälischen und rheinischen Polen dem Zentrum zuführen wollte, natürlich für Gegenleistungen in Oberschlesien. (In derDort­munder Zeitung" lesen wir:Zninski hat, wie die

Polenpresse berichtet, dieserhalb u. a. mit der Leitung derCöln. Volksztg." und mit dem Erzbischof Fischer und seinem Vertreter sowie mehreren anderen Geist­lichen unterhandelt und soll dabei die politische Unruhe der Polen in Westfalen und Rheinland als Ursache ihrer Absonderung von dem Zentrum bezeichnet haben." Die Verhandlungen mit dem Erzbischof Fischer halten wir für Mythe, mindestens dürften sie einen andern Aus­gangspunkt gehabt haben.)

Das Zentrum hat keine Neigung gezeigt, auf diese Bedingungen einzugehen. Ob die Gesamtheit der parteipolitisch organisierten Polen dos Westens ihnen zugestimmt haben würde, ist sehr zu bezweifeln. Jeden­falls ist jetzt das Tischtuch völlig zerschnitten. Die panische Parteiorganisation für Westdeutschland hat nämlich ein neuesWahl-Regulativ" beschlossen. Das Hauptwahlkomitee hat danach seinen Sitz in Bochum. Seine Geschäfte besorgt im allgemeinen einengerer Anschuß" von fünfzehn Personen. Die Kreis- und Orts­wahlkomitees haben sich nach den Beschlüssen des Haupt- Wahlkomitees zu richten. In das Wahlregulativ ist die

Feuilleton.

(Nachdruck verbotene

Im Dienst öe§ KLügelraös.

V. Der technische Znguuterhaltirngsdienst.

Auf den großen Eisenbahnknotenpunkten laufen die Züge auf verschiedenen Gleisen ein und bringen Wagen mit sich, die nach allen Richtungen der Windrose gehen sollen. Die Züge werden auseinandergcrissen, die ein­zelnen Wagen auf den Gleisen hin- und hergeschoben und endlich zu einem neuen Zug zusammengestellt, in dem alle nach einer Richtung fahrenden Wagen und in der Ordnung der Stationen, für die sie bestimmt sind, vereint werden. Es ist keine kleine Arbeit, die sich auf einer solchen Zugüildungsstation abwickelt. Und wenn alles fertig ist, kann das Rangierpersonal noch nicht auf- atmen. Erst wenn derMeoster" seinIn Ordnung" gerufen hat, ist der neu zusammengestellte Zug zur Fahrt berechtigt.

Unter dem Meestcr wird der Wagenmeister verstan­den. Eine dem größeren Publikum ziemlich unbekannte Person, die fern vom Verkehr mit dem Publikum auf den vielglcisigen Außenbahnhöfen oder als Werkmeister in den Reparaturschuppen seine wichtigen Dienste ver­richtet. Das technische Zugunterhaltnngspersonal hat die Aufgabe, das abrollende Wagenmaterial zu prüfen. Wenn ein Zug zusammengestellt ist, kommt der Wagen­meister, ein gelernter Schlosser, mit Instrumenten und Handwerkzeug bewaffnet, und sucht den . Zug ab. Man sieht in bedächtig die Wagen auf- und abwandern, und sieht, wie er unter die Wagen kriecht, um die Wagen- gestclle und Zugstangen auf ihre Zuverlässigkeit zu untersuchen. Das ist die Gefahr seines Dienstes. Immer wieder kommt es vor, daß, während er unter dem

ausdrückliche Bestimmung ausgenommen, die eigentlich gar nicht in ein Organisationsstatut gehört:Die

Polen haben bei den Hauptwahlen ausnahmslos für^ den polnischen Kandidaten zu stimmen" (§ 8). Dieser' Paragraph läßt allerdings die Möglichkeit offen, daß die Polen in den Stichwahlen das Zentrum unter­stützen. Aber das ist für das Zentrum ein schlechter Trost. In Len hauptsächlich in Betracht kommenden Wahlkreisen liegen nämlich die Dinge so, daß es eben vonden Polen a b h ä n g t, ob das Zentrum ln die Stichwahl gelangt. Wenn die polnische Kandidatur ln der Hauptwahl den Effekt gehabt hat, den Zentrums­kandidaten aus der Stichwahl auszuschalten, so ist es mit der Stichwahlhilfe eben vorbei. Besonders wichtig ist, daß derWiarus Polski" in Bochum, der unter geistlicher Leitung steht und sich von dem im ganzen mehr demokratisch gerichteten Gros der westlichen Polen bisher durch stärkere Rücksichtnahme auf das Zentrum unterschieden hat, fetzt ebenfalls lebhaft der Parole zu­stimmt: Keinerlei Kompromiß mit dem Zentrum!

Eine Freundlichkeit gegen eine andere zentrums- gegnerische Partei (seien es nun die Nationalliberalen oder die Sozialdemokraten) liegt in diesem Beschlüsse nicht. Daß eine nennenswerte Zahl von Polen im Westen mit den Sozialdemokraten gegangen wäre, ist zwar oft behauptet worden, ist jedoch durchaus unrichtig. Der radikal-nationalistische Standpunkt der Polen seit sie gegen die Sozialdemokratie. In einer Resolution, die ini Anschluß an das neue Regulativ beschlossen wurde, beklagen es die Polen im Westen, daß ihnen bei den letzten Reichsiagswahlen seitens des polnischen Zentralwahlkomitees in Posen bei der Stichwahl die Stimmabgabe für die sozialdemokratischen Kandidaten angeraten worden sei, da nach ihrer Erfahrung und Überzeugung derartige Kompromisse mit irgendwelchen deutschen Parteien den nationalpolnischen Interessen stets zuwiderliefen. Die auch auf dem Essener Parteitag von den Sozialdemokraten erwähnten Unterhandlungen in Oberschlesien zwischen Zentrum und Polen sind nun­mehr, soweit sie eine Unterstützung des Zentrums durch die Polen in Westfalen und Rheinland einschlossen, gegenstandslos geworden.

Bis zu den Reichstagswahlen ist noch eine lange Zeit. Andererseits trifft. die Absage der Polen an das Zentrum wunderlicherweisc zusammen mit der Ankün­digung von Ausnahmebestimmungen im Reichsveretns- rccht gegen die Polen. . Ein scharf polenfeindliches Blatt bezeichnet«: gestern diese Bestimmungen als höchst

notwendig, während es heute in einem Leiter schmun­zelnd dieendgültige" Abkehr der Polen vom Zentrum registriert und mit ihnen recht zufrieden ist. Es gibt auch in der Parteipolitik recht sonderbare Zufälle; aber es ist nicht gut, sich bei der Abstimmung über Gesetzes­borlagen von ihnen abhängig zu machen. ImRecht" das Richtige zu finden, ist manchmal schwer: man soll nicht obendrein mit der Rechtsfrage noch Wahlinteressen der Partei verquicken.

Wagen liegt und mit den Achsen, an den Federlagern oder am Jnnenrad beschäftigt ist, ein neuer Wagen auf sein Gleis abgcschoben wird und die ganze Zugreihe im Stoß und Widerstoß weitertreibt. Trotz aller Vor­sichtsmaßregeln werden sich die gefährlichen Situationen nicht ganz vermeiden lassen. Es genügt, darauf hinzu- wcisen, daß ein Wagenmeister je nach den örtlichen Verhältnissen 400 bis 800 Wagen täglich auf ihren Ge­sundheitszustand zu mustern hat. Ist einer total krank, das heißt fahrtunfähig, so erhält er den roten Zettel. Ec wird insLazarett", in die Reparaturwerkstätte ge­bracht. Um diesen roten Zettel willen ist der Wagen­meister der gefnrchtctsteMann ans dem Schienenfeld. Vom Stationsvorsteher bis zum Rangicrgchilfen herab kann er ihnengestohlen" werden, wenn er mitten in dem oben zusammcngestellten Zug, der sogleich abfahren soll, einen oder zwei Wagen mit dem roten Krankenschein be­klebt. Dann geht die Arbeit mit hastender Eile von vorne an, der Zug wird wieder auseinandergerissen, die roten Wagen werden aus das Reparaturgeleise abgeschoben und die übrigen Wagen neu geordnet. Der Bahnhofs­vorsteher und der Zugführer können die Fahrzeit nicht einbalten. und die Rangierer, die längst schon an einem anderen Zuge beschäftigt sein sollen, kommen nicht weiter.

Aber der Wagenmeister ist unerbittlich. Die Ver­kehrssicherheit geht über alles. Er. ist verantwortlich dafür, daß nur betriebssichere Wagen den Bahnhof ver­lassen, und wird für jedes Versäumnis und für jedes Übersehen schwer zur Verantwortung gezogen. Aus diesem Grunde hat er auch eine ungemein große Macht- befugnis. Obgleich er nur Unterbcamter ist mit einem Jahresgehalt von 1400 bis 1800 Mark, so haben sich doch alle höheren Beamten, Vorsteher, Assistenten und Zug­führer seinen technischen Anordnungen unbedingt zu fügen. Das in unserer militärisch streng geordneten

33. Jahrgang.

Politische Uderstcht.

60 Unterseeboote.

Vizeadmiral a. D. Galster, der viele Jahre lang In­spekteur der Marine-Artillerie, insbesondere der Schiffs- Artillerie war, weist in seiner neuerdings erschienenen Schrift aus die Notwendigkeit hin, eine nachdrückliche Kleinkriegführu n g für den Kriegsfall in Aus- sicht zu nehmen und organisatorisch vorzubereiten. Er tritt für den Bau schneller Ozeankreuzer sowie für die Beschaffung voir Torpedobooten. Minen- und nament­lich Unterseebooten ein. Als Anfang wird es hinrcichen, so erklärt Vizeadmiral Galster, 60 Unterseeboote zu bauen, nachdem ein brauchbarer Typ gefunden worden ist. Mit 30 Booten von etwa 200 Tonnen Deplacement könnte der westliche Teil der O st s e e von Jütland bis Bornholm beherrscht werden, so daß keine feindliche Flotte daran denken werde, dort mit Linienschiffen und Kreuzern ihre Seemacht zu entfalten. Gleichzeitg ließe sich eine Blockadeflotte von den Flußmündungen der Nordsee fern halten. Die übrigen 30, größer zu bauenden Boote sollten zum direkten Angriff gegen eine feindliche Flotte verwendet werden. Die ganzen Kosten würden nicht größer sein als die Ausgaben für zwei Linienschiffe.

Es wird Aufgabe der verantwortlichen maritimen Kreise sein, sich zu der von Admiral Galster berührten außerordentlich wichtigen Frage zu äußern, namentlich über die Unterseeboote. Früher hielt man die Unter­seeboote für eine mehr oder weniger harmlose Lieb­haberei der französischen McOine. Seitdem aber Eng­land sich mit großem Eifer dem Bau von Unterseebooten zugewendet hat und 36 fertige sowie 24 Boote im Bau hat, auch zahlreiche günstige Urteile über die Leistungen der Boote vorliegen, scheint es in der Tat, als ob Deutschland mit seinem einzigen Unterseeboot etwas weit im Rückstand ist. Alle Seestaaten sind er­heblich weiter fortgeschritten. Vizeadmiral Galster schlägt einen Wettbewerb im Ban von Unterseebooten vor und weist besonders darauf hin, daß ein solcher Fort­schritte und billige Preise schaffe. Es kann der Marine nur nützlich sein und wird die Sache klären, wenn die maritimen Kreise sich etwas mehr als bisher mit der Unterseebootsrage beschäftigen, damit wir vor Über­schätzung der Waffe und vor ihrer Unterschätzung in gleichem Matze bewahrt bleiben.

Der Lehrermangel.

Nach den Mitteilungen eines Regierungskommissars sollen zurzeit etwa 3,5 vom Hundert der vorhairdenen Lehrerstellen unbesetzt fein. Das gibt nach dein Stande vom 1. Oktober v. I. bei 101 581 Stellen etwa 3560 unbesetzte Stellen. In Wirklichkeit ist er aber in ein­zelnen Teilen, namentlich auf dein Lande, noch größer; denn die Städte haben mit ihren rund 40 060 Stellen weniger darunter zu leiden. Für alle Landstellen ist

Eiscnbähnhierarchie sonst unbedingt geltende Vorge­setztenverhältnis ist bei ihm ausgehoben. Zu welchen Unstimmigkeiten es aber doch führen kann, wenn ein im Rang niedriger stehender Beamter einem höher­gestellten Vorschriften erteilen muß, will ich nur leise andeuten. Daher ist das Streben der Wagenmeister be­greiflich, daß sie von der Kategorie der Nnterbeamten in diejenige der mittleren Beamten versetzt werden mögen, besonders, da sie dieselbe technische Vorbildung besitzen müssen wie der Lokomotivführer, der zu den Mittleren Beamten gezählt wird. Dazu kommt noch, daß er ver­pflichtet ist, solche Schäden, welche nach seiner Meinung durch die Schuld eines Angestellten hcrvorgerusen sind, seien ne durch unvorsichtiges Rangieren oder beladen geschehen, sofort unter Namensnennung des Schuldigen zu Protokoll zu nehmen, worauf der Schuldige zur Rechenschaft gezogen wird. Daß solche Dinge die Be­liebtheit des Wagenmeisters nicht gerade steigern, wird jedermann begreifen, der das menschliche Wesen kennt. Der Wagenmeister könnte eigentlich nur durch eine äußerliche Erhöhung seiner Autorität dem inneren Zwiespalt zwischen Kollegialität und Pflichtstrenge ent­hoben werden.

Was einem Eisenbahnwagen nicht alles fehlen kann! Er hat beinahe so viel Krankheiten wie ein Mensch, und je mehr er, wie dieser, seine Wege gelaufen ist, um so gebrechlicher wird er. Bis endlich alles Doktorn und Flicken nichts mehr nützt und beide am Ende sirrd. Ganz ohne Fehler aber geht keiner durchs Leben so wenig, wie ein Wagen über die Schienen. Das muß man sich klar machen. Bei dem einen haben sich Räder und Achsen festgelaufen, beim anderen schleift das Brems- gestänge ans den Achsen und funktioniert nicht mehr. Die Reifen weisen flache und die Spurkränze scharfe Stellen auf. Die Unterlagerschrauben lockern sich, ebenso die Tragfeöer, oder sie werden bei überladenen Wagen