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Nr». 479.
Morgen - Kusgade.
1. WkcrlL.
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Düs indische Problem.
n. London, 8. Oktober.
Indien, das kostbarste Juwel in öer Krone öer britischen Herrscher, ist zugleich seit jeher auch öer Gegen- stand steter Sorge für öie Londoner Regierung gewesen. Gegen die der Kolonie ron Rußland drohende Gefahr hat sich Herr Campbell-Bannermau jetzt ja gesichert, indem er das asiatische Abkommen mit Rußland schloß. Aber wenn er gehofft hat, daß die indischen Nationalisten und Autvnomisten nunmehr, wo sic im Falle einer Erhebung nicht mehr ans eine Unterstützung Rußlands zählen können, die Köpfe hängen lassen würden, dann hat sich der britische Premier getäuscht. Indien befindet sich in allgemeiner Gärung und es hat nicht erst der pathetischen Reden des zurzeit Bengalen bereisenden britischen Arbeiterführers Keir Hardie bedurft, um die Inder zu Krawallen zu verleiten. Diese finden vielmehr täglich statt, und mehr als einmal haben die eingeborenen Polizisten nnd Scapoys bei der Unterdrückung der Unruhen den Dienst verweigert oder gar gemeinsame Sache mit den Aufrührern gemacht.
Wenn es bisher zu keiner größeren Erhebung gekommen ist, so haben die Engländer dies nur der Klugheit ihrer indischen Kolonialbeamten zu danken, die sich vortrefflich darauf verstehen, das divido et impera zur Geltung zu bringen. Sie spielen die mohammedanische Bevölkerung Indiens gegen die andersgläubige aus, und sie wissen sich bei den Eingeborenen auch selbst in Respekt zu setzen. Denn sie sind durchweg überlegene Intelligenzen,' ist es doch seit jeher Grundsatz der britischen Kolonialregierung, nur die fähigsten Köpfe als Beamte in die Kolonien zu schicken. Man geht also in England anders bei der Auswahl der Kolonialbeamten vor, als es bei uns früher der Fall war. Mit Stolz, und mit berechtigtem -Stolz weist der Brite darauf hin, daß die britische Kvlonialbeamtenschaft die „Blüte der Nation" darstcllt. In der Tat wurde der Nachwuchs für die kolonialen Wcrwaltüngsamter bisher unter den besten Möpsen der Universitäten Cambridge und Oxford sorgfältig ausgewählt! die jungen Leute drängten sich geradezu zum Kolonialdienst, und für jede vakante Stelle fanden sich ein Dutzend Bewerber. Kein Wunder! Der germanische Wandertrieb, der im Briten stark ausgeprägt ist, der Tatendrang der Jugend, die Anziehungskraft der Fremde und nicht zuletzt die geradezu glänzende Rolle, die der weiße Kolonialbcamte in Indien spielt, und der fürstliche Zuschnitt der Lebenshaltung — all das trieb die tüchtigsten unter den britischen Studenten in die koloniale Laufbahn, der sie dann meist auch treu blieben.
Wiesbaden, Sonntag, 13. Oktober 1BS>7'.
Neuerdings scheint es nun, als lasse öie Neigung der britischen Jugend für den Kolonialdienst erheblich nach, und diese Beobachtung macht der Regierung schwere Sorgen. Wo sich früher zwölf wohlgeeignete Bewerber für einen Posten fanden, haben sich in den beiden letzten Jahren nur zwei bis drei gefunden, und es ist mehr als ein öutzendmal vorgekommen, daß die bereits ausgewählten Bewerber nachträglich ans den Posten verzichtet haben. Der Grund für dieses Schwinden der kolonialen Abenteuerlust der englischen Jugend ist recht kurios: Die jungen Englishman bleiben im Lande, weil die früher sprichwörtliche Langweiligkeit und Eintönigkeit des Lebens in England einem heiteren Lebensgenüsse Platz gemacht hat und täglich mehr Platz macht. Eduard VII., der königliche Lebemann, hat eben auch in dieser Hinsicht sein Land vorwärts gebracht. Und neben der größeren Behaglichkeit, die das Leben in England gewonnen Hat, hält auch der Umstand die Jugend von der kolonialen Laufbahn ab, daß in die Heimat znrttck- kehrendc Kolonialbeamte, und mögen sie in der Kolonie eine noch so große Rolle gespielt haben, beim englischen Publikum ziemlich wenig Beachtung finden nnd etwas über die Achsel angesehen werden. Das ist nun einmal Tradition und im englischen Volkscharakter begründet. ES wird der Regierung schwer halten, die Abneigung der Studierenden gegen die Kolonialkarriere zu überwinden. Gelingt es ihr nicht, so wird der Mangel an tüchtigen Kolonialbeamten für die kolonialen Eingeborenen ein Sporn mehr sein, den Eintritt des Etngcborenen- Elements in die Verwaltung zu fordern.
Politische Übersicht.
Nachträgliches zum „Revirement".
l.. Berlin, 11. Oktober.
Verschiedene Blätter, deren Beziehungen zur Wilhelmstraße bekannt sind, haben die Ernennung des Herrn v. Schön zum Staatssekretär des Auswärtigen so dargestellt, als ob v. Schön gewissermaßen Berlegen- Heitskanöiöat gewesen sei. Man sei auf ihn erst gekommen, nachdem verschiedene andere, geeignetere Persönlichkeiten abgelehnt hätten. Wenn dies richtig ist, so ist der Schluß logisch unabweisbar, daß die Verabschiedung des Herrn v. Tschirschky dringlich erschienen ist; denn sonst Hätte es damit wohl Zeit gehabt, bis ein vollständig befriedigender Ersatz gefunden war. Als dringlich wird sic der Reichskanzler angesehen haben, nnd hierzu paßt cs, daß Herr v. Tschirschky von gewissen Stellen auffällig gelobt wird, die sich mit Vorliebe bemühen, dem Reichskanzler ein Bein zu stellen. Es gehören dazu die ,/Hamb. Nachr." Die alte Fronde ist immer noch nicht tot und sobald eine Trübung am politischen Horizont wahrnehmbar ist, ertönen jedesmal die Unkenrufe wieder. Die Stellung eines deutschen Botschafters in Wien ist bei öer Art unserer Beziehungen
22. Jahrgang.
zu -Österreich ein leicht zn verwaltender Posten, wenngleich es nicht stimmt, was ein Berliner Blatt heute äußert: in Wien werde Tschirschky am rechten Platze sein, „da er als Botschafter nur in seltenen Ausnahmefällen zu reden braucht." Weitere Personalverände» rungen in hohen Reichsämtern . werden wohl angekündigt, es dürfte sich dabei jedoch um bloße Kombinationen handeln. So ist insbesondere öie wiederum auftauchende Nachricht von Rücktrittswünschen des Staatssekretärs im Reichsjustizamt Dr. Nicberding unrichtig. Wenn Herr Nieberding den 28. Januar überwunden und sich in öie neue Situation gesunden hat, so drohen ihm jetzt keine Schwierigkeiten mehr, und an seinen Arbeiten hängt er. Nur eine Frage ist vielleicht noch nicht endgültig erledigt: die Besetzung des Botschafterpostens in Lonöo-n. Freiherr v. Marschall war tatsächlich dafür anscrsehen,' es heißt aber jetzt, er wünsche in Konstantinopel zu bleiben. Was hier Wahrheit ist, muß die Zukunft lehren.
Ein Zentrumsblatt über die Feuerbestattung.
Während die „Kreuzzeitung", das Organ der Konservativen, der Evangelisch-Orthodoxen iuPreußen, dieser Tage wieder entschieden das Verbot jeder amtlichen Beteiligung von Geistlichen an einer Lcichenverbrennung fordert, hat ein strcngkatholisches Blatt, der „Freiburger Bote", jüngst unumwunden die Verträglichkeit der Leichenvcrbrennung mit dem katholischen Glauben und den kirchlichen Interessen zugestanden. Der Artikel des badischen katholischen Organs dürfte von einem Freiburger Theologie-Professor herrühren. Wir gebrauchen die Bezeichnung „katholisches Blatt", weil es sich ja in diesem Falle um den katholisch-kirchlichen Standpunkt handelt. Es sei aber ausdrücklich hinzugefügt, daß der „Freiburger Bote" auch ein waschechtes .Zentrumsblatt ist und gar nicht einmal den gemäßigteren zugercchnet werden kann. Das Blatt meint, die Stellungnahme kirchlicher Behörden gegen die Leichen- verbrcnnung sei durch öie Verquickung öer Agitation für dieselbe mit glaubensfcindlichen und atheistischen Tendenzen hervorgcrufcn worden. Diese Verquickung sei eine Torheit gewesen. Unseres Wissens hat eine solche Verquickung jvoßt gelegentlich in Italien stattgefunden, nicht aber bei uns in Deutsch! a n ö. Das Zentrumsorgan gibt aber auch ziemlich ausdrücklich zu, daß diese Verquickung etwas Zufälliges, Willkürliches ist. Sic kann also für die grundsätzliche Stellungnahme der katholischen Kirche nicht bestimmend sein.
Deutsches Reich.
h. Postkonfcrenz. In dieser Woche fand in Berlin eine Konferenz statt, an der fast sämtliche Obcr-Post- öirektorcn des Reiches und eine Anzahl Post- und Telegraphendirektoren teilnahmen. Es stehen im Postdienste nnd in der Verwaltung weitgehende Änderungen bevor, wozu dann noch die geplante Gehaltsaufbesserung
Feuilleton.
«Nachdruck verboten.:
5Lu§ SoeoZ Sagebuch.
ßlus dem Papa-Mischen übertragen von Fritz Brentano.
» Den 17. Juni.
Na, endlich ist die Blase fort! Es hat diesmal lange ! gedauert, bis sie wegkamen I Wegen der zweifelhaften Witterung, erzählten sie allen Bekannten. Daß ich nicht lache! Ich weiß es besser. Eingepackt hatten sie ja schon lange, aber der große Pump, der jedes Jahr für die Sommerreise angelegt wird, ist erst gestern geglückt. Dafür war aber auch die Freude groß, als der Alte mit -den Moneten hereinstürzte und vergnügt rief: „Nu aber raus!"
Ich fühlte, daß es ihm vom Herzen kam. Natürlich so'n geplagter Familienvater will doch auch mal seine Erholung haben. Namentlich als Gatte! Er - bleibt nämlich zu Hause.
Den 18. Juni.
Ich kam mir gestern wie im Paradies vor, in dem es ja meinen Vorfahren so gut ergangen sein soll. Mutter hat mich vor der Abreise behufs strenger llber- wachung Minna'n ans Herz gelegt, allein die stramme Küchenfee scheint dieses Herz anderweitig nötiger zu gebrauchen, denn sie hat sich bis jetzt verwünscht wenig um mich gekümmert, 'n bißchen frischer Hanf war alles! Dafür aber konnte ich mir endlich mal nach ■ Herzenslust Federn ausreißen, ohne durch den ewigen I Ordnungsruf: „Pfui, Coco!" gestört zu werden. Und \ das Vergnügen, daß ich die drei Jöhren für'n paar , Wochen los bin, die mich den lieben, langen Tag mit ß ihrer blödsinnigen Frage: „Wie heißt du?" zur Der- Meiflung bringen I Als oh ich ihnen das nicht schon
mindestens 4308mal gesagt hätte! Ich weiß nicht, ist cs Bosheit oder Dummheit, daß sie mich immer wieder fragen. Und natürlich mit besonderer Vorliebe in Gegenwart von fremden Leuten, die sich mir nicht einmal vorgestellt haben. Und dann ärgern sie sich, wenn ich bockbeinig bin und den Schnabel nicht auftuc. Mein Gott, man ist doch auch nicht immer in der Stimmung, jedem Beliebigen Red' und Antwort zu stehen. Das dümmste aber dabei ist, daß mich diese Selma stets fragt: „Wie heißt du, Coco?" Warum fragt sie denn, wenn sie's weiß? Und so was besucht die höhere Töchterschule ! Lächerlich!
Vater ist gestern abend schon halb elf Uhr nach Hause gekommen und hat sich gleich zu Bett gelegt. Merkwürdig! Sollte er wirklich die Ermahnungen seiner Frau so treu befolgen? Er ist doch sonst nicht so! Na, es wird schon einen anderen Grund haben.
Den 19. Juni.
Ich wußt' es doch, daß die Sache mit dem frühen Nachhausekommen von Vätern einen Haken hatte. Er kann ja den Schnabel nicht halten und hat heute morgen die Geschichte seinem Vertrauten, dem Barbier, erzählt. Ein paar sogenannte gute Freunde hatten ihn zu einem Zweipfennig-Dauerskat nach Treptow verschleppt und dort rein ansgeplündert. Für heute haben sie sich nach Charlottenburg verabredet. Er hat auch schon an Mutter eine Ansichtskarte nach Ahlbeck geschrieben und sie dem Barbier vorgelesen:
„Fühle mich schrecklich vereinsamt. Ging gestern bereits um 9 Uhr zu Bett. Hoffe heute in Charlotten- burg eine große Versicherung abzuschlietzen. Tausend Grüße und Küsse für Dich und die Kinder."
Über das große Versicherungsgeschäft lachten sie beide sehr, und der Barbier meinte: „Hoffentlich Grand mit Vier« — Schneider — Schwprr — ormelagt!"
Minna vernachlässigt mich. Sie hat inir heute erst um drei meinen Futtcrnapf gefüllt, und wieder nur Hanf. Kein Stückchen eingeweichte Semmel -— keine Erdbeeren — keine Zirbelnuß — nichts! Na, das fängt ja gut an!
Den 29. Juni.
Gestern abend ging es recht nett zu. Minna deckte um sechs Uhr sehr fein den Tisch. Silberzeug — frische Servietten — zwei Flaschen Rotspon, alles Pik! Die Sache erschien mir schleierhaft, denn Vater war doch in Charlottenbn.rg und hatte Minna gesagt, daß sie um zehn Uhr zu Bett gehen könne, er käme erst spät nach Hause. Um sieben Uhr aber klapperte ein schwerer Säbel vor der Türe und nun wußte ich Bescheid. Es war der Dragoner — natürlich, ihr Dragoner. Ein widerwärtiger Kerl! Er hat mich einmal bei seiner- eiligen Flucht aus der Küche — Mutter rückte nämlich an — mitsamt meinemKäfig umgeworfen, daß mir heute noch die Rippen Weh tun. Und statt sich zu entschuldigen, sagte er bloß „hopsa!" Wie gemein! Und das speiste nun hier mit nnserm Silber. Warm! Es gab Kotelett mit Bratkartoffeln. Ich selbstverständlich konnte mir den Schnabel wischen und trocknen Hanf knabbern. Und das Schöngetue! Es ging 'mmer reihum, 'n Stück Kotelett — 'ne Gabel Bratkartoi, I — ’n Kuß — Kotelett — Brat Kartoffel — Kuß! Ekelhaft! Als er sich die Jacke vollgestopft hatte, machte^ er sich's auf dem Sofa bequem nnd rauchte wie ein Schornstein, daß mir fast übel wurde. Selbstverständlich Vaters Zigarren, die ihm Minna präsentierte — die beste Sorte mit Leibbinde! Als der Mensch um zehn Uhr aufstand nnd sich den Säbel umschnallte, trat er an meinen Käfig und sagte: „Gib mir ’n Kätzchen!" Ich war außer mir über diese Frechheit, drehte ihm., meine Reversseite zu und antwortete bloß „Qüatschkopp!" Nein, ^ das wollen wir denn doch nicht cinführen! Als ob ich von feiner
