Einzelbild herunterladen
 

Verlag Langgaffe 27.

Fernsprecher Nr. 2953.

Rufzeit von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends.

23,000 Abonnenten.

Bczngs-Preis für beide Ausgaben: 60 SCfg. monatlich durch den Verlag Lanoaasie S7 ohne Brinaer- Wh". 21 SOSßfg. vierteljÄrlich durch alle deutschen PoslanstaOen/nusschMich' Ästellge d? - Bezugs-Bcstellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstellen Wilhelmstratze 8 und BlSmarckrmg 2g, sowie die 147 Ausgabestellen IN allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 33 Ausgabestellen und m den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt- Träger.

Anzeigcn-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittag-

2 Tagesausgaben.

Zweigstellen r

Wilhelmstraßc 6 (Haupt-Agentur) Nr. 967. Bisrnarck-Ring 29 Nr. 4020.

Anzeiacn-Preis für die Zeile: 16 Pfg. für lokale Anzeigen imArbeitsmarkt" undKleiner Anzeiger" in einheitlicher Satzform: 20 Pfg. ln davon abweichender Satzausführung, sowie für alle übrigen localen Anzeigen; SO Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Mk. für lokale Reklamen: 2 MI. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besoiiderer Berechnung. Bei wiederholter Aufnahme unveräiiderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.

Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 471.

Wiesbaden, Mittwoch, ».Oktober 1S«7.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Beschwerden gegen Kußland.

S. Paris, 7. Oktober.

Seit dem russisch - japanischen Feldzuge und dem .Hervortreten der inneren Zerrissenheit des Zarenreiches ist es hier Brauch geworden, in gewissen Zwischen­räumen der Petersburger Regierung irgendwelche Un­liebenswürdigkeiten zu sagen. Die Art dieser und die Gegenstände der bezüglichen Betrachtungen sind selbst­verständlich je nach der Parteistellung der Blätter ver­schieden, aber es findet sich immer so, daß für alle Ge­schmäcker Stoffs zu Kritiken gleichzeitig vorhanden ist und daß auch die Offiziösen in ihre salbungsvollen Be­schwichtungen und Richtigstellungen einige Spitzen gegen das Verbündete Reich einzufügen vermögen. Da zurzeit die Zustände in Marokko den Beobachtern und Leitartiklern Muße für anderweitige Betätigung ihrer hervorragenden Fähigkeiten lassen, so wenden sie ihre Aufmerksamkeit in verstärktem Maße wieder den rus­sischen Problemen zu, die gerade durch einige Ereig­nisse und Tatsachen aufs neue eine gewisse Aktualität erhalten haben.

Erst jetzt wird das russisch-englische Abkommen in seiner allgemeinen Bedeutung gewürdigt, nachdem man sich zuvor mit einigen recht banalen Befriedigungs- Kundgebungen über diese neue erfreuliche Folge der Entente cordiale" mit Seitenhieben gegen Deutsch­land begnügt hatte, dessen Ausbreitungsabsichten nach. Persien hin somit durchkreuzt wären. Jetzt werden da­gegen Stimmen laut, die eine so gewaltsame Ablenkung der russischen Evolution in Asien von ihren seit Jahr­hunderten verfolgten Zielen, wie sie in dem Abkommen enthalten sei, für sehr bedenklich halten und die deshalb die Ansicht vertreten, cs werde sich das, was auf dem ge­duldigen Papier so schön und sauber festgestellt worden sei, nicht so leicht durchführen lassen, wie das besonders in London geglaubt und erwartet würde. Natürlich finden sich diese Betrachtungen hauptsächlich in den Zeitungen , die stets gegen das zu innige Zusammen­gehen mit England sich aufgelehnt haben, also in einigen nationalistischen und reaktionären, vorzüglich in dem von Judet, dem Todfeinde Clemeneeaus, geleiteten Eclair". Dieser bringt gerade heute einen wut'chnau- benden Artikel des Fürsten Kutschebey hierüber, in dem die Notwendigkeit der russischen Entwickluiig nach Asien hin und das Streben der Moskowiterherrscher nach der ausschließlichen Hegemonie des Zarenreiches über den gesamten Ostweltteil für die Zivilisation der aanzen Welt und für die Interessen der westländischen Kultur nachgewiesen werden sollen. Der tatarische Fürst greift außerordentlich heftig sowohl Witte als Jswolky an, die die ganze russische Politik vom Standpunkte ihrer 'rein persönlichen Interessen aus behandelten und leiteten.

Ähnliche Betrachtungen sind aber auch anderweitig angestellt worden mit besonderem Hinweise darauf daß Frankreich durch ein gewaltsames Abdrängen Ruß-

Frmüeton.

Wneues feto HW ans to Guinea...

Es sind Betrachtungen ooll bitterer Ironie, die der bekannte englische Korrespondent Chas. E. Hands in einem Brief ans dem zerstörten C a s a b l a n e a an dieDaily Mail", also an ein Blatt, dem man Vorein­genommenheit gegen die Franzosen gewiß nicht vor­werfen kann, anstellt. Nachdem der landeskundige Be­obachter das frühere Leben der Hafenstadt geschildert, wägt er die tragische Ursache ihres Unterganges ab. Gegen den Geist derZivilisation", gegen denFort­schritt", gegen das20. Jahrhundert" haben die 35 000 Menschen sich versündigt, denn ihr Dasein war Handel and Arbeit. Geschäft war alles. Und dieses Klammern amMateriellen" war eineSchuld", die sich rachen mußte.Aber grausam, wie die höhere Zivilisation in ihrer berechtigten Entrüstung sein kann, sah sie ihre edelste Pflicht darin, die schlimmen Dinge zu beseitigen. Casablanca mußte verschwinden, um etwas Besserem Platz zu machen. Aus den Ruinen, die einst Casablanca waren, wird sich eine vollkommene Stadt erheben. Ich denke an eine. Art Gartenstadt, die nichts mehr zu tun haben wird mit einer Arbeitsmühle. Es wird höhere Ideale geben als nur Kaufen und Verkaufen, es wird die Zivilisation über ganz Marokko ausstrahlen. Die 35 000 Einwohner werden zwar nicht wieöerkehren, in­sonderheit die Toten nicht; aber das ist nur eine klein­liche Erwägung. Das Gesetz des Fortschritts gibt sich nicht ab mit solchen Kleinigkeiten. Die britischen und anderen ausländischen Firmen mögen vielleicht niemals

lands aus Asien in eine unangenehme Isolierung in Jndochina geriete, über die man sich nicht mit der Entente cordiale" und dem französisch-japanischen Abkommen hinwegtrösten dürfe. Wenn man ohne opportunistische Voreingenommenheit den Gang der Ereignisse in den letzten Jahren verfolgte, müßte man gerade nach dem englisch-russischen Abkommen zu der Feststellung gelangen, daß das russisch-französische Bündnis sozusagen Bankerott gemacht habe. Denn in Europa habe es seinen Zweck, durch seine Macht Deutsch­land einzuschnüren, ganz verfehlt, da die Regierung dieses Reiches selbstbewußter und energischer als je auftrete und nur von England etwas in Schach gehalten werde, und in Asien sei es ganz wirkungslos geworden, da die Russen freiwillig auf die Ausbreitung in diesem Erdteile verzichteten, die ihnen implicite in dem Bünd­nisverträge verbürgt war. Nur offiziöse Schönredner könnten diese Entwicklung mit Jubel ausnehmen und als einen Triumph der französisch-russischen Diplomatie preisen. Die brutale Tatsache sei die, daß die beiden Mächte, die in Kronstadt in ihrem Fraternisierungs- rausche bereits die Welt zu beherrschen glaubten, auf allen Gebieten zurückgedrängt seien, während England und Deutschland stärker .und gefürchteter daständen als je zuvor.

_ Von anderen Seiten wird die Anwesenheit des Finanzministers Kokokseff in Paris zu neuen heftigen Ausfällen gegen die inneren Zustände im Zarenreiche ausgenützt. Man will sich in vielen sozialistischen und auch radikalen Blättern durch die energischsten Demen­tis nicht von der Idee abbringen lassen, daß es sich da wieder um den Versuch, eine Anleihe aufzunehmen, oder um irgendeine ähnliche finanzielle Operation handeln müsse, und hält es deshalb für geboten, sofort die be­kannten Proteste dagegen in allerschärfster Form zu erneuern. Man scheut da selbst vor den beleidigendsten Ausdrücken gegen die Petersburger Machthaber nicht zurück, die die ganze Welt und vorzüglich Frankreich durch lügnerische Darstellungen der inneren Lage hinters Licht zu führen und die russische Nation mit brutaler Gewalt zu knebeln suchten. Genieren gibt» mit den Russen nicht mehr, seit sie im Unglück sind!

- -- .---

Die NerteidigmMLimen Hollands.

(Nach den Manöver n.)

U. Amsterdam, 7. Oktober.

Acht Tage hat das kriegerische Schauspiel in der Weluwe gedauert dieselbe ist ein Terrain der Heide und der Dünen ähnlich wie beim Kriegslager von Beverloo; die ausländischen Offiziere waren in der Oase" voir Arnhem einquartiert. In unserm Holland ist keine Requisitionsbestimmung eingeführt, und so hat die Intendantur ihre Arbeit mit der Verpflegung. Es mußten Qüartierzettel auf den einzelnen ausge­geben werden, und man ließ der Einfachheit wegen den Mann gern möglichst lange in seinem Kantonnement, wenn er auch dadurch etwas weit vom Sammelpunkt zu liegen kam. Die Übungen dauerten jeden Tag bis 3 oder 4 Uhr, und die Königin blieb stets bis zumSchlusse.

ihre Verluste wieder einbringcn, mögen vielleicht nie­mals ihren Kredit wieüerherstellcn können, aber das ist eine Nichtigkeit gegenüber dem Gesetz des Fortschritts und spielt keine Rolle. Die neue Ordnung ist erst wenige Wochen alt, doch schon sprießen Knospen. Das Cafschantant bereitet sich bereits zur Wiedereröffnung vor. und von Marseille ist bereits eine kultivierte Komikertruppe unterwegs. Ein neuer verbesserter Noulettentisch wird nächste Woche erwartet. Unter­nehmende Franzosen Pioniere der großen Armee des Fortschritts intelligente Apostel der Kultur aus den Mittelmeergebieten, sind cingetroffen und ergreifen Besitz von allem, was ohne Eigentümer zu sein scheint. Jeder leere Laden und jedes verlassene Haus, die so aussehen, als ob sie in der Barbarenzeit vor dem Bombardement irgendwem gehörten, der dann von Granaten oder Arabern getötet oder verjagt wurde, werden versuchsweise annektiert, eine Eigentumser­klärung wird einfach angeheftet. Sv wird der unschätz­bare Segen gesicherten Eigentums einer der ersten Grundsätze zivilisierter Verwaltung prompt cinqe- führt. In kurzem wird es in Casablanca kein Stück Land oder Eigentum mehr geben, das nicht irgend ein Franzose oder ein Jude von Oran oder Tanger als sicheren, friedlichen Besitz behauptet, trotz aller ver­zweifelten Bemühungen der früheren Eigentümer.

Wie alle schönen vervollkommneten Bequemlichkeiten ist auch die Zivilisation sehr teuer, man kann da nicht den Philanthropen spielen und sie verschenken ohne Bezahlung, wie Kohlen und Traktätchen und Woll­decken. Und alles in allem, selbst vom britischen Stand­punkt aus betrachtet, der Ruin von ein paar englischen Geschäftsleuten und die Vernichtung ihres Eigentums

35. Jahrgang.

Galt es doch zu sehen, wie die Leute von der neueinge- führten kürzeren Dienstzeit sich machten. Seit acht Jahren haben wir allgemeine Dienstpflicht, das Jahres- kontingent ist 176 000 Mann, trifft also nur 43 Proz. der dienstfähigen jungen Leute. Sie sind 4 Monate bei der Fahne, was die Infanterie anbelangt, die ein Drittel des Bestandes ausmacht; die Spezialwaffe zu Fuß dient 8Vz, die berittene 18 Monate. Die Zuge­hörigkeit erstreckt sich auf acht Jahre bei der Infanterie und den Spezialwaffen, dann folgen 7 Jahre Land­wehr, die an Stelle der ehemaligenSchntterij" ge­treten ist.

Trotz der kurzen Ausbildung war Marsch-, Exer­zitium- und Manöverleistung der Mannschaften gut, das geben auch die Gegner der Neuerung zu, die eine Verminderung der Moral befürchteten. Auch das, was man in erster Linie erproben wollte, die Maschinenge­wehre, die in Sektionen zu zwei bei der Kavallerie von Pferden, sonst von Leuten gezogen werden, funktio­nierten entsprechend bei schlechtem Terrain. Die Offi­ziere Neerlands zeigten sich in Technik und Instruktion tüchtig; die meisten von ihnen sind des Deutschen, Fran­zösischen und Englischen mächtig und sonst gebildet. Sie sind keine Gönner des Bundes mit Belgien bei der gänzlich disharmonierenden Zusammensetzung derHecre, das eine geworben, das andere ein Volksheer. Wegen desproblematischen" Einsalles von der deutschen Seite wird man sich nicht mitBelgien verbünden; dasReich denkt ebenso wenig daran wie Frankreich an eine Invasion in Belgien. May denkt nicht daran, dieGrenzfestungen nach Osten zu verstärken, aber A m st e r d a in wird zu einem Kriegshafen, stärker als Kopenhagen, ausgebauff da es den Wasserschutz in jedem beliebigen Maße genießt.

Ein französischer Teilnehmer am Manöver äußert sich folgendermaßen: Holland ist doch schließlicheine Eroberung des Meeres durch den Menschen". Alles ist künstlich, ist Menschenwerk. In diesem Lande ohne feste Grenze hat feit allen Zeiten das Wasser, die Über­schwemmung, die Hauptrolle zur Verteidigung gespielt. Instinktiv und mit anerkannt gesunden Verstände haben die Mynheers ihr Fortifikationssystem darauf berechnet, es mit dem Wasser kombiniert. Erst die allgemeine kriegerische Stimmung, die seit dem 70er Kriege in Europa vorherrscht, hat sie bewogen, 1874 das Allge­meine Wehrgesetz zu geben nichts wird in Holland halb getan. Man sagte sich, daß die Verteidigung der gesamten Grenzplätze, die ruhmvolle Belagerungen ausgehalten hatten Nimwegen, Arnhem, Grave, Venloo, Bergen op Zoom, Hartogenbosch usw., nicht mit den Kräften eines Mittelstaates zu halten seien, und so machten sie kurzen Prozeß und legren die be­stehenden veralteten Werke nieder, dadurch die Städte von einer Beengung erlösend. Für diese Verminderung trat in Kraft, wie schon erwähnt, der großeBefestigungs- plan von Amsterdam, und er wurde erweitert durch Hinzunahme von Rotterdam und Haag, dem Sitz der Regierung, an der Grenze gab man die Position Groningen-Delfzijl auf, die Linie von Assel. Die Ver­teidigungslinie beginnt bei Utrecht! Und diese ist seit 1672 immer siegreich geblieben. Hier am Zuidend der Zuidersee ist das Land von Leck undWaal in ungezählten

sin de in billiger Preis für den gewonnenen Schuh der britischen Interessen in Marokko samt dem besriedigen- öcn Bewußtsein, mitbcigetragen zu haben an dem großen Werke, dem umuachteten Lande Fortschritt und Zivilisation zu bringen. Was die Mauren von Casa­blanca betrifft, so sind die Vorteile, die sie gewinnen, so einleuchtend, daß man darüber kein Wort zu ver­lieren braucht. Tausend oder mehr sind tot, was für Ite eine glückliche Erlösung von ihrer unruhvollen, uner- leuchtcten Existenz bedeutet. Die Überlebenden zitterten früher unausgesetzt unter der Furcht, daß die wilden, räuberischen Araberstämme des Innern kommen und die Stadt plündern könnten. Sie brauchen das fürderhin nicht mehr zu befürchten, denn es gibt wohl keinen ein­zigen Araber mehr, der den Ehrgeiz spürte, in Trüm­mern zu graben. Die Stadtmauren genießen nicht nur die Befriedigung, zu wissen, daß sie mit dem schlimmen Bedrüaerinterreguum der strengen einheimischen Regierung entrückt sind, sie sind frei, nun die Freude der Erleuchtungen zu genießen und zu benutzen, die mit den Soubretten in rosa Trikots, den Rouletteraderu und den Drillsergeanten zu ihnen kommen; und zugleich könucn sie sich beglückwünschen, daß die Landmaurcn eine strenge Lektion und zugleich gute Beute erhalten haben. Und nun, da jedermann zufrieden ist, kann Casablanca dazu schreiten, sich selbst neu zu errichten und fortan ein höhe­res Dasein zu führen. Den Soldaten und Chantant- Mädchen werden andere europäische Institutionen fol­gen. Ein richtiges, gut verwaltetes Konkursgericht-würde eine große Wohltat sein; es wird von allen Handels­leuten gefördert werden. Allen Englänüerit wird cs ein behagliches Gefühl sein, zu wissen, daß die Deutschen nicht den geringsten Anspruch erheben können, an dem