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Nr. 461.

Wiesbaden, Donnerstag, 3. Oktober 1907»

MorgeR- KusgEbe.

1. Wkatt.

Werleumdungsleuche.

Nun haben wir aber bald genug von dem §178. Der Reichskanzler hat wohl daran getan, den Mann, der auch ibn des Vergehens gegen diesen Paragraphen be­zichtigte, wie wir schon meldeten, vor den -strasrrchter ru fordern. Es wird ein Exempel statuiert werden müssen, und je höher der Verleumdete steht, um so empfindlicher mag die angemessene Belehrung aus- fallen, um so gründlicher wird das ostenstlche Leben von dem beginnenden Krebsschaden befreit werden tonnen. Die harmlosesten Menschen sind schon nicht mehr sicher davor, daß ihnen ein Gemisch von Bosheit, Dummheit, verrückter Schnüffelei und ausgesprochenen Monomanie sittliche Verfehlungen an den Kopf wirft, ihnen Dmge nachsagt, von denen sie bis dahin kaum von weitem ge­hört hatten, die erst neuerdings durch eine ganz ab­scheuliche Literatur in das allgemeine Bewußtsein über­gegangen sind. Konnte es doch geschehen, daß im Münchener Petersprozeß der Zeuge Eugen Wolf den Privatkläger dadurch verdächtigte, daß er seinen Besuch bei dem verstorbenen Friedrich Krupp in irgendeinein Hotel gewissermaßen der Öffentlichkeit denunzierte. Was würde heute mit Goethe geschehen, wenn er als Mit­lebender ausriefe (was er im achtzehnten Jahrhundert allerdings ungestraft durste):Selig, wer einen

Kreund am Busen hält und mit dem genießt. Wie bald kämen die Vorkämpfer des Rechtes auf Homo­sexualität diese sonderbarsten alleridealistisch" dra­pierten Schwärmer, um den Dichter als einen der Ihrigen zu begrüßen. Emen Freund am Busen halten und mit dem genießen, das ist ja schon das Äußerste, und in die entzückte Empfangsfreudigkeit der Ritter vom 8 176 würde von der Gegenseite her die Anklage­wut der Leute dröhnen, die sich nicht davon überzeugen lasten wollen daß es ein angeborenes Recht, ein außer­halb aller Strafwürdigkeit stehendes Recht aus die Übung der Dinge gibt, die vom 8 175 getroffen.werden.

Der Unfug, der mit Verdächtigungen auf Grund dieses Paragraphen neuerdings getrieben wird, ist sehr viel ärger und umfangreicher, als die Menschen ahnen, die in glücklicherVerborgenhcit eines ungestörten Privat­lebens dem Weltlauf von fern zusehen können. Es ist schon so weit gediehen, daß man in der sonderbaren Erscheinung etwas, dem Hexenwahn des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts Ähnliches vor sich hat. Wie damals so manche Frau, so manches Mädchen, so manche sozial höhergestellte Familie (und gerade eine solche) vor der Möglichkeit zittern mußte, daß irgend­ein Böswilliger oder ein Tor mit Denunziation eines Bündnisses mit dem Teufel auftreten könnte, so be­stehen verwandte Mststichkeiten heute wahrhaftig schon

im Bereiche des 8 178- und man braucht ja nicht erst nach Beweisen zu forschen, da der Reichskanzler selber soeben ein Opfer dieser Verleumdungswut geworden ist. Freilich eines, das dies Schicksal mit Gelassenheit tragen kann. Denn wer, außerhalb des närrischen Kreises derEigenen", könnte jemals geargwohnt haben daß Beschuldigungen, wie sie das Brandtsche Flugblatt ausstößt, auch nur den Schatten irgendwelcher Realität besäßen? Das Flugblatt macht aber nicht ein­mal Halt beim Fürsten Bülow, sondern nimmt noch höherstehende Personen aufs Korn, was m raffinierter Weise unter dem Scheine geschieht, als sollten jene Per­sonen gegen eine verleumderische Darstellung m Schutz genommen werden.

Wenn etwas an diesen, zwar nicht tragikomischen, doch aber halb lächerlichen und halb traurigen Vor­gängen versöhnend wirken kann, so ist es dies, daß nahe­zu die gesamte deutsche Presse, das ihr bald zugänglich gemachte Flugblatt derEigenen" unberücksichtigt ge- lassen hat. Eigentlich sollte es ja selbstverständlich sein und ist es auch, daß solche gemeinen Sensationen ver­schmäht werden. Immerhin mag es als ein Faktum, das nicht weiter zu besprochen werden braucht, das jedoch verzeichnet werden kann, hingestellt werden, daß eben die erforderliche Rücksicht aus Anstand und gute Sitte genommen worden ist. Und so erfährt die Öffentlichkeit wirklich erst durch den Strafantrag des Fürsten Bülow, daß irgendwo ein höllisches Feuerchen entzündet worden war, das nach Pech und Schwefel roch und das nunmehr gründlich ausgetreten werden soll. Dies aber wird, wie gesagt, hoffentlich mit dem wünschenswerten Er­folge demnächst geschehen. Nicht an der Bestrafung desSchriftstellers" Adolf Brandt kann dem Reichs­kanzler oder sonst einem verständigen Menschen elwas liegen, wohl aber an der Aufdeckung und Ausmerzung eines wahrhaft greulichen Unfugs.

«in «Wer Porßof in Mufflon?

ii. London, 30. September.

Es berührt einigermaßen auffällig, wenn man sieht, mit welcher Geslissentlichkeit die britische Presse bei der Besprechung des englisch-russischen Abkommens über Asien den Punkt in den Vordergrund stellt, der von dem Verzicht Rußlands auf irgendwelche Aspirationen m Asahanistan handelt. Man hätte meinen sollen, die britische Presse werde ganz besondere Genugtuung iiber jene Bestimmung des Abkommens äußern, die den Eng­ländern Südpersien überantwortet einmal wegen der unbestrittenen Suprematie Englands am Persischen Golf, die aus dieser Bestimmung resultiert, und zum andern weil Englands Präponderanz m Sudpersien den Briten die bequemste und sehnlichst gewünschte Handhabe bietet, der lästigen deutschen Kon­kurrenz, insbesondere der Fortführung der Bagdad bahn bis zum Persischen Meerbusen ein

Feuilleton.

lNachbrur tserSoten.l

Im Dienst fees Slägelrafes.

I. Eine Fahrt.

Es war ein stürmischer, kalter Winterabend. Wir fubren im warmen, gemütlichen Abteil zweiter Klasse, vom Süden kommend, durch Mitteldeutschland der Reichshauptstaöt zu und lasen die Zeitungen und er­zählten uns so wichtige und so unwichtige Dinge, als sich Menschen erzählen, die fremd und zufällig in einem Raum zusammengeblasen wurden, wie der Wind die Blätter im Herbst zusammenwirst. Allmählich wurde es stiller, der Gesprächsstoff ging ans, und da und dort rückte sich ein Mitreisender in der Ecke zurecht, um sich dem Schlaf zu überlassen, den sein in leichter Penöelbewegung schaukelnder Kopf auch baldigst anzeigte. Und ein an­derer starrte gedankenvoll oder gedankenlos dem Rauch seiner Zigarre nach. Alle voll Ruhe und Sicherheit.

Ich sah am Fenster, versuchte, aus der nächtlichen, schneeverwehten, sturmgepeitschten Winterlandschaft einige Momcntbilder aufzufangen. Wir schossen aus dem Schienenweg mit siebzig bis achtzig Kilometer Geschwin­digkeit vorwärts. Der bequeme v-Zug glich einem fahrenden Hotel, das den Lichterschein seiner hellerl.mch- teten Fenster in kurzen Streifen in die Nacht hinaus­warf. Und die wellige, mitteldeutsche Landschaft flüchtete in nächtlich grotesken Formen an uns vorbei. Wir Lurchsausten einige kleinere Stationen, die wie Traum­bilder austauchten und wieder verschwanden, als plötz­lich der Zug in langsamere Fahrt verfiel. Ein grünes Laternenvorsignal befahl ihm langsamere Fahrt, und der Zug fuhr vorsichtig über einige Hundert Meter gefähr­licher Strecke. Am Rande des Bahnkörpers standen in Mäntel gehüllte Gestalten, wie die Landschaft schnee­verweht, Hacken und Schaufeln in der Hand, vom Schein

üerLaternen, die zu ihrenFüßen standen, und von einigen Fackeln merkwürdig beleuchtet. Irgend welche notwen­dige Reparaturen mußten offenbar in dieser Nacht noch fertiggcstcllt werden, und ohne weiteres hatte ich das Empfinden, daß es zu dieser Jahreszeit, in Sturm und Nacht und Schnee nicht gerade angenehm sein dürfte, als Streckenarbeiter draußen zu stehen. Ich und meine schlaftrunkenen Mitreisenden hatten es in diesem Augen­blick sicherlich besser.. Der Zug zog wieder an, um nach wenigen Minuten mit gleitender Bewegung ganz zu halten. So sachte die Haltbewegung ausgeführt wurde, hatte sie doch die bekannte Wirkung, daß die selig Ent­schlummerten mit einem scharfen Ruck nach vorwärts aus dem Schlaf auffuhren und sich mit der ebenso be­kannten Frage:Was ist denn los?" die Augen aus- riebcn. Ein Blick durchs Fenster zeigte uns, daß wir vor dem Riesenbahnhof einer Großstadt hielten. Das rote Feuer, das von einem Signalmast niederlcuchtete, verwehrte uns die Einfahrt. Endlich wurde das Geleis frei, und wir fuhren durch die weiten Bahnanlagen. Wir durchkreuzten schräg den Wirrsal von Schienen­strängen, die zwischen den Schneewehen hervorglänzten und unseren Zug in schwankende Bewegung brachten. Der Boden war übersät mit Weichenlaternen, die er­leuchtete Scheiben, Rechtecke und Striche als Signale zeigten. Aus den halbdunklen Geleisen, von denen sich schwarze Eisenbahnwagen abhoben, sah man Wärtestmit Handlaternen ihre Zeichen geben, und im hohen Stell­werk, an.dem wir soeben vvrbeifuhrcn, waren die Be­amten in vollster Tätigkeit. Sie leiteten unseren Zug siiirch das Laburinth des Bahnhofs sicher in die licht- dnrchflutetc Bahnsteighalle, und dort nahmen ihn andere Beamte in Empfang. Sic öffneten die Schleusen unserer Abteile, und die Menschenflut strömte hinaus, während zugleich eine andere Flut hereindrängte, alles hastig, aufgeregt und in Eile. Die Bahnsteigschaffncr und das Zugpersonal lenkten, überwachten und sicherten den Menschenstrom- Sie standen wie die Helden im Gewühl.

53. Jahrgang.

Paroli zu bieten. Aber die britische Presse ist Politik geschult genug, diese kitzligen Zukunftsfragen stich: breit zu treten: Wozu Deutschland, dessen optimistischer Kanzler zu dem englisch-russischen Abkommen in aller Form seinen Segen gegeben hat, vor der Zeit arg­wöhnisch machen? Es ist möglich, daß die Absicht, Deutschlands Aufmerksamkeit von dem Hauptpunkt des Vertrages abzulenken, mit dazu beigetrageu hat, daß die britische Presse jetzt so eifrig an dem afghanischen Knochen herumknabbert.

Aber das ist sicher nicht der einzige Grund. Viel­mehr hat es in der Tat den Anschein, als bereite sich eine kleine afghanische Aktion Englands vor. Ruß­lands Verzicht auf Afghanistan ist nur insofern em ckait nouveau, als er jetzt formell, vertragsmäßig er­folgt ist. Rußland hat zwar immer von den Mitzhellig- keiten zwischen dem Emir und den Briten profitiert bis in die jüngste Zeit hinein, aber es hat ebenso immer der britischen Diplomatie versichert, der Zar betrachte Afghanistan als außerhalb der russischen Interessen­sphäre liegend. Schon im März 1469 erklärte der russische Botschafter in London in Gortschakosfs Auf­träge der britischen Regierung, Rußland überlasse Afghanistan ohne Vorbehalt den Briten: die gleiche

Versicherung gab Gortschakosf persönlich dem Lord Loftus im Jahre 1874, und im Februar 1882 wie im Oktober 1883 erhielt das Kabinett von St. James die­selben Zusicherungen aus Petersburg. An der Auf­richtigkeit dieser Versicherungen haben die führenden Männer Englands bis in die jüngste Zeit hinein nicht gezweifelt: Salisbury, Cranborne und noch vor ganz kurzer Zeit Balsour sind mißtrauischen Urteilen über Rußlands Loyalität mit einem Nachdruck enlgegcn- getreten, der ihre feste Überzeugung von der Ehrlich­keit Rußlands in dieser Frage offenbarte.

Dementsprechend hat sich die britische Politik Afghanistan gegenüber in jüngster Zeit auch gestaltet: 1893 schloß England einen Freundschafts-Ver­trag mit Afghanistan, und es drückte beide Augen zu, als der Emir nicht gerade sehr gewissenhaft in der Be­obachtung dieses Vertrages war. Ja, es begann den Emir zu hofieren: sein Sohn wurde 1904 in Kalkutta mit unerhörten Ehrungen ausgenommen und als der Emir Habib Hulta im Winter 1906/07 in Indien den Vizekönig Lord Minto besuchte von dem vorigen Vizekönig Lord Curzon wollte Habib Hulta nichts wissen, daher Curzons plötzliche Abberufung da gab es Prunkfeste, die selbst diejenigen von 1904 in denSchatten stellten. Auf diese Entwickelung der Situation Eng­lands in Afghanistan hat jetzt das russisch-englische Ab­kommen die Krone gesetzt: England kann dem Emir jetzt bedeuten, daß er nicht mehr, wie bis zum Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, mit Ruß­lands Unter st ützung rechnen darf, und es wird diese Sachlage dazu benutzen, von Afghanistan die strikte J nnehaltung des Vertrages von 1893 zu fordern, durch

Und was wurde alles von ihnen verlangt! Hier gaben sie zwei, drei Auskünfte zugleich, als lebendige Fahr­pläne, dort hörten sie mit ruhiger Miene wilde Beschwer­den an, ein Kranker wurde transportiert, ein Mütter­chen in den Wagen geschoben, das verlegen am Trittbrett kletterte, Türen wurden abgeschlossen, welche leichtsinnige Passagiere immer offen lassen. Und der Zugführer und ein Bahnhofsassistent tauschten die Papiere ans.Scheuß­liches Wetter!" sagte dieser.Wenn nur alles gut ab- läuft", antwortete jener mit besorgter Miene und gab das Zeichen zur Abfahrt, während sein letzter prüfender Blick an dem Zug entlang glitt. Wir flogen weiter. An Gebäuden, Wagen, Menschen und Signalen vorbei. Es ging in dir dunkle Stacht hinein, durch welche wir sicher mit allem, was an Leid und Freud, an Hoffen und Fürchten in unserem Zuge saß, der Neichshauptstaöt euigegengetragen wurden.

Plötzlich kam es mir, während ich darüber nach­dachte und meine Reisegefährten betrachtete, die ruhig im tiefsten Schlafe nickten, wie sehr wir eigentlich alle von der Pflichttreue und von der Zuverlässigkeit unserer Mitmenschen abhängig sind, wie unsere Gesundheit, ja unser Leben in ihre Hand gegeben ist, und wie wenig wir uns dessen meist bewußt sind. Besonders im modernen Verkehrslcben auf der Eisenbahn und in verwandten Betrieben. Wir verlassen uns auf das klare Auge und den sicheren Handdruck des Lokomotiv­führers, der kein Signal übersehen, keinen Hebel falsch berühren darf, wir verlassen uns auf die Auskunft des Schaffners' auf die Weichenstellung vom Stellwerk aus, ans die Signale des Wärters, auf den Rangierer, der zur richtigen Zeit die Geleise freihält, auf den Schrauben­schlüssel des Streckenarbeiters und seine Arbeit, der die ausgekosferten Strecken befahrbar erhält, bei Tag und bei Nacht, in Winterfrost und glühender Sommer- mittagshitze. Wer sind die Leute, die das alles tun, denen unsere, die Sicherheit aller Reisenden unbeoingt ausgeliefert ist? In welchem Maße, dafür mag der