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Nr. 457.

Morgen- Kusgabe.

1. Mkackt. __

(Nachdruck verbotene

Die Friedenskonferenz im Haag.

Es geschehen Zeichen und Wunder! Noch vor zehn Jahren lachtejeder ernste Mensch" über die Vorher­sage derUtopisten", daßin absehbarer Zeit" den Tagungen der privaten Friedensvereine und derinter­parlamentarischen" Friedensgruppen eine Friedenszu- salnmenkunst von amtlichen Vertretern der Regierungen folgen werde. Ein Jahr später scholl wurde die erste Haager Konferenz einberufen das bedeutsamste Er­eignis in der Geschichte der Beziehungen der Völker zu­einander und seit Mitte Juni dieses Jahres tagt in der schönen Hauptstadt Hollands die zweite interstaat- liche Friedensversamiplung. Man lacht nicht mehr!

Noch ehe die Pforten des Haager Rittersaales sich nach der jetzigen amtlichen Friedenskonferenz schließen, können die, welche hinter die Kulissen geblickt haben und Schreiber dieses hat zwei Monate im Haag Ange­bracht ^ die Ergebnisse ganz deutlich überblicken. Als deren Wichtigstes sei hervorgehoben, daß das künftige Funktionieren der neuen Einrichtung nicht von der Willkür einzelner Persoiren Einberufung durch den Zar oder sonstwen abhängen sondern selbsttätig er­folgen Wird durch Einberufung eines ständigen Aus­schusses, den die Konferenz sich geben wird. Der nächst- bedentende Gewinn, den die Welt und die Friedensfache aus der zweiten Haager Konferenz ziehen wird, liegt in der ebenso erfreirlichen wie gründlichen Bekehrung der deutschen Reichsregierung zum Schiedsgcrichtsprinzip. welchem sie auf der erstell Tagung ablehnend gegenüber stand. Während damals der Widerspruch des Grafen Münster die günze Konferenz fast zum Scheitern brachte, -steht diesmal Freiherr von Marschall geradezu an der Spitze derjenigen Delegierten, denen die Versammlung im Rittersaal ihre kräftigsten Förderungen zu danken hat. Sein nahezu rückhaltloses Eintreten für das obli­gatorische Schiedswesen, den ständigen Schiedshof und ein internationales Prisengericht hat in höchstem Matze allgemein überrascht.

Daß die Konferenz sich zur Lehre von der Über­legenheit der Interessen der Neutralen über Jene der Kriegführenden ganz besonders kräftrg bekennt, war zu erwarten, denn die Konferenz besteht aus Vertretern aller Länder und die große Mehrheit aller Menschen ist neutral selbst im größten Kriege, während sich immer nur eine kleine Minderheit im Kriegszustände befindet. Es wird fürder nicht mehr wahr sein, daßunter den Waffen die Gesetze schweigen". Selbst ein Alexander, ein Napoleon, ein Friedrich der Große müßten wenn solche Kriegsriesen in Zukunft überhaupt noch denkbar

Wiesbaden, Dienstag, 1. Oktober LDV7.

wären von nun an die Rechte der Neutralen heilig halten, so sauer cs ihnen auch ankäme. Die Schaffung eines internationalen Schiedshoses bildet den augen­fälligsten Ausdruck dieser Wandlung eines Gerichtes mit weitgehenden Weisungen im Sinne der Gerechtig­keit und größtenteils aus Neutralen zusammengesetzt. Lebhaft zu begrüßen ist auch die Befreiung der Welt von der Gefahr, im Falle der Nichtzahlung von Dar­lehnszinsen leichtfertigen Staatsgläubigern und ge­wissenlosen Finanzmännern zulieb Krieg entstehen zu sehen. Die Beseitigung dieser wahnwitzigen Gefahr durch die Konferenz ist den Bemühungen des bekannten argentinischen Staatsmannes Drago zu danken, des Begründers der sogenannten Dragodoktrin. Überhaupt tun sich im Haag die Vertreter der südamerikanischen Staaten, die von der Konferenz im Jahre 1889 noch ausgeschlossen waren, rühmlich hervor. Ihre äußerst anerkennenswerte Tätigkeit aus der gegenwärtigen Kon­ferenz gehört zu den wichtigsten Errungenschaften eines neuen Völkerrechts. Sie bedeuten eine sehr beträcht­liche Verstärkung der Vorhut des Fortschrittes der Menschheit.

Die Konferenz hat sich mit überwältigender Mehr­heit für einen allgemeinen obligatorischen Schiedsver- trag und mit völliger Einstimmigkeit zugunsten des Prinzips der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit ausgesprochen, grundsätzlich die Schaffung eines ständigen Völkerschieds Hofes beschlossen neben dem schon von der ersten Konferenz ins Leben ge- rufenen, der von Fall zu Fall in Funktion tritt und im CarnegieschenFrissdenspalast" seinen Sitz hat. Frei­lich ist es infolge der sehr verfehlten und verwickelten Details, an denen die bisherigen Vorschläge kranken, fraglich, ob die Verwirklichung schon jetzt oder erst in einigen Jahren erfolgt; aber schon die einniütige An­erkennung des Prinzips ist von außerordentlicher Tragweite. Auch die Humanisierung des Krieges hat auf 'der Konferenz große Fortschritte gemacht: das

Bombardieren offener Städte und schutzloser Dörfer ist ganz verboten worden: selbsttätig explodierende Minen dürfen nur noch im Schießbereich der Kanonen verwen­det werden; die Umwandlung von Handelsschiffen zu Kreuzern unterliegt künftig äußerst strengen Vor­schriften; das Abfangen der Post ist durchaus unter­sagt; öie auf neutralen Prisen- oder feindlichen Handelsschiffen gefangen genommenen Matrosen wer­den gegen Ehrenwort freigelassen. Diese Neuerungen wurden einstimmig beschlossen. Außerdem einigten sich 2t) von den 47 vertretenen Mächten dahin, ihrerseits die Kriegskonterbande völlig abzuschaffen. Hiermit War, nebenbei bemerkt, auch ein indirekter Sieg errungen, in­dem diese Vereinbarung die so beklagenswerte Satzung durchbrach, daß zur allgemeinen Gültigkeit eines Beschlusses der HaagerKonferenz deren Einstimmig­keit erforderlich ist; wenn 20, 30, 40 oder 45 von den

gemlMm.

£on6inf$tnen tinfcparffismen.

Es gibt viele wackere Leute, die sich einreden, sie der- stehen Französisch, weil sie in der Schule Charles Douze gelesen haben und imstande sind, einen Leitartikel des Temps" mit den sogenannten europäischen Redens­arten halbwegs zu verstehen, oder die sich ihrer eng­lischen Sprachkenrrinis berühmen, weil sie einen Essay von Macaulay in seiner so stark mit romanischen Wör­tern durchsetzten Sprache oder eine englische Depesche zur Not herausbekommen, wobei allerdings Mißver­ständnisse schlimmster Art selbst deii Berufsübersetzern in unfern amtlichen Telegraphenbureaus unterlaufen. Die meist philologische Betrachtung aller sprachlichen Fragen hat es leider dahin gebracht, besonders bei uns zu Lande, daß nian bei einer wissenschaftlichen Betrach­tung fremder Sprachen gar nicht mehr daran denkt, daß Sprache mit Sprechen zusammenhängt. Eine Sprache ist den meisten nicht etwas Gesprochenes, sondern etwas Gedrucktes, und mit dem Gedruckten glaubt nian leicht fertig zu werden. Nun weiß ja alle Welt, auch die Philologen, daß von der Schriftsprache das ungeheure Reich inenschlicher Rede nicht allein ausgefüllt wird. Die Alltagssprache der großen Massen jedes Volkes, ja selbst die nicht von der bewußten Sprachkunst beherrschte Alltagsrede der Gebildeten weicht so stark von der Sprache der Bücher und Zeitungen ab. daß die Kennt­nis der gedruckten Sprache irgend eines Volkes keines­wegs zum vollkommenen Verständnis der lebendigen Rede ausreicht. Nur durch jahrelangen Aufenthalt im Lande einer fremden Sprache selbst und durch die täg­liche Berührung mit dem lebendigen Wort lebendiger Menschen kann man sich in den geheimen Gängen eines fremden Sprachbaues mit Sicherheit zurechtfinden. Neinphilologisch betrachtet bietet die Alltagsrede so große Ab^»ickiingen von der Drucksprache, daß jene

mindestens den Namen eines besonderen Dialektes ver­dient. Dieser zerfällt nun wieder in mundartige Ab- tönungcn je nach- den Lebenskreisen, denen die Sprechen­den angehören. In Formenlehre. Satzbau und nament- lich im Wörterschatz führt jede AlltagSsprache ein von der Drucksprache gesondertes Leben. Für die wirklich gesprochene deutsche Sprache die ich trotz dem häß­lichen Klange nennen möchte: Sprechsprache im Gegen­sätze zur Papiersprache gibt es bisher noch keine lvissenschaftliche Grammatik. Man erkennt der Sprech­sprache in den Klassen, aus denen eine solche Grammatik ja nur hervorgehen kann, nicht einmal eine Daseins­berechtigung zu, sondern hält sie für eine unerlaubte, auszutilgende Unart. Nur hier und da sind einige Ver­suche gemacht worden, die lebendigen Mundarten auch der gebildeten Klassen wissenschaftlich festzustellen, so z. B. in dem vortrefflichen BucheDer richtige Ber­liner".

Ich will hier nicht die schwierige Frage untersuchen, ob die vollständige Beseitigung der Alltagssprache im Gegensätze zurPapiersprache auch nur zu wünschen wäre. Die Erfahrung der Jahrhunderte lehrt uns. daß ob wir es wünschen oder nicht neben jeder Literatur- sprache eine Sprechsprache besteht, und daß, zum Glück oder zum Unglück, kaum ein Mensch wie gedruckt spricht. So ist es zu allen Zeiten gewesen, auch bei den alten Griechen und Römern. Auch ohne die vereinzelten Spuren, leider viel zu wenig, der beiden antiken Sprech­sprachen hat wohl jeder Laie schon in feinem griechischen oder lateinischen Jugendnnterricht das Gefühl gehabt: die Sprache, wie sie uns bei den Schriftstellern des Altertums entgegentritt, mit ihrem künstlichen, ja ge­künstelten Satzbau, ihren Partizipien, vor allem mit ihren oft endlos langen Sätzen, kann niemals lebendige Rede gewesen sein. Von den neueren Sprachen sind es nur das Englische und Französische, die eine gründliche Bearbeitung ihrer lebendigen Alltagsmundarten er­fahren haben. Für beide gibt es eine große Anzahl von Darstellungen, namentlich in Wörterbuchform. Sie alle

55. Jahrgang.

47 Staaten für etwas stimmen, so können die Stimmen, die zur Einmütigkeit fehlen, sie nicht hindern, unter sich zu einer gültigen Abmachung zu gelangen, und es kanii nicht fehlen, daß die übrigen Staaten dieser später beitreten, wie wir dies innerhalb des Welt­postvereins sehr häufig erleben. Schließlich ist zu er­wähnen. daß in mehreren Punkten, über die man sich nicht einigen konnte, doch wenigstens eine Klärung der Anschauungen, eine Erweiterung des Gesichtskreises, eine Vorbereitung des Bodens Platz gegriffen hat.

Wir sehen also, daß, während die erste Hälfte der Tagungszeit der Konferenz, wie Erinnerlich, zu schweren Enttäuschungen Anlaß gab, ihr Verlauf seither in sehr erfreuliche Bahnen gelenkt worden ist. Die radikalsten Friedensfreunde, die Führer der Bewegung Stead, Suttner, Fried, La Fontaine ustv. erklären sich hoch­befriedigt und preisen die Dienste, welche im Haager Rittersaal dem Fortschritte der Friedenssache geleistet werden. Und sie haben recht. Selbst wenn vorläufig ein Teil der einstimmig gefaßten Beschlüsse noch auf dem Papier bleiben, d. h. wenn ihre Durchführung eine langsame sein soll, darf uns das nicht entmutigen. Die Entwickelnngsgeschichte macht keine plötzlichem Sprünge. Selbst die Rosigseher der Friedensbewegung haben von der zweiten Konferenz nicht die Hälfte der tatsächlich er- zielten Ergebnisse erwartet. Stur die Beschränktheit kann behaupten, daß wenig erreicht worden ist. Man bedenke die Sprödigkeit des Materials, das Heikle mancher Verhandlungsgegenstände, die Vielfältigkeit der eingewurzelten Sonderinteressen, die Befangenheit zahlreicher Diplomaten in uralten Vorurteilen, die Neuheit und Ungewohntheit des ganzen Arbeitsfeldes, und man wird begreifen, daß alles nur schrittweise vor­wärts gehen kann. Dazu kommt, daß die Regierungen den großen Fehler begingen, die Konferenz ohne vor­herige Durcharbeitung des fast unbekannten Beratüngs- stoffes zusammentreten zu lassen. Künftig soll und wird das vermieden werden. Es ist sehr naiv, zu erwarten, daß ein seit Jahrtausenden bestehendes System in wenigen Monaten oder Jahren radikal abgeändert wer­den kann. Übung macht den Meister - das wird sich auf der nächsten Konferenz zeigen. Daß die anfänglich skeptischen oder unlusttgen Delegierten immer mehr Vertrauen zu ihrer Aufgabe gewinnen, immer mehr Eifer entfalten, die Wichtigkeit und Tragweite ihrer Arbeit immer mehr erkennen, ist schon sehr viel, wenn­gleich man einstweilen noch nicht in allen Stücken die wünschenswerte Klarheit und Übereinstimmung bezüg­lich der Mittel und Wege erreicht hat.

Unverdient sind insbesondere die der zweiten Konfe> renz gemachten Vorwürfe, sie beschäftige sich zu viel mit der Humanisierung des Krieges und gar nicht mit der Frage der Nüstungseinschränkung. Selbst die zielbe- wnßtesten Friedensfreunde, die anfangs hierüber er­bittert waren, denken jetzt anders. Selbst wenn die

aber werden übcrtroffen durch die von Dem berühmten sprachwissenschaftlichen Verlage Langenscheiot in Berlin heransgegebenenLondinismen" undParisismen". Ich kann nur jedem, der, von der richtigen Einsicht in das Wesen einer gesprochenen Sprache erfüllt, den Wunsch hegt, die beiden Sprachen wirklich zu bemeistern, diese beiden Arbeiten warm empfehlen. Die Londinis­men hat H. Baumann in London mit dem Ncbentitel Slang und Cant", Wörterbuch der Londoner Volks­sprache. sowie der üblichsten Gauner-, Matrosen-, Sport- und Zunftausdrücke, herausgegeben und mit einer wissenschaftlich sehr wertvollen Einleitung, ja sogar mit Musterstücken bereichert. Soeben erscheint davon etne stark vermehrte neue Auflage, die nach zahlreichen von mir vorgenommenen Stichproben an Vollständigkeit kaum irgend etwas zu wünschen läßt.

Die Parisismen -(Pariser Argot) hat einer der Ver­fasser des berühmten Sachs-Villatteschen Wörterbuches, der Professor Villatte, herausgegcben. Für jeden Kenner der englischen und französischen Schriftsprache ist schon das Blättern in diesen beiden merkwürdigen Büchern ein philologischer Hochgenuß. Allerdings kein ganz reiner, denn sehr sauber geht es in solchen Büchern natürlich nicht zu. Für die Jugend, besonders für junge Mädchen, etwa zur Ergänzung ihrer mangelhaften französischen und englischen Töchterschulweisheit sind diese Bücher weder bestimmt nocki geeignet. Indessen auch für kräftige Männergemüter ist der aus dcy beiden Wörterbüchern aufsteigende Brodem manchmal gar zu stark. Bei einer Vergleichung der beiden Werke könnte man leicht zu dein Glauben kommen, die niedere Volks­sprache der Engländer sei reinlicher als die der Fran­zosen. Dies trifft in der Wirklichkeit der Dinge nicht zu. Der Bearbeiter der Londinismen hat sich nur von den nun einmal in England herrschenden größeren Zimperlichkeiten nach außen ein wenig anstecken lassen und hat die ärgsten Derbheiten der Aufnahme mcht ge­würdigt. Das mag streng philologisch ein Verlust sein, für die Zwecke des täglichen Verständnisses wird das