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23. Jahrgang.
Nr. 421.
Wiesbaden, Freitag, 27 . September 1907
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Das „Wiesbadener Taflblatl" ist die älteste, umfangreichste, reichhaltigste und beliebteste Zeitung Wiesbadens und Nassaus überhaupt, wie die von keinem anderen hiesigen Blatte erreichte Verbreitung in allen Schichten der Bevölkerung Wiesbadens und der Umgebung beweist.
Das „Wiesbadener Tagblalt" hat neun besondere unentgeltliche Beilagen und zwar: Die tägliche Beilage „Der Roman", die zweimal wöchentlich erscheinende Beilage „Amtliche Anzeigen", die jeden Samstag Abend erscheinende volkstümliche Beilage „Der Landbole", die „Verlofungslifle", die zwei (4 tägigen Beilagen: „Unterhaltende
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Tagblalt" von anerkannt erfolgreichster Wirkung und deshalb auch von jeher das bevorzugteste ver- öffentlichungsmittel Wiesbadens und seiner Umgebung.
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Nicht Worte — Taten!
Während früher unter unseren Ministern, speziell der neunziger Jahre, wenig redegewandte waren, so daß fast ständig Herr v. Bötticher als „Sprechminister" vorgeschickt wurde, hat man jetzt eine ganze Garnitur von Rednern zur Verfügung; allen voran Fürst B ü l o w , dann Frhr. v. Rheinbaben, spater entpuppte sich Herr v. Bethmann-Hollweg als Sprecher, und in diese Futzstapfeu scheint auch fern Nachfolger im preußischen Ministerium des Innern, Herr v. M o l t k e, treten zu wollen. Schon ber seinem Abschied von Königsberg hielt der Minister erne vrel bemerkte Rede, in der er sich als ein moderner unb aus- getlärter Mann erwies. In seinem Amte hat er bisher in der kurzen Periode noch nicht viel Gelegenheit gehabt, die Probe aus das Exempel zu machen, inzwischen hat er aber, wie schon mrtgeteilt. wurde, bei der Einweihung des Memel er Denkmals eme weitere Rede gehalten, die nach mancher Hinsicht der Beachtung sehr wohl wert ist. Es heißt in der Rede u. a., zur Zeit des Frhr v. Stein und Hardenbergs sei der Zopf gefallen. Zweifellos sehr gute Worte; entsprechen aber die Tatsachen wirklich dem vom Minister entworfenen Bilde? Ja gewiß. der Zopf der Perücke ist gefallen: klagt man aber nicht heute noch
immer über den Zopf, welcher der preutzr- schen Bureaukratie nach wie vor hinten herunter hängt? Gewiß ist damals die schlummernde Polkskraft geweckt worden, hat man aber in der Folgezeit sie nicht mehr als einmal wieder einzudämmen versucht? Der Minister preisü ferner die Verbesserung der Landesverwaltung, aber es dürfte ihm nicht fremd fern, daß diese sich in weiten Schichten der preußischen Bevölkerung durchaus keiner Popularität erfreut. Werl ste mit der Zeit nicht fortzuschreiten verstand, auch die Exklusivität der Negierungskreisc selber das Ihrige tat. Gewiß groß ist -das Verdienst jenes Ediktes vom 9 Oktober 1807, durch welches die Leibeigenschaft der Bauern fiel, und auch die Städteordnung war em wertvolles Geschenk, indessen wie sieht es heute auf letzterem Gebiete aus? Es hat nicht an zahlreichen Eingriffen der Regierungsgewalt in die städtische Selbstverwaltung gefehlt, gerade in neuerer Zeit nicht, wo das Gebiet der Schule eine passende Gelegenheit für dergleichen Angriffe bot. Auch sonst geben die Zustände rn Preußen gar manche Ursache zur Klage, von einer einheitlichen „Nation" im Sinne der Ministerworte kann nicht allenthalben die Rede sein, und vielfach macht sich eine gewisse Verdrossenheit bemerkbar. Nach dieser Richtung eingehende und unbeeinflußte Studien zu machen, täte Herr v. Moltke gut, wenn er sein Ziel verfolgen will im Geiste der Erlasse von 1807 zu wirken. Gelegenheit hierzu bietet sich genug in seinem neuen Amte. Vom Fürsten Bülow ist eine Wahlreform rn Preußen angekündigt und die Ausarbeitung derselben liegt in erster Reihe dem Ministerium des Innern ob. Hie Rhodus, hio salta! Hier wird Herr v. Moltke zeigen können, wes Geistes Kind er ist, wenngleich er zum Teil den Direktiven Bülows folgen muß, aber m manchen Einzelheiten, auf die gerade in der Praxis, oft viel ankommt, wird er seine eigene Hand bewerfen
können. Das gleiche gilt von dem geplanten Rerchs- vereinsgesetz, zu welchem der Hanptanterl der Vorarbeiten ebenfalls dem preußischen Ministerium des Innern obliegt; hier namentlich wird sich ein Feld bieten, wo Herr v. Moltke zeigen kann, daß er mir veralteten Einrichtungen aufzuräumen Willens ist. Auch in seiner übrigen Amtstätigkeit kann der Minister den Beweis erbringen, daß er sich in der Führung der Geschäfte nicht von rückschrittlichen Tendenzen leiten laßt, sondern moderne und gesunde Anschauungen vertritt. Es fromnit nicht immer, lediglich den Blick auf das Vergangene zu richten. In einer, bei dem gleichen Anlass gehaltenen Rede erinnert der Kaiser daran, daß auch wir in einer großen Zeit leben, indem er hinweist auf die „kräftigen, überraschenden und fast unverständlich schnellen Fortschritte unseres neugeeinten Vaterlandes auf allen Gebieten, die erstaunliche Entwicklung rn unserem Handel und Verkehr, die großarttgen Erfindungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik". Diesen Fortschritten hat aber auch die Politik Rechnung zu tragen; wird Herr v. Moltke der Träger einer solchen Politik sein und seinen Worten auch Taten folgen lassen? In Preußen wartet man schon lange auf solche!
Politische Übersicht.
Die letzten Stunden der Guillotine.
Unter diesem Titel schreibt die „Neue Freie Presse" u. a.: „Es sind freilich nicht mehr Trikoteusen, die ihre Sessel zur Guillotine stellen, um die letzten Augenblicke der Verurteilten zu sehen. Aber es sind Damen höchster Gesellschaft, die ihren sonst so kostbaren Schlaf der nacht- lichen Hinrichtung zuliebe unterbrechen. Es ist ber schlimmste Pöbel der Gasse, der sich zu ihr drängt. Zola hat die Szene beim Roquette-Gefängnis beschrieben mit dem ganzen Akzent der Empörung und des Mitleids, dessen er fähig ist. In der allerersten Frühe, wenn kaum die Blässe des Morgens auf Stadt und Gefängnis fällt, beugen sich die geputzten Damen und Herren aus Len Fenstern des Restaurants heraus, um ja kein Detail des Schauspiels zu verlieren. Freilich ist dieser Instinkt, der „rat de la mort", die Gier nach Tod, wie ihn Zola nennt, in allen Ländern vorhanden. Deswegen schon ist die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich ein großes und merkwürdiges Ereignis, ein Beispiel, das allen Kulturnationen gegeben wird. Das alte, atavistische Gefühl der Grausamkeit, das, wie sich jetzt wieder bei den Angriffen gegen Falliöres zeigt, so eng mit dem Chauvinismus verschwistert ist, schwächt sich überall langsam ab und weicht den höheren Idealen der Kultur. Ob die Todesstrafe notwendig ist oder nicht, ist eine rein praktische Frage. Viele Staaten bestehen, ohne sie anzuwenden, .und die Kriminalität hat sich bei ihnen deswegen nicht gesteigert. Eine immer heftigere Empörung der großen Intelligenzen gegen das, was viele das legalisierte Morden nennen, macht sich geltend. Von Beccaria bis Tolstoi, von der Kommune, deren erster Akt die Verbrennung der Guillotine war und die freilich später den Erzbischof von Paris und andere Gefangene erschoß, bis zu der jetzigen Begnadigung des
FemUeton.
Aus den Erinnerungen von Karl Schur;.
In seiner Schilderung des amerikanischen Bürgerkrieges, die im Septemberheft von MeClures Magazine fortgesetzt wird, gelangt Karl Schurz nun zu jenen entscheidenden Wochen, in denen Ende 1863 durch die blutige Schlacht am Missionars, Ridge die Niederlage der Südstaaten besiegelt wurde. Um die starken Befestigungen des „Habichtsnestes" Chattanooga ziehen sich die feindlichen Armeen zusammen und Schurz kommt in nähere Berührung mit den eingeborenen Farmern ber abgelegenen Gegenden in den Berglanden des nördlichen Alabama, nördlichen Georgien und südwestlichen Tennessee.
Er ist erstaunt über die außerordentliche Unkultur and Unwissenheit, die in diesen Kreisen herrscht. So findet er Aufnahme in dem Haus eines Gutsbesitzers, der ein stattliches Stück Land sein eigen nennt und mit seiner Frau und einer Schar von Kindern hier haust unb arbeitet. Alles ist schmutzig und ärmlich; die Kinder spielen mit. Hunden und anderen Haustieren durcheinander. Die Kunst des Lesens und Schreibens war in der ganzen Familie völlig unbekannt. Der Farmer war ein gut veranlagter Mann, aber in einer fast unglaublichen Nacht der Unwissenheit befangen. Von dem Lande, in dem er lebte, hatte er nur eine sehr ungewisse und nebelhafte Vorstellung, keine Ahnung von den Kämpfen, die um ihn herum tobten. Er fragte, was I>ieie Leute", nämlich die Soldaten, sollten, "nd sein
Erstaunen erreichte einen Höhepunkt, als ihm Schurz von New-York erzählte, wo 700 000 Menschen zusammen: lebten. ,^>err", rief er aus, „700 000 Menschen zusammen in einer Stadt! Der Platz muß ja größer sein als Chattanooga." Er hatte auch etwas vom Atlantischen Ozean gehört, jenseits dessen weite Länder mit merkwürdigen Leuten darin liegen sollten, aber als ihm Schurz mitteilte, daß er aus einem dieser wunderlichen Länder stamme, betrachtete ihn der weltfremde Man» wie ein seltenes, fast unheimliches Wesen.
In einem anderen Blockhause begrüßte den General eine stattliche blondhaarige, blauäugige Frau mit einem Nudel flachshaariger Kinder und reichte ihm einen kühlen Trank. Sie antwortete auf seine Fragen, daß sie 18 Kinder habe, aber als er nach ihrem Gatten fragte, wußte sie keine Antwort. Sie hatte keinen. Und doch galt sie allgemein für eine ehrsame, hochachtbare Frau, die für ihr Anwesen und ihre ,-Sprötzlinge rechtschaffen sorge, wie überhaupt unter diesen Farmern in aller Unschuld eine recht freie Auffassung von Ehe und Moral herrschte. Sehr überrascht war Schurz, daß die meisten dieser Farmer einen reinen angelsächsischen Typus zeigten, nur. mit schottischen und irischen Elementen vermischt.
Unterdessen verbreitete sich im Heere das Gerücht, daß General Grant den Oberbefehl über die „Milrtar- abteilnng vom Mississippi" übernommen habe, und nicht lange danach begegnete Schurz dem großen Feldherrn, der bald die Entscheidung herbeiführen sollte, zum erstenmal. „Ganz unerwartet war er mit General Thomas herübergekommen, um unsere Abteilung zu inspizieren. Nichts hatte ihn anaekündiat, sondern plötzlich stand er
unter uns und kein freudiger Zuruf, keine militärischen Ehren begrüßten ihn unter den Soldaten, weil niemand in diesem bescheiden aussehenden Herrn den siegreichen Helden so vieler Schlachten erkannte. Absolut nichts vom General mit Orden und Feöerbusch, von Putz und Aussehen war in ihm zu finden. Aus seinem Kopf saß ein gewöhnlicher schwarzer Filzhut; er trug den Uniformrock eines Generalmajors, aber ohne Litzen, ohne besondere Knüpfe, er war unbewaffnet, ohne Schwert. In der Hand hatte er ein paar ganz weißer baumwollener Handschuhe, unter den Füßen Niederschuhe, die ein paar weiße Socken sehen ließen, um so mehr, als ihm die Hosen augenscheinlich herausgerutscht waren. Er passte mit Eifer eine dicke schwarze Zigarre und blickte mii unbeweglichem Gesicht recht geschäftsmäßig um sich."
Während der Vorbereitungen für die große Schlacht kamen viele Überläufer zu dem Heer der Noröstaaien und besonders auch zu dem Truppenteil, den Schurz befehligte. Es war eine ziemlich schmutzige, abgerissene und entkräftete Schar, die auf den Zustand der Süb- armee kein günstiges Licht warf. Auch diese Leute zeigten eine entsetzliche Unwissenheit; ohne Zögern erklärten sie sich bereit, „den Eid zu leisten", und viele waren wohl der Ansicht, daß das soviel bedeute, als wenn man ihnen etwas zu essen geben wollte, so eifrig verlangten sie danach und so enttäuscht waren sie, wenn sie die Hand hochheben und schwören sollten. Bon den Prinzipien, für die sie kämpften und für die so schrecklich viel Blut vergossen war, von der ganzen Kriegsführung hatten sie nur eine schwache Vorstellung. Nur das Gefühl herrschte unter ihnen, daß dieser entsetzliche Krieg von einigen wenigen anaezettelt sei und nicht in
