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Wiesbaden, Donnerstag, 13. September 1907.

Nr. 425.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Machdruck verbotcin)

Der dritte deutsche Kankiertag.

Nach dem allseitigen Beifall zu schließen. den auf dem jetzt in Hamburg abgehaltenen dritten deutschen Bankiertag die Referenten mit ihren Aus­führungen erzielten, und nach der Einstimmigkeit zu ur­teilen, mit der die vorgeschlagenen Resolutionen An­nahme fanden, scheint im Bankiergewerbe die beste Harmonie zu bestehen. Dennoch kann als sicher be­trachtet werden, daß manche, vielleicht sogar viele der Teilnehmer die freie Hansastadt mit dem .Bewußtsein wieder verlassen haben, von den Verhandlungen nicht ganz befriedigt zu sein, sondern etwas mehr oder etwas anderes erwartet zu haben. Allerdings stand das Pro­gramm im voraus, fest und auch über die allgemeine Stellungnahme dazu herrschten keine Zweifel, so daß man sich ganz gut schon vorher ein Urteil über den vor­aussichtlichen Verlauf bilden konnte. Nun nach Been­digung der Verhandlungen kann man sich nicht des Ein­drucks erwehren, daß der ganze Bankiertag eigentlich gar nicht für den Bankierstand selbst inszeniert worden ist denn das, was verhandelt wurde, war diesem be­kannt, daß er vielmehr lediglich eine Versammlung von Sachverständigen bildete, die in aufklärender Weise die Allgemeinheit über die Bedeutung und das Wesen des Bankgewerbes und namentlich aber die Regierung über die erforderlichen zweckmäßigen gesetzlichen Bestim­mungen zu belehren suchte. Und auch von diesem Ge­sichtspunkte ans wird man den Wert dieses Kongresses zu beurteilen haben. Ob man aber den Erfolg in dieser Richtung nicht überschätzt und ob es nicht doch vielleicht zweckdienlicher gewesen wäre, interne Interessen- fragen auf das Programm zu setzen oder solche wenig­stens auch zur Erörterung zu bringen, muß dahin ge­stellt bleiben, denn es gibt auch im Bankgewerbe eine Reihe von Fragen, über die eine Aussprache und eine Einigung sehr wünschenswert wäre und deren Erörte­rung aus dem Bankiertag sicher von vielen Teilnehmern sympathisch begrüßt worden wäre.

Daß in den Verhandlungen das Börsengesetz, das Schmerzenskind des Bankierstandes, den breitesten Raum einnehmen würde, war zu erwarten, und es fehlte auch nicht, besonders in dem ersten Bericht des Geheimrats Riesser, an Vorwürfen gegen die Regie­rung wegen der fortgesetzten Verschleppung der Börsen­gesetznovelle. Die kommende Reichstagssession soll sich kanntlich mit ihr befassen, und hoffentlich bewährt sich hier das Sprichwort:Was lange währt, wird endlich gut." Daß das Börsengesetz von 1896 verfehlt ist, daß es mit seinen Bestimmungen über Börsenregister und Differenzeinwand den einfachsten Anschauungen über Sitte und Moral Hohn spricht, davon ist man ja jetzt sogar auf seiten der früheren eifrigen Befürworter des Gesetzes überzeugt. Bei alledem sollte man aber nicht dieses Gesetz für Vorgänge verantwortlich machen, die mit ihm nicht oder nur lose Zusammenhängen, und dazu

gehört, wenn man es mit der Geldknappheit und dem Rückgang der Bedeutung der deutschen Börsen allzuviel und allzuoft zu verquicken sucht. Die Geldknappheit ist eine internationale Erscheinung und eine Folge der in den meisten Kulturstaaten erfolgten starken Entfaltung aller wirtschaftlichen Kräfte und der dadurch bedingten äußersten Ausnutzung aller finanziellen Hilfsquellen, und ebenso ist die schlechte Verfassung der Börse in «diesem Jahre auf eine ganze Anzahl von Faktoren zu­rückzuführen, unter denen die nachteiligen Einflüsse des Börsengesetzes vielleicht erst an letzter Stelle zu nennen sind. Es soll nicht verkannt werden, daß durch dasselbe ein Teil der Spekulation auf die Auslands­märkte vertrieben wurde. Aber hätte das deutsche Publikum nicht schließlich doch Bekanntschaft mit süd­afrikanischen Minenshares gemacht, nachdem sich unsere Hautefinance in Erheblichem Matze in Südafrika engagiert und hierauf ein Interesse daran hatte, «die verschiedenen Shares auch an den Mann zu bringen? Wer weiß, vielleicht hätte sich an der Berliner Börse ein ganz schwunghafter Handel in diesen Goldshares entwickelt, wenn dem keine gesetzlichen Bestimmungen entgegengestanden hätten. Dann hätten eben die Leute nicht an den Auslandsmärkten sondern in Berlin ihr Geld verloren und «dies unter Umstanden bei einem ganz guten Börsengesetz. Man muß eben alles von zwei Seiten betrachten.

Des weiteren wird darüber geklagt, daß die deutschen Börsen zur Bedeutung slosigkeit herabge- sunken seien, und auch hierfür wird das Karnickel Börsengesetz verantwortlich, gemacht. Das trifft aber nur zum ganz geringen Teil zu, denn hier liegt die Hauptursache in der starken Konzentration im Bankgewerbe. Die paar Berliner Großbanken um­spannen heute mit ihren Filialen und Depositenkassen, ihren Interessengemeinschaften und den ihnen ange­gliederten zahlreichen Provinzbanken und deren Zweig­stellen ganz Deutschland. Wie ein^Niesenpolyp strecken sie ihre Arme bis in die kleinsten Städte aus, nur um alle erhaltbaren Aufträge dem Berliner Hauptkörper zuführen zu können. So wird der größte Teil aller Effektenausträge in den Händen der wenigen Groß­banken vereinigt, und diese sind dadurch in die Lage ver­setzt, viele Orders ohne Berührung der Börse durch Selbsteintritt oder durch Kompensationen zu erledigen. Die Zahl der Aufträge, die so der Börse entzogen werden, ist sehr hoch zu veranschlagen, und zweifelsohne wären die Umsätze an den deutschen Börsen erheblich größer, wenn die Ausdehnung und der Einfluß der Großbanken keinen solchen Umfang angenommen hätten und «die Aufträge mehr auch auf die übrige Berliner Bankwelt verteilt wären. So aber bilden diese Großbanken jede eine Börse für sich, und es braucht nicht zu wundern, wenn die eigentliche Börse an Bedeutung eingebützt hat.

Überhaupt ist diese Konzentrationsbe­wegung für viele Privatbankiers die brennende Frage und manche der Anwesenden haben sicher da­rauf gehofft, daß diese auch aufs Tapet gebracht würde. Das wäre aber gänzlich zwecklos gewesen, denn eine Diskussion hierüber hätte zu mehr oder minder heftigen

55. Jahrgang.

Angriffen gegen die Großbanken geführt, und das heißt, wie sich die Verhältnisse nun einmal entwickelt haben, sich auf Glatteis begeben. Wer «dieses Thema ange­schnitten hätte, wäre desselben Mißerfolges sicher ge­wesen, als wenn jemand im Flottenverein für Ein­schränkung der Flottenbauten oder in der Kolonialge­sellschaft für Aufgeben der Kolonien plädieren wollte.

Die weiteren Verhandlungen des Bankiertages be­trafen den Giro - und Scheck verkehr, dessen Vorteile hinlänglich bekannt sind. Nur wäre es sehr wünschenswert gewesen, über das gegenseitige Verrech­nungsverfahren der Banken untereinander Vorschläge zu hören, da auch in dieser Hinsicht, von den wenigen Städten mit selbständigen Abrechnungsstellen abge­sehen, noch alles in den Kinderschuhen steckt. Eine Dis­kussion hierüber hätte vielleicht manchen Vorschlag zu- tage gefördert, der schon in der nächsten Zeit vorteil­haft verwendet werden könnte.

Die letzte Nummer des Programms bildeteDie Erneuerung des R e i ch s b a n k p r i v i l e g Bei der Stellung, welche unsere Bankwelt zum größten Teile dieser Frage gegenüber vertritt, stand es tm vor­aus fest, -daß alle Abänderungsvorschläge zurückge­wiesen würden, und es wurde denn auch beschlossen, für eine Verlängerung des Privilegs auf der seitherigen Grundlage, nicht allein für 10, sondern für 25 Jahre einzutreten und der Reichsbank den werteren Ausbau ihrer Giroeinrichtungen zu empfehlen und diesen auch mehr dem Kleinverkehr zugänglich zu machen.

Nalitische Übersicht.

Der deutsche Handel iu Ostasieu

scheint sich erfreulich weiter zu entwickeln. Aus dem soeben in Hongkong erschienenenAdreßbuch für China. Japan nsw. für das Jahr 1907" ergibt sich eine über­raschende Zunahme des deutschen Handels in China. Die Zahl der deutschen Firmen, die sich dort niederlassen und in dem Adreßbuch verzeichnet werden, nimmt von Jahr zu Jahr zu. In Han kau, der Riesenstadt am mittleren Lauf des Jangtse, sind schon heute doppelt soviel deutsche wie englische Firmen ansässig. Da in Hankau auch die von Peking nach Kanton gehende Bahn­linie sich mit der großen Verkehrsader schneidet, sind dort ungeheure Zukunftsmöglichkeiten für den Handel gegeben. Ohne Zweifel wird es bald zur beherrschenden Hanüelshanptstadt des chinesischen Reiches werden. Auch in Tientsin kommt der deutsche Handel in der neueren Zeit dem englischen gleich. Überall in Ostasicn tritt aber, dafür reden die Namen im Adreßbuch eine deut­liche Sprache, der j a p a n i s ch e Handel in raschem Fortschreiten in den Vordergrund. In Shanghai hat sich die Zahl der japanischen Ansiedler in einem Jahre fast um die Hälfte vermehrt, und Japan mit seinen billigen Arbeitslöhnen wird ein immer ernster zu nehmender Wettbewerber auch in der Einfuhr von I n ö u st r i e a r t i k e l n. Die japanische Volkswirt­schaft hat sich insgesamt ja seit Abschluß des Krieges sehr günstig entwickelt, so daß man teilweise sogar den Ein­druck einer kleinen Gründerperiode erhalten könnte.

Feuilleton.

Oa§ Paris öer kleinen Leute.

Das Paris, das der Deutsche seit mehr als einem Jahrhundert mit einem Gemisch von Grauen und Ent­zückung betrachtet, das er verehrt und anbetet, verflucht und verachtet, das ist das Paris der großen Boulevards, der eleganten Vergnügungslokale, der bacchantischen Feste und des überfeinerten Raffinements. Aber es gibt auch noch ein anderes Paris, das in deutschen Schilde­rungen nur selten auftaucht, und das doch auch seine Reize hat, ja, das den eigentlichen Urgrund der französi­schen Kultur bildet und einen spezifischen Zauber fran­zösischen Lebens zu entfalten vermag: das Paris der kleinen Leute. Die Schildere! des Kleinlebens um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die Paul de Kook und Jules Janin, haben es entdeckt: Börne hat es zuerst den Deutschen geschildert. Aber die Grau in Grau malende Kunst des Naturalismus verwischte wieder diese freundlichen Schönheiten, und man gewöhnte sich, mit den Augen Zolas eine Welt des Lasters und der Häß­lichkeit hier zu erblicken, die öer Fremde am besten meide. Erst langsam merken wir wieder, wie die freundlichsten Szenen Maupassants oder Anaiole Frances, die schönsten Bilder eines Degas oder Cssanne dem Pariser Straßen- leben in den ärmeren Vierteln ihr Bestes verdanken. In dieser Wunderstadt ist auch über die engen Gassen ein Abglanz von Grazie und Lebensknnst, eine bunte Freude an Schönheit gebreitet.

So viele unserer modernen Großstädte sind ja wie durch Lukall entstanden, recht eigentlichgemacht". Barts

istgeworden". Und es ist herausgeblüht aus jenen kleinen Straßen mit den alten niedrigen Häusern, die den eigentlichen Kern der Stadt bilden und von denen die Kultur weit hinaus in die vornehmen Avenuen aus- gestrahlt ist. Freilich modernen Komfort und Rücksicht­nahme auf hygienische Forderungen sucht man in diesen räucherigen verbauten Gassen vergebens. Aber jedes Haus ist eine eigene Individualität und hat uns eine eigene interessante Geschichte zu erzählen. In dieser engen und schmutzigen, aber malerischen Umrahmung spielt sich nun das reichste, farbige Leben ab. Immerfort schrillt der Ruf der Straßenverkäufer durch die Luft, häufig helle Kinderstimmen, die die Waren der Eltern anpreisen müssen, Blumen, Gemüse, Obst, aber auch Bilder, Zeitschriften und alle möglichen alte und neuen Sachen. Allwöchentlich bietet der Glaser mit dem Rufe: Vitrisr, Vitrisr!" seine Dienste an, der mit seiner Karre die ganze Stadt durchzieht: von kleinen Jungen, die Schnürsenkel und Nadelpakete anbieten, wird man fortwährend festgchalten. Am beliebtesten sind die Kastanienverkäufer, die an den Straßenecken stehen und keine bittenden Gesichter zu machen brauchen. Be­sonders im Winter sind sie eng nmdrängt, denn die warmen Maronen schmecken so gut, und man kann sich auch schnell einmal die Hände wärmen über dem glühen­den Ofen. Von Bettlern wimmelt es überall, und sie haben noch in öer Art, wie sie ihre Leiden und Gebrechen zur Schau stellen, wie sie das Mitleid öer Vorübergehen­den aufzuwecken wissen, eine gewisse Anmut: denn Paris ist die hohe Schule des Bettelns: cs ist eine Kunst, die gekernt sein will. Doch auch eine unverstellte Mensch­lichkeit spricht aus vielen dieser Gestalten hervor. Da Üebt ein junges Dina von vielleicht 16 Jahren mit

einem Würmchen auf dem Arm. Das Kind muß ihr Kind sein, denn etwas Mütterliches liegt über ihrem ganzen Wesen. Die weichen Bewegungen, die Haltung des Körpers, die ganze, leise und doch aufgeweckte, ent­wickelte Zartheit ihres Gesichts, alles istMutter". Sie bettelt nicht, sondern sieht uns nur mit einem ver­prügelten Gesicht an und nimmt, was man ihr gibt.

Im kleinsten Ausschnitt bietet sich da mannigfaches Leben. Was erzählten nicht alles die kleinen Läden aus der Gasse im Quartier Moniparnasse, auf der ich wohnte. Da war gleich dieCremerie" gegenüber. Warum dieser Laden Oreworis hieß, weiß ich nicht. Das einzige an Creme Erinnernde war der Käse, der mit Bindfaden, Streichhölzern, Spiritus, Zucker und trockenen Gemüsen zu den Haupireguisiten gehörte. Ich bin sicher, es gab da fast alle Dinge zu kaufen, vielleicht sogar Ölgemälde, wenigstens hing ein gar nicht schlechtes Bild aus St. Clond unter den Verkaufsgegenständen. Fast immer sind die kleinen Läden durch eine Glastür mit dem Wohnzimmer oderZimmer für alles" verbunden. Auch in diesen Zimmern, die man durch die offene Tür über­schauen kann, zeigt uns der französische Geschmack die bis in die untersten Volksschichten sich geltend machende Kultur, ein Stückchen ihrer Kunst heimelig, wohnlich zu machen. Denn, stets geht ein kleiner Schein von Wohl­habenheit, von Bürgerlichkeit aus von dem großen runden Tisch, der mit schweren Beinen in der Mitte steht. Darüber die Hängelampe und im Dunkel des Zimmers verschwindet der übrige Urväterhausrai. Neben der Cremerie gab es einen anderen merkwürdigen Laden. Bois st Cüarbons" stand darüber. Durch das kleine Fenster kam nur gerade so viel Licht, daß man die Tiefe des Raumes erkennen konnte, und in diesem Leigten W