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55. Jahrgang.
Nr. 408.
klbend-Ausgabe.
1. ZStatt._
PoLMsche Übersicht.
Der Kaiser und die Universität Münster.
Aus Münster i. W. wird uns geschrieben: Wir haben die Kaisertage hinter uns. Kultusminister Dr. Holle teilte vor Eintreffen des Monarchen die kaiserliche Order mit, durch die der Universität Münster der Name „Westfälische Wilhelms-Universität" beigelegt wird. Es ist alter, aus der Zeit des absoluten Fürstentums stammender Brauch, daß der Landesherr einer neuen Universität seinen Namen verleiht, so daß nicht die Universität ihn, sondern er die Universität ehrt. Aber es darf ausgesprochen werden, daß in diesem Falle der Wunsch von Universität und Stadt mit dem Entschlüsse des Kaisers zusammentraf. Die Verleihung dieses Namens an die Universität geschieht „in dem Vertrauen, daß sie sich dieser Anerkennung dauernd würdig erweist". Von Herrn Dr. Holle als dem Leiter unseres Unterrichtswesens erhoffen wir Meinungsüberein- sttmmrmg mit uns darin, daß die oberste Triebfeder der Studierenden nicht der Wunsch nach Anerkennung durch irgendeine Instanz, sondern das Streben nach Wissensbesitz und ,Daseinssteigerung sein soll. Von den Professoren aber darf man füglich erwarten, daß sie hinter den Studierenden an Idealität und geistiger Unabhängigkeit zum mindesten nicht zurückbleiben. An der Presse fällt auf, daß die Zentrumsblätter es in der Berichterstattung über die Kaisertage allen zuvor tun an Länge der Berichte, Überschwenglichkeit des Tones und auch in den Prädikaten, die sie dem Aussehen des Kaisers geben. Daraus könnte man schließen, daß die Zentrumspartei die monarchistischste aller Parteien wäre.
Öffentlichkeit des sozialdemokratischen Parteitags.
L. Berlin, 1. September.
Der Beschluß der Essener Genossen, vom Parteitage die Berichterstatter bürgerlicher Blätter mit einigen Ausnahmen auszuschließen, wird in hiesigen führenden Kreisen der Partei als eine Dummheit bezeichnet. Bebel legte seinen Standpunkt in dem Satze fest: „Wer die Preßfreiheit verlangt, muß die Preßfreiheit vertragen können." Es darf also angenommen werden, daß der Parteitag dem Beschlüsse nicht beitritt.
Japans Arbeit in Korea.
Unter dem Titel „Administrative Reformen in Korea" veröffentlicht die japanische General-Residentschaft in Korea eine kleine Schrift, in der alle die Unternehmungen aufgezählt werden, die die Japaner, seitdem sie tm Jahre 1904 die Vormundschaft über das „Reich der Morgenfrische" übernommen haben, im Lande zur Herbeiführung besserer Kulturverhältnisse und natürlich auch zur wirtschaftlichen Erschließung begonnen haben. Mag man hierin auch eine Rechtfertigungsschrift gegenüber den Angriffen, die ihnen ihr rigoroses Vorgehen in Korea eingetragen hat, erblicken, so wird man doch auch nicht verkennen, daß die Japaner in ihrer Reorganisationsarbeit ihre gewohnte Energie entfaltet haben. Eingehend wird die Finanzlage des Landes erörtert: am Anfang stieß Marquis Jto auf große Schwierigkeiten, denn die völlig ungeordneten koreanischen Finanzen waren den Anstrengungen einer Reform nicht gewachsen. Es gelang bann Jto, bei der fapanischen Industriellen Bank nach Verpfändung der golleinnahmen eine Anleihe von 10 Millionen Uen zu sy 2 Prozent aufzunehmen, die zu 90 für 100 aufgelegt wurde. Die so gewonnenen Gelder wurden für die Wiederherstellung von Straßen, Errichtung von Wasserwerken, von Banken und Hospitälern und für die Ordnung des Erziehungswesens angelegt. Die koreanischen Straßen waren für Pferd- und Wagenverkehr völlig unbrauchbar, so daß allein 1% Millionen Uen für die Anlage von Straßen in jenen Gegenden ausgegeben wurden,,die einer Erschließung gute Erfolge in Aussicht stellten und gebieterisch eine Verbindung mit den größeren Häfen oder Eisenbahnzentren forderten. Selbst in Tschemnlpo war man nicht imstande, Schiffe mit Tränkwasser zu versehen und in mehreren Städten des Binnenlandes war die Lage so schwierig geworden, daß man täglich mit einem Ausbruch von Epidemien rechnen mußte. Vor den Zeiten der Residentschaft herrschte allgemein die konfnzische Erziehungsmethode, d. h. in den Orten beschäftigten sich einige Leute damit, den Kindern der Umgebung die ersten Anfänge von Lesen und Schreiben beizubringen. Dieser primitiven Schulen gab es etwa 10 000, und in Söul bestand auch eine Anstalt für höheres konsuzisches Studium. Die 1908 eingeführte Schulordnung war stets auf dem Papier geblieben und die Mittelschulen existierten mit Ausnahme einer fremdsprachlichen nur dem Namen nach. Nun ist ein neues
Wiesbaden, Montag, 2. September 1007.
System eingeführt und überall haben unter der Leitung japanischer Lehrer die neuen Schulen ihr Werk bereits begonnen. Die bestehenden schlechtverwalteten und un- hygienischen Krankenhäuser sind nun im „großen koreanischen Hospital" vereinigt und neu installiert. Das Polizeiwesen, das bisher in drei getrennt arbeitende Abteilungen zerfiel, ist nun in einem Departement zusammengeschlossen. Von den Zuständen am Kaiserhofe entrollt die Denkschrift ein lebhaftes Vild: die herrschende Verwahrlosung, die Korruptton des Beamtentums wird kurz geschildert, und dann werden die getroffenen Reformmatznahmen üargelegt. „In den Hofkreisen waren anfangs manche erregt und mißtrauisch gegenüber dem radikalen Wechsel in der Verwaltungsart: aber die ruhige Aufrichtigkeit des Generalresidenten wurde nach und nach richtiger eingeschätzt, der Widerstand erlahmte nach und nach, bis schließlich nirgends mehr oppositionelle Regungen aktiv sich betätigten." Die Art, wie in Korea die Rechtssprechung gehandhabt wurde, steht mit allen Anstandsgefühlen in so heftigem Widerspruch, daß man sie nicht im einzelnen schildern mag. Denn die exekutive und die richterliche Macht waren noch nicht unabhängig, und die Richterposten galten als eine Pfründe, die man gründlich ausnutzen mußte. Bestechungen waren an der Tagesordnung, Unschuldige wurden skrupellos verurteilt, ihr Vermögen konfisziert und die Schuldigen freigelassen.
Die Lage in Marokks.
Die politische Lage ist durchweg ruhig. Der Kaid der Anflus hat, wie verlautet, sich Muley Hasid unterworfen. — Major Santa Olla soll sich im Prinzip entschieden haben, die Stadt Casablanca zu verlassen und seine Truppen in der Nähe der Stadtmauern zu lagern. — Der „Teurps" meldet aus Masagan: Zehn Notabeln der Chaujas sind am 28. August hier ttngetroffen. Man sagt, daß sie gekommen sind, um die europäischen Vertreter zu ersuchen, als Vermittler zu dienen, um sich den militärischen Behörden Frankreichs zu unterwerfen. — Dasselbe Blatt meldet aus Casablanca: Die spanischen Truppen haben die Stadt verlassen und ihr Lager südlich von der Stadt aufgeschlagen. Das Lager der Franzosen befindet sich nahe dem Tor von Marrakesch, wo die Stadt dicht gedeckt ist und Überfälle befürchtet werden.
Die Meldung, daß der Kaid von Saffi, Si Aissa Ben Amor, Muley Hasid als Sultan anerkannte, fand bis jetzt keine Bestätigung. Es wird ernstlich in Erwägung gezogen, um die Erregung zu besüuftigen, in Tanger provisorisch eine Bürgergarde zu errichten, gebildet aus Einwohnern der Stadt. — Die europäische Kolonie von Fez, einschließlich der deutschen, ist am 30. August in Tanger eingetroffen. Zwei Franzosen sind freiwillig in Fez zurückgeblieben. Die deutsche Kolonie war mit den übrigen Europäern bei Elksar und El Kebir zusammengetroffen.
Der „Temps" meldet ans Casablanca vom 31. August, daß nur noch spanische Kavallerie sich im Innern der Stadt befinde. Der Arzt Henri Rothschild sei angc- kommen, um in einem einem früheren Kaid gehörigen Hause, bas ihm vom Konsulat zur Verfügung gestellt wurde, ein Hospital zu errichten. Die beim Bab el Kebir aufgestellte Schildwache rief in der Nacht einem umhcr- streichenden Menschen dreimal: „Wer da!" zu. Da sie keine Antwort erhielt, gab sie Feuer und verwundete den Mann, der ein spanischer Zivilist ist.
Admiral Philibert telegraphierte am 31. August, daß die Stationierung der französischen Kriegsschiffe folgende ist: „Admiral Aube" liegt östlich von Mogador, „Galilse" bei Saffi, „Conde" bei Masagan, „Gloire", „Gueydon" und „Veich long" bei Casablanca mit 29 Verwundeten und Kranken von der Armee und 8 Kranken von der Seeüiviflon: „Caffini", „Jeanne d'Arc" und „Du
Chanla" liegen in Tanger. Die politische Lage ist ruhig: im Lager non Casablanca ereignete sich nichts.
In Tanger herrscht andauernde Panik. Viele Europäer werden ihre Familien nächste Woche abreisen lassen.
Nach den neuesten Berichten ans Casablanca sollen zu den das Korps Drude bekämpfenden Kabylen auch sehr starke Reitertruppen aus dem Tafilet-Gebiete gestoßen sein, welche, ermutigt durch die ersten Berichte von der geringen Anzahl der gelandeten französischen Strert- kräfte, die 300 Kilometer bis Casablanca in mehreren Etappen zurücklegten. General Lyautcy, der Kommandant von Südoran und der Besatznngstruppen in Ubjda, dürfte Befehl erhalten, eine Rekognoszierung nach dem Tafilet zu unternehmen, um von den Zuständen in dieser völlig pazifiziert gehaltenen Gegend ein klares Bild zu gewinnen und die treubrüchigen Stämme zu bestrafen.
Während einer Pause des vorgestrigen Ministerrates versicherte Clemenceau von einem offenen Fenster des Schlosses Rambouillet ans den unten harrenden Journalisten, daß die dem Publikum nicht bekanntgegebenen Depeschen Drudes und Philiberts durchweg befriedigende Mitteilungen enthalten und daß man auf
alle Wünsche des Generals cinging und ihn in diesem Sinne telegraphisch benachrichtigte. Über das Datum der Heimberufung der Kriegsschiffe, die kaum vor Mitte September erfolgen dürfte, wird ein neuer Ministerrat entscheiden. Voraussichtlich wird vor Casablanca trotz der Stürme ein Kriegsschiff noch längere Zeit in Permanenz verbleiben.
Im Ministerrat unterbreitete der Marineminister dem Präsidenten Fallisres eine Anzahl Anträge behufs Beförderung von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, welche an den Ereignissen in Casablanca teilgenommen haben. Es ist beschlossen worden, den Marinekadetten Ballande, welcher mit einer 60 Mann starken Abteilung in die Stadt zog, zum Offizier zu ernennen und ihm das Kreuz der Ehrenlegion zu verleihen. Es wurden ferner noch weitere neunzehn Beförderungen vorgenommen.
Der französische Oberbefehlshaber übt dem „Daily Telegraph" zufolge eine sehr strenge Zensur über die Korrespondenten aus, die die Beförderung objektiver Berichte erschwert. Soweit solche nach London gelangen, Hat die aufgelöste Kampfcsformation der Marokkaner zu einer Überschätzung ihrer Anzahl geführt. Sie standen den Franzosen danach nie stärker als 1200 Mann gegenüber.
Die deutsche Kolonie von Fez, welche, wie schon gemeldet, mit den übrigen Europäern von Fez in Tanger eingetroffcn ist, berichtet, daß sie unterwegs überall gut ausgenommen wurde, während die Franzosen genöttgt waren, Umwege einzuschlagen wegen der Feindschaft der verschiedenen Stämme.
Wegen der Havasmeldnng über die beabsichtigte Besetzung aller marokkanischen Häfen begab sich der Tangerer Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" zum spanischen Gesandten Lluberia und fragte ihn, welche Haltung Spanien gegenüber einem solchen Vorgehen einzunehmen beabsichtige. Der Gesandte trat während der längeren Unterredung nicht aus seiner Reserve heraus. Der Korrespondent empfing jedoch den Eindruck, daß der Gesandte angesichts der verwickelten Situation für die Spanier in Tanger mit Besorgnis erfüllt sei.
Die italienische Regierung weigert sich, ein Kriegsschiff nach Marokko zu entsenden, trotz der dringenden Bitte der italienischen Kolonie in Tanger.
stck. Paris, 2. September. Aus Tanger liegen noch immer beunruhigende Meldungen vor. Das allgemeine Mißbehagen.wird durch die bevorstehende Abreise des Ministers El Mokri nach Fez noch gesteigert. Er gehorcht einem dringenden Wunsch des Sultans Abdul Asis. Zweifelhaft bleibt es, ob Buchta Vagdadi, welcher mit 700 schlecht ausgerüsteten Reitern in Buschtia bei Tetuan steht, dem Rufe nach Fez wird Folge leisten können, da die Annäherung Raisulis die Abwesenheit Buchta Bagöaöis in oösr vor Tanger unabweisbar er- scheinen läßt. Müßte er gleichwohl den Marsch nach Fez antreten, so erscheint die Landung französischer Truppen unvermeidlich.
cvst. London, 2. September. „Daily Telegraph" meldet aus Masagan, daß Sir Oman ben Mecheü von Muley Hasid auserwählt ist, um mit Noten, die der neue Sultan an die Regierungen von England, Frankreich und Spanien richtet, nach Europa zu gehen.
wb. Paris, 2. September. Der „Gaulois" erhält aus Tanger die Nachricht, daß alle marokkanisch e n H ü f e n bis zum 18. ö. M. eine G a r n i s o n erhalten werden. — Nach einer Meldung des „Matin" aus Casablanca vom 31. August hält der Feind in einer Stärke von 8000 Mann gegenwärtig zehn Lager in der Umgebung von Ben Ali besetzt. — Dem „Echo de Paris" wird aus Fez gemeldet, daß Vorbereitungen zur Reise des Sultans nach Rabat getroffen werden. Die Staatsbank gewährte dem Sultan einen Vorschuß von 800 000 Piastern und wird ihm ebensoviel bei seiner Ankunft in Rabat anweisen.
ück. Berlin, 2. September. Wie das „V. T." hört, hatte der f r a n z ü s i s ch e B o t s ch a f t e r Cambon eine neue Unterredung mit dem Staatssekretär des Äußern von T s ch i r s ch k y.
l»ck. Paris, 2. September. Der spanische Ministerpräsident Maura erklärte dem Madrider „Temps"-Ber- treter, daß niemand an eine neue Marokko- Konferenz denke. Die Beziehungen der Signatarmächte von Algeciras seien so befriedigend, daß sich aste nötigen Abänderungen der Akte unschwer auf diplomatischem Wege vollziehen lassen.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Wiener Bürgermeister Or. Lueger bat sich soweit erholt, daß er heute morgen die Fcchrt nach Neubruck bei Scheibbs antreten konnte.
Der Vizekönia von Egypten ist in Mannheim mit seiner Familie zur Besichtigung der Jubiläumsausstellung eingetroffen.
Wie verlautet, beabsichtigt der König von Griechenland, den Präsidenten Fallisres zu bitten, bei der Vermählung des Prinzen Georg mit der Tochter des Prinzen Roland Bonaparte als Trauzeuge zu fungieren
