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Nr. 387.
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1 . Wtcrtt. _
gmr öen Monat September
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Die Interim tirnmle*
In Stuttgart hat während der letzten Wochen der wrernationale Sozialistenkongreß getagt. Es war zum ^sten Male, daß dieser Kongreß auf deutschem Boden siattgesunden hat, weil man bisher stets sorgte, daß von den Behörden den Verhandlungen Schwierigkeiten m den Weg gelegt werden könnten. Aus diesem Grunde batte man auch Stuttgart gewählt, weil man glaubte, bei der württembergischen Regierung mehr Entgegenkommen zu finden, aber man hätte ganz ruhig auch in Preußen tagen können, denn den sozialdemokratischen Parteitagen hat man bisher kaum Schwierigkeiten be- I reitet. In Stuttgart hat zwar die Ausweisung des I englischen Delegierten Queich Erbitterung hervorge- ! rufen, aber der Herr war selber schuld daran, weil er sich tn maßlosen Schmähungen gegen die Haager Friedenskonferenz erging, obwohl man doch gerade eine derartige Institution von sozialdemokratischer Seite als einen, wenn auch kleinen Fortschritt begrüßen sollte. Was die Verhandlungen selbst anlangt, so boten deren Einzelheiten im allgemeinen wenig Interessantes für außenstehende Kreise: nur ein Moment von weiterer
Bedeutung trat dabei bemerkenswerterweise zutage: mährend man stets und ständig die Sozialdeinokratie als international ausgibt und damit bekunden will, daß eine gemeinsame Anschauung die Gesinnungsgenossen aller Länder verbinde, trat in Stuttgart gerade in zwei wichtigen Fragen eine ganz beträchtliche Meinungsverschiedenheit hervor. Bei der Diskussion über den Militarismus sowie Kolonialpolitik gab es sehr lebhafte Differenzen und der beiderseitige Standpunkt war ein kaum überbriickbarer. Insbesondere nahmen die französischen Delegierten einen völlig abweichenden Standpunkt ein, wie dieselben überhaupt mit dem Verlauf der Verhandlungen nicht recht zufrieden schienen. Man erinnert sich noch, welches Aufsehen die Rede des Chem-
KrmUeLoN.
(Nachdruck «crdoicno
ReiseDriefe aus Ungarn.
4. Die SiebenLürgcr Sachsen.
Die Eisenbahnen in Ungarn haben insofern etwas Orientalisches an sich, als die Züge entsetzlich langsam fahren, abgesehen von den wenigen Schnellzügen: namentlich das lange Halten aus den kleinsten Stationen macht geradezu nervös. Der Ungar scheint in dieser Beziehung das Sprichwort noch nicht zu kennen: Zeit ist Geld. Glücklicherweise gibt es zuweilen auch auf den lleinsten Bahnhöfen in einem fremden Lande etwas Charakteristisches zu schauen. Unter den ^ Rumänen l. B. sind die Müßiggänger sehr zahlreich, denen eine Eisenbahn noch heute ein so interessantes Ding ist, daß sie bei der Ankunft eines Zuges zugegen sein müssen.
Kreuz und quer hat mich das Dampfroß durch Siebenbürgen getragen, bis hinüber über die Grenze nach Sinaja, wo König Karol mit seiner Gattin Carmen Sylva seine Sommerfrische hat. Mitten in den Bergender Karpathen haben sie sich ihr wundervolles Schloß gebaut. Halb Schweizerhaus, halb im Stil einer deutschen Ritterburg. Das Ganze verrät entschieden einen guten Geschmack. Zum Dichten wie geschaffen, würde ein deutscher Backfisch sagen. In einem solchen Schlosse würde ich auch Verse machen wie Carmen Sylva. Nun, vielleicht gründet die dichterische Königin noch einmal eine Dichtermnenschule in ihrer idealen Nähe.
Bis an die rumänische Grenze hält ein wackeres Volk, die Siebenbürger Sachsen, die deutsche Fahne hoch. Uber 700 Jahre reicht ihre Geschichte. Damals wurden sie in das Land gerufen vom Ungar-König Geisa II., die Wüsteneien zu besiedeln. Die Eingeborenen, die Rumänen, Reste römischer Legionen, die Kaiser Trajan in Siebenbürgen und südlich von den Karpathen ange- stedeU batte,, waren außerstande, das Land zu schützen
Wiesbaden, Dienstag, 27. August 1907.
nitzer sozialdemokratischen Abgeordneten Noske im Reichstage machte, welcher erklärte, daß auch jeder sozialistisch Gesinnte die Flinte auf den Buckel nehmen würde, wenn Deutschland angegriffen würde. Diese Rede rief bei der Parteileitung und dem überwiegenden Teil der sozialdemokratischen Organisation Mißbehagen hervor, weil die Anschauungen des genannten Abgeordneten darauf hindeuteten, daß ein Teil der Sozialdemokratie die Jnternationalität aufzugeben und von patriotischen Empfindungen nicht frei zu sein scheine. Aber tatsächlich ist es so: wenn man tiefer sieht, so kann man beobachten, daß der^deutsche Arbeiter, selbst wenn er einen sozialistischen Stimmzettel in die Wahlurne legt, doch in seinem innersten Empfinden ein ganz guter Deutscher ist, wie man denn durchaus nicht zu befürchten braucht, daß im Kriegsfälle die sozialistisch gesinnten Reservisten und Landwehrleute^ den Gehorsam verweigern würden. Die Stammeszusammengehörigkeit läßt sich nun einmal nicht durch Machtworte austilgen und fast noch mehr wie bei uns in Deutschland sehen wir dies bei der französischen Sozialdemokratie, in deren Reihen man sich stets zuerst als Franzose und dann erst als Sozialist fühlt. Während man bei uns in Deutschland sich in Utopien verliert und beispielsweise gegen die württembergischen Genossen polemisiert, weil diese es gewagt hatten, dem Budget einer bürgerlichen Regierung zuznstimmen, ist dies in Frankreich, wo man gleichfalls keine sozialistische Regierung besitzt, ganz selbstverständlich, ja dre Sozialsten stimmen dort sogar für Forderungen des Heeres und der Marine, obwohl die Art dieser Einrichtungen den sozialistischen Grundsätzen in keiner Weise entspricht. Es ist oft darauf hingewiesen morden, daß die sozialistische Gesinnung eines Teiles des Militärs in einem Kriege für beide Seiten verhängnisvoll werden müßte und von sozialistischer Seite hat man diesen Glauben durch die Behauptung genährt, daß dieser Umstand die Regierenden verhindern würde, Kriege zu führen, in Wahrheit würde es aber im Ernstfälle ganz anders kommen. Die Jnternationalität der Sozialdemokratie steht, wie auch der Stuttgarter Tag bewiesen hat, in der Hauptsache nur auf dem Papier trotz aller Gleichheit der Gesinnung in den verschiedenen Ländern, und aus diesem Grunde brauchen sich Außenstehende keine Sorgen über die Folgen zu machen, die aus einer solchen Jnter- nationalität für die bürgerliche Welt entstehen könnten.
Politische Übersicht.
Unterernährung auf dem Lande
Man schreibt uns: Es besteht die Absicht, die Frage der Unterernährung auf dem Lande für die nächste Hauptversammlung des Deutschen Vereins für ländliche W o h l f a h r t s- und Heimatpflege
und zu sichern. Manch Ruhmesblatt haben die Sachsen in ihrer Geschichte aufzuweiscn. „Auf deu Bergen die Burgen" kann man auch hier singen. Aber keine Ritter haben hier geherrscht. Der sächsische Bauer ist immer ein freier Mann gewesen. Die Burgen haben die Bauern gegen die Türken errichtet. Bauernburgen — wo findet man sie sonst in Europa? Auch die Kirchen zeigen heute noch eine merkwürdige Verbindung von Geistlichem und Weltlichem. Mit starken Mauern hat man die gottesdienstlichen Räume umgeben und sie zu Verteiüigungs- zwecken hergerichtet. Statt zur Kirche haben in früheren Jahrhunderten die Glocken oftmals zum Sturm auf den Feind geläutet. Noch heute ist der oberste Geistliche im Lande auch in weltlichen Dingen für die Sachsen eine hohe Autorität. Denn die weltlichen Herren sind die Ungarn, die Fremdlinge. In Kirche, Schule und Wohl- fahrtsbcstrcbungen aber sind die Sachsen durchaus selbstständig.
Im Mittelalter waren die Sachsen dem ungarischen Adel vollständig gleichgestellt. Ja, auf ihrem Königsboden wie im Bereich ihrer Städte durfte der magyarsichc Adel sich überhaupt nicht niederlassen. In der einen Hand das Schwert, in der anderen den friedlichen Hammer und den Pflug — so haben die Sachsen ihren Berns aufgesaßt. Als Vermittler des Handels vom Morgenland nach Mittel- und Westeuropa haben die Sachsen im Mittelalter mit Nürnberg und Augsburg gewcttcifert. Und was sie als Handwerker Kunstvolles geschaffen, das zeigen heute noch die kostbaren silbernen und goldenen Altargeräte in den Kirchen. Noch immer dienen sie hie und da so mancher Ausstellung zur Zierde. Was ich in der Heltauer Kirche geschaut, ist so sauber gearbeitet, daß man heute zu solcher Detailarbeit sich einfach nicht mehr die Zeit nimmt.
Mit großer Treue hängt das Sachsenvolk an seiner Vergangenheit. Sie war größer als die Gegenwart. Ein gewisser konservativer Zug erfüllt die Menschen infolgedessen. Noch heute sieht man hie und da beim Viebbüten Sächsinnen mit bloßen Spinnrocken und
55. Jahrgang.
zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen. _ Der Herausgeber des Vereinsorgans „Das Land", Heinrich Sohnrey, würde daher allen, die Material für diese wichtige Angelegenheit liefern können, für entsprechende Mitteilungen dankbar sein. Dr. med. Kaup von der Zentralstelle für Volkswohlfahrt hat sich zur Bearbeitung des Materials bereit erklärt und leitet die Erörterung im neuesten Hefte des „Land" mit einer inhaltreichen Abhandlung ein.
Den Ausgangspunkt für die Beurteilung der ganzen Frage hat die schon von Grotjahn betonte Feststellung zu bilden, daß die moderne wirtschaftliche Entwickelung auch die Ernährung der ländlichen Bevölkerung verschlechtert, weil sie nahrhaften ländlichen Produkten, die früher nur zum eigenen Verbrauch verwendet werden konnten, einen Marktwert verliehen und hierdurch zur Einschränkung des ländlichen Konsums dieser Artikel auf das Notwendigste geführt hat. Es handelt sich dabei in erster Linie um Vollmilch: für Eier dürfte bis zu einem gewissen Grade das gleiche gelten. Dazu kommt ein höchst bedeutsamer Wandel in der Ernährung: die Hintansetzung wertvoller Nahrungsmittel
hinter minderwertigen Ersatz und hinter • Genußmittcl. Der holsteinische Arzt Dr. Elasten hat hierauf die große Verbreitung der Bleichsucht unter der weiblichen Jugend seines Wirkungskreises zurückgeführt. Dr. Elasten legte dar, wie die kraftspendende Grütz- und Hafersuppe durch Kaffee ersetzt ist und wie eine übermäßig fette Kost zum gewohnheitsmäßigen Schnapstrinken verführt. Kreisarzt De. Bachmann hat betreffs der niedersächsischen Geest- und Marschbauern darauf aufmerksam gemacht, daß an Stelle von Buchweizen, Hafergrütze, grobem Roggenbrot, Milch, Käse, Eierspeisen, Wurzeln und Obst jetzt mehr und mehr gehaltloses Brot aus feinem Roggenmehl oder gebeuteltem Weizenmehl, Kaffee, Bier u. ä. getreten sind. Während die alten Nahrungsmittel reichlich mineralische Stoffe (Kalk, Magnesia, Natron, Eisen, Phosphorsäure) enthalten, zeichnen sich die neuen Nahrungsmittel durch einen verhängnisvollen Mangel an mineralischen Stoffen aus. Die Folgen hiervon zeigen sich in den verkrümmten, engbrüstigen Gestalten der Gcestbauern, in ihrer geringen Fruchtbarkeit, in großer Kindersterblichkeit usw. Nur scheinbar seien die Verhältnisse bei den Marschbauern besser: der günstige äußere Eindruck werde durch Alkohol in Verbindung mit überseeischer kalkarmer Fleischnahrung vorgetäuscht. Für Rheinland-Westfalen hat Dr. Maintrops den starken Rückgang des Milchverbranches und die große Zunahme des Älkoholkonsums nachgewiesen.
Wie dieser Wandel in der Ernährung die Mil i tä r> tauglichkeit untergräbt, lehrt die RekrutenauS- Hebung von 1906 für Luzern und Umgegend nicht weniger anschaulich als die diesjährige RekrutenauS- hebung im Lindauer Landbezirk. Reiche Bauerndörfer
Spindel auf dem Felde das Leinen und den Hanf spinnen, wie es die alten Griechen getan und es im frühen Mittelalter allgemein üblich war. Die meisten Sachsen freilich haben längst das Spinnrad eingeführt und viele sind schon darüber hinausgewachsen. Die Hausindustrie ist noch üppig in Blüte. Andererseits haben sich schon zahlreiche, kleine Fabrikbetrieüc, Spinnereien und Webereien entwickelt. Mittelalter und Neuzeit stehen so dicht beieinander. Die Städte haben noch ihre Festungstürme und Mauerreste. Mitten auf dem Stratzendamm läuft noch die Gosse und das Stratzenpflaster ist so schlecht, daß man ahnt, wie tn früherer Zeit schon das Pflaster dafür gesorgt hat, daß Schuster und Schneider immer zu tun gehabt haben. Eine Stadt von 38 000 Einwohnern, wie Kronstadt, eine der schönst gelegenen Städte der Welt, mit einem starken Handelsverkehr, ein Eisenbahnknotenpunkt hat noch nicht einmal eine ordentliche Straßenbahn. Wie muß da mancher deutsche Droschkenkutscher die Kronstäöter beneiden. Die Sachsen sind auch noch ein Dorado für die Freunde der Volkstrachten. Ihre Trachten sind einfach. Aber die bunten Bänder, die von den langen Zöpfen und Schürzen herabhängen rast bis auf die Füße, sowie die gestickten Mieder find recht kleidsam. Kenner wissen sogar an kleinen Unterschieden der Bänder genau die Heimat der einzelnen Sächsinnen zn erkennen. Besonderen Wert legt die Sächsin ans den Gürtel. Uralte Erbstücke findet man hier, ebenso wie bei einem höchst sonderbaren Brnstschmuck, den man fast ebenso gut als Krone aus dem Kopfe tragen könnte. Eine gewisse Würde und Ruhe zeigt die Sächsin, wenn sie Sonntags in Hermannsstadt die Promenaden bevölkert. Ganz im Gegensatz zur Rumänin, die geschwätzig und lebhaft nach allen Seiten die Augen wirst.
In den Wohnungen findet man noch hier und da das uralte offene Kaminfeuer in den Zimmern. Schade, daß jetzt nicht Winter war. Wie gern hätte ich mich neben den Hausvater ans die Ofenbank gesetzt und den Blick auf die lustig knisternde Holzscheite gerichtet, mir
