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Nr. 389.
Wiesbaden, Donnerstag, 22 . August 1907.
55. Jahrgang.
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Die deutsche Pssl und das Deutsche.
Die Mitteilungen des „Allg. Deutschen Schulrer- eins" geben eine Zuschrift wieder, in der es heißt: Es ist ja wohl schon vor geraumer Zeit vielfach darüber geklagt worden, daß die deutsche Poftverwaltung den Magyarisierungsbestrebungen Vorschub leiste, indem sie einen Lieblingssport der Magyaren mitmacht und die an'ren, alten, in aller Welt bekannten deutschen Stäöte- namen in Ungarn durch die außerhalb Ungarns absolut unbekannten magyarischen Erfindungen dafür verdrän- aen hist. Es sind ja. wohl auch auf solche Klagen hin irgendwelche beruhigende Versicherungen ergangen, die ihre Wirkung nicht getan haben. Vielleicht ist danach die Sache auch dem Gedächtnis der Postverwaltung wieder entfallen. Sonst ist es nicht zu begreifen, daß in den amtlichen Verzeichnissen der Telegrayhenstationen es immer noch kern Hermannstadt, kein KlansenLurg, kein Kronstadt gibt.
Kürzlich wollte ich auf einem Berliner Postamt eure T-epefche nach Hermannstadt in Siebenbürgen aufgcbcn. Nei dieser Gelegenheit stellte ich gemeinsam mit dem erpeöierenöcn Beamten fest, daß es diesen Ort für uu- sare Postverwaltuirg amtlich nicht gibt. Der Beamte geriet darob so in Verlegenheit, Laß er, nicht wußte, ob er die Depesche annehmen könne oder nicht, denn „in unseren Verzeichnissen steht alles drin". Schließlich riet ich ihm, unter „Nagyszeben" nachzuschlagen, und siehe ^ das stand wirklich drin. Ich machte nun aus Internste an der Sache Len Versuch, auf einem anderen Berli- ».-i- Postamt meine Depesche nach Hermannstadt loszu- iverden. Hier gab es dieselben Schwierigkeiten. Der Beamte kannte natürlich die HernrannstaLt in Siebenbürgen ganz genau; als Las amtliche Verzeichnis diesen Namen aber verleugnet«, wußte der Mann nicht mehr, was er machen sollte. Ich befreite auch ihn mit dem Zauberwort „Nagyszeben" aus seinen Nöten, hatte aber schlechten Dank davon, denn nun meinte er erbost, das hätte ich ihm auch gleich sagen können. Worauf ich ihm
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IMob ITCorettga.
Die beunruhigenden Nachrichten aus Südwest- afrika über das neue Auftauchen Morengas mit einer starken Bande lenken die Aufmerksamkeit von neuem auf Liesen Herero-BastarL, der unseren Truppen schon so viel zu schaffen gemacht hat und der alle Hottentotten- fünrer an persönlicher Bedeutung, Entschlossenheit, Tatkraft und Mut bei weitem überragte. In den. Werke 'Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestasrika", das vom Großen Generalstabe im Verlage von Mittler and Sohn in Berlin herausgegeben worden ist und das ^erade jetzt abgeschlossen vorliegt, nehmen, die Kampfe aiit Morenga einen großen Teil des Zweiten Bandes, iier den Hottentottenkrieg behandelt, ein, und es hat angesichts der jüngsten Ereignisse ein besonderes Interesse, sich an der Hand dieser Schilderungen die Kampfesweise des geborenen Bandenführers und sie Schwierigkeiten, die seiner Bekämpfung entgegenstehen, zu vergegenwärtigen.
Während die Herero in den schweren Entscherdungs- kämpfen am Waterberge niedergerungen und dem Untergange in der Omaheke, dem furchtbaren dürren Sandselde, entgegengedrängt wurden, loderte tm äußersten Süden der Aufstand empor, und die Seele der Bewegung wurde Jakob Morenga. Schon in der Art, wie er die Aufständischen um sich versammelte, zeigte sich die Kraft seiner Persönlichkeit., Der Herero-Bastard, der früher in den englischen Minen in Südafrika gearbeitet und sich einiges Geld und eine für einen Neger nicht geringe Bildung erworben hatte und für dessen ungewöhnliche Bedeutung allein schon der Umstand spricht.
eine kleine Ansprache hielt des Inhalts, daß ich auf einem deutschen Postamt grundsätzlich Deutsch spräche, daß, wie er eben selbst gesehen Habe, man zwar die alte Her- mannstaüt kenne, aber nicht das rätselhafte „Nagyszeben", daß also die Verwendung dieses magyarischen Namens nur eine Verkehrsstörung bedeute, und endlich, daß die ungarische Post ausdrücklich verpflichtet sei, Sendungen nach Hermannstadt, Klausenburg, Kronstadt und Dutzenden anderer gut deutschgetaufter Orte in Ungarn zu befördern, daß es nichts fei als eine echt magyarische Unverfrorenheit, wenn sie sich dieser Verpflichtung zu entziehen suche, und daß die deutsche Poftverwaltung eine große Schwäche und eine Preisgabe güten Rechtes sich zuschulden kommen lasse, wenn sie sich das gefallen lasse.
In der Tat kennt man Liese magyarischen Namen, von denen der bekanntesten größeren Städte abgesehen, nicht einmal in Ungarn, und es kommt bei kleineren Orten oft genug vor, Latz selbst der ungarische Postbeamte eine solche magyarische Adresse sich _ erst wieder ins Deutsche übersetzen muß, um zu wissen, was er damit ansangen soll. Es ist aber gar nicht einzusehen, warum die deutsche Postverwaltung in ihren amtlichen Verzeichnissen an einer so gröblichen Deutschverleugnung fest- hält, wenn dadurch sogar das Gegenteil einer Beschleunigung in der Beförderung erreicht wird. Sollte magyarischer Übermut wirklich ernstlich versuchen, die Beförderung von Sendungen nach den deutschen Orten Ungarns zu verschleppen oder gar zu Hintertreiben, dann gibt es ja wohl noch eirr anderes Mittel, ein solches Unwesen abzustcllen, als die einfache Nachgiebigkeit der öeut- • scheu Postverwaltung und die stillschweigende Beilegung der Sache auf deutsche Kosten. Also: Hermannstadt, Klausenburg, Kronstadt nach wie vor! Nicht: Nagyszeben, Koloszwar, Brasso! Der ungeheure Eifer, mit dem die Magyaren die alten deutschen Namen zu verdrängen suchen, ist der beste Beweis dafür, daß wir allen guten Grund haben, sie zu halten. Dazu muß auch die deutsche P o st v e r wa l t u n g helfen. Daran soll hier nur wieder einmal erinnert sein!
R-,!iiischv Übersicht.
Arbeiter in der Gewerbeausstcht.
Jüngsthin machte die Erklärung eines Gewerbe- aufsichtsbeamten, der sich entschieden gegen eine Beteiligung der Arbeiter an der Fabrrkinspektwn erklärte, einiges Aufsehen. Der betreffende Beamte gab als Grund für seine Ansicht an, daß es dem Arbeiter an der nötigen Einsicht für ein richtiges Urte i l über gewerbliche und technische Einrichtungen fehle Das wäre allerdings richtig, wenn man z. B. einen Buchdrucker ein Hüttenwerk inspizieren, ließe. So töricht wird aber kaum irgend jemand sein. Es bedarf kaum der Erklärung, daß die Anhänger der Heranziehung von Arbeitern dies nur in Betrieben geschehen lassen wollen, die die betreffenden Arbeiter- Beamten vermöge ihrer Ausbildung und S a ch kennt-
daß er als Schwarzer eine führende Rolle unter den stolzen Hottentotten spielen konnte, hatte an dem Aufstand der Bondelzwarts im Jahre 1903 zwar nicht teilgenommen, war aber kvotzdem von dem Kalkfonteiner Häuptlingsgericht bei Beendigung der Unruhen wegen Lötung eines Witbois als Mörder geächtet worden und nach der Kapkolonie geflohen. Gegen Ende Mai 1904 erschien er nun mit einer Bande von etwa 30 Köpfen wieder an der Grenze, schlug am Schambock- beroe ein befestigtes Lager auf und begann dort feine Tätigkeit als Räuber. Anfangs kam er nur mit ein paar' Leuten auf die einzelnen Farmen, verlangte den Besitzern die Waffen ab und nahm ihnen ihr Vieh ganz oder teilweise weg. Seine großen Erfolge ließen seine Bande jedoch schnell anschwellen; Ende August wurde sie bereits auf 150, Anfang Oktober auf 200—300 Gewehre geschätzt.
War die Erhebung der Hottentotten auch nicht zu einer Katastrophe von derselben Größe wie beim Herero-Aufstand geworden, so gestaltete sich die Niederwerfung doch um so schwieriger, zeitraubender und verlustreicher. Denn hier galt es, einen leicht beweglichen, bedürfnislosen, das Kriegs- und Näuberleben über alles liebenden, vortrefflich schießenden Feind unter bewährten Führern zu bekämpfen, hier erleichterte keine ins Herz des Kriegsschauplatzes führende Bahn die Entwicklung und Erhaltung einer dem Gegner ebenbürtigen Truppenmacht. War auch die Zahl der Feinde gering, so fanden sie an der Natur ihres Heimatlandes, seiner Wasser- und Vegetationsarmut,, seiner Wege- losigkeit, seinem Reichtum an Schlupfwinkeln und unzugänglichen Verteidigungsstellen einen Bundesgenossen, der ihre zahlenmäßige Schwäche reichlich .ausglich. Kein Sandfeld schnitt im Namalande den Feind von der Grenze ab, und jensests von dieser konnten
n i s zu beurteilen verstehen, also in Berufen, die dem eigenen Beruf der zur Aufsicht Zugelasfenen nahe stehen. Es ist außerordentlich erfreulich, von weiteren Fortschritten der Heranziehung von Arbeitern zur Gewerbeaufsicht berichten zu können. Das Großherzogtum Hessen, welches in vieler Hinsicht bereits hohe sozialpolitische Einsicht bekundet hat, hat bekanntlich in fünf Jnspektionsbezirken Arbeiter zu Gehilfen der Aufsichtsbeamten ernannt.
Gerade für die Detailarbeit bei der Gewerbeaufsicht ist die Mitarbeit von Männern, die selbst aus dem, Arbeiterstand hervorgegangen sind, von nicht zu, bestreitendem Nutzen. Einzelheiten, die der nicht bis ins einzelne fachkundige Beamte mitunter gar nicht bemerken kann, finden so die gebührende Beachtung. Auch für die alte Klage, daß den Arbeitern das nötige Vertrauen zu den Inspizienten häufig fehle, scheint die Beteiligung von Arbeitern der beste Weg zur Abhilfe, Es ist nur dringend zu wünschen, daß die übrigen Bundesstaaten, die sich zum Teil — man denke an den Widerstand gegen Arbeiterkontrolleure im Bergbau —- noch recht ablehnend verhalten, ihre Meinung revidieren und dem Beispiel von Hessen folgen.
Italien im Orient.
I. Konstantinop el, 20. August.
Es wird zwar immer viel Wesens von den guten Beziehungen Deutschlands zur Türkei gemacht, doch in wirtschaftlicher Hinsicht gewahrt man davon nicht viel. Deutsches Kapital unterstützt die Pforte für den Bau von Bahnen, die mehr strategischen als kommerziellen Wert besitzen, aber davon haben nur wenige Kapitalisten Nutzen. Dabei ist es mit den Sicherheiten, die die Türkei gibt, schlecht bestellt und in dem Falle der Bagdadbahn, die der deutschen Bank konzessioniert ist, stehen solche nur auf dem Papier, Jedenfalls hat der deutsche Handel im allgemeinen von der politischen Gunst Abdul Hamids eher eine schädliche als eine förderliche Einwirkung erfahren. Andere Nationen kommen trotz Fehlens einer solch hohen Gönnerschaft in der Levante besser vorwärts als die Deutschen. Neuerdings vor allem die Italiener. Unter dem Titel „Orientalische Handelsgesellschaft" hat sich kürzlich in Konstantinopel ein Kreditinstitut, das erste seiner Art, gebildet, welches jedes italienische industrielle oder kommerzielle Unternehmen im Orient' unterstützen soll. Überhaupt kommt Italien als Wett- bewerber aus östlichen Märkten immer ernsthafter in Betracht. Das hängt mit seinem allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung zusammen, 1896 bewertete sich der italienische Außenhandel aus 2232 Millionen Lire, 1906 auf 3786 Millionen Lire. Dieser Entwickelung entspricht ein erstaunlich rasches Anwachsen der Bevölkerung. Die durchschnittliche Volksdichte auf der Halbinsel überschreitet heute 107 Einwohner sür den Kilometer. Seit 20 Jahren wandelten jährlich durchschnittlich 400 000 , Menschen aus Italien aus; im letzten Jahre betrug diese
ihm bei der Unmöglichkeit einer strengen Bewachung der weiten, menschenarmen Grenzgebiete alle Kriegsbedürfnisse'in hinreichendem Maße zugebracht werden: hier fand er im Notfall immer wieder eine Zusluchts- stätte. . .
Das Jahr 1904 verging mit kleineren G e- fechten, Üb erfüllen auf Patrouillen und den einträglichen „Reguisittonszügen" gegen die einsamen Farmer, wobei der Ruf seiner Erfolge und die Furcht vor seinen Waffen Morenga immer neue Anhänger zusührte. Ende November versuchte der verwegene Führer sogar Warmbad mit einem Gewalt- streich zu nehmen, wurde aber, wenn auch nnt schweren Verlusten für die kleinen deutschen Abteilungen, die bis dahin in diesem Gebiete vorhanden waren, zurückgewiesen. Im Januar 1905 traf nun O b e rst Deimling seine Vprbereitungen zu einer großen Unternehmung gegen die in den großen Karrasbcrgcn sitzenden Banden des Morenga. Entgegen der Meinung im Hauptguartier, das eine Verschiebung der geplanten Operation angeordnct hatte, bis die Witbois völlig niedergeworsen wären, hielt Oberst Deimling den sofortigen Angriff für geboten, als Ende Februar big Nachrichten von dem bevorstehenden Abzug der Witbois nach den Karrasbergen mit größerer Bestimmtheit auf- traten: gelang diesen die Vereinigung mit den
Morengaleuten, so wuchs nach seiner Berechnung die Streitmacht des Gegners aus 1600—-2000 Gewehre. Die Wegnahme der Karrasberge wurde dann für die Deutschen ein um so schwierigeres Unternehmen, als dieses schluchtenreiche, zerklüftete und schwer zugängliche Gelände in ganz hervorragendem Maße sür die Fechtweise der Eingeborenen geeignet ist und durch die sich überall bietenden überragenden Stellungen selbst von einer Minderzahl leicht verteidigt werden kann. Dazu wurde zuverlässig gemeldet, daß die Banden der
