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Nr. 348.

Wiesbaden, Montag, 2» Juli 1S«7.

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55 . Jahrgang.

Abend-Ausgabe,

" Z3tatt.

Äbasso!

Auf Sizilien, dem politischen Vulkan Italiens, aaxi und wogt es wieder mit furchtbarer Heftigkeit, und -das Wort Abasso tönt tausendstimmig durch die-Ltratzen und Gassen der Städte und Dörfer. Aber während die Parole auf Sizilien sonst zumeist lautet-. Abasso il dazio! (Nieder mit der Steuer') oder allenfalls: Abasso 11 munieipio! (Nieder mit der Stadtver­waltung!), heißt es diesmal und das ist das Bedenk­liche an der stage; Abasso il goveruo! (Nieder mi. der Regierung!). Es ist auf Sizilien zu sehr ernsthaften Unruhen gekommen, so daß die Regierung sich genötigt gesehen hal, umfassende m i l t t a r i1 che M a st - (nahmen zu ergreifen^ die aber bisher noch nicht dre erhoffte Wirkung erzielt haben. Sind auch schon mehr als 6 Jahrhunderte vergangen seit den Greueln der sizilianischen Vesper", jenem Volksaufstand in Palermo, der am 30. März 1282 das Signal zur Vertreibung der Franzosen aus Sizilien gegeben hat, so hat steh doch während dieser Zeit an dem leidenschaftlichen und wild- erregten Charakter der Sizilianer, dieser südlichsten Be­wohner Europas, die durch die Meerenge von Messina, nicht bloß von Italien, sondern auch von Europa ge­schieden werden, nur wenig geändert, und e2 triff! noch heute zu, was Reuchlin schon vor m

feiner Geschichte Italiens gesagt hat:Sizilien ist l .er Superlativ Italiens; dies gilt von der ^erwitoe- rung des Volkes wie von der Herrlichkeit der Küsten­länder." .. ' ...

Für die Bewohner des nördlichen Europa^ ist c.> schwer, die Ursache des neuesten Revolution auf Sizilien zu begreifen. Diese Ursache ist der E x m i n ist e rund Erzgauner Nasi, welcher das sizilianische Städt­chen Trapani in der Dcputiertenkammer vertrat und es zum Schluß zum Unterrichtsminister gebracht hatie. Nasis Grundsatz, der allerdings derjenige vieler italieni­scher Staatsmänner sein soll, war: Leben und leben

lassen! Er wirtschaftete als Minister auf Staatskosten nicht nur in seine eigene grundlose Tasche, sondern er jorcric bcifür, bcife bon btcfcnt rct{x)ltu^ 0 .n. ^oQcrt quo) yur seine guten Freunde in Sizilien die entsprechende Quote abfiel. Aber zum Schluß ging auch hier der Krug so lange zu Wasser, bis er brach. Im Zähre 1--04 wurde gegen Nasi ein Verfahren wegen Unterschlagung im >Amte und Fälschung cingeleitet, worauf _ der Herr Minister sich aus dem Staube machte. Senre getreuen Freunde in Trapani aber wählten den fluchtigen Ex- minister trotzdem wieder in die Kammer, und als diese die Wahl kassierte, wählten sie ihn immer wieder aufs neue in Treue. Fünfmal wurde feine .wähl kassiert, aber fünfmal wurde er wiedergewählt, und zum Schlüsse zog er doch als Triumphator in Monteertorw ein, wo dieser Herr Volksvertreter sogar noch unlängst in eigener Sache das Wort ergreifen konnte.

Der Kassationshof hatte nämlich unterdessen ent- schieden, daß der ehemalige Minister nicht verpflichtet sei sich der Jurisdiktion des Schwurgerichtes zu unter­

werfen Aber die Freude der Sizilianer und der Triumph Nasis war von kurzer Dauer denn der italie­nische Senat machte einen dicken wurich durch die Rech­nung indem er sich als Gerichtshof zur Untersuchung der gegen Nasi erhobenen Beschuldigungen konstrtulerre und alsbald dre Verhaftung beschloß, der allerdings dm ungewöhnlich milde Form des Hausarrestes ver­liehen wurde. Nasi selbst soll, wie versichert wird, dem Ausgang des Verfahrens mit gutem Mute entgegen- aeheii. Woraus dieser Mut beruht, das kann man viel leicht aus einer Äußerung des Mailander ..,'Secolo entnehmen, welche besagt:Andere Minister hatten alle dieselben Taten begangen wie Nast, und keine Nuct- srcht dürfe diesen in seiner Verteidigung hindern die eine Anklage anderer sei." Es wäre aber sehr wohl möglich, daß, wenn auch keine Rücksicht Nass bei seiner Verteidigung hindert, doch solche Rücksichten den Senat bei feiner Anklage und deren Verfolgung hindern kann- ten. Es wäre in. Jmlien zum Schluß nicht das o.\]to. Mal, daß man einen Dieb aus Rücksicht auf andere

^Dazu kommt, daß die italienische Regierung nicht völlig abgeneigt ist, der Volksstimmung der Sizilianer gewisse Zugeständnisse zu machen. Die schone aber arme Insel ist ohnehin ein Schmerzenskind Italiens, und auf dem an sich so fruchtbaren Boden, der aber ganz überwiegend in den Händen der adligen Großgrund­besitzer und des Klerus ist, fristet die aus Pächtern, Arbeitern und verhältnismäßig wenigen Kleinbürgern bestehende Bevölkerung nur notdürftig ihr armseliges Dasein Der Satz, daß Sizilien' der Reformen bedürfe, iit denn auch seit Jahrzehnten in jedem Programm jedes neuen Kabinetts zu finden, was der beste Beweis dafür ist daß diese Forderung noch nie verwirklicht wurde. Die elende Lage der Sizilianer bildet denn auch den Kern der neuesten revolutionären Bewegung, zu der die eigenartige Nasi-Begeisterung nur die äußere Veran­lassung gegeben hat. Vor die Wahl gestellt, entweder mit den seit Jahrzehnten angekündigten Reformen m Sizilien zu beginnen oder den ehrenwerten Nasi straflos ausgehen zu lassen, werden sich die verantwortlichen Männer in Italien am Ende für das letztere Mittel zur Beruhigung der Sizilianer entscheiden. Wenn niese dann ihren anrüchigen Nationalheros mit dem begeister­ten ZurufEvviva Nasi!" begrüßen werden, dann wird daber doch das für das Kabinett Gioletti so peinliche Abasso il governo!" verstummen bis zum nächsten Ausflammen der Empörung im Lande der Kamorral

lid Turin, 28. Juli. Aus Trapa n i wird berichtet, -Latz sich die A u f r e g u n g in der Stadt in der Nasi- Angelegenheit noch immer nicht gelegt hat. Die Negierung Lat bedeutende weitere Truppenvcrstärknngcn aus Neapel abgesanüt. Während seiner Vernehmung nor dem Senat als oberstem Gerichtshof widerlegte Nasi mit.großer Energie die gegen ihn erhobenen Anklagen und erklärte, er werde weitere Beweise erbringen, so­bald er im Besitz der Dokumente sei, welche zurzeit unter Siegel liegen. Auch Lombardo verteidigte sich gegen die ihm zur Last gelegten Anklagen und ver­langte ebenfalls die Auslieferung der beschlagnahmten Dokumente, um sich zu rechtfertigen.

Z. Deutscher AbstweuteutW.

Flensburg, 26. Juli.

Die schöne Stadt an der Flensburger Föhrde hat sich hervorragend gerüstet, den 5. Deutschen Ldstmententag würdig zu empfangen. Die Straßen sind mit Ehrenpforten nrn Gir­landen geschmückt, die meisten Burger haben ge.laggt, d.e unteren Räume des herrlichen, Kunstgewerbemuseums sino

sür die große reichhaltige Antialkoholausstellung frergegwen,

die städtischen Kollegien bewilligten einmütig Zeinen Kosten- zuschutz von 1500 M. und 8000 Ri. für da» schone ^.ogenhau-,

in der Schloßstraße usw. ... * in irr,,. t, n y

Am Mittwoch, den 24. Juli, sand vormittags 10 Ubr vor den geladenen, äußerst zahlreich erschienenen Gasten der städtischen Behörden und Verwaltungen Ulensburg- die ist»

iOtUlUi-Util UiUb» otUi'uuuuyv-.). otA- r~u~ ~ ' orrf

Öffnung der Ausstellung gegen den Altogolismu», vomAll­gemeinen deutschen Zentralverbande zur Bekämpfung des Alkoholismus, e. 58." in,dcn unteren Raumen des herrlichen

Kunstgewerbemuseums statt. . _ ^ ^ -

Mit einer großen Versammlung stur das Jugendwerr des Guttcmvlerordens. die mehrere interestante ^ertrag.- brachte, begannen die Verhandlungen des Abstinententages.

Am zweiten Taoe fanden Einzel- und Jahresversamm- lunaen statt: Diejenige des internationalen Alkoholgegner, bundes unter Leitung von Direktor : Dr. meä. weloruck- Bremen, die Jähresver,ammlung des Vereins onthattiamci Pfarrer mit einem Vortrage von Pastor Licrnatzii-Hain- bergen überPhilosophie und Enthalt,aurteit . d,e d«: Ver­eine abstinenter Philologen, abstinenter Schüler an höheren Schulen, des Vereins abstinenter Kaufleute, und de-, ^.e.elns abstinenter Ärzte des deutschen Sprachgebiets .

Am Abend fand dann die Erostnungs- und 1 . wauptver- sammluna des 5. Deutschen Abstinententages im,großen Saale des Kolosseums statt. Nach einer kurzen Grofmungs- ansprache des Vorsitzenden, Schriftsteller Sranzlskus Hahnel- Bremen, nahm der Oberbürgermeister Or. Todfen-slensburg das Wort zu einer herzlichen und warmen Begrüßung namens der Stadt Flensburg, die den üeutichen irnthLltiaMteits- bestrebungen mehr als anderwärts volles Verstanünis, Jnteresse'und Aerkennung entgcgentrage.

Den Hauptvortraa hielt auf Wunsch des Präsidenten der deutschen Kolontalgesellschoft, Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg, Regenten von Braunfchweig, der betannte Oberstleutnont des ^anitatsdrenes a. D. ber .tlederl.-^u- Jnd. Armee, l)r. med. Fieoiü-Jena, überj. te wedeutung der Alkoholsrage für unsere Kolonien . Er xuhrte u. a. aus­ser Alkohol ist ein außerordentlich großes, bei vielen ein dauerndes Hindernis für die Anpassung des. Blutgexah- svstems an das Tropenklima, weil er durch ,e,ne ge,aß- lahmende Wirkung das. was die Ratnr anstrebt. verhindert. Personen, die sich alkoholisieren, ist daher die Aktlnnati,atwn ebenso erschwert oder unmöglich wie Neurasthenikern nnd Menschen, die mit Gefäß- oder Herzschwächen in.dre stropen kommen. Außerdem werden sie besonders empsanglich sur allerlei Krankheiten und haben deshalb eine viel großer Slerblichkeit als Nicht-Alkoholigerte. Dre^ Eingeborenen in unseren Kolonien werden durch unseren Schnaps in außer­ordentlichster Weife geschädigt. W:r toten damit dre Kenne, die uns die Eier legen soll. Der Redner beschreiot die ur­sprünglichen Trinkstlten der Eingeborenen m unserenKolo­nien und zeigt, daß dabei von einem Altokwnsmu^ aw Volts­krankheit keme Rede fein kann. .. Dwie Erstchemung Nt erst durch dir Einführung der eurzparlchen Getränke, vor allem de§ Schnapses, zustande gekommen. Auch unsere Kownia.- truppen werden in außerordentlichem Grade durch den». hol geschädigt und können dadurch ihrer Aufgabe nur m.t großen Opfern an Gesundheit und Mcnichenleben genügen. Außerdem macht Alkohol dre Schutztruppen id«. teuer Die Alkoboteinfubr betrug rrr Sudwestafrlka rm ckusitand.- fahre 1004 achthundertunüachtzig, wauwnd Mark. An ..^lebe >. gaben" bekamen die dort kämpfenden gruppen 6815 K'stten alkoholischer Getränke und die Sammlung die,er...Liebes­gaben" wird jetzt noch von den Alkoholkaprtalistc'-i cisrigAort- gejetzt. Unsere Enttäuschungen und Muken.auf kolonialem Gebiete verdanken wir in erster Linie dem Alkohol, was dw Vortragende ausführlich klarstellt. Die Alkolwliirerung der Europäer und Eingeborenen erickiwert die wlrt,chaftliche E.- schlietzung der Kolonien und gereicht damit uns und un,eren

KemlletoN.

MaÄdruck verdatend

Die Gründung der UniuerfttA zu Gießen.

Am 7. Oktober dieses Jahres sind 300 Jahre ver­flossen seit der Gründung der Lima water Ludovica <v-t Gießen. Die Philister der Stadt und die akademische Bürgerschaft der Hochschule rüsten sich bereits zu einer würdigen Festseier, die in der Zeit vom 31. Juli bis 3. August vor sich gehen soll.

Die Stadt Gießen, an der Lahn freundlich gelegen, tu neuerer Zeit in lebhaftem Aufschwung begriffen, führt in den ältesten Urkunden den Namen Gizen, Geyzcn, Giessen, auch zu den Gizen, Gizzen oder Gießen. Gerade öte letztere Bezeichnungzu den Gizzen" läßt darauf schließen, daß der Ort in den ältesten Zeiten eine heilige Stätte der Altvordern gewesen sein mag, ähnlich wie Geismar bei Fritzlar und Geisa im Fnldcrland. Ur­kundlich wird Gießen erst 1107 und als Stadt zuerst im Jahre 1250 erwähnt. Die ältesten Herren der Stadt Iwaren aus dem Konradinisch-Salischen Geschlecht, aus welchem bekanntlich Kvnrad I. Hervorging. Nach ihrem Aussterben kam Gießen unter die Grafen von GttzScrg, dem Heutigen Gleiberg, des sich in malerischer schöne als wohlerhaltene Burg rechts von der Lahn auf einem aus der Ebene aufsteigenden Berggipfel erhebt. Graf Wilhelm von Gleiberg, der gegen Ende des !-. Jahr­hunderts lebte, hinterstes; eine Tochter Salome, die in einer Urkunde von 1197 als Gräfin non Gießen be­zeichnet ist. Die Enkelin des Grafen Wilhelm war an den Psalzgraken Rudolf von Tübingen verheiratet, denen

Sohn Wilhelm sich Graf von Tübingen und Gießen nennt. Er wohnte in Gießen und erscheint in Urkunden bis 1244 Durch seinen Sohn Ulrich kam die Herrschaft Gießen 1265 durch Kauf an den Landgrafen Heinrich von Hessen, bei dem cs fortan verblieb. Nachdem im Jahre 1557 Landgraf Philipp non Hessen gestorben war, wurde das Fürstentum Hessen geteilt, wobei Oberhessen mit Gießen an den zweiten Sohn des Landgrafen Philipp, den Landgrafen Ludwig IV. von Hessen-Mar­burg fiel. Als hochachtbarer Regent hat er die Wohl­fahrt seiner Stadt nach besten Kräften zu fördern ge­wußt. Er erbaute daS Zeughaus, sorgte für das Heer­wesen führte ein neues herrschaftliches Schloß auf und ließ eine steinerne Brücke über die Lahn bauen, welche zur gedeihlichen Entwickelung der Stadt sehr viel bei-

^'^Äm 9. Oktober 1604 starb. Landgraf Ludwig IV., Testator genannt. Diesen merkwürdigen Beinamen er­hielt er wegen seines Testaments, in dem er seine beiden Vettern der Linien Hessen-Cassel und Hessen-Darm,tadt zu Erben einsetzte und bestimmte, daß Marburg eme Gesamtunivcrsität und das Zeughaus in Gießen nnge- trennt bleiben sollte. Außerdem enthielt das Testament di^ Bestimmung, daß keiner der Nachfolger in seinen Landen die evangelisch-lutherische Lehre abschaffcn und keiner sein Testament anfechten dürfe: wer das wage, sA seiner Erbschaft verlustig zu erklären. Zu diesen crocnartigcn Testaments-Bestimmungen war der Land- qrfis veranlaßt worden durch die Neigung des jugend­lichen Landgrafen Moritz von Easiel zur reformierten Lehre Als nun Landgraf Bloritz wirklich die lucherifche Lehre durch die reformierte in seinem Lande ersetzte, wurde von Darniktädter Seite das Uh- eine Verletzung

deZ durch den Landgrafen Ludwig IV. anfgerichteten Testaments erklärt und letzteres angefochtcn. Ein Ge­richtshof wurde eingesetzt und der entschied nach Prüfung der Sachlage, daß Landgraf Moritz die Hülste des Fürstentums mit der Universität Marburg und Lud­wig V. von Darmstadt den andern Teil mit der Festung Gießen samt dem Zcughause erhalten solle. Landgraf Ludwig ergriff denn auch Besitz von dem ihm zugc- fallcnen Erbe, behielt sich jedoch weitere Schritte in der

Angelegenheit vor. . r r r %

Auch Landgraf Moritz übernahm sein Erbe und begann die Fortsetzung seiner religiösen Rcsormations- plüne, indem er im ganzen Nicdcrhesscn den lutherischen Katechismus abschaffte, sie Abenbmahlstehre nach lutherischem Ritus beseitigte und andere Neitzerungen im Sinne der Reformierten zur Einführung brachte: auch in der Universitätsstadt Marburg leitete er diese Reformen ein. Er erließ eine Verordnung, in welcher die Anordnung der zehn Gebote, die Allgegenwart Christi in leiblicher Gestalt und andere Religions- omfchauungen der Lutheraner als nicht schriftgemätz be­zeichnet wurden. Den Professoren der Theologie wurde ein Revers unterbreitet, in dem sie sich durch istamens- unterschrift verpflichten sollten, für die Neuerungen einzutreten. Da sie. sich jedoch in ihrem Gewissen ge­bunden fühlten, weigerten sic sich und wurden am 22. Juli 1605 ihrer Stellen enthoben, die reformierten Predigern anvertrant wurden. Die Forderung des Landesfürsten wurde auch ans die Landcsgeistlichen aus­gedehnt, von denen 36 dem Wunsche deS Fürsten nach- kamen, 55 einschließlich der Marburger Professoren je­doch rücksichtslos entlassen und samt ibren Familien dem Elend vrciZLeac.ben wurden.