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Nr. 313.

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ZUM Kapitel der Geldknappheit.

Es ist eine glücklich-unglückliche Sorge, unter der das deutsche Wirtschaftsleben leidet, eine Bedrängnis, die neben all ihren Mitzlichkeiten doch auch mancherlei Momente enthält, über die man sich gereadezu freuen tann: Denn wenn das Wirtschaftsleben nicht in so hohen Wogen ginge, wenn Industrie und Handel nicht in so strotzender Blüte ständen, wenn das Gespenst des Ar­beitsmangels nicht so völlig arw unseren Grenzen ver­trieben worden wäre, dann hätten wir die Geldknapp- beit nicht dann wäre der Diskontsatz nicht so enorm er­höht worden, dann könnten wir m idyllischer Ruhe leben, während uns setzt allerdings der Wirbel eines exzessiven Tätigkeitsdranges erfaßt hat. Aber die Geldknappheit bleibt bei alledem ein großes Übel, eine Gefahr namenl- lich darum, weil sie ihrem Wesen nach, geeignet ist, das blühende Leben, für das sie ein so glänzendes Zeugnis ablegt wieder zu ersticken. Die Geschäftswelt ertragt die Verteuerung des Geldes auf die Dauer nicht, die Maschine mutz demgemäß immer langsamer arbeiten, H' eines Tages könnte sie wohl gar stillstehen, nicht etwa, weil sie nichts mehr zu tun bekäme, sondern, tra- qischerweise, weil sie zwar unendlich viel zu bewältigen hätte dies aber gewissermaßen aus Mangel an Öl nicht vermöchte Wir sehen das schon setzt, wie sich die Reibun- oew vermehren, wie sich das Tempo der Wirtschasts- Maschinerie verlangsamt. Was ist zu tun? Man gestehe e ~ sich nur: es ist sehr wenig zu tun, sondern man mutz sich in der Hauptsache darauf beschränken, zuzusehen, wie diese Dinge verlaufen, um aus ihrem Verlauf zu lernen. Man darf sich nickt einbilden, sonderlich viel nachhelsen zu können. Die großen Wirtschaftsprozesse vollziehen sich mit einer Selbständigkeit, die für den Poli­tiker, nämlich fiir denjenigen, der die Rolle des Be-

Keulüelon.

Machdruck verboten^

Ms drei geweihten Mmmer.

Eine chinesische Meister-Novelle. *)

Während der Regierung des zwölften Kaisers der Dynastie Ming lebte in einer Gegend der Provinz Szechnen ein reicher Mann Tang-yo-chucn, der sich aber mit dem, was er bereils sein eigen nannte, keineswegs begnügte, sondern Lust hatte, viel mehr Reichtümer zu­sammen zu scharren.

Er besaß unermeßliche Ländereien, und sooft er Geld einnahm, verwandte er es immer wieder zum An­käufe von Landgütern. Niemals aber kaufte er Häuser, erbaute auch keine; er schasste sich bloß an, was ganz unumgänglich nötig war, und verschmähte alles, was zur Bequemlichkeit des Lebens zu dienen pflegt. Er hatte nur das eine Ziel vor Augen, aus jede mögliche Art sein Besitztum zu vermehren, und so wuchs sein Vermögen täglich wie der Mond, wenn er im Zunehmen ist.

Haus und Gerätschaften in demselben hielt er nicht nur für unnötig, sondern auch für unvorteilhaft und schädlich, indem er sagte, man müsse beständig in Furcht schweben, daß das Feuer sie verzehre und in einem Augenblicke sie vernichte. Besitze jemand gute Kleider, so hätte das weiter, keinen anderen Zweck, als daß von allen Seiten Leute kämen und den Besitzer darum an­sprächen, um sie auszuleihen; sei man im Überfluß mit Essen und Trinken, so scharen sich beständig ungebetene Gäste um einen und setzen sich, um gefüttert zu.werden, mit zu Tisch. Darum wählte der reiche Tang-yo-chuen zu Hausgerätschasken, Kleidern, Speisen und zu allem,

*) Die nachfolgende Novelle aas der klassischen chinesischen Novell en-ScmmmmgKin-ku-khi-kum", d. i.Schauplatz merk­würdiger Begebenheiten aus alter und neuer Zeit," die als eins der bchten Werke der chinesischen Literatur gilt, wird stier nach einer enalifchen Wersebuna wiedergegeben.

Wiesbaden, Mittwoch, 8«. Juli 1907.

trachters für zu geringfügig hält und der immer irgend­wie seinen Tatendrang walten lassen möchte, beinahe etwas Beleidigendes hat. Oder hat etwa jemand, der in der politischen Berufsarbeit sozusagen steht und steckt, dazu mitgewirkt, daß die Geschäfte ringsum so wunder­bar gut gehen? Ganz von selbst ist das gekommen, ganz von selbst wird es auch wieder Nachlassen, kein Eingriff staatlicher Organismen kann den Gang dieser Verhält­nisse bestimmen.

Darum bleibt es aber selbstverständlich doch von größtem Interesse, zu erfahren, wie die für solche Zwecks verantwortlichen Männer über die Sachlage denken und welche Vorschläge sie vielleicht zu machen haben. Schwerlich kann eS einen berufeneren Beurteiler geben als den verdienten Reichsbankpräsidenten Koch. Was weiß nun dieser treffliche Mann als Heilmittel gegen hie Kalamität des Tages zu empfehlen? Er hat sich in einem Aussatz derDeutschen Revue" schon vor Monaten über die Situation geäußert, und insoweit er die Ver­hältnisse nur beschrieben hast wird es gewiß keinen geben, der seine sachkundige Darstellung nicht billigen müßte. Aber die Abhilfe? Wo ist sie? Der Reichs­bankpräsident erhofft eine Verstärkung des Gold­vorrats des Zentralinstituts in erster Reihe von der Ausbildung des Scheckverke h re s. Man weiß auch sonst schon, daß ihm dieser Gedanke sehr lieb ist, und wrr werden ja, Wohl auch zu einer Gesetzgebungsreform ge­langen, die die formale Möglichkeit geben würbe, den Scheckverkehr besser auszugestalten. Indessen man frage sich, wie der öffentliche Geist, wie das tausendfältige bunte Leben, wie die Anschauungen und Empfindungen unzähliger Millionen von Deutschen aus das Wort und den BegriffScheck" reagieren, und man wird skeptisch werden. Wer weiß denn überhaupt, was ein Scheck ist? Die wenigsten Deutschen wissen es. Zwar die Hamburger wissen es, aber Hamburg ist nicht Deutschland, und was den größten Teil unseres Vaterlandes betrifft, so kann man ruhig sagen (trotz der Gewöhnung der Hamburger an den Scheckverkehr): Das Institut ist bei uns ja gar nicht populär. Die kleine Geschäftswelt weiß, was ein Wechsel ist, und sie benutzt ihn dann auch in einem Maße, wie es in anderen Ländern schwerlich Vorkommen mag ( so daß man sagen möchte: Der Wechsel übernimmt bei uns großenteils die Funktionen, die anderwärts der Scheck hat); die kleine Geschäftswelt hat aber keine Be­ziehung zum Scheck, und wenn trotzdem die Ausbildung des Scheckverkehrs gewiß nützlich sein wird, so sollte man sich von ihr für die Gegenwart nicht allzuviel versprechen. Einen Ersatz für fehlende Umlaufsmittel wird sie in größerem Umfange schwer liefern. Freilich hat man auch wieder auf die erzieherische Wirkung einer solchen Re-, form zu vertrauen, und wenn wir sie bekommen, soll sie uns wirklich willkommen sein, nur daß wir dabei bleiben müssen: Gegen die Geldknappheit wird dies Mittel nichts ausrichien.

was man braucht, immer das Schlechteste und Unschein­barste aus, damit nur ja niemand ein Verlangen nach seinem Besitztum haben möchte.

An diesen Grundsätzen hielt er fest und befand sich dabei auch ausgezeichnet wohl. Er bewachte und ver­mehrte sein Vermögen wie wohl keiner im Lande. Gleichwohl wollte er jedoch keineswegs für einen Geiz­hals gelten, sondern es war ihm vielmehr daran ge­legen, in Ehren gehalten zu werden, und er erzählte daher immer von seinen Vorfahren, die stets durch weise Sparsamkeit sich ausgezeichnet hätten und von den ältesten Häusern im Lande abstammten.

Tang-yo-chuens Sohn mußte dem Beispiele seines Vaters folgen, so war dessen strenger Befehl. Sahen aber die Nachbaren den Geiz und die Habsucht dieses Mannes, so dachten sie gleich an das Sprichwort: Ist ein Mann ein großer Geizhals, so wird sein Sohn gewiß einmal ein rechter Verschwender. Sie glaubten, er müsse notwendig hiernach einen Erben haben, der das Verhältnis umdrehe, so daß der Charakter des Vaters nicht auf den Sohn übergeheir^ werde. Aber zu ihrem großen Erstaunen ahmte der Sohn seinem Vater nach; von der frühesten Jugend an widmete er sich zugleich den Wissenschaften, vervollkommnete sich, so viel es ihm möglich war, und brachte es endlich zu einem Gelehrten der dritten Rangklasse. Im Essen und Trinken war er höchst mäßig, in seiner Kleidung vermied er jeden Über­fluß und in seinen Vergnügungen war er sehr sparsam.

Nur in einem Punkt trat er nicht in die Fußstapsen des Vaters, nämlich wegen des Häusererwerbs, und hier war er mit dessen Sparsamkeit nicht einverstanden. Er schämte sich, in einer so schlechten Wohnung, wie die seines Vaters war, zu leben, und faßte den Entschluß, sich eine neue zu bauen; doch fürchtete er sich, den Bau zu beginnen, da er nicht wußte, ob sein Vermögen dazu hinreichen werde. Er hatte aber gehört, man komme leichter dazu, wenn man ein altes Haus kaufe und das­selbe ausbessere; er brachte deshalb bei seinem Vater das Gespräch daraus und fügte hinzu, wenn sie in solcher

33. Jahrgang.

Die S1rnfpro;eßresorm.

Fast jeder Sensationsprozeß in der letzten Zeit, auch der Münchener, zeigte deutlich die Unhaltbarkeit des heutigen Gerichtsverfahrens, dessen Reform schon seit Jahren angestrebt wird, ohne daß die Dinge vom Fleck kommen wollten. Vor mehreren Jahren war bekanntlich auch eine Kommission für Nesvrnivorschlügc eingesetzt worden, die aber infolge der weit auseinander gehenden Meinungen kein greifbares Resultat zeigten. Darauf war es für längere Zeit still geworden, und Stmts- sckretär Nieberding schien die Angelegenheit nicht mit besonderer Eile zu betreiben, trotzdem im Parlament immer und immer wieder auf die Notwendigkeit einer Beschleunigung hingewiesen wurde. Mit einem Male kommen nun in einem oft zu offiziösen Auslastungen benutzten Blatte eingehende, auch von uns wieder­gegebene Mitteilungen über die Reformvorfchläge, deren Gründlichkeit erkennen ließ, daß diese Mitteilungen aus amtlichen Quellen geschöpft waren. Wie sich nun her­ausstellt, scheint eine Indiskretion seitens eines Be­amten vorzuliegen, über den nun im Reichsjustizamt die ganze Schale des Zornes ausgegvssen wird: daß man sich darüber so ereifert, ist bezeichnend, denn es deutet darauf hin, daß Herr Nieberding sich noch immer nicht so beeilen will, denn andernfalls hätte er den vorliegenden Entwurf im Interesse der Sache schon längst der Öffent­lichkeit zur Kritik unterbreiten können, wie das schon mehrfach in den letzten Jahren bei Entwürfen, welche für die weite Öffentlichkeit großes Interesse hatten, der Fall gewesen ist.

Mag die Indiskretion als solche nicht zu billigen sein, so wird sie aber doch das Gute schaffest, daß die Öffentlichkeit sich mit den Plänen des Reichsjustizamtes befassen kann; überdies ist ein Grund für die Geheim­tuerei kaum ersichtlich: da die Vorschläge teilweise einen bedeutenden Fortschritt in sich bergen, so ist es vor allem zu begrüßen, daß die Strafkammern nicht mehr wie bis­her lediglich aus Richtern bestehen sollen, sondern daß auch zu diesen Schöffen hinzugezogen werden sollen. Es gibt vielfach Gegner der Hinzuziehung von Laien zur Rechtsprechung, aber man wird nicht umhin können, zu erklären, daß gerade die Hinzuziehung von Personen, die im alltäglichen Erwerbsleben stehen, mehr Fühlung mit der Volksseele besitzen als der Richter, der leicht durch die langjährige Berufstätigkeit zur Einseitigkeit geführt wird; einen Beweis hierfür bilden die häufig überaus strengen Urteile der bisher lediglich aus Rich­tern zusammengesetzten Strafkammern, während Ent­scheidungen von Schwurgerichten oft weit milder waren. Ebenso ist cs ein bedeutender Fortschritt, wenn gegen die Urteile der Strafkammern Berufung gewährt wird. Der Tendenz, dem Laientum in der Rechtsprechung den ihm gebührenden Platz einzurüumcn, entspricht auch die Absicht, die Schwurgerichte in ihrer jetzigen Zusammen-

Weise zu einem schönen Hause kommen könnten, müßten sie doch auch an den Ankauf eines Gartens denken. Endlich wollten sie sich auch eine Bibliothek nach ihrem Geschmack anlcgen.

Der Vater hatte jedoch wohl Ursache, es mit seinem Sohn nicht zu verderben und wollte dessen Wünschen nicht allzuschrosf begegnen. So wich er denn diesmal von seinen Grundsätzen ab und sagte:Gut, wir wollen ein Haus erwerben; wir brauchen aber nicht zu eilen; wir können in unserer Straße demnächst ein recht schönes Haus samt Garten kaufen, denn sobald es fertig auöge- baut ist, wird der Eigentümer es verkaufen müssen. Darauf wollen wir warten!"

Und der Eigentümer dieses neuen Hauses, Ao-soo- chin, war in der Tat nich imstande, den fetnangelegten Spekulationen eines so verschmitzten Mannes wie Tang- yo-chuen zu entgehen.

Uu-soo-chin hatte seine Freude daran, sich an poe- tischen Werken zu ergötzen, ohne daß er die Absicht hatte, sich als Gelehrter einen Namen zu machen. Er liebte die Bequemlichkeit über alles und hatte einen unüber­windlichen Widerwillen gegen jedes öffentliche Amt; er war dazu uicht^geboren, die Stelle eines Mandarinen einzunehmen. Darum wendete er frühzeitig seine Ge­danken von Erwerbung eines großen Namens ab, ergab sich vielmehr den Reizen der Dichtung und dem Genüsse des Weines. Natürlich geriet er dadurch an den Bettelstab.

Gärten anzulegen und Sommerhäuser zu bauen, war. solange er lebte, seine größte Freude und unausgesetzte Beschäftigung. Das ganze Jahr hindurch war er in dieser Weise beschäftigt, immer hatte er etwas in dieser Art zu betreiben und stets ließ er es sich bestens ange­legen sein, daß seine Arbeiten den möglichsten Grad von Vollendung erhielten und wenigstens über das Ge­wöhnliche erhaben seien.

Mögen andere Leute", pflegte er oft zu sagen,sich mit dem Besitze vieler Ländereien brüsten mögen wieder andere sich mit ihren sonstigen Reichtümern be-