Wette L.
Dienstag, 4L Juni 1907.
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Msrgen-Ausgave, 1. Blatt.
Nr. 2S§.
-„Brest. Akademischen Mitteilungen" zufolge: Nach der gesamten Entwickelung des Frauenstudiums in Len letzten Jahren und nachdem die Zulassung der Frauen zu den Kollegien, Seminaren und Prüfungen in der Hauptsache praktisch erreicht ist, erscheint es angemessen, den Frauen, welche die gleichen Vorbedingungen erfüllen wie die Männer, auch formell das Universitätsstudium freizugeben, wie das in den süddeutschen ,Staaten bereits geschehen ist.
* Allgemeines Jnvalidengesetz oder besondere Versicherungsanstalt? Um diese Frage wird unter Len Privatangestellten gegenwärtig lebhaft gekämpft. Der z,Hauptausschuß für die staatliche Pensionsversicherung", Lern reichlich 30 Berufsvereine angeschlossen sind, wünscht unbedingt eine selbständige, von der Arbeiter- Versicherung möglichst getrennte Privatbeamtenversiche- -rung. Eine andere große Gruppe von mehreren -hunderttausend Angestellten, die ihren Mittelpunkt im Sozialen Ausschüsse von Vereinen technischer Privatangestellten findet, glaubt LasZiel am besten zu erreichen durch einen weitgehenden Ausbau und eine Verbesserung des bestehenden Jnvalidengesetzes. Der Werkmeister-Verband, der bisher allein auch im Hauptausschuß diesen Standpunkt vertreten hat, bemüht sich, für sdie entscheidende Tagung im Oktober eine gemeinsame -Beratung aller Verbände zu erzielen, um eine Teilung -und die Aufstellung von zwei verschiedenen Programmen zu vermeiden.
* 706 Lokomotive» in Auftrag gn geben. Das Eisenbahnzentralamt in Berlin ist beauftragt worden, wegen Beschaffung von 700 Lokomotiven verschiedener Gattung für das Etats fahr 1008 mit den Werken, die zurzeit für die preußisch-hessische Staatseisenbahnverivaltung beschäf- Itigt sind, in Verhandlung zn treten. Die Lieferungen dieser Lokomotiven sollen am 1. April 1908 beginnen und ton 81. Oktober 1908 abgeschlossen sein.
Heer und Flotte.
Die neue Armecfarbe. Der feldgraue Anstrich der neuen Rohrrücklaufgeschütze ist u. a. bei den Garöe- batterien schon durchgeführt. Alltäglich kann man sich jetzt in den Straßen Berlins bei den vom Exerzieren aus dem Kreuzberg zurückkehrenden Artillerietruppenteilen davon überzeugen, wie die zukünftige Grundfarbe der Armee aussieht. Der auch für die Feldbekleidung gewählte Farbenton ist ein gedecktes Grau-Grün, das Fcchrzeuge und Mannschaften im Gelände für das Auge selbst auf geringe Entfernungen sehr schwer sichtbar macht. Sämtliche Neuanschafsungen für die Armee werden, wi.e die „Rhein.-Wests. Ztg." schreibt, schon seit einiger Zeit in der neuen Tuchfarbe ausgeführt.
S. M. S. „Blitz", der Aviso der Hochseeflotte, hat bei Übungen in der Nordsee Havarie an der Steuerbord- schraube erlitten -und ging in die Kieler Ka'iserwerft.
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Ausland.
FimrtkreiÄ.
Der allgemeine Arbeitsvcrband und die Syndirats- oereinigung des Seinedepartements hielten gestern eine Versammlung ab, um gegen die Verhaftung der Antr- militaristen Bousquet, Levy Marck urcd Uclot zu protestieren. Hierbei hielt Saureg eine Rede, in der er sagte, die Regierung habe, als sie diese willkürlichen Verhaftungen anordnete, eine sehr böse Unklugheit begangen. Die Antimilitaristen hätten nur wiederholt, was die Minister gesagt hätten. Redner erklärte dann, es sei ein Verbrechen, wenn Arbeiter in Uniform aus Arbeiter in Blusen schössen. Das einzige Heilmittel sei, Daß das Eigentum Gemeingut aller werde. Er forderte die Arbeiter auf, sich in Syndikaten zusammenzuschließen. damit sie die Herren würden. Jaurtzs griff dann heftig die Regierung an, die reaktionär sei und die Mehrheit der Kammer, die noch reaktionärer fei und schloß mit einem Hinweis auf das im Süden des Landes erwachte Proletariat und seinen ungestraften Aufruhr. Die Versammlung verlief ohne Zwischenfall.
Kalkfelserl Sie bekannten „Ster n k a m m e r n". Es sind dies Tropfsteinhöhlungen, die von Ausflüglern gerne besichtigt werben. Eine Wcgeaabelung führt zur Rechten in die „Erdbacher Schlucht", durch welche man nach dem durch seine Tonwarenindnstrie bekannten Dorse Breitscheid gelangt. Ein Gang durch die Schlucht ist sehr lohnend. Zn beiden Seiten steigen die Bergwände steil an: hier und -da treten gewaltige Kalkfelscn zutage. Prachtvolle Buchen streben mit ihren Silberstämmen kerzengerade zu ftaunenerregender Höhe empor, und ihre Kronen bilden ein grünes Blättcrdach. Hat man die Schlucht durchwandert, so kommt man nach wenigeir Minuten an die Stelle, an welcher der Erdbach plötzlich unter der Erde verschwindet. Er durchfließt die Kalkselsen und ergießt sich an der Wegegabelung unterhalb her Schlucht freundlich murmelnd in den Erdbacher Wiesengrund.
Von Erdbach aus windet sich die Bahn immer höher hinauf. Bald treten zu beiden Seiten schöne Tannenoder Buchenwälder an den Bahnkörper heran, bald bietet sich dem Reisenden ein entzückender Ausblick in ein friedliches Tal, in eine Schlucht, auf ein trauliches Dorf oder über bewaldete Vergkuppcn, die den Horizont abschließen. Besonders reizvoll ist der Blick auf das Dorf §Schönbach mit seinem weißen Kirchlein in der Mitte. Schönbach wird viel von Sommerfrischlern besucht. Recht lieblich ist auch der Ausblick über das Rehbachtal mit seinen Kuppen, die -man wohl etwas mit dem Schwarzwald vergleichen möchte. Bei dem verträumt im Tanucn- walde liegenden Dörfchen Heiligenborn erhebt sich an einer Quelle eine ehrwürdige Linde, die der Sage nach die heilige Elisabeth auf ihrer Flucht von Marburg hier gepflanzt haben soll. Irr Driedorf sicht man einige Burgtürme, kleine Reste der Stadtmauer und die Trümmer des sog. Junkernfchlosses, welche von einer großen Vergangenheit roden. War doch Driedorf im Mittelalter eine bedeutende L-tadt, die zum Mittel-
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Professor L a d ö von der Nalc-Universiiät, welcher auf besondere Einladung des japanischen Generalresiöenten in Soeul Marquis Jto zwei Monate in Korea verbrachte, spricht sich hoffnungsvoll über die Verhältnisse auf der Halbinsel aus, welche unvergleichlich günstige seien. Den unlängst im koreanischen Ministerium vollzogenen Wechsel betrachtet er als einen Beweis für Jtos Einfluß: er stellt auch fest, daß in den Beziehungen der Ausländer zur Residentschaft eine erhebliche Besserung eingctreten sei. Korea sei nun frei von Verwicklungen und Unruhen, das Land fange jetzt an, Nutzen zu ziehen aus den landwirtschaftlichen und sonstigen Reformen in den letzten Jahrzehnten.
Urrririrgts Staatoir.
Aus New Jork wird berichtet: In den Vereinigten Staaten ist nunmehr die Einwanderung mit einer Art Kopfsteuer belegt; jeder Einwanderer muß eine Summe von 17 M. zahlen. Für die armen Leute, die doch kaum aus Überfluß an irdischen Glücksgütern ihre Heimat verlassen, um im neuen Erdteil ein unsicheres Glück zu suchen, bedeutet die Steuer natürlich einen harten Schlag. Da die neue Steuer erst vom 1. Juli zur Erhebung kommt, zeigen die Einwanderungsziffern zurzeit ein rasches Emporschnellen: im April haben allein in New Jork 140 000 Einwanderer zuerst ihr neues Heimatsland betreten; für den Mai berechnet man ein Anwachsen auf 150 000 und im Juni mag die Zahl noch höher werden. Der 7. Mai bezeich- nete einen Rekord. An diesem Tage landeten im New Aorker Hasen nicht weniger als 16 000 Einwanderer.
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Aus Stadt mib Fand.
Wiesbadener Nachrichten.
Wiesbaden, 4. Juni.
Ein Gedenktag für Nassau.
Das greise schwedische Königs paar begeht in diesen Tagen die Feier seiner goldenen Hochzeit. Dieses erfreuliche Ereignis interessiert auch uns Nassauer besonders, ist doch die Jubelbraut eine Prinzessin aus dem erlauchten Geschlecht, das vis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Geschicke unserer engeren Heimat zu lenken berufen war, und steht doch gerade sie noch bei manchen in angenehmer Erinnerung. „Unsere Prinzeß Sophie" war im ganzen Nassauer Länd- chen ob ihres liebenswürdigen, einfachen Wesens und ihrer gewinnenden Erscheinung bekannt und verehrt, und als im Jahre 1887 die Verlobung Ihrer Durchlaucht mit dem Prinzen Oskar von Schweden verlautbar wurde, da mischte sich in die Freude über eine solch edle und vornehme Verbindung doch auch der schmerzliche Gedanke, die jugendliche Fürstin nun bald fort in die nordischen Lande ziehen sehen zu müssen — damals eine räumliche Trennung von weit größerer Bedeutung als heute. Und der Scheidenden selbst ging der Weggang aus dem Vaterhaus und dem Heimatland gewiß ebenfalls sehr nahe, wo ihr das Glück elterlicher Liebe und geschwisterlicher Zuneigung und die Sympathie des Volkes in so hohem Grade beschieöen war. Wer der Bund, der vor nunmehr 50 Jahren im nahen Biebrich fürs Leben von den zwei Fürstenkindern in feierlichster Weise geschlossen und gesegnet wurde, er hat reichlich gehalten, was man sich damals von ihm versprochen, was für ihn aus Tausenden Herzen von der Vorsehung erfleht wurde. Er hat vor allem der späteren Königin Sophie auch eine neue Heimat gebracht, die als voller Ersatz für die alte gelten konnte in jeglicher Beziehung. Freilich hat die Tochter Nassaus deshalb nie ihr Mutterland vergessen, sondern dessen stets in Dankbarkeit und Berohrung gedacht, im Lause der Zeit auch wohl keine Gelegenheit versäumt, die trauten Plätze, an denen sie ihre sonnige Kindheit verlobt, immer und immer wieder aufzusuchcn. Auch in diesen Tagen wieder wird das Herz der Schwedenkönigin höher schlagen bei der Erinnerung an die alte Heimat, an das festliche Gepränge und
rheinischen Städtebunde gehörte, und in Chroniken zusammen mit Cöln, Coblenz und Mainz genannt wird. Auch Driedorf wäre, zumal cs Arzt und Apotheke besitzt, Sommerfrischlern zu empfehlen. Von Driedorf aus führt die Bahn über Mademühlen-Rohe nach dem Flecken Rennerod. Am 16. Juni d. I. soll die Teilstrecke Rennerod-Westerburg dem Verkehr übergeben werden. Um die Einmündung der Bahn in Westerburg zu ermöglichen, war der Bau einer Brücke notwendig, die — von beträchtlicher Höhe und Länge — des öfteren von Touristen besichtigt wird.
Äußerst lohnend ist auch ein Besuch der Ruine ©reifen ft ein. (Von Sinn oder Edingen aus, oder aber nach einer andertHalbstündigen Fußwanderung von Driedorf über die Seibhofer Viehweide und durch schönen Buchen- und Tannenwald zu erreichen.) Greisenstein ist eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Ruine des westlichen Deutschlands. Nachdem die Burg im Jahre 1280 zerstört worden war, führt: sie Graf Johann von Solms im Jahre 1383 trotz kaiserlichen Verbotes wieder ans. Nun blieb sie bis zum Ende des 17. Jahrhunderts der Sitz der Greisensteiner Herren. Dann siedelten die Greisensteiner nach dem Schlosse Braunseis über, und Greifenstein geriet in Verfall. Aber noch heute ragen seine beiden Türme, der Nassauer- und der Bruderturm, auf deren einem ein Greif, das Wahrzeichen der Greisensteiner Ritter, sich windet, stolz und ungebrochen in die Lüfte. Es ist ein imposanter Anblick, wenn man aus dem Walde tritt und plötzlich die düstere, mächtige Burg vor seinen Augen sieht, die, aus schwarzem Basalt aufgebaut, wie ein echtes Raubnest in die weiten Lande blickt. Seit kurzem werden Renovierungs- arbeiten an der Ruine vorgenommen, um diesen interessanten Zeugen einer längst dahingeschwundenen Zeit der Nachwelt zn erhalten. Ausgedehnte Gewölbe ziehen sich unter der Burg her. Wenn man zur Burg hinansteigt, führt zur Linken ein kleines Treppchen in einen
die warmen Sympathien, welche vor einem halben Jahrhundert ihr und ihrem fürstlichen Bräutigam in so reichem Maße entgegengebracht wurden. Ganz Nassau feierte mit, natürlich pulsierte die Festesfreude am stärksten in den damaligen Residenzen des Herzoglichen Hauses, besonders aber in Wiesbaden und Biebrich. Ende Mai wurden in allen Kirchen Prinz Oskar von Schweden und seine Braut Prinzessin Sophie von Nassau zum erstenmal anfgeboten. Die Hochzeit war aus den 6. Juni 1857 festgesetzt. An diesem Tage fand hier große Parade statt, zn der ein Teil der Beurlaubten auf den 2. Juni einberufen worben war, und zwar 48 Mann für jede Kompagnie. Jur Hoftheater wurde zur Feier der Vermählung die Meyerbeersche Oper „Robert der Teufel" gegeben. Die Aufführung war in Dekorationen und Kostümen für die damalige Zeit mit außerordentlichem Glanz ausgestattet und die vorzüglichsten Kräfte waren zur Darstellung der Hauptrollen berufen: Niemann (Robert), Dalle-Aste (Bertram), Fräulein Wildauer (Jsabella) und Luise Meyer (Alice). Das Darmstädter Ballett kam zur Teilnahme Herüber. Herzog Adolf erließ 12 im Korrektionshaus und 6 im Diezer Zuchthaus befindlichen Sträflingen den Rest ihrer Strafe. Es waren wegen bürgerlicher Verbrechen Verurteilte; politische Inhaftierte hatte Nassau damals nicht. Der hiesige Gemeinderat ließ zur Verherrlichung der Festlichkeiten während deren Dauer die städtischen Gebäude mit Kränzen und Fahnen dekorieren und die Bewohner der Stadt wetteiferten in der Beteiligung an dieser Begrüßung des hohen Paares, bot doch auch die Jahreszeit dazu besondere Gelegenheit. Am 3. Juni trafen die fürstlichen Verlobten in Wiesbaden am herzoglichen Hofe ein, nachdem Prinz Oskar taas vorher aus einem Dampfboot mit großem Gefolge in Biebrich gelandet war; zwischen dem 3. und 6. Juni kamen die zur VermählungsseierlichLeit geladenen fürstlichen und anderen hohen Gäste an. Am 6. Juni folgte im Schlosse zu Biebrich die feierliche Trauung und daran anschließend große Cour und Vorstellung. Um den Vermählungstag der „Prinzeß" in würdiger Weise zu feiern, hatte sich von Wiesbadener Bewohnern zu diesem Zweck ein Komitee gebildet, das am Abend des Vermählnngstagcs am Schloß zu Biebrich eine Serenade veranstaltete, ausgeführt von den Mnsikkorps des 1. und 2. nassanischen Regiments und den Wiesbadener Gesangvereinen, und dafür sorgte, daß Bewohner von Wiesbaden und Biebrich-Mosbach sich zu einem Fackelzug vereinigten. Die Serenade wurde im Schloßhvs abgehalten. Dabei brachte der Bürgermeister von Biebrich das Hoch auf die Gefeierten aus, der Bürgermeister von Wiesbaden ließ das Regentenhans leben, Böllerschüsse erdröhnten und Musik spielte aus einem auf dem Rhein aus- und abfahrenden Schiffe. Ganz Wiesbaden und ganz Biebrich — damals allerdings noch zwei verhältnismäßig kleine Städte — waren auf den Beinen und allenthalben herrschte die fröhlichste Stimmung. Am folgenden Tage wurde die schon erwähnte Parade, die Festvorstellnng im Theater am 8. Juni abgehalten. Am 9. Juni war großer Ball im herzoglichen Schloß und an: 10. Ruhetag. Das Neuvermählte Fürstenpaar reiste am 11. Juni ab. Kurz vorher hatten die hiesigen Damen der jungen Fürstin noch eine Bibel in kostbarem Einband überreichen lassen. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert da- hingcgangen und das wechselvolle Spiel des Lebens auch an dem jugendlichen Fürstenpaar von damals, das nun die goldene Myrte schmücken soll, nicht spurlos vorübcr- gegangen. Aber sichtlich waltet über ihm ein glücklicher Stern, der ihm in guten wie in trüben Tagen leuchtete und namentlich in einem selten schönen Familienleben zur schönsten Wirkung kam. Aus dem Ehebund am 6 Juni 1857 sind vier Sprossen dem Hause Bernadotte erblüht: Kronprinz Gustav Adolf, Prinz Oskar, Prinz Karl und Prinz Eugen. Durch die Vermählungen des Kronprinzen von Schweden mit der Prinzessin Viktoria von Baden und des Erbgroßherzogs von Baden mit der Prinzessin Hilda von Luxemburg, Prinzessin von Nassau, sind inzwischen weitere direkte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Schweden und Nassau-Luxemburg entstanden. Auch darin liegt eine Gewähr, daß deutsches Fühlen und Denken auch im schwedischenKönigshanse nie
Burgrcnrm mit gewölbter Decke, der in die Ebbe eingebaut ist, Man steigt das dunkle Treppchen hinunter und sieht sich auf einmal in einer weiten Halle von beträchtlicher Höhe. Da man Es dem Dunkel des Treppenganges so unerwartet in einen lichten Raum tritt, ist der Anblick geradezu überwältigend. Allem Anschein nach war die Halle in zwei Stockwerke geteilt, wenigstens berechtigen Schutthaufen in der Tiefe und Basaltsäulen, die in Halver Höhe aus dem Mcmerwerk — gleichsam als Träger — hervorragen, zu der Annahme, daß die Decke nicdergebrvchcn sei. über die Bestimmung des Raumes habe ich aus dem Munde der Dorfbewohner gehört, daß es eine Mühle gewesen sei. Für die Richtigkeit dieser Ansicht kann ich mich jedoch nicht verbürgen.
Wir gehen nun zur Greisensteiner Burg- kapelle. Im ersten Augenblick ist man ziemlich enttäuscht. Schmucklos, mit kahlen Wänden, ohne Turm, nur auf jedem Giebel mit einem schlichten Kreuze versehen, steht die Kirche da. Doch wie erstaunt man, wenn man ihr Inneres betritt! Solche Pracht hätte man hinter dem bescheidenen grauen Mauerwerk nimmer gesucht! Die Seitenwänöe, die Kanzel, die Decke, ja selbst die Fensternischen weisen großartige Stückarbeit aus. Girlanden von Früchten, Blumen- und Blätterranken ziehen sich an den Fenstern und Seiten Hin, reizende kleine Engelfiguren schweben an der Decke, schauen aus den Girlanden hervor, sitzen mit Posaunen und Palmzweigcn zu Hänpten der Kanzel. Die Bänke in ihrem schlichten weißen Anstrich erhöhen noch die Wirkung der buntgemalten Seitenwände und der Decke. An den Wänden und an der Decke sind Felder freigeliassen, in denen Bibelverse ausgezeichnet sind. Bor der Orgel ist das Wappen derer von Greifenstein, und da steht zu lesen, daß die Kirche in den Jahren 1683 bis 1694 vorn Grafen Wilhelm I. und seiner „edlen Frauen" erbaut wurde. Bor einigen Jahren erst wurde sie restauriert und sieht
