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Nr.».

Wiesbaden, Freitag, 12. April 1907.

55. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

_1. WccrtL.

England Ln Ägypten.

Unser Korrespondent schreibt nies aus London unterm 7. d. M.:

Nach dem Borgehen der gegenwärtigen englischen Regierung im Transvaal ist es nicht überraschend, daß es sich allenthalben im britischen Riesenreich zu regen beginnt und Iren, Inder, Ägypter und andere mehr oder weniger dringend nach nationaler Selbständig­keit verlangen. Das Nilreich gehört allerdings nomi­nell nicht unter die britische Flagge, und seine Okku­pation durch die Engländer soll nur eine zeitweilige sein, aber namentlich seitdem Frankreich anderweitig abgesunden wurde, ist eine Räumung vollständig aus­geschlossen. .. Gladstone schwärmte einst davon, ein selbst- iständiges Ägypten zu schaffen, aber die heutigen Libe­ralen würden es, trotz ihrer außerordentlichen Macht­stellung, gewiß nimmermehr wagen, einen solchen Schritt zu unternehmen. Dagegen möchten sie den Ägyptern eine Art Home Rule verleihen, und diese ver­säumen daher natürlich nicht allerhand Ansprüche geltend zu machen. Infolgedessen entwickelte sich eine sogenannte nationale Bewegung, und so vernehmen wir denn nun, daß die Fellahs nach parlamentarischen In­stitutionen dürsten. Über die Bedeutung jener Be­wegung wurde der Regierung unlängst von Lord Cromer Bericht erstattet, der indes als echter Tory keine Neigung empfindet, auch nur auf ein einziges der vermeintlichen Rechte Englands in Ägypten zu verzichten. Daher ließ er es sich auch in seinen! soeben veröffentlichten Bericht angelegen sein zu beweisen, oder wenigstens den Beweis zu versuchen, daß die Verhältnisse im modernen Ägypten derartige sind, daß die Anwendung liberaler Grund­sätze daselbst gefährlich wäre. Wie er sagte, waren die Ägypter ein unterdrückte Rasse während so langer Zeit, daß Nationalbewußtfein sich bei ihnen nur sehr "langsam zu entwickeln vernnag. Er bezeichnete es als eine der Ironien der Geschichte, daß England, das durch sein segensreiches Wirken in dem alten Pharaonenreich ge­wissermaßen den Boden für die neue Idee bestellte, »ich nun den Vorwurf aufladen muß, das größte Hindernis für ihre Durchführung zu sein. Nach seiner Ansicht könne auch von einer rein nationalen Bewegung gar keine Rede sein, ^ denn sie wäre zum großen Teil pan- islamitischer Natur. Ihr Urheber schwärmen nach Lord Cromer von einer Vereinigung aller Mohamme­daner behufs Erhebung gegen dieMächte" der Christenheit.

Als die wahren Nationalisten Ägyptens bezeichnete rr die Jünger und Anhänger des verstorbenen Mohammed Abdon, und zwar, weil diese die Zivili­sation des Westens wollen. Solange jener Mann am Leben war, ließ es sich jedoch gerade Croiner, in trauter

Feuilleton.

kNachdruü verboten.)

Das Carnegie-Institut.

In diesen Tagen finden die großen F e i ? r l i ch - Seiten und Empfänge statt, unter denen der ameri­kanische Multimillionär Carnegie die Gebäude des von ihm gegründeten Carnegie-Instituts der Stadt und den Bewohnern von Pittsburg über­geben wird. Deutschland, England und Frankreich wer­den durch besondere Delegationen vertreten sein, Uno die hervorragendsten Männer des amerikanischen Geisteslebens werden an der Eröffnung dieser groß­artigen philanthropischen Stiftung teilnehmen. Pitts­burg ist in Amerika als dieRauchstadt" bekannt und die Möglichkeit des Lebens wird in diesem ungeheueren Fabrikorte durch die gewaltigen Dunstwolken, die be­ständig den Himmel verhüllen, durch all den Dampf und Gestank, den diese gewaltigen Jndustrieunternehmungen beimrsachen, durch das Fehlen aller Naturschönheit den Bewohnern wirklich nicht erleichtert.

Carnegie aber verdankt gerade diesen großen Stahl- und Eisenwerken sein ungeheueres Vermögen, und so hat er es sich denn zum Ziele gesetzt, diese notwendigen Schäden und Mißstande des modernen sozialen Lebens nach Kräften wieder gut zu machen und in dieser traurigen Umgebung eine Hochburg aller geistigen Interessen zu errichten den an Häßlichkeit, Schmutz und Rauch gewöhnten Sinnen die Schönheit der Kunst, . den erhebenden Genuß der Bildung und Lektüre in reichem Maße zuteil werden zu lassen. Durch sein Jn- stftut will er den Bewohnern von Pittsburg alle die Vorteile gewähren, die in glücklicheren und reicheren Gegenden den Menschen gespendet werden; er will ihnen

Gemeinschaft mit den Paschas, angelegen sein, ihn zu unterdrücken, ©cm Anhang wurde daher auch im Laus der Zeit immer kleiner, und man darf es wahrlich als eine der Ironien der Geschichte bezeichnen, daß Cromer seiner Regierung nun empfiehlt, das abermalige Wachstum der Nationalistenpartei abzuwarten, ehe sie Ägypten liberale Institutionen gibt. In der Zwischen­zeit wünscht er dem Lande als Ersatz für ein Parlament einen sogenannten legislativen Rat zu bescheren und die eine Hälfte der Mitglieder selbst zu wählen, während die andere von den Vertretern der Mächte zu ernennen wäre. Es bildet das gewissermaßen seine Antwort auf das von den ägyptischen Nationalisten ausgestellte Pro- gromin und würde im Fall der Zustimmung der Londoner Regierung ihn vollständig zum Autokraten des Nilreiches machen. Die Einführung eines abso­lutistischen Regimes als Vorbereitung für die Selbst­regierung wäre eine Art Dt. Eisenbart-Kur, und gewiß eine sehr schroffe Entgegnung auf die gegenwärtige politische Bewegung in Ägypten. Geschieht indes nichts, so könnte sich die Lage leicht gefährlich gestalten, denn als sich die Nationalisten bald nach dem Antritt der gegenwärtigen Regierung zu regen begannen, sah diese sich bereits gezwungen, den englischen Okkupations­truppen Verstärkungen zu senden. Nach alledem scheint es, als würde Großbritannien denrnächst einem neuen und ernsten Problem gegenüberstehen, das leicht weit­reichende, auch internationale Folgen haben könnte, betriebe inan seine Lösung nicht in energischer, zielbe­wußter Weife.

Deutsches Deich.

* Dsntsch-englischcs Verftändigungskvnntee. Auf ein Jahr Arbeit kann das deutsch-englische Verstän- digungskomiiee znrückschauen, das im September 1905 in Luzern von einem Dutzend Deutschen und Engländern in der Absicht begründet wurde, in beiden Ländern der bestehenden gefährlichen Aufregung und Gereiztheit ent­gegenzutreten. Eine Versammlung in Caxton-Hall in London, die am 1. Dezember 1905 unter dem Vorsitze Lord Aveburys tagte, trug die Kunde in weite Kreise und weckte auch in Deutschland ein kräftiges Echo. In glänzend besuchten öffentlichen Versammlungen, in Berlin am 17. Dezember 1905, München am 6. Januar, Cöln ani 14., Stuttgart am 21. und Dresden am 28. Januar 1006, von -Handelskammern und Vereinen wurde die Übereinstimmung mit den Bestrebungen be­tont und dem Wunsche Ausdruck gegeben, die deutsch- englischen Beziehungen wieder freundschaftlicher und fester zu knüpfen. Eine große Zahl hervorragender Persönlichkeiten bekundete in beiden Ländern ihre Zu­stimmung. Eine ruhigere Überlegung hat nun Platz gegriffen und der Erkenntnis die Bahn wieder geebnet, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und England für das Gleichgewicht der Mächte von fast ausschlag­gebender Wichtigkeit ist. Das Komitee darf sich sagen,

ein Gebiet edler Unterhaltung eröffnen, dahin sie sich aus der Eintönigkeit und Schwere ihrer Arbeit retten können. So hat er zunächst vor zehn Jahren eine große Bibliothek errichtet, die in einem für 4 Millionen Mark erbauten Gebäude untergebracht wurde und zu deren Unterhaltung weitere vier Millionen bestimmt waren.

Der Bibliothek gliederte er dann ein Muse u m für Naturgeschichte und ein Konser­vatorium für Musik Mi, die alle dein Publikum unentgeltlich zugänglich waren. Darauf begründete er. die Carnegie-Schulen für technische Ausbildung, aus denen nun hauptsächlich das Carnegie-Institut hervor­gegangen ist. Alle die Bildungsanstalten erfreuten sich nämlich eines so reichen Zuspruches und regten wissen­schaftlich und künstlerisch so stark an, daß Carnegie be­schloß, das Unternehmen aüsteine ganz große und allge­meine Grundlage zu stellen. Er ließ also mit einem Auswande von 26 Millionen Mark einen prächtigen Gebäudekomplet errichten, der die Bibliothek als Kern umschließt. Dieses neue Hauptgebäude des Instituts steht am Eingang des 400 Acres großen S ch e n l e Y - Parks, der im Herzen von Pittsburg gelegen ist und von Mrs. Schenley der Stadt geschenkt wurde. Dieser prächtige, im Stil der italienischen Renaissance aufge­führte Bau ist eins der größten Gebäude, das die Ver­einigten Staaten überhaupt besitzen. Es bedeckt ein Grundstück von vier Acres. Die stattliche Fassade wiro in ihren Seitenteilen durch korinthische Säulenord­nungen gegliedert, während der Mittelbau eine Reihe korinthischer Pilaster aufweist. Am Friese prangen die Namen berühmter Künstler, Komponisten und Ge­lehrten. Das Gebäude, dessen Mittelteil sich zu impo­nierender Höhe erhebt, ist 600 Fuß lang und mehr als 600 Fuß breit.

Das^ ganze Institut besteht aus fünf Abteilungen, der Bibliothek, dem Museum, der Gemäldegalerie, der

zu den wieöerhergestellteu guten Beziehungen zwischen Deutschland und England viel bergetragen zu haben. Es wäre aber ein Fehler, die Arbeit nun einstclleu zu wollen: vielmehr ist es notwendig, auch für die Folge wachsani zu sein, um gemeinsam mit dem Komitee in England der Wiederkehr früherer Zustände vorzubeugen.

* Eiscnbahnvcrkchrsvrdnnng. Die Konferenz von Vertretern der meistbeteiligten Bundesregierungen und der zuständigen Reichsrcssorts, über die wir schon be­richteten, hat während der zweiten Hälfte der ver­gangenen Woche unter Leitung des Neichs-Eisenbahn- amts getagt. Der von dem Amte ausgestellte Entwurf einer neuen Verkehrsoridnung wurde im wesentlichen angenommen, nur über wenige Punkte ist die Ent­scheidung für die zweite Lesung zurückgestellt worden. Ein großer Teil der von den Vertretungen des .Handels, der Industrie und der Landwirtschaft gemachten Vor­schläge hat Berücksichtigung gefunden. Wie der Präsident des Reichs-Elsenbahuamts bei der Eröffnung mittciltc, besteht die Absicht, zur zweiten Lesung, die im Herbst d. I. stattfinöen soll, gleichfalls Vertreter der Berkehrs- interessen zuzuziehen.

* Die Schuldenlast des Deutschen Reiches belief sich

am Schluffe des Rechnungsjahres 1908 aiif insgesamt 4 013 500 000 M. und an verzinslicher ' Schuld auf 3 543 500 000 M., an unverzinslicher Schuld ans

470 000 000 M. Gegenüber dem Rechnungsabschluß des Jahres 1804 ist die Reichsschnlö um 260 000 000 M. ge­wachsen.

* Der wieder auslebendc Nemsisnismns. Die Revisionisten in der Sozialdemvtratic, die bekanntlich bei den Wählen sehr schlecht abgeschnitten haben, lassen sich trotz des zornigen Eiüspruchs der Parteipäpste nicht cinschüchtern. In dem Freiburger sozialdemokratischen Verein hat dieser Tage der Führer der dortigen Sozial­demokratie, N. Engelen, der neben dem AbgeorSnetew Kolb einer der Hauptvertreter der revisionistischen Rich­tung in Baden ist, seinen intransigenten Parteigenossen einige bittere Pillen zu schlucken gegeben: er erklärte nämlich u. a.:Der Glaube au einen früheren oder späteren Zusammenbruch muß ausgcgcüen werden: einen Zusammenbruch, wie ihn die Gruppe Luxemburg lehrt, gibt es nicht, und er ist auch gar nicht wünschenswert. Die Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaftsord­nung in eine sozialistische kann sich nur vollziehen als ein stetiger Aufstieg in wirtschaftlicher, geistiger und kultureller Beziehung. Das, was wir als Endziel be­zeichnen, wird uns n i e als das Ergebnis einer K a t a - strophe zufallen, sondern nur als eine Errungenschaft langjähriger, opferreicher Arbeit. Unsere Tätigkeit auf politischem, gewerkschaftlichem und genossenschaftlichem Gebiet stellt die soziale Revolution dar. Es ist ein törichtes Gerede, daß dadurch das Endziel in die Ferne gerückt wird. Daß das Endziel noch fern ist, ist gewiß, aber daran sind nicht diejenigen schuld, welche diese Tatsache feststellen, sondern die gegebenen Verhält­nisse. Alles, auch jede Kleinigkeit, die wir für das arbeitende Volk erringen, bringt un^ dem Ziel näher...

Musikhalle und den technischen Schulen. Für die Er­bauung, Ausstattung und Dotierung dieser fünf Ab­teilungen hat Carnegie bisher die Summe von 10 0 Millionen Mark ausgegeben. Die Bibliothek be­steht aus etwa 250 000 Bänden, und zwar haben während des letzten Jahres 584 000 Bände unter den 750 000 Einwohnern von Ptttsburg zirkuliert. Die Besuchszahl der verschiedenen Lesesäle betrug in der­selben Zeit 400 000 Personen. Die Bibliothek hat eine Abteilung für Kinderbücher, durch die 64 Schulen mrt Büchern versorgt wurden. Außerdem sind von der Bibliothek aus zahlreiche Volksbibliothekeu und Lese­vereine ins Leben gerufen worden, durch die an 153 Stellen in Pittsburg Bücher ausgeteilt werden. Das naturgefchichtliche Museum des Instituts gehört zu den ersten des Landes. Es sendet Expeditionen cchs, die besonders wertvolle Entdeckungen von paläontologischen Schätzen in den Staaten des mittleren Westens gemacht haben. Das Museum besitzt eine Scmimlung von 25 000 verschiedenen Vogelarten, eine entomologifche Samm- lung mit mehr als einer Million Exemplaren, groß­artige Kollektionen auf dem Gebiete der Botanik, Mineralogie, Zoologie, Ethnologie und Münzenkunde, schöne Sammlungen von Keramiken, Geweben und Werken der graphischen Künste.

Die Gemälde-Galerie enthält eine ständige Ausstellung von Gemälden und Plastiken; sie.soll aber ihren eigentlichen Wert erst durch die jährlichen inter» nationalen Ausstellungen erhalten, in denen Kunstwerke aus allen Teilen der Welt vereinigt iverdcn Es wird also nach dem ausdrücklichen Wunsche des Stifters die moderne Kunst hier eine Stätte ihrer besonderen Pflege finden. Die Jury der Ausstellungen wird durch eine höchst sinnreiche Methode zusammengesetzt. Jeder Künstler von Beruf, der die Ausstellung des Carnegie- Instituts beschickt, ist berechtigt, elf Maler zu neyueu,