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Nr. 151.

Wiesbaden, Sonntag, 31. März 1907.

55. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__1. Matt.

Wegen des Osterfestes erscheint die nächste Tagblatt"-Ausgaüe am Dienstagnachmittag.

Jmtt Osterfest.

Als das Fest des Frühlings, als das Auferstehungs­fest der Natur aus dein langen Wluterschlafe feierten unsere heidnischen Vorfahren das Osterfest. Diese Be­deutung ist, wenn sich auch der natürliche Zusammen­hang des Osterfestes mit dem wunderbaren Übergang per Natur aus stürmischer, ungastlicher Winterkälte zur freundlichen und wohltuenden Wärme des Sommers jedem bemerkbar macht, vor der kirchlichen , zurückge­treten, denn für die christliche Religion bedeutet das Osterfest die schmerzvolle, aber glorreiche Erinnerungs­feier an den Versöhnungstod und an die Auferstehung -Christi. Aber es hieße dem Gedanken und dem Wesen pes Osterfestes nur schlecht gerecht werden, wenn man in ihm lediglich den Ausdruck der Hoffnung auf ein echt neues, besseres Leben nach dem Tode erblicken wollte. Für den weltumwälzenden Berus des Christentums, für die Aufgabe, die es auf Erden zu erfüllen hatte, ist nicht der Tod Christi von entscheidender Bedeutung ge­wesen, sondern das Werk, das er lebend und sterbenv vollbracht.

Diese Gewißheit, daß das, was wir tun und schaffen, nicht nur für die kurze Spanne dieses vergänglichen Lebens geschaffen worden ist, haben auch wir. Auch der­jenige, dem die Hoffnung auf eine Zeit, da wir uns jenseits von Gut und Böse befinden, zu fern und zu un­sicher erscheint, um seinen Trost darin zu finden für die Arbeit an Werken, deren Vollendung er nicht mehr er­blicken, deren Vorteile er nicht mehr genießen kann, hat doch die beruhigende Gewißheit, daß fein Wirken und Schaffen mit feinem Tode nicht ganz erlischt. Wissen wir doch, daß, was wir gewirkt, fortlebr und weiter wirkt in unseren Kindern, in unserem Volke, in der Entwickelung der Menschheit überhaupr, denn wie klein und unbedeutend das auch sein mag, was den In­halt unseres Lebens duldet, wir wissen doch, daß es ein notwendig Teil von jenem großen Ganzen ist, das nur dadurch entsteht und besteht, daß eins sich zu dem andern fügt.

Freilich, wir müssen lernen, uns zu bescheiden, uns an den Gedanken zu gewöhnen, daß nicht allen be- schieden ist, selbst das zu ernten, was sie gesäet haben.

Wer sich an eine solche abgeklärte Betrachtungs­weise gewöhnt hat, der wird auch die kleinen und großen Schmerzen und Leiden, Sorgen und Mühsale, die uns als Erdenbürger wie als Staatsbürger zuerteilt sind, seichter und mannhafter ertragen. Und an solchen

FemUetmr.

(Nachdruck verboten.)

GsterglauDe.

Von Karl Kiering.

Sie trägt es wie ein Mann", erzählten ihre Guts- snachbarn im Kreis der Familie, so oft sie draußen zwi­schen Weizen oder Klee der verwitweten Frau Ritter­gutsbesitzer Rottmann begegnet waren. Dann seufzten die Frauen wohl mitleidig und sahen auf ihre Kinder. Den Mut, die Härte des Lebens in gleicher Weise zu tragen, empfand keine dieser glücklichen, mit gutgeratenen Kindern gesegneten Mütter. Woher nahm die zarte, verwöhnte Frau Rottmann nur diesen heldenhaften Mut?

Sie sagte es nach der dunkelsten Stunde ihres Lebens dem alten Seelsorger. Damals hatte der Direktor des Karlgymnasiums ihr die Nachricht gesandt, daß ihr einziger Sohn Walter ohne ersichtlichen Grund aus der Pension verschwunden und trotz aller Bemühungen nicht auszufinden sei. Und der alte Pastor batte sie stützen wollen. Ihr Gesicht war bleich, ihre Gestalt gebeugt ge­wesen von dem Schlag, der einst eine Maria zerbrach, und dennoch hatte sie dem Greis ein wundersames Be­kenntnis ablegen können:

Ich habe meine Eltern und meinen geliebten Mann begraben müssen . . . und es hat den Anschein, als ge­sellte sich mein Sohn zu ihnen . . . aber, dem ist nicht so, mein Herz weiß es anders. Mein Osterglaube stützt mich ... er wird heimfinden."

Sie wußte, warum ec gegangen war. Seine unge­wöhnliche Reife schwang sich über die Wünsche der Jugend hinaus und griff nach den Gütern, die sie ihm vorenthalten mußte. Seine Liebe zur Musik war ihr längst kein Geheimnis mehr. So lange er sie nach ge-

Sorgen und Mühen hat es der Menschheit in diesem irdischen Jammertale" nie gefehlt, fehlt es auch uns nicht!

Ein heißer, schwerer Wahlkampf liegt hinter uns, und die Erregung dieses Kampfes zittert noch in uns nach, ebenso wie die Ungewißheit über die weitere Ent­wickelung der im Zeichen der konservativ-liberalen Paarung stehenden innerpolitischen Verhältnisse noch fortdauert. Und neben den politischen Sorgen sind uns auch solche wirtschaftlicher Natur beschieden. Während auf der einen Seite der gewaltige Aufschwung unserer Industrie einen Rückschlag zu erfahren droht, wächst auf der anderen Seite die Neigung der Arbeiter, die Kon­junktur zu erhöhten Lohnforderungen zu benutzen und mit dem freilich zweischneidigen Mittel der Streiks zu ertrotzen, in bedrohlicher Weise. Trotz alledem aber darf die sichere Hoffnung gehegt werden, daß die De­pression, unter der unser Wirtschaftsleben zurzeit leidet, nur eine vorübergehende Erscheinung und nicht etwa der Vorbote einer wirtschaftlichen Katastrophe ist.

Doch hat unsdas gewaltige Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt", gerade in jüngster Zeit schwere Katastrophen anderer Art beschieden. Hunderten von arbeitsamen Bergleuten sind Massengräber tief im Schoße der Erde gegraben worden, Hunderte von braven Seeleuten und lebens­frohen Menschen haben bei den schweren Schiffskata­strophen der letzten Wochen einen jähen Tod in den Fluten gefunden. Aber aus diesen verlustreichen Un­glücksfällen haben wir doch zugleich eine erfreuliche Ge­wißheit von allgemein menschlicher Bedeutung ge­schöpft. Wir haben gesehen, wie das Mitleid die Menschen einigt, die sonst so vieles trennt, wie das warmberzige Mitgefühl die Menschen veranlaßt, sich über die Schranken der Nationen hinweg brüderlich die Hände zu reichen. Dies Mitleid und die werktätige Nächstenliebe, die es erzeugt, bildet vielleicht einen noch wichtigeren Faktor zur Annäherung der Nationen als die zweite Friedenskonferenz, die im Juni eröffnet wer­den soll, und von der die unter der Last der militärischen Rüstungen seufzenden Nationen, wenn auch nicht die erträumte Abrüstung, wenn auch nicht den ewigen Frieden, so doch wenigstens eine Milderung der Kriegs­greuel und eine größere Geneigtheit zu schiedlich-fried- licher Verständigung erhoffen.

Gut Ding will eben Weile haben, aber wenn die Wege, die wir gehen, auch oft genug gewuirden und verschlungen sind, so führen sie doch vorwärts. Ein jedes Jahr bringt uns den kalten, ungastlichen Winter, aber dem Winter folgt der Frühling und dem Frühling der Sommer. Wer aber in wechselndem Laufe der Zeiten verzagen wollte, für den enthält das Osterfest die Zuversicht spendende Verheißung, . daß nach den ewigen, unwandelbaren Gesetzen dem Licht der Triumph über die Finsternis und dem Guten der Sieg über das Schlechte früher oder später sicher ist.

taner Arbeit hegte, schränkte sie sie ihm nicht ein. Nach dem ersten schlechten Zeugnis, das er hermbrachte, aber zwang sie das Pflichtgefühl dazu. Sie sprach ernst und eindringlich mit ihm und schloß ihm zuletzt als er fein Versprechen abgeben mochte seine Geige fort.

Was fängt aber ein Vogel an, wenn er nicht singen darf!?

Walter Nottmann stieß verzweifelt gegen die Stäbe seines Käfigs, tat sich dabei empfindlich weh und würbe darüber immer wilder und leidenschaftlicher, bis er . . . ein Schlupfloch fand.

Die große Freiheit des unendlichen Heimathauses für alle Heimatlosen. Indessen hielt seine Mutter nach allem erfolglosen Suchen mit starker Hoffnung die alte Heimat für ihn bereit.

Sie hatten ihr alle geraten, die vorzügliche land­wirtschaftliche Konjunktur. auszunützen und ihr Gut loszuschlagen. , Aber sie wies alle Angebote zurück. So­lange sie arbeiten und für andere sorgen durfte, hielt sie sich aufrecht.

Als dem ältesten Sohn ihres Gutsschmieds das deutsche Vaterland zu klein wurde und er hinausver­langte über das Meer in das Land der Unmöglichkeiten, ließ sie ihn zu sich kommen und legte den Finger an die unvernarbte Wunde.

Du willst nach Amerika gehen, Karl?"

Ja, gnädj' Frau, nach Chicago. Unser Mutter ihr Bruder ist da Afterer und Pastor, hat einen Laden und ein Restorang mit Musike und nebenbei macht er noch für die Landleute den Richter. Da dacht' ich mir so, daß wohl ein bißchen Arbeit und reichlich Verdienst für mich abfallen möchte."

Frau Rottmann mußte wider Willen lächeln. Da war wieder einer, der sich aus dem Heimatstäfig hinaus- gefnnden hatte. Sie schenkte ihm ein neues Porte­monnaie mit einem großen Goldstück darin und sagte:

Dies ist für die größte Not, Karl! Tu deine Augen gut auf , . . ich meine, wenn du draußen meinem

Politische Kderstcht.

Königliche Polizei im Nuhrrcvier.

Aus dem Ruhrrevier wird uns geschrieben: Be­kanntlich soll das Ruhrrevier königliche Polizei statt der bisherigen städtischen bekommen. Das Für und Gegen ist viel erörtert worden. In der letzten Dortmunder Stadtverordnetenversammlung erklärte Oberbürger­meister Schmieding ans eine Anfrage: Er halte dafür, daß es im Interesse der Verwaltung besser sei, wenn die Polizei städtisch bleibe. Selbst wenn ein ans der Basis (?) des Regierungsassessors stehender Fachmann die Verwaltung der Polizei übernehme, so sei es ganz besonders in unruhigen, aufgeregten Zeiten besser, wenn statt eines Staatsbeamten, der die örtlichen Verhältnisse nicht kennender Bürgermeister die Direktion habe. Eine Erörterung'knüpfte sich an diese Erklärung nicht. Ober­bürgermeister Schmieding hat damit tatsächlich den Kernpunkt des Streites gestreift. Gerade in aufgereg­ten Zeiten will die Staatsregierung nicht den Lokal­behörden die Direktion überlassen, sondern sie selbst aus­üben, weil das bisherige allzu schneidige Polizet- regiment bei Ausständen und an Wahltagen der Ord­nung nicht genützt hat. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßt die Änderung.

Bestellte Arbeit.

In Berlin verlautet, daß die sozialdemokratische Parteileitung nach verschiedenen Orten Briefe habe schreiben lassen, in denen den Genossen empfohlen würde. Resolutionen gegen die unbequemen Revisionisten zu fassen. Es handle sich also bei derartigen Beschlüssen, die derVorwärts" natürlich sofort registriere, um be- ftelltc Arbeit. Es sei sogar eine fertige Rede zur Be­gründung einer solchen Resolution geliefert worden. Da­durch,' daß diese Rede an zwei Orten gleichzeitig ge­halten wurde, sei der Beweis für die Wahrheit des Ge­rüchtes erlangt worden. i

Deutsches Reich.

* Der Zusammenbruch der Milchzcutrale macht weitere Fortschritte. Nicht weniger'als sechs Unier- gcnossenfchasten der Milchzentrale stehen zurzeit im Konkurs oder haben sich gezwungen gesehen, den Antrag auf Eröffnung des Konkurses bei (Bericht zu' stellen. Dies dürfte aber erst einen Anfang bedeuten. Daö Ge­setz stellt nämlich die Leiter liquidierender Genossen­schaften unter Strafe, falls sie bei vorliegender Über­schuldung den Konknrsantrag verzögern. Die Untcr- genossenschasten der Milchzentrale haben sämtlich, mit zwei oder drei Ausnahmen, leere Kassen, und es fehlt ihnen an jedem Gegenwert für die letzte von der Milch­zentrale beschlossene Erhöhung der Geschäftsanteile. Bei dieser Sachlage werden auch die Liquidatoren der an-

Sohn begegnen solltest, schreibe es mir, wie du ihn auch finden magst. Er schwärmte auch beständig von Chicago, ehe ich ihm seine Geige fortgenommen hatte. Willst du es tun, Karl?"

Ja, das tu ich!" sagte er treuherzig.

Aber wirst du ihn auch erkennen?"

Achhott, gnädj' Frauchen, den verjeß sch mein Leb­tag nicht. Wir haben uns doch oft genug geschneeballt und in den Dreck geschmissen, daß ich schon rein blind sein müßte, wenn mir das passieren würd'."

Es ist ja nur ein ganz blasses, haltloses Hoffnungs­gewebe", sagte sich die stille Frau,aber man kann nie wissen." Der Schmied Karl hatte ihr letztes Wort auf- aegriffen und wollte gern etwas Tröstliches sagen.

Uns' junge Herr hat ein hartes Fell, gnädj' Frau­chen. Der verträgt was."

Darin kannst du schon recht haben", dachte sie, als er gegangen war.Aber sein Herz ist weich. Sollten sie ihm das draußen vielleicht so wundstoßen, daß er Mutter und Heimat vergessen muß ..."

Dann aber hob sie von neuem mutig den Kopf und dachte an das kleine Lied, das er ihr zu dem letzten ge­meinsam verlebten Osterfest gedichtet und in Musik ge­setzt hatte.

Im Winter bin ich gern im Wald,

Im Sommer tief :m Feld,

Im Herbst dort, Ivo das Hifthorn schallt Und sich der Eber stellt.

Im Lenz allein treibt's mich nach Haus Uum Veilchen, das blau blüht.

Dann schlaf ich meine Wildheit aus Und geig' mein Osterlied!

Und sie behütete die Scholle weiter und überwachte das Säen und Abernten des Korns mit den: gleichen Eifer, auch, als die Briefe des Schmiedtarls an seine Eltern immer den nämlichen Schlußsatz enthielten: . . . und der gnädjen Frau sagt, daß ich hier schon zwei Bekannte getroffen Hab', beide Jungs aus unserm näch-