Einzelbild herunterladen
 

I

I

Bezugs-Preis für beide Ausgaben: 50 Pfg. monatlich durch den Verlag Lanagasse27, ohne Bringer- lohn. 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem jederzeit entgegen: in Wiesbaden die Haupt-Agentur Wilhelm­straße 6 und die 145 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 32 Ausgabe­stellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

Anzeigen-Anuahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.

Verlag Langgaffe 27.

Fernsprecher Nr. 2953.

Ruszeit von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends.

2 Tagesausgaben.

Haupt-Agentur Wilhelmstr. 6.

Fernsprecher Nr. 967.

Ruszeit von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

.Kleiner Anzeiger" olle übrigen lokalen Mk. für auswärtige

' Reklamen. GE, ' halbe? drittek^ünd"v7ertel"Se'iten," durchlaufend, nach besonderer Berechnung - < SH wiederholter Ausnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.

I SÄlffc EvärtigenAnzeigeA^M..ur,-2°-° **»*;£ &

Für die Ausnahme später eingereichter Anzeigen in die nächsterschcinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 149.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

Wegen des Karfreitags erscheint die nächste ,TagbIatt"-Ausgabe am Samstagnachmittag. _

Dahl die Gelchlistskrise?

Die in den letzten Monaten oft erörterte Frage, ob die Geschäftstrise nahe, schien in der letzten Woche eine bejahende Antwort zu finden durch den Kurssturz zahlreicher Jndustriepapiere. Der Volkswirt weiß, daß bei der heutigen Beteiligung deutschen Kapitals an der Weltwirtschaft derartige plötzliche starke Kursschwan- kungen immer möglich sind, aber die jüngsten Vorgänge waren :hm doch auch ungemein bezeichnend für die durch eine wenig zweckentsprechende Börsengesetzgebung ver­schuldete Schwäche der Berliner Börse. Im Börsen­palast am Wallstreet in New Jork nahm dm- Kursstoß seinen Anfang und pflanzte sich mit der Schnelligkeit einer Erderschütterung nach Deutschland fort, dessen Kapital, eben wegen jener schlechten Börsengesetzgebung, in großem Umfange spekulativ an amerrkanischen Wer­ten beteiligt ist. Dieser Alarmschuß der letzten Woche legt es nahe, unsere wirtschaftliche Lage einmal genauer zu untersuchen und jene Zeichen zu deuten, die eine Ab- slauung der Hochkonjunktur der letzten Jahre in Aus­sicht stellen.

Die äußere Politik beeinflußt augenblicklich unsere wirtschaftliche Lage ebensowenig wie die inneren politi­schen Vorgänge. Der Reichstagswahlkampf und sein Er- gämis hat vielleicht sogar beruhigend auf unser wirt­schaftliches Leben gewirkt, da die Arbeiter die Kraft ihrer bürgerlichen Gegner empfunden haben und eine Nutz­anwendung auf die Lohnkämpse nahe liegt. Auch die Beschäftigung unserer großen Industrie ist noch durch­weg eine günstige. Es fehlt im allgemeinen nicht an Ab­satz, einzelne Zweige haben selbst Mühe, die Aufträge rechtzeitig fertig zu stellen. Auch an Neubestellungen ist kein Mangel. Und doch liegt ein lähmendes Gefühl auf unserer gesamten Industrie. Sie kann des Hellen Tages nicht froh werden; sie steht unter dem Druck der Un­sicherheit. Es geht ihr wie manchen Kranken, die an bösen Ahnungen leiden und stets ein Unglück fürchten.

Die Krankheit unserer Industrie ist die hartnäckige Versteifung des deutschen Geldmarktes. Der Reichsbankdiskont stand längere Zeit auf 7 Proz., !er steht jetzt auf 6 Proz. und, wie der Präsident der Reichsbank kürzlich erklärte, ist auf eine Herabsetzung für die nächste Zeit nicht zu rechnen. Diese Geldver­steifung ist der kritische Punkt in unseren: gegenwärti­gen Wirtschaftsleben. Es ist eine laienhafte, wenn auch oft gehörte Ansicht, daß sie in der Hauptsache auf die

Feuilleton.

(Nachdruck verboten,)

Hell Neuners Rarpredigt.

Von Kaihe Luborvski.

Der alte Peter Reuner wußte wohl, warum er für sein mühsam Erspartes die große Einsamkeit kaufte.

Ein reicher Grundbesitzer hatte damals ein paar fünfziger Morgen Flugsand mit einer schiefen Kare darauf von seiner fruchtbaren Scholle trennen wollen und sie seinem ältesten und treuesten Arbeiter Peter Reuner für einen geringen Preis angeboten. Reuner nahm feine beiden Söhne an die Hand, machte sich einen freien Tag und besah die Geschichte. Es war blasses, loses Land, das auswanderte, sobald sich ein Sturm auf­machte, und es war ein großes, menschenfeindliches Schweigen ringsum . . . Und doch! und gerade darum!

Der neunjährige Wilhelm Reuner war ein starker Bursche, aber sein jüngerer Bruder Hellmut trug schwer an dem frühzeitigen Tode der Mutter. Seine Glieder waren dünn, sein Gang schwankend, sein Rücken ge­krümmt und sein Kopf übermäßig groß. Er verkroch sich vor fremden Leuten und ging einsame Wege. Um dieses Sohnes willen nahm der alte Reuner das lose Land und das großeSchweigen auf sich und bestimmte in: Testament, daß der Sandhof niemals veräußert werden dürfe, wenn Hell nicht wolle. Sogar der eigene Vater hatte dasmut" hinter der ersten Silbe Zeines Vor­namens vergessen. Der Kleine forderte es auch nicht. Er dachte bei sich:

Es ist genug, wenn ich die innen trage." . . . Und er trug durch sie sein armseliges verstecktes Leben!

. . . Als im fliegenden Sand unter einer großen Eiche der Vater schlief, der das so bestimmt hatte, um nahe bei seinen Söhnen Lu sein, kam die Groß zu ihnen.

Wiesbaden, Freitag, 29. März 1997.

Niederlcgung großer Kapitalien in sicheren ausländi­schen Banken zurückzuführen fei. Kapitalmangel und hoher Diskontsatz sind für die oben gestellte Frage so wichtig, daß sie hier einer näheren Erörterung bedürfen.

Die Geldknappheit zeigt sich auf allen internationalen Geldmärkten; in den letztenMonaten des vorigen Jahres stand der Diskont in London auf 6 Proz. und am letzten 12. März hat die Niederländische Bank ihre Rate von 5 auf 6 Proz. erhöhen müssen. Daß sich die gleiche Er­scheinung nicht auch in Frankreich zeigt, ist auf die ge­ringe Beteiligung der französischen Industrie an der Hochkonjunktur zurückzuführen. Auch nach einem so hervorragend sachverständigen Urteil, wie es die Leiter der Dresdener Bank besitzen, wurden in Deutschland die großen Verdienste der Industrie durch deren Geldbedarf für Erweiterungen und das erhöhte ErsordKmis an Be­triebskapital ziemlich aufgebraucht. Nach dem kürzlich erschienenen Jahresbericht der genannten Bank stellte die Einfuhr an Rohstoffen sowohl der größeren Mengen als der höheren Preise wegen sebr bedeutende An­sprüche an den Geldmarkt, zumal ein steigender Pro­zentsatz derselben nicht zur Wiederausfuhr, sondern zur Befriedigung des inländischen Bedarfs zu verarbeiten war. Um wie gewaltige Ziffern es sich dabei handelt, ergibt sich aus der amtlichen Statistik, nach der sich ohne Edelmetalle der Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr im Jahre 1905 auf 1397 Millionen Mark, in 1906 aber auf 1725 Millionen Mark belief. Dazu kam die fortgesetzte Jnanipruchnabme des europäischen Geld­marktes durch die Kreditbedürfnisse Nordamerikas. Bei englischen, französischen und deutschen Banken sind große Posten amerikanischer Finanzwechsel untergebracht, die noch heute laufen. Verschärft wurde die Anspannung auf dem Geldmärkte durch eine Reihe von ungünstigen Faktoren, deren Abstellung die Aufgabe unserer Gesetz­gebung und Verwaltung fein tollte. Als solche Faktoren bezeichnet die Dresdener Bank zunächst die technische U n v o l l k o m m o n h e i t unseres Zahlunys- verte h r s, die leider unzureichende Entwickelung des Schcckwesens und die in anderen Ländern nicht im gleichen Maße übliche Konzentration der Zahlungen ans die Quartalsschlüsse, ferner die im umgekehrten Verhältnis zu der abnehmenden Nachfrage des Publi­kums nach inländischen Fonds wachsende Anleihe­produttion der staatlichen und kommunalen Verwaltun- gcn. Vor allen: kommt aber die unglückselige Wirkung unserer schon erwäbnten verfehlten Börsengesetzgebung in Betracht. Die Verfemung der Spekulation im In­lands hat die Spekulationslust des Publikums nicht ge­mindert, sondern auf den viel gefährlicheren Weg der Spekulation im Auslande getrieben. Die Summen, die in jedem Monat an Einschüssen auf Geschäfte in Wert­papieren, an Courtagen und Probisionen von Deutsch­land nach New Dort. London und Paris gehen, entziehen sich der genauen Feststellung, sind aber nach dem Urteil

Sie zählte 70 Jahre und mochte auch das Laute nicht mehr.

Still und emsig verdienten sie nun an Jedem Tage aufs neue den Abend. Die Groß kochte, der Wilhcln: beschickte den losen Sand und Hell das Vieh. Auch war er flink mit Nadel und Schere und nähte unverdrossen, wo es ein Loch gab. Nur einmal versagte seine Geschick­lichkeit. Das war, als an einem hellen Herbsttage der Wilhelm von der Mühle nach Hause kam und die Abend­suppe zurückwies. Die Groß seufzte und sagte tiefsinnig:

Bei dem Willem is _ wat entzwei. . . Und der Kleine konnte es nicht flicken. : Es war das Herz und die es zerriß, ohne eine Ahnung davon zu haben, hieß Annken. Des Müllers Annken, die das lustige Läden so herzlich gern hatte. Fortan spielte die Unzu­friedenheit in dem großen Schweigen ein paar grelle Mißtöne.

Aus diesen selten schönen Herbst folgte ein selten kalter Winter. Seit Monaten ^crhüllte der fliegende Sand sein Gesicht. Fußhoher Schnee deckte die Felder und die Einsamkeit trug das Gewand der Unschuld und beherrschte darin die ganze Welt. Wilhelm Reuner aber konnte sie plötzlich nicht mehr ertragen.

Es is, als ob man tot wär'", sagte er schaudernd eines Tages. Die Groß hielt mit krummen Fingern die Spindel an.

Der Dod is heilig", nickte sie bedeutsam.

's kommt drauf an, wie einer stirbt", meinte Hell und schlug einen Knoten in das selbstgesponnenc Garn.

Lieber unheilig sein, als so", stöhnte Wilhelm, denn man is ja bloß scheintot. Man hört und sieht all Ding und kann sich nich regen der Sarg is zu eng und sie nageln ihn zu und sagen:Nu lieg' du man still." . . . Hell wollte den Tröster spielen.

Es is auch nich jedes Jahr wie dies, Willem. So'n Winter kommt alle zwanzig Jahr mal. Wenn er wieder da is, bin ich schon im richtigen Sarg und du kannst mit dem Sandhof machen, was du willst."

55. Jahrgang.

gewiegter Finanzmänner so bedeutend, daß sie unsere Zahlungsbilanz ungünstig beeinflussen.

Das sind in: wesentlichen die Ursachen der Geld--, knappheit, die unsere Industrie aus eine harte Probe stellt. Diese wirtschaftliche Schwierigkeit läßt sich nur langsam beseitigen durch Sparsamkeit und Einschrän­kung. die sie selbst notgedrungen herbeiführt durch Ver­minderung der industriellen Unternehmungslust, durch Abflauen der Hochkonjunktur. Treten auf dem Wege dieser Entwickelung Katastrophen ein, wie etwa große Bankbrüche, unvorhergesehene ungünstige Zollgesetze 1 Leipziger Bank, McKinley-Bill schlechte Ernten, so kann es leicht zu schweren .Krisen kommen, die große wirtschaftliche Verheerungen anrichten.

Ist derartiges in Aussicht? Diese Frage kann nur mit Vorbehalt beantwortet werden. Nicht ohne großen Einfluß wird die neue Gestaltung unseres handelspolitischen Verhältnisses zu den Z Vereinigten Staaten sein, nach denen wir in 1906 für 'etwa 150 Millionen Dollar Waren und Rohstoffe aasführten. Wir wsisen auch nicht, wie unsere Handelsverträge wirken werden be: schlechten in- und ausländischen Ernten und sobald sich die ausländische Industrie auf'dic ihrer Ent­wickelung günstigen Sätze des deutschen Tarifs einge- ricktet haben wird. Es besteht heute lediglich die Tal­sache, daß die Lage eine unsichere ist und als solche auch von hervorragenden deutschen Industriellen und- Finanzleuten angesehen wird. Wie empfindliche Nerven/ selbst bei heiteren: Himmel eine:: nahen Wettersturz"

fühlen, so spürt unsere 'Hochfinanz und Großindustrie ou: gewissen wirtschaftlichen Unbehaglichkeiten den nahende:: Umschwung. Und sie lassen es auch nicht an Warnungest fehlen. Die Deutsche Bank hat schon vor Monaten ihre! Kundschaft zur Verminderung der mit Leihkapital! unterhaltenen Unternehmungen zu veranlassen gesucht? weil sie einen Niedergang der Konjunktur befürchtete,' und dieselbe Stimmung kehrt heute in zahlreichen Be­richten von Banken und großen Jndustrieunternehmun- gen wieder. Die gegenwärtige Unsicherheit mahnt un­bedingt zur Vorsicht, aber sie gibt keinen Anlaß z:r schweren Befürchtungen, wenn diese Vorsicht geübt wirb, Unsere augenblickticheLage läßt sich mit jener des Krisen­jahres 1900 nicht vergleichen. Damals kannte dis Spekulation keine Grenzen; die Kurssteigerungen gingen i>: das Ungemessene und auf diese Ausschreitungen mutzte der Rückfall um so empfindlicher sein. Verschärft wurde die Krise dann noch durch die bekannten Bank­katastrophen, durch die politische Weltlage Buren-- krieg und den Preissturz vieler unnatürlich hoch ge­triebener Rohstoffe. Mit großer Besonnenheit hat sich' der deutsche industrielle Unternehmungsgeist jedoch in' den letzten Jcchren in gesunden Grenzen gehalten. So, darf man bestimmt hoffen, daß ein sich etwa vollziehender, Umschwung der bisher glänzende:: Konjunktur n ich t' zu einer wirtschaftlichen Krise führen wird. c. i

In Wilhelm regte sich sofort die angeborene Gut», mütigkeit und dämpfte den Zorn.

I, Hell... so is dat nich gemeint. Du kannst länger leben wie ich."

Ach Gott", lächelte Hell,dann müßt' aber erst dev Druck von meiner Brust runter. Und er wird .alle Tage stärker."

Dat Leben", sagte die.Groß und brachte das Spinn> rad wieder zum Schnarren. . . .Ihr dummen Jungs fühlt 'i:en Druck un denkt, et wär' Krankheet. Et is aber bloß Gesundheit und Übermut. . ."

Hell chh mit schmerzlichem Lächeln :mch innen, dachte an die Schar der schlaflosen Nächte mit ihrem Quälen, und sah zu den Fichten hinüber, die sich unter der Hand des Sturmes auf die Schneefläche neigten und wieder zum Himmel emporsprangen. !

Dat is Leben", sagte er und wies mit der Nadel hinaus,die sind jung und rank, die kommen immer iviedcr ans. Da guck hin, Willen:. So geht's auch mit dir. Nachher lachst du und kriegst mehr Maischüsse wie sonst." .... Aber e^ wollte in diesem Jahr nicht Früh­ling werden. Der ^chnecsturm sprang über den Sand unb die Rebhühner, die sich kraus und dick in die weiche Wolle geduckt hatten, sa::den sich nicht wieder heraus.

Erst im März begann es zu tauen, aber der Lenz fand alleweil die rechte Melodie noch nicht zusammen. Hier und da trieb aus silbernen: Wasserfädchen ernc Vogelleiche. . . . Anemonen und Veilchen gab es noch nicht. Sogar die Gänseblümchen wollten ihre Hüte nicht' aufsetzen. denn es wußte niemand, ob es dem Südwind' Ernst war. ....

An: Palmsonntag fehlten die Kätzchen und der grüne Schleier über den Birken. Die Frühlingsdichter draußen in der Welt nmchten in arger Verlegenheit sein. . . . Noch mehr aber war es Wilhelm Reuner am heiligen Karfreitag. Es kam wieder ein Toben und Brausen ln. die Welt, schlimmer als zuvor. . . . Die Groß holte d as'

's