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Nr. 139.

Wiesbaden, Samstag, 23. März 1»«7.

55. Jahrgang.

Morgen-Ausgabe.

_ 1. Matt.

MltSkiiWst Mil WlrWslÄMjMktlll.

Die Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeit­nehmern im deutschen Wirtschaftsleben haben wieder mit Heftigkeit begonnen. Am interessantesten ist fetzt der Kampf im Hamburger Hafen. Dort sind einige Tausend Schauerleute, Arbeiter, welche die Schiffe ent­laden, ausgesperrt worden, weil sie sich weigern, in unbegrenztem Umfange Nachtarbeit zu leisten. Der­artige Arbeitskämpfe sind im Haniburger Hafen schon oster zum Austrag gekommen. Wcks diesmal diesem Arbeitskmnpf eine besondere Bedeutung gibt, ist der Umstand, daß jetzt Arbeitswillige aus England herüder- geholt wurden. _ Die Anwerber der Hamburger Unter­nehmer haben in London einen großen Zulauf und trotzdem zu der Arbeit des Schisfsentladens nur kräftige Leute verwendet werden können, sind doch bereits niehr als zweitausend Arbeitskräfte zur Aushilfe nach Ham- burg geschickt worden. Organisierte Arbeiter sind unter den nach Deutschland herübergekommcnen Engländern wohl kaum anzutreffen. Die englischen Arbeitswilligen setzen sich vielmehr in überwiegendem Matze zusammen aus der großen Schar derer, die nie zu 'einer regel­mäßigen Arbeit kommen und die deshalb 'auch die Bei­träge für ihreUnion" nicht bezahlen können.

Schon seit Jahren wird in England geklagt, daß die Zahl der unregelmäßig beschäftigten Arbeiter ständig zunimmt, daß bei Zehntausenden ständig die Arbeitslosigkeit mit kurzen Zeiten der Beschäftigung abwechselt. Die jetzige plötzliche Abwanderung Tausen­der von unregnlären Arbeitskräften nach Hamburg zeigt, daß diese Frage nicht nur für England von Interesse ist, sondern daß sie auch für die Arbeiter anderer Länder von größter Bedeutung werden kann.

Die Aussperrung in der Holzindustrie hat noch an Umfang und Heftigkeit zugenommen, nachdem die Einigungsverhandlungen in Berlin gescheitert sind. Während die Arbeiter bei Abschluß eines längeren Tarifvertrages wesentlich verbesserte Arbeitsbedingun­gen fordern oder unter einem vertragslosen Zustande arbeiten wollen, fordern die Arbeitgeber den Abschluß eines Vertrages ohne wesentliche Verbesserungen der Löhne und ohne Herabsetzung der Arbeitszeit. Wie neben der Aussperrung der Berliner Holzarbeiter im Holzgewerbe bereits Aussperrungen in Kiel und Burg

Femüeton.

Machdruck vcrdolru.)

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindcnberg.

Ein Gedenktag. 1307 und 1907. Daseigentliche" und hasuneigentliche" Berlin. Groß-Berlin. Weite Pläne und nähere Hoffnungen. Das Haushaltsbuch einer Millionenstadt.Die Ausstellung für soziale Fürsorge." Allerhand Bedenken. Neue Kuiistgcschenke des Kaisers. Fm Tiergarten. Dre schwedischen Maler im Künstlcrhause.

Premiere imDeutschen Theater".

Einen seltenen Gedenktag brachte die ab- gelanfcne Woche 0 00 Jahre waren am 20. März verflossen, Satz sich die S chw e st e r st ä d t e Berlin uni) Kölln vereinigt hatten. Viele Händcleien und Zänkereien waren diesem bedentsamen Ereignis voran­gegangen, manch liebes Mal hatte man sich die Köpfe blutig geschlagen, hatte gegenseitig Handel und Wandel zu lähmen getrachtet, endlich reichte man sich brüderlich die Hände. Das Nestküken, als welches man nach unseren heutigen Begriffen das damaligeBerlin an der Spree" betrachten darf, hat sich tüchtig ausgewachsen, über zwei Millionen Einwohner zählt die heutige Kaiscrstadt, wohl­verstanden daseigentliche" Berlin, während, wenn man dasuncigcntliche" hinzurechnct d. h. jene un­mittelbar mit der Residenz verwachsenen westlichen Quartiere, ivic Schönebcrg, Eharlottenburg, Wilmers­dorf, Friedenau usw., die Bcvölkernngszahl auf weit über drei Millionen steigt. Berlin selbst kann sich nicht mehr erweitern, auf seinem Grund und Boden ist nur noch Platz für ein paar tausend Häuser vorhanden, wie von einem festen Wall wird dieCity" umschlossen von den Vororten, die sich in überraschendster Weise ver­größern und verschönern, Berlin mehr und mehr die besten Steuerzahler entziehend, denn wer cs nur er­möglichen kann, verläßt die engen Grenzen und zieht hinaus. Dieseshinaus" ist ja aber nur ein klangvolles Wort, denn der hauptsächlich in Betracht kommende Westen kennt ja kaum noch Zwischenräume im städtischen Bilde Berlins und seiner nahen Umgebung.

Wie vor sechs Jahrhunderten, wird auch jetzt wieder eine Vereinigung angestrcbt.Groß-Berlin" ist

bestehen, so drohen noch in einer ganzen Reihe von Städten Aussperrungen der Holzarbeiter. Die Arbeit­geber gehen dabei von der Ansicht aus, daß der Kampf nicht zu vermeiden war und daß er früher oder später doch ausgebrochcn wäre, besonders aber bann, wenn die Arbeiter ohne Vertrag arbeiten, wenn die Orgam- sationcn der Holzarbeiter also^jederzeit zur Einleilung von Lohnbewegungen und Streiks berechtigt sind. Ferner geht das Streben der Arbeitgeber im Holz­gewerbe dahin, im ganzen deutschen Reich und nament­lich in den größeren Städten die Tarifverträge so ab­zuschließen, daß sie alle gleichzeitig ablanfen, daß also auch die Unterhandlungen zur Erneuerung der Verträge im gleichen'Zeitraum geführt werden müssen.

Ferner nimmt die Aussperrung tm Schneider- gewerbe einen größeren Umfang an als alle früheren Streiks und Aussperrungen. Zu den Städten, auf die sich die Aussperrung erstreckt, gehören in erster Linie Berlin, Augsburg, Bonn, Chemnitz, Darmstadt, Düsseldorf, Fürth, Hagen, . Hamburg, Mannheim, Mainz, Nürnberg und Osnabrück.

Im Ban ge Io erbe liegen vorläufig die Verhält­nisse noch sehr unklar: zwar werden von bei: Arbeitern der verschiedenen Bauberufe Lohnforderungen in großem Umfange gestellt, aber wie weit diese Forde­rungen dnrchgesetzt werden können und in welchem Um­fange hieraus Lohnkämpfe entstehen, das ist eine Frage, die. ganz besonders von der ferneren Gestaltung der Konjunktur abhängen wird. Vielfach wird darauf hin­gewiesen, daß die wirtschaftliche Lage nach und nach ungünstiger wird, jedenfalls der Höhepunkt der Kon­junktur überschritten ist und daß im deutsche n Erwerbsleben von neuem mit nn- g ü n st i g e r e n Z c i t c u gerechnet werde n muß. 8. r.

Uassmülches aus dem Landtage.

Wie schon kurz berichtet, kamen in der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 19. d. M. nassauische Schulsragen zur Erörterung. Es dürfte interessieren, die Rede des Abg. v. Bülow (Homburg), welche diese Frage anschnitt, im Wortlaut zu lesen.

v. Bülow-Hvmburg (nat.-lib.): Meine Herren, ich bin zu meinem Bedauern genötigt, den S ch u l st r e i t zwischen der Gemeinde Eppstein und der König!. Regierung zu Wiesbaden hier kurz zu erörtern. Die Angelegenheit hat nicht nur in Epp­stein, sondern im ganzen Nassauer Lande und über dieses hinaus großes und, wie ich glaube, auch nicht ganz ünbe-

das Schlagwort! Mit deineigentlichen" Berlin soll dasuneigeniliche" zu einem gewaltigen Ganzen zu- sammengcschweitzt werden. Man glaubt, daß, falls man die Steuerkraft der reichen, jetztdraußen" wohnenden Mieter und Hausbesitzer für das allgemeine, das große Berlin zurückgewinnt, die kommunalen Aufgaben noch viel umfassender und energisch-r gelüst werden können. Die Steuerverluste während der letzten Jahre für Berlin sind durch den noch immer zunehmenden Fortzug der begüterten Kreise allerdings sehr erhebliche, wovon be­redt einige ZaMn künden. Während sich in Berlin von 1892 bis 1905 die Steuerzahler mit einem Einkommen von 35 000 M. bis 100 000 M. von 2290 auf 2815 ver­mehrten, geschah dies in Eharlottenburg von 175 auf 898, und eine ähnliche Steigerung weisen Schvneberg, Wil­mersdorf, Gruncwald usw. auf.

Nun ist ja die Idee, einGroß-Berlin" zu schaffen, an sich eine gute und verlockende, ja, man l raucht sich keinen Phantasien hinzugeben, wenn man annunmt, daß ein solches Groß-Berlin in dreißig Jahren etwa sechs Millionen Einwohner zählen nnd bis nach Potsdam, Spandau, Oranienburg, Köpe­nick reichen wird, aber der praktischen Verwirklichung deS Planes stehen erhebliche Hindernisse und Bedenken gegenüber. In erster Linie betreffen sie die zentralistische Verwaltung. Auch da müssen einige Zahlen an­marschieren, dem kürzlich festgelegtcn Berliner S:aüt- haushaltsetat für 1907 c.itnommcn. Dieser Etat umfaßt in Einnahmen und Ausgaben 270 Millionen Mark! Untcr^den Einnahmen finden wir wenn wir abgerundete Summen geben 75V2 Millionen Mar! für Steuern, unter den Ausgaben 24 Millionen für Unterricht, 14 Millionen für Armenwesen, 8 Millionen für Krankenpflege, 6 Millionen für Polizei und Feuer­wehr, öV:; Millionen für Straßenbeleuchtung und Reini­gung. Die Anleiheschuld der Stadt beträgt 412 Mil­lionen Mark, die Verzinsung erfordert 5 3 4 Millionen, die Verwaltnngskostcn belaufen sich ans 14sj Millionen Mark. Ein stattliches Hanshaltungsbuch, nicht wahr, wie aber würde es erst anschwellen, wenn es das Konto vonGroß-Berlin" umfaßte! . Aber bis cs so weit ist, wird noch viel Wasser die Spxce hinunterfließen!

Die Verfechter vonGroß-Berlin" führen 'haupt­sächlich ins Tressen, Hatz, wenn der Plan zur Ausführung

rcchtigtes Aufsehen erweckt. In Eppstein bestehen im Gegensatz zu den übrigen im Nassauischen vorhandenen Simultanschulen zwei Konscssionsschulen mit je einem Lehrer. Die historische Entwickelung war folgende. Nach­dem das nassauische Schuledikt vom 24. März 1817, durch welches die Simultanschulen eingcführt wurden, Gesetzeskraft erlangt hatte, wurde etwas später, i:n Jahre 1829, die Simultanschulc auch in Eppstein errich­tet. Sie dauerte bis zum Jahre 1852, in welchem Jahre der Unterricht dadurch gestört wurde, daß eine Anzahl katholischer Eltern ihre Kinder gewaltsam ans der Schule, beziehungsweise von dem evangelischen Lehrer entfernte und sie dem Lehrer ihrer Konfession zuführte. Seitdem wurde in Eppstein konfessionell unterrichtet. (Sohr richtig! im Zentrum.) Es ist dieser Vorgang seitens der Gemeinde nachgewiescn worden durch einen Auszug aus der Schnlchronik und durch Zeugen. Wenn nun etwa von seiten der Regierung behauptet werden sollte, daß dieser Zustand nachträglich von der Regie­rung in Nassau genehmigt worden sei, so wird der Be­weis hicrfitr sehr schwer zu erbringen sein; denn ir. dem bekannten Buch des Geheimrats Firnhabcr über die Simultanschulc im Nassauischen wird ausgcsührt, daß noch im Jahre 1858 am 11. Februar ein Antrag seitens der beiden Schnlreserentcn, von denen der eine der Ge­heimrat Firnhabcr selber war, nämlich des evangelischen und des katholischen, an den Ministerpräsidenten gerich­tet wurde, man möge die ediktswidrig in Eppstein und Cronbcrg bestehenden Konfessionsschulen beseitigen, und daß darauf der Herr Ministerpräsident in: Nassauischen verfügt hat, das; dieser Antrag zur Zeit als inopportun zu den Akten zu verschreiben sei. Also auch damals war die Regierung der Überzeugung, daß cs sich nicht um einen gesetzlichen Zustmrö handle, sondern um einen dem Edikt widersprechenden Zustand, und daß nur ans ZweckmäßiskeitSgründen dieser Zustand zur Zeit beizn- behalten sei. Diese konscssionellen Schulen bestehen noch heutzutage in Eppstein.

Im Jahre 1904 sah sich nun die Gemeinde, da die Schülerzahl gewachsen war cs sind in der katholischen 98 und in der evangelischen 87 Schüler genötigt, das Lehrerpersonal zu vermehren. Sie hat deshalb einstim­mig in der Gemeindevertretung sind katholische und protestantische Mitglieder beschlossen, bei der Regie­rung zu beantragen, einen dritten Lehrer, und zwar einen Turnuslehrer, der die untersten Jahrgänge der beiden Schulen gemeinschaftlich unterrichten sollte, anzu­stellen, und zwar sollte es zunächst ein evangelischer sein, der nach einigen Jahren mit einem katholischen abwcch- seln sollte. Die Gemeinde hat diesen Beschluß aus fol­gendem Gruiröe gefaßt. Sie hat sich zunächst gesagt, daß

gelaugt, man erheblich mehr, wie bis jetzt der Fall, für soziale Aufgaben, für Wohltätigkeits- und Armen­pflege tun könne. Was alles in dieser Hinsicht schon ge­schieht, zeigt uns die soeben in den Gesamträumen des Neuen Königlichen Operntheatcrs veranstalteteA ns - st e l l n n g f ü r soziale Fürsorge . lt nd G c - s u n d h e i t s p f l e g c", obgleich sie durchaus nicht er­schöpfend ist. Aber trotzdem erhält man einen guten Ein­blick in das vielgestaltige Werk der Nächstenliebe, wie sic in regsamster Weise von Städten, Behörden, Insti­tuten, Genossenschaften, Arbeitgebern und Privat­personen ausgcübt wird. In zierlichen Modellen, in Zeichnungen und Plänen werden uns mehr denn sechzig der hervorragendsten Wohlfahrtseinrichtungen und Für­sorgeeinrichtungen vor Augen geführt, u. a. Blinden­pflege, Ferienkolonien, Tierschutz, Asyle, Armen-, Ac- beits- und Erziehungs-Anstalten, Warmehallcn, die Waisenhäuser des Deutschen Kriegerbundes, Krüppel- Heime, Kindergärten und so fort. Das Vorwort des offiziellen Katalogs betont, daß diese Ausstellung unter den vielen Ausstellungen im letzten Jahre einen beson­deren Rang beanspruchen darf, denn ihr Fundament ruht aus dem Boden, wo die Ideale keimen. Zwar soll auch sie einem gesunden Wettbewerbe dienen; aber den ruhenden Pol in der wechselnden Fütte ihrer Dar­bietungen bildet doch der soziale Gedanke, der zu keiner Zeit schärfer in die Erscheinung getreten ist, als in dem Jahrhundert der sozialen Fürsorge: der Gedanke, daß die Gesamtheit der hilfsbereiten Kräfte sich zusammen- finden. mutz in gemeinsamer Arbeit für die Gesundung unseres Volkslebens.

Gewiß, gut gesagt und gut gemeint, nur wird hier der eigentliche gesunde Kern zu sehr von dem Beiwerk überwuchert, von den mannigfachsten Darbietungen der verschiedensten Aussteller, die für ihre Erzeugnisse Schokolade, Nährpräparate, Seifen, Küchenartikel, Brnt- cier, Kochgeschirre usw. eine sehr starke Reklame machen, llnd was mit dersozialen Fürsorge" Pla­nums, Firmenschilder, Malzbier, Limburger Käse, Liköre, Schuhcreme, Kleiöerraffer, Schmnckwaren und so hundertfach weiter, zu tun haben, ist mir trotz heißen Bemühens, dies zu ergründen, verschlossen geblieben- Eine solche Ausstellung sollte sich von derartigen kauf­männischen und industriellen Nebendinge», welche in