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Nr. 75.
Morgen - Kusgabe.
^ 1.
Der Tunnel unter dem JEhmnl
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns UMerm 9. d. M.:
. Die neueste Nummer des „Nineteenth Century and Wer" enthält einen interessanten Aussatz über den geplanten Kanaltunnel, zu dem sechs bekannte Persönlicheren beisteuerten. In einem Nachtrag dazu bringt das Aatt Auszüge ans dem Bericht jenes militärischen Ausgusses, der vor 25 Jahren sein Gutachien über den Tunnelbau abgegeben hatte, sowie ferner aus den un- 'whängigen Berichten, die der verstorbene $ervg von ^-ambridge und Lord Wotseley über den gleichen Gegenstand erstatteten. Dre Gegner jenes Planes bieten alles ^af, um seine Durchfiihrung zu verhindern, bezw. es der Regierung unmöglich zu machen, ihre Zustimmung zu Dsben. Ganz besonderes Gewicht legen sie daraus, datz tsur Sachverständiger des Heeres oder der Marine die ^'Höhung der Jnvasionsgefahr durch den Tunnel bc- areiten könnte, daß Lord Wolseley erklärte, selbst die 's.Uergeringste Vergrößerung jener Gefahr bedinge dre Unterlassung des Tunnelbaues, falls dessen Dringlich- siü nicht endgültig nachgewiesen werden könnte. Gerave utzteres ist nach Ansicht der Gegner nicht möglich, Unv * l . e behaupten, es wäre nicht einmal auf einen kommcr- viellen Erfolg des Unternehmens zu rechnen, schon weil P zwanzig Millionen Pfund Sterling, wenn nicht noch ^hr kosten dürfte. Wie Sir John Wolfe Barry in pw „Nineteenth Century"-Artikel ausfllhrt, begeistert pch das handeltreibende England für den Tunnel Namentlich darum, weil er die Umladung von Gütern ??n der Bahn auf dre Schiffe und von diesen wieder auf ? te Bahn, die große Kosten und oftmals Beschädigungen, sfstie Zeitverlust verursacht, überflüssig machen würde.
könnte aber, wie er sagte, mit Leichtigkeit durch die Einrichtung eines großen Dampffährenoienstes erzielt ^vden. Vor einiger Zeit erschien auch bereits der Mspekt einer Gesellschaft, die solche Fähren bauen nutz Eisenbahnwagen von hier nach Frankreich und nnige- befördern wollte. Die Durchführung des Planes j^int aber verschoben worden zu sein, weil cs adzu- ?siirten gilt, ob etwas aus dem Tunnelbau wird oder ?icht. Allem Anschein nach sind die Aussichten für diesen "j? 1 geringe, denn bekanntlich ist man in England für TpS Neue ungemein schwer zugänglich. Es wird das
aus eine vermeintliche Nationaleigenschaft, einen sonders hoch ausgebildeten konservativen Sinn zurück- Estihrt, der in Wirklichkeit gar nicht besteht. Die Er- stnrung ist vielmehr darin zu suchen, daß wir in Eng- i^nd weit mehr als in anderen Ländern Klassenherr- IHaft haben. Die Brauer, die Schnapsbrenner, die Prä-
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ersten der großen Eisenbahn- und Dampsschisfahrts-
Wiesbaden, Donnerstag, 14. Februar 1N07.
gesellschasten, sowie die Kirchenfürsten sitzen im Oberhaus, und auch das Hans der Gemeinen ist, wenn auch nicht mehr ganz so stark wie früher, so doch noch inimer mit deren Freunden gespickt. Jene Klassenvertreter betrachten die Taschen des großen Publikums als ihre Domänen, und sobald sich ein Neukömmling heranzn- drängen versucht, der sie eines Teiles ihrer Monopole zu berauben droht, wird ihin sofort der Krieg erklärt. Daher kommt cs auch, daß Kraftfuhrwerke erst seit wenigen Jahren ohne den Mann mit der roten Fahne auf den Straßen in England erscheinen dürfen, und elektrische^ Straßenbahnen zum Neuesten des Neuen gehören. Selbstredend wird dem Publikum nicht mitge- teilt, diese oder jene Neuerung ist nicht wünschenswert, weil sie gewissen Lords das Geschäft verderben würde, sondern man entdeckt stets einige ernste, schwerwiegende Gründe, weshalb das englische Publikum z. B. in einem alten Rumpelkasten weiter fahren mutz, während dre ganze übrige Welt mittels Elektrizität ans Schienen bequem dahingleitet. Im Fall des Kanaltunnels sind sie ausschließlich militärrschec Natur, und uin so wirksamer, als jedem Fürsprecher des Planes tu diesem Land der Zivilisten einfach erklärt werden kann, daß er von der Sache nichts verstehe. Nach denr „Nineteenth Century" würde eine politische Panik der anderen folgen, sobald der Tunnel fertig ist, und eine ungeheure Störung des Geschäftes verursachen. Welche Befestigungen man auch inimer am englischen Ende der langen Unterseeröhre anlegte, so bestünde doch keine Gewißheit, daß sie sich im kritischen Augenblick bewähren würden. Daß unverhofft oft käme, Hätte der Beginn des japanisch-russischen Krieges bewiesen, wo die Russen vollständig überrumpelt wurden und dergleichen mehr.
Politische - Merftcht.
sTie Wahlen in Rußland.
8. Petersburg, 10. Februar.
Feodorow, der ehemalige Minister für Handel und Industrie im Kabinett Witte, stellt im „Slowo" recht bemerkenswerte Betrachtungen über die in der russischen öffentlichen Meinung vorherrschende Stimmung an; er schreibt: „Der oppositionelle Geist hat sich behauptet, nur sein Charakter ist anders geworden. Die Bevölkerung besitzt eine klare Erkenntnis von der Notwendigkeit der Einrichtung eines konstitutionellen Regimes in Rußland. Sie sieht vollkommen ein, daß alle Übel von denl veralteten bureaukratischen Systeni herrühren: die letzten Zweifel, die sie daran noch hegen konnte, sind ihr durch die Jrrtümer der Regierungs- takUk, das Standrccht, den Belagerungszustand, das Verhalten der Behörden während des Wahlkampfes, dessen schlechter Eindruck durch das letzte zu unbestimmte Zirkular des Ministerpräsidenten nicht verwischt werden konnte, geraubt worden; und die lokalen Behörden
55. Jahrgang.
haben mit ihrem Geiste der Unduldsamkeit auch den letzten Rest des Vertrauens zu der Bureaukratie zerstört. Wie man auch die Wähler bezeichnen mag, als Monarchisten, Gemäßigte usw., es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die meisten unter ihnen in obigem Sinne unbedingt oppositionell sein _ werden. Die Wähler werden Männer in die Duma schicken, die die Verwirklichung der Verfassung forvern, eine Regierung, die sich auf das Vertrauen des Volkes stützt und fähig ist, gemeinsam mit den Volksvertretern Nützliches zu wirken." Was besonders auffällig bei dieser Wahlbewegung zutage tritt, ist der Eifer und der Ernst, womit sich die Bauern der Erfüllung ihrer Wahlpflicht widmen: Ein lebhafter Drang, den Wahlmechanismns gründlich zu verstehen, eine feste Entschlossenheit, zu Wahlmännern nur Persönlichkeiten zu bekommen, die den bäuerlichen Interessen aufrichtig ergeben sind, .und sich alle unsicheren Kantonisten vom Leibe zu halten, das sind die allgemeinen Züge der Wahloperationen.
Was die politischen Schattierungen der von den Wählern des ersten Grades, den Bauern, den kleinen Eigentümern und den Industriearbeitern, gewählten Deputierten anlangt, so schwankt ihr Charakter noch, von der Parteien Haß und Gunst entstellt, in der Tagesgeschichte. Wie sehr die Petersburger Telegraphenagentur bestrebt gewesen ist, das Resultat zu verdunkeln, ist bekannt. Aber auch den Statistiken des „Rjatsch" ist nicht zu trauen, da dieser rm oppositionellen Sinne zu stark aufträgt. Nach ihm gäbe es unter den Bauerndelegierten eine ungeheuere radikale unk progressistische Majorität. Der Wirklichkeit am nächsten dürsten folgende Zahlen kommen: Gewählte Dele
gierte 11 373, davon Monarchisten: 3222; Gemäßigte 5380; Pcogressisten 2443; Kadetten 328. Im übrigen weiß man von der ersten Duma her, datz sich die Bauernabgeordneten erst nach Beginn der Parlamentssitzungen genau zu klassifizieren suchen. Die Bauern lassen eben ihren Vertretern bezüglich der politischen Gesinnung einen ziemlich weiten freien Spielraum, wenn sie nur sicher sind, daß ihre materiellen Interessen gut wahrgenommen werden. Die kleinen Eigentümer, die hauptsächlich konservativ gesinnt sind, haben sich mangels genügender Organisation nur in geringem Maße an den Wahlen beteiligt. Rege war allein die Beteiligung der Mitglieder der Geistlichkeit; sie stellten in dieser Klasse 1731 unter 3836 Wählern. Die Delegierten der Arbeiter, die ja für die vorige Duma nicht wählten, sind entweder marxistisch oder revolutionär. Sie bilden eine neue Kraft, die für Blockbildungen in der zweiten Duma noch eine wichtige Rolle spielen kann. Man wird nun abwarten müssen, was die zweite Phase der Wahlen, die bis zum 18. Februar währt, und die dritte, die erst am 1. März ihr Ende nimmt, bringen werden, sicher ist aber schon jetzt, daß das Endergebnis Stolypin eine bittere Enttäuschung bescheren muß.
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Ein Nömg§paradie§.
Von Henri Delhaize.
. An fünf Tagen im Jahr öffnet Leopold II. seine be- phrnten Gewächshäuser im Schlotzpark zu Heiken dem Publikum. Man ist diesem Kaufmann ,^ter den Königen, diesem König der Kaufleute dank- pl und gram dafür; dankbar, daß er uns die Gelegen- <sst des Anstaunens überhaupt vermittelt, — gram, datz ^ te ie Gelegenheit sich nicht anders uns darbietet, als in störenden Form eines beängstigenden Massenbesuchs. Märker als beide Empfindungen aber ist die versöhnende pwägung: wieviel Sinn für das Schöne und welche, laive Freude an der Natur müssen doch diesem harten pd dem Praktischen aufs äußerste zugewandten Mann pch eignen, daß er diese Herrlichkeiten sich schaffen ließ Md sie der eigenen Erbauung mit so liebenswertem vorbehält.
t Man sagt, daß der König während seines Aufent- Us in Lacken täglich mehrere Stunden in dieser parchenpracht der Blätter und Blüten verbringt. Die ^ staunliche Pflege und die p e i n l i ch e O r d - n g machen es wahrscheinlich, daß wirklich der Eigen- pAer selbst darüber wacht. Ganz überzeugend wird {Me lebhafte Aateilnahme Leopolds den . geduldeten pstchtigern, wettü sie auf ihrem Weg durch die Gewächs- siMsex immer wieder auf Militärposten unter Gewehr r 0 Ben. Das Leben der Blumen beschützt von der He- "chfneten Macht — das ist ein eigenartiger Gedame. r. Ins einzelne zu beschreiben, was sich dem Auge hier ?dtet, wäre ein nutzloser Versuch. Die berückenden Wir- ^ngen dieses ungeheuren Aufgebots an Schönheit Lotten des hilflosen Nebeneinanders der Schilderung.
Man kann nur das auffallend Eigenartige hervorheben, das k ii n st l e r i s ch A b g e w o g e n e in d i e s e r Bersch w e n d u n g. Nicht in der Fülle des Verschiedenartigen wird die Überraschung gesucht, sondern in der erstaunlichen Menge des Einheitlichen, das in jedem der geschlossenen Räume angehäust ist.
Man tritt durch eine Tür imd steht gebannt ans der obersten Stufe einer kleinen Treppe, die hinabführt. Man sieht nichts als weiß bl ritzende Azalien. Aus einer Fläche von 200 Quadratmetern, geradeaus durchschnitten von einem ganz schmalen Kiesweg, nichts als wcißblühende Azalien. Kronenbäumchcn von 1 bis 2 Meter Durchmesser, jedes einzelne gleichfani eine ungeheure Weiße Blume, das Ganze ein weicher Teppich weißer Blumen. Ein zauberischer Reigen zartester, mildschimmernder Gebilde. Ein sanfter Lebensglanz liegt darüber. So würde eine weite Schneedecke aus- sehen, wenn man ihr Wärme geben könnte, — wenn man ihrer starren Keuschheit erwachendes Leben und Verlangen gesellte. Auf Zehen schleicht nian daran vor- bei. scheu besorgt, diese unwissende Reinheit nicht zu vorzeitiger Erkenntnis zu erwecken.
Dann stammt ein langer Gang vor uns auf, einen Speerwurs lang. Feuerrote Geranten zu beiden Seiten, an den Glaswänden von untenher sich aufrankend, tausendfach verästelt, ihre grellen Blütenbüschel gleich zahllosen lohenden Fackeln aus dein ruhigen Hintergrund der stumpsgrünen Blätter heraus- schwingend. Die gewölbte Decke reicht Ampeln voll roter Blumen herunter. Das ist ein Leuchten und Glühen, ein Hungern und Heischen nach Glück und Genuß! Eine Bacchantenstraße. Feuerrote Geranien, soweit das Auge sieht. Ein berauschender Anblick. Es ist, als verlören wir den Boden unter den Füßen, von einem reißenden Strom gleichsam ergriffen und forl- gewirbelt. Wenn er uns dann über die nächste Schwelle geworfen hat, wissen wir nicht, was mit uns geschehen
ist. Schneller und freudiger nun fühlen wir unsere Herzen schlagen. In uns ist ein lachendes Verlangen nach recht tollen Dingen.^ Da aber ragt vor uns eilt feierlicher Wald schlanker Stämme, an denen unser Blick wie an ehrwürdigen Dompfeilern kleinmütig hinaufkriecht. Majestätische Palmen recken ihre herrlichen Kronen stolz und eitel hoch über den Alltag. Hier ist alles gigantisch, alles weihevoll, alles erhaben. Unter den weitausladenden Riesenblättern atmet eine beklemmende Stille im dämmerigen Licht. Selbst das gleichmäßige Niederplätschern des Wassers im Springbrunnen ist kein profanes Geräusch. Wie ein geheimnisvolles Abzählen der Vergänglichkeitsminuten mutet es an. Ganz bescheiden duckt sich in uns der Gottmensch unv mißt seinen Unwert an der Größe solcher Dinge und Stimmungen.
Doch nicht völlig zerknirscht sollen wir hinweggehen. Eine spielertsche Laune hat den Rand gewaltiger Holzkübel, worin einzelne Palmenriesen wurzeln, mit entzückenden kleinen Orchideenpslanzchen umstellt. Diese Gefügigen und Unterwürfigen krümmen sich zwar zu Füßen der Gewaltigen; aber, indem sie mit dem zauberischen Reiz ihrer farbigen und phantastischen Blüten prunken, behaupten sie doch erfolgreich ihr Lebensrecht und ihre individuelle Existenz trotz aller „Achsogroßen". Ja, wenn man genauer sie betrachtet, verwischt sich vollkommen' der Gedanke an ihre Nebensächlichkeit. Ihre zierlichen Ranken biegen sich nicht, um eine Verbeugung, sondern um einen Versuch zum Ansschnellen zu machen. Man soll erkennen, daß ihre stille Schönheit sich wohl messen kann mit der anderen Kraft. Und wir lächeln. Denn jetzt erst wird uns bewußt, daß Menschenhände noch hoch über die höchsten Palmen- häuptcr das Wundergewölbe des Glasdachs gefügt haben. Da ist es doch wieder eine innerliche Erhebung, die wir mit fortnehmen.
Überall, wohin wir in diesem weitläufigen Gewirr
