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Ar. 73.

Wiesbaden, MilLwoch, 13. Februar ISO?.

Morgen - Ausgabe.

1. Wtcrtt. ^

J§r Gedanke einer Drrschmrhung

entschieden liberalen Parteien ist seit dem Erfolge, sie bet den eben vollzogenen Wahlen hatten, näher °ls je gerückt. Das ,.Berl. Tagebl." läßt sich über die Angelegenheit u. a. wie folgt aus:

Bei den letzten Reichstagswahlen sind 28 Mitglieder freisinnigen Volkspartei, 14 Mitglieder der srei- nnnigen Vereinigung und 7 Mitglieder der deutschen ^olkspartei gewählt worden. Da noch zwei Wild- "berale der freisinnigen Vereinigung sehr nahe stehen ^'nd voraussichtlich sich ihr anschlietzen werden, so um- !?Ä die liberale Linke insgesamt 51 Abgeordnete, sie W damit der sozialdemokratischen Fraktion um 8 Ab' geordnete voraus. Andererseits steht sie um 5 Mandate Eter den Nationalliberalen und um 8 Mandate hinter ^it Konservativen zurück. Die ultramontan-elsässtsche Fraktion mit 110 Abgeordneten schlägt freilich alle anderen Parteien mit ungezählten Pferdelängen.

Das Schicksal des entschiedenen Liberalismus sagen wir besser, seine Schuld? war seit der ^aichsgründung feine Zersplitterung. Es hat tm ^Äschen Volke immer eine starke liberale Strömung gegeben, aber nie vermochte sie dauernden Einfluß auf Reichspolitik zu gewinnen. Sie erschöpfte sich in Abwehr, in der Opposition. Auf der negativen ^eite sind die Verdienste des entschiedenen Liberalis­mus unbestreitbar. Zum positiven Schaffen ist der Äeisinn selten gekommen, und die vom Fürsten Bis­marck in die Welt gesetzte Legende, daß er unfruchtbar A und sich im Nörgeln erschöpfe, hat allmählich auf die stsoisinnigen selbst abgesärbt. Es gibt gute Fort- ^chrittsleute, die einen Schauder empfinden, wenn sie ^fürchten müssen, daß diereine Opposition" ihrer Kartei getrübt werden könnte.

, In Wirklichkeit hat die oppositionelle Tendenz mit oem entschiedenen Liberalismus nicht das geringste zu RN. Es kommt einzig und allein aus die Beschaffenheit ? er Regierung an, ob sich der Liberalismus im Zu- ^ude der Verneinung oder der Bejahung befinden soll, ^enn wir eine fortschrittliche Regierung hätten, so Mare es selbstverständlich, daß sich die freisinnigen Karteien mit ihr verbündeten.

Wenn der entschiedene Liberalismus nie zur Macht geangen konnte, so lag es an der Ungunst der Verhält- Wfe; es lag aber auch an der eigenen Disziplinlosig- Die Geschichte des deutschen Liberalismus ist Magikomisch. Während Konservative,^ Zentrum und Sozialdemokraten, bis zu einem gewissen Grade auch ^ Nationalliberalen seit Bestehen des Reiches ihre Organisation festhielten und so allmählich in den ihnen ?ahestehenden Volksschichten Wurzel schlugen, machte entschiedene Liberalismtrs unaufhörlich Wand­ungen durch.

Man braucht nur die verschiedenen Parteien aufzu­

zählen, die sich in rascher Folge ablösten, sich kreuzten, sich assoziierten und separierten, um sich dann in neuer Gestalt und unter neuem Namen lviederzufinden ~ und man wird weniqstens zum Teil den Schlüssel für die politische Ohnmacht des entschiedenen Liberalismus gefunden haben. So hatten wir im Reiche, um nur die wichtigsten Parteien zu nennen, nacheinander den Fort­schritt, die Gruppe Löwe-Berger,_ die _ liberale Ver­einigung, die freisinnige Partei, die freisinnige Volks­partei, die freisinnige Vereinigung und die deutsche Volkspartei. Nehmen wir noch die Nationalsozialen hinzu, die in der freisinnigen Vereinigung anfgegangen sind, so haben wir eine förmliche Musterkarte von allerlei Parteibezeichnungen, die mehr oder weniger be­stimmt auszudrücken versuchen, daß die Anhänger dieser Parteien einen Fortschritt im liberalen Sinne wollen.

Die Zeit für eine Verschmelzung der ^drei _ links­liberalen Parteien ist nun gekommen. Soweit der Einignngsgedanke an dem Widerstande einzelner allzu selbstherrlicher Persönlichkeiten scheiterte, ist heute die Lage geklärt. Es gibt im entschiedenen Liberalismus keinen überragenden Führer, der sein Veto einer liberalen Einigung entgegcnstellen könnte. Aber mehr als das; auch die äußeren Umstände drängen ge­bieterisch auf den liberalen Zusammenschluß htn. Zwischen Zentrum und Regierung ist es zum Bruch gekommen. Fürst Bülow will den Liberalismus mit dem Konservatismus paaren. Da muß der Liberalismus sehen, daß er nicht zu kurz kommt. Er wird im Reichs­tage sich mit ganz anderer Wucht durchsetzen können, wenn er einig ist, als wenn er sich in dret Fraktiönchen zersplittert.

Eine große liberale Partei, die auch die National- liberalen einschließt, ist heute nicht möglich. Der jung­liberale Sauerteig braucht noch längere Zeit, um die nationalliberalen Wähler zu durchsäuern. Bis dahin wird entschieden der Liberalismus seine Sache allein führen müssen. Aber er wird nicht umsonst kämpfen, wenn er einig ist.

DieFreisinnige Zeitung" scheint weniger für diese recht wünschenswerte Verschmelzung zu sein, denn sie meint, damit würde ein Gegensatz zu dem Geist_ der Frankfurter Einignngsverhandlungen vom vorigen Herbst gebildet. In der am 11. November v, I. ein­stimmig zu Frankfurt a. M. angenommenen Resolution heißt es:

Die berufenen Vertreter der Freisinnigen Volks­partei, der Deutschen Volkspartei und der Freisinnigen Vereinigung beschließen, auf ein Zusammengehen der links stehenden bürgerlichen Parteien bei den kommen- den Reichstagswahlen unter Wahrung der politischen Selbständigkeit der einzelnen Parteien hinzuwirken."

Widerspruchslos sind damals die betreffenden Be­schlüsse von dem Blatte dahin interpretiert worden, daß der in Frankfurt zugleich vorgeschlagene Ausschuß dort Vertrauensmännern der drei Parteien keine neben oder über den Parteien wirkende Zentralinstanz sein soll,sondern eine in eitger Fühltlng mit den Partei­leitungen stehende Einrichtung, die eine regelmäßige Besprechung von Vertrauensmännern der Parteien er-

55 . Jahrgang.

H.I inr rait ii W 1 i i' i newm t l 1

möglicht und zu vermitteln hat, ^ falls Meinungsver­schiedenheiten sich ergeben. Die näheren Bestimmungen sollen in weiteren Besprechungen in Berlin festgesetzt und ein Einvernehmen der berufenen Vertretungen der Parteien über die Bildung und den Wirkungskreis des Ausschusses herbeigeführt werden."

Der Zentralausschuß der Freisinnigen Volkspartet hat am 28. Mai 1905 folgende von dem Zerttralausschuß am 28. Oktober 1906 abermals bestätigte Erklärung altgenommen:

Der Zentralausschuß würdigt die Bedeutung der Bestrebungen, den Einfluß des Liberalismus durch möglichste Zusammenfassung der wirklich liberalen Elemente im Lande zu stärken, erachtet aber als unab­weisbare Voraussetzung für etwaige Vereinbarungen mit anderen liberalen Gruppen die Wahrung der eigenen politischen Selbständigkeit nach Maßgabe der im Eisenacher Programm ausgesprochenen Grundsätze. Unter Wahrung dieser Selbständigkeit wird die Frei­sinnige Volkspartei bereit sein, mit anderen liberalen Gruppen eine Verständigung zu bestimmten politischen Zwecken, insbesondere bei den Wahlen, herbeizuführen."

So weit dieFreisinnige". Wir vermögen jedoch nicht einzusehen, daß diese Sonderbündelei dem ent­schiedenen Liberalismus zum Vorteil gereicht. Die letzten Wahlen haben das Bild dermaßen verändert, daß jedem ehrlichen Liberalen die Verschmelzung_ der verwandten Parteien als das einzig Richtige erscheinen muß. '_

Der Krewserlrch im WortlrmL.

Berlin IV. 61, den 4. Mai 1906.

Durch den Staatshaushaltsetat für das laufende Etats rohr sind unter Kapitel 121 Titel 31 neue Mittel zu laufenden widerruflichen Staatsbeihilsen für leistungsschwache SchnlverLqnde zu dem Zwecke bereit- gestellt worden, tunlichst eine Erhöhung des Mindest- grundgehaltes der ersten und der alleinstehenden Lehrer auf 1100 M., der übrigen Lehrer auf 1000 M., der Lehre­rinnen auf 800 M, und des Mindestsatzes der Alters­zulagen sämtlicher Lehrer auf 120 M. und der Lehre­rinnen auf 100 M. herbeizuführen. Die Maßnahme zielt darauf ab, auf dem Gebiete des Besoldungswesens der Bolksschullchrer und Lehrerinnen eine größere Gleichmäßigkeit und Stetigkeit herzustellen und der Land- flitcht der Bolksschullehrer entgegenzuwirken. Daraus folgt, daß die Kgl. Regierungen und die ihnen unter­stellten Organe in der Besoldungsfrage keine Schritte unternehmen dürfen, die dieses Ziel in Frage stellen könnten. Wenn demnächst Schnlverbündc, insbesondere Stadt gemeinde n, eine wettere Erhöhung des Grundgehaltes und der Alterszulagen ihrer Lehrer beschließen sollten, so ist von der Kgl. Regierung vor der Bestätigung des Erhöhungs­beschlusses sorgfältig zu prüfen, ob dadurch das von der Staatsregierung verfolgte Ziel etwa gefährdet werden würde. Ge­langt die Kgl. Regierung zu der Überzeugung, daß der Beschluß in dieser Beziehung erheblichen Bedenken unter-

FerrMe-srr.

Wiener ThSÄLer-Vries«

BernsteinsHerrenrecht" int Burgtheater. Ein Journalistenstück. Ein politisches Lustspiel.

Wien, 11. Februar.

. Über Traditionen läßt sich nicht so leicht hinweg- onrmen wie man denkt. Das Burgthcatcr ist ein Haus ,sr Traditionen und hat infolgedessen auch nach außen 5llt Traditionen geschaffen. Zu diesen gehört, daß man Aufführungen eine größere Beachtung znwendct, man sie mit den kritischsten Matzstäben mißt und ^bst stger den seichtesten Schwank in spaltcnlangen ^nilletons sich ästhetisch a u s ei nander zu setz e n bemüht, es sich nun um Goethe, Schiller, Hebbel, Hanptmann Kadclburg handelt ... sie erfahren die gleiche liebe­le Aufmerksamkeit. Das wirkt auf Fernstehende oft jbhr komisch, aber die Tradition entschuldigt vieles; was I! e nicht entschuldigt, ist, daß das Burgtheater sich über ^ hinwegsetzt und allen Machern gastliche Aufnahme ge­wahrt. So kommt es, daß ein Stück, das an sich ganz gut Mtefien könnte, bei einer Prüfung auf Herz und Nieren Schaden kommt, nur weil es im Burgtheater anfge- Mrt und darum tiefer und gründlicher von der Kritik ansg^chlachtet und abgeschlachtet wird. Man gerät so °ber auch häufig genug in Verlegenheit, sich diesen Auf- zu unterziehen. Die Eindrücke sind meist derart würlich, daß man schon einen Tag später nichts mehr zu

sage»

weiß Ein Schauspiel ,Z> e r r e n r e ch t" von

Bernstein, dem Münchener Rechtsanwalt, ist °u: Ausführung gelangt, durchgefallen und schon vom

Repertoire verschwunden. Mit Recht. Es ist eine lang­weilige, gekünstelte Komödie, ein dramatisierter Marlitt- Roman, der sich mit modernem Flitter behängt. Aber dieser Aufputz kann niemand täuschen. Ein Schriftsteller, Franz Hofer, proklamiert für sich dasHerrenrecht" in dem Sinne, daß er sich ausleben müsse. OhneAn­regungen" kann er nichtschaffen". Seine Frau, ein dummes, verliebtes Gänschen, glaubt ihm das natürlich aufs Wort und ahnt nicht, daß der Göttergatte auf diese angenehme Weise allerhand verbotene Wege ungestraft wandeln kann. Ein alternder Professor, der ein junges Weibchen hat, widmet sich diesem völlig: sie aber findet, daß seine Liebe nicht genügt und läßt sich mit dem Schriftsteller Franz Hofer ein. Natürlich kommt es durch allerhand Zufälle zur Entdeckung dieses sträflichen Ver­hältnisses, der Professor wirst den Liebhaber hinaus, läßt sich von seiner Frau scheiden, worauf Hofer und die Professorsgattin eine wilde Ehe entgehen. Das ist das Herrenrecht", wie es sich der Autor vorstcllt. Einige gut geratene Szenen, einige hübsche Dralogstellen ent­schädigen nicht für die Öde des ganzen Bierakters. Zu allem Überflüsse wurde diesem Stück noch ein Einakter Bernsteins angehängt,Die grüne Schnur". Das sollte offenbar eine humoristisch wirkende Gerichtsszene sein, allein, die Lustigkeit ist so fadenscheinig und gequält, daß man die ganze Geschichte unbarmherzig niederzischte.

Viel mehr Interesse darf eine Komödie aus dom I o u r n a l i st e n l e b e n beanspruchen, die Dietrich Eckart unter dem TitelFamilienväter" im L u sts p i e l t h e a t e r anssührcn ließ. Es fehlt an wirklichen Jonrnalistenstücken, die die Tragik und die bittere Satire, die der Stoff in sich birgt, ausschüpfen würden. Man streift gewöhnlich die heitere Oberfläche und begnügt sich mit Genrebildern. Das Stück Eckarts

ist nur ein Ansatz zur ernsten Behandlung des Problems ltitö mau mutz gestehen, daß er seinen Absichten ein: spannende theatralische Gestaltung zu geben verstand. Aber das Stück leidet unter einem Fehler: cs ist ein Pamphlet, das sich deutlich gegen einen Berliner Grotz- vcrleger wendet.

Ihm allein gilt die Wut und der Haß des Autors, er zielt direkt aus jene Person hin, und wenn es auch gilt, die sog.unparteiische Presse" zu treffen, ist das Be­mühen dennoch ersichtlich, jenen Verleger als den Typus des brutalen, rücksichtslosen Ausbeuters hinzustellen, der die physische und geistige Arbeitskraft seiner Redak­teure ausnützt, um ihnen dann den Stuhl vor die Türe zu setzen. Eckart führt uns in die Redaktion der Berliner Universal-Zeitung und schildert Menschen und Dinge, wie sie sind. Die Redakteure sind meistFamilienväter" und müssen ihrer Überzeugung Gewalt antun. Opfer fallen hier,Menschenopfer unerhört". Das Stück ist sehr geschickt aufgebaut: dieses Zeugnis kann man dem Autor nicht versagen. Aber es leidet unter dem Mangel an Perspektive, geht ins Spezielle, statt ins Allgemeine.

Das Bürgertheater hat sich ein politisch fein wollen­des Schauspiel geleistet:Aus P ol e n k r e i s e n" von Adam Müller-Guttenbrnnn. Natürlich pol­nische Wirtschaft, aber ohne Saft und Kraft geschildert. Ein reicher jüdischer Fabrikant bringt es Sahnt, daß ein verschuldeter polnischer Graf sein Töchterchen heiratet. Was weiter folgt, hat mit Politik und polnischer Korrup­tionswirtschaft nur nebenbei zu tun; es ist nichts als ein Abklatsch des bekannten Schauspiels von Emile Augier Der Schwiegersohn des Herrn Poirier". Aus diesem guten Stück machte Herr Müller-Guttenbrnnn ein schlechtes. Das ist alles, was sich über die Sache sagen läßt. L. J