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Nr. 47.
Wiesbaden, Dienstag, 29. Januar 1907.
55. Jahrgang.
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Unser L o n d o n e r n-Korrespondent schreibt uns unterm 26. d. 3 ) 1 . '■
Die englische Arbeiterpartei hält gegenwärtrg ihre übliche Jahresversammlung in Belfast in Irland ab, zu der sich etwa 300 Teilnehmer, also ungefähr die gleiche Anzahl wie im vorigen Jahr einsanden, wo London der Schauplatz der Beratungen war. Während der letzten zwölf Monate ist die Partei bedeutend weiter gewachsen, so daß sie nun nahezu eine Million zahlender Mitglieder besitzt. Diese hatten bis jetzt nur einen Penny (SsH Pf.) im Jahr, und zwar hauptsächlich für die Bezahlung ihrer Vertreter im Parlament beizusteuern, doch soll der Beitrag nun zeitweilig verdoppelt werden, weil die Abgeordneten infolge der abermals eingeführten Herbstsitzungen des Unterhauses nicht länger mit ihren Gehältern auszukommen vermögen. Der Vorschlag stieß indes aus beträchtlichen Widerstand und man warf, den bezahlten Parlamentsvertretern vor, einige von ihnen bezögen jetzt jährlich 600 bis 700 Pfd. Stert, und benähmen sich infolgedessen wie „verdammte Kapitalisten". Aus der Kasse der Arbeiterpartei werden indes den Abgeordneten nur 200 Pfd. Srerl. gewährt, aber verschiedene erhalten von den besonderen Verbänden, denen sie angebören, ungleich größere Beträge. Die Erhöhung wurde schließlich von den Vertretern von 449 000 Stimmen gegen deren 483 000 angenommen. Eine der ersten Handlungen der Versammlung bildete die Entsendung von Botschaften an dieArbeiterparterenDeutschlands und Rußlands mit Wünschen.fiir große Arbeiterwahlerfolge in beiden Ländern. Den Vorsitz führte am Eröffnungstage Mr. Keir Hardie, der die Errungenschaften der Partei während der abgelausenen Parlamentssesston als
glänzende schilderte. Bis 1905 gelang nur ganz vereinzelt einmal ein Arbeitervertreter in das Unterhaus, dem aber nun 41 solcher angehören. Den Vorwurf, daß die Stimmenzersplitterung durch Ausstellung von Arbeiterkandidaten den Konservativen in manchen Wahlbezirken zirm Sieg verhalf, wo andernfalls die Radikalen oder Liberalen gewonnen hätten, wies Keir Hardie mit der Erklärung zurück, seine Partei wäre nicht dazu da, andern Erfolge zu sichern. Ihre Aufgabe bestände nämlich darin, an die Stelle aller andern Parteien im Staat zu treten. Er prophezeite schließlich noch, die Arbeiterpartei würde binnen kurzem wieder finden, daß sich ihr auf parlamentarischem Gebiet das Haus der Lords hindernd in den Weg stellt. Sobald das einträte, gelte es einen Kampf aufs Messer, um das Veto dieser nichtgewählten und unintelligenten Kammer zu beseitigen. Bezüglich der Pläne für die kommende Session bemerkte Mr. Hardie, die Arbeitervertreter würden darauf bestehen, daß der Staat für die Bejahrten unter seinen Armen sorgt, und zu diesem Zweck zunächst den Überschuß von 5 000 000 Pfd. Sterl. verwendet, der nach dem Voranschlag im Staatshaushalt zu erwarten steht. Sodann müßte die Frage der Arbeitslosigkeit endgültig gelöst und das denkbar einschneidendste Temperenzgesetz geschaffen werden, um es der Nation zu ermöglichen, das Trunklaster wirksam zu bekämpfen. Damit soll aber nicht etwa gesagt sein, daß die Arbeiter ein wirkliches Parteiprogramm aufstellen, dessen einzelne Nummern ihre Parlamentsvertreter der Reihe nach auszuführen hätten. Diese bestehen vielmehr auf vollständiger Bewegungsfreiheit und verlangen, daß nian es ihnen überlasse, die geeignete Gelegenheit zur Förderung der entschiedenen Interessen der Partei selbständig zu wählen. Nun erklärte aber Mr. Hardie unlängst öffentlich, er und seine Freunde würden in der kommenden Session vor allem andern darauf bedacht sein, daß den Frauen das Wahlrecht eingeräumt werde, llkach Ansicht anderer ist das jedoch weniger wichtig als die Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit, und diese Leute wollten daher der Partei iin Unterhaus ganz genau zN befolgende Vorschriften machen. Bei einer Abstimmung über diesen Punkt zeigte es sich indes, daß die Verrreter nahezu sämtlicher Angehöriger der Arbeiterpartei den Abgeordneten freie Hand zu lassen wünschen, denn es wurden ungefähr eine Million Stimmen dafür und ihrer nur 76 000 dagegen abgegeben. Keir Hardie, der ein Sozialist ersten Ranges ist, befleißigt sich übrigens bei Gelegenheiten wie der gegenwärtigen bemerkenswerter Mäßigung, und zwar, wie er ganz offen gesteht, um nicht den zahmeren Teil der Partei abzuschrecken, dessen Erziehung noch nicht vollendet wäre.
Deutsches Reich.
" Die Einberufung des neuen Reichstags dürfte, ho- weit man sich an maßgebender Stelle darüber klar ist, am Donnerstag, den 14. Februar, erfolgen. Der Reichstag wird bestimmt durch eine Thronrede des Kaisers und unter dem gewohnten Aufgebot höfischen Zeremoniells im Weißen Saale des Königlichen Schlosses zu Berlin eröffnet werden. Wie die „Mil.-pol. Korrcsp." weiter mitteilt, ist zuerst erwogen worden, ob der Reichstag nicht schon in der Woche nach der Hauptwahl, also vor Erledigung der Stichwahlen, zusammen zu berufen wäre. Die wenig guten Erfahrungen jedoch, die mit einer solchen Taktik im Jahre 1887 gemacht worden sind, haben die Regierung anscheinend von diesem Plane abstehen lassen. Der neue Reichstag macht eine erneute Drucklegung des Etats notwendig. Zwar bleibt in der Hauptsache der Satz des Etats — so stets die linke Seite — bis zum Ende der Budgetberatungon des Reichstages stehen: es mutz aber für die neu beginnende Legislaturperiode, außer den An- und Überschriften und den Daten, eine ganze Reihe von Einzelheiten in den verschiedenen Spezialetats geändert werden.
* Die Interpellation Baflermann. In einer Zen- trnmsversammlnng, die in einem badischen Orte stattfand, Hat Erzberger erklärt, er könne die Angabe des Frhrn. v. Hertling bestätigen, daß die Interpellation Bassermann über die auswärtige Lage mit dem Reichskanzler vorher vereinbart worden sei. Dr. Paasche und Prinz von Schönaich-Carolath hätten ihm das selbst mitgeteftt.
* Englische Stimme über dem Wert unserer Kolonien. Die „African World" schreibt in ihrer Nummer vom 19. Januar: „Wir haben häufig in unseren Spälten die Aufmerksamkeit auf -die gewaltigen mineralischen, industriellen und landwirtschaftlichen Schätze hingewiesen, die in Deutsch-Südwestafrika und in den anderen öeutfch-afrikgnischon Kolonien der Erschließung harren. Wir hoffen auf den Augenblick, da diese reichen und ausgedehnten Gebiete entsprechend ihrer Wichtigkeit nnü ihrein Werte erschlossen werden. Dieser Augenblick ist beträchtlich näher gebracht worden seit der Ernennung Dernburgs zum Kolonialdirektor. Die Finanz- und Indnstriefachmä»ner Deutschlands sind sich eins in der Überzeugung, daß der fähige und tatkräftige Verwaltungsmann auf dein besten Wege dazu ist, durch nachhaltige Bemühungen sachgemäß und systematisch die Kolonien zu reorganisieren und nutzbar zu machen. Die Kolonien sind für Deutschland nicht allein notwendig und erforderlich im Hinblick auf die beständig wachsende Ausdehnung seiner industriellen Kräfte und mit Rücksicht auf die bemerkenswerte Zunahme seiner Be-
Feuilleton.
Seltsame Nriegswaffen.
Ein Zukunftsbild des modernen Krieges ist in dem lbespiwchenen Buche des Regierungsrates Martin : uns aufgerollt worden. In den Lüsten tobt de. mpf und die kühne Phantasie steigert die schon er. igenen erstaunlichen Fortschritte unserer ^.echnrt h zu fabelhaften Wundern. Immer ist ja der Men- 'ncreift besonders erfinderi cb gewesen, m den Werken ^Zerstörung und des Kampfes das Außerordentlichste leisten und die Geschichte der krregerrschen Erdungen ist an den genialsten wie an den groteske,ten
jöpsungen reich. .
Die merkwürdigen Gebilde, dre man im Mittelalter . Vernichtung des Feindes erbaute, sollren durch rhr 'teskes Aussehen schon Furcht und Schrecken erregen, wie noch heute die Wilden stch scheußlrch bemalen und Zstaffieren zum Entsetzen des Gegners. Wrr wstsen so chen Maschinen, die das Aussehen riesenhafter, nützlicher Unholde hatten mit gewaltigen spitzen uern ungeheuren Hörnern an der Stirn emer Nase t riestaen Eisenspitzen und wert hervorbteckender nae dft auf Rädern dahin gerollt wurden und die £ des Kindes durchbrechen sollten. Aus der intastischen Welt des Aberglaubens und des Mythos nahm man die Vorstellung von entsetzlichen Drachen d arimmiaen Untieren und baute sie aus zu Angrifss- 'Men und ^mrichtigen Schleudergeschutzen. Viele Waffen Ahnten auch ihr Namen einer gewissen Ähnlichkeit t eftÄnen Zieren: so begegnet uns schon bei den mer! die Maus" MM Unterminieren der Mauern, - Widder""zum Zerbrechen feindlicher Befestigungen, ' ''Skorpion- zum Abschieben großer Pfeile. Die ieasiübruna des Mittelalters verwandte vielfach den Lols" Verteidigung von Schlössern und Türmen. * toÄSl« Ä Sturmegge aus Balken, die n langen Spitzen starrten und auf die Stürmenden n der Mauer herabgeworfen wurden, um sie unter
ihrer Wucht zu zermalmen. Bei der Ausrüstung eines Schiffes war eine ganze Schar von Schleuder- und Angrisfswaffen angebracht, die wie die grotesken Tierfiguren eines gotischen Domes seltsamen Vogelgestalten nachgebildet schienen und ein sonderbares Heer fliegender Drachen, herabstotzender Falken und sich bäumender Schlangen darstellten.
Im Mittelalter wurden auch lebende Hunde, die man ja auch heute wieder mit viel Erfolg bei der Kriegs- sührung verwendet, nicht nur zum Wachtdicnst gebraucht, sondern als tapfere Kämpfer gegen den Feind vorge- schickt. So wurde ein ganzes Rudel von Hunden, die alle einen Tops mit brennendem Harz, ein Stachelhalsband und ein ledernes Schutzwams hatten, unter die Reitcrscharen der Gegner, losgelassen und erregte Einordnung und wilde Furcht bei den Pferden. Ein arabischer Schriftsteller erzählt von ein paar solchen wundervollen Kriegsbunden, die dein Sultan gehörten. Sie waren „so groß wie Esel, reich gekleidet in kostbare Tuche, mit silbernen Halsbändern und Ringen geschmückt und mit einem starrenden Kranz eiserner Stacheln um den Nacken. Einige waren sogar in mit Spitzen versehene Panzer gesteckt. An Kraft waren sie gleich den wilden Wölfen, den Drachen iin Fester, den Adlern in der Luft und den Krokodilen im Wasser und konnten einen Mann vom Pferde reißen, wie stark er auch sein mochte." Auch Drachen in Gestalt von Feuerbränden wurden in belagerte Städte geschleudert.
Als dann die Feuerwaffen erfunden wurden, da wuchs die Zahl der merkwürdigen Angriffswerkzenge zur Legion. Man kombinierte die alten Kriegsmaschinen mit den neuen Formen der Kanonen, der Repetier- gewehre und Revolver, die zunächst alle Hinterlader waren. So benutzte Heinrich VIII. in seinen Kriegen gegen die Schotten einen Kriegswagen, wie er danials überhaupt vielfach in Deutschland konstruiert wurde. Diese „Krjegswagen" waren große Geschütze, die auf einer Art Tragbahre mit vier Rädern ruhten nnd neben dem ungeheuren Kanonenrohr auch noch eine Menge Musketenläufe enthielten, so daß dem Feinde eine schreckliche Anzahl mörderischer Feuerschlünde ent
gegenstarrte, die Tod und Verderben spie. Bisweilen wurden auch ganze Bündel von Flintenläufen ans einem wagenartigen Untergestell zusammengefügt und diese altertümliche Form der Mttrailleuse nannte man „Donnerwagen" oder „Kugelorgel". Die größten Kräfte verwandte diese Zeit auf die Konstruktion von Riesenkanonen.. Solche Mörsergeschütze von der Art der „faulen Grete", denen die stolzen Burgen der Ritter aus die Dauer nicht Widerstand leisten konnten, hatten bisweilen ungeheure Dimensionen. So wurde 1411 eine Kanone aus Erz gegossen, die 10 Fuß 6 Zoll lang war, einen Durchmesser von 9 Fuß 2 Zoll hatte und tausend- psündige Granaten geschleudert haben soll.
Aus allen möglichen Materialien sind danials Kanonen verfertigt worden. Ein Offizier aus dem Heere Gustav Adolfs erfand erne Lederkanone, die wegen ihrer Leichtigkeit sehr beliebt war und z. B. von den Schotten unter General Leslre gegen die Engländer in der Schlacht bei Newburn Ford 1640 mit Glück verwandt wurde. Sie bestand ans kupfernen, durch Eisen- ringe verstärkten Zylindern, die mit stricken fest umwunden, dann mit Gips und endlich noch mit Leder bezogen waren: doch hielten sie nicht lange aus. Kanonen aus Holz mit eisernen Bändern sind noch in letzter Zeit auf den Philippinen gegen die Amerikaner gebraucht Worden. Die Chinesen hatten im Jahre 1259 Kanonenrohre aus Bambus hergestellt, und die Japaner haben noch bei der Belagerung von Port Arthur 'hölzerne, mit Bambus umwundene Mörser verwendet. Aus Glas und sogar aus Eis sind Kanonen einmal zum Salutschießen verfertigt worden. Geschütze aus Gold und Silber mit Juwelen besetzt, wie sic der Kaiser vo:r China oder der König von Birma haben, zeugen mehr für den Reichtum als den kriegerischen Sinn dieser Herrscher.
Modernste Erfindungen ans dem Gebiete der Krieas- wassen sind hinter den Schöpfungen der Vergangenheit an Kühnheit nicht zurückgeblieben. Da gibt es wi" der „Scientific American" berichtet, Dampfkanonen die ganze Kugelströme herausschleudern, kugelsichere Drahtschirme, mit denen die Soldaten wje mit einem
