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Nr. L.
Morgen ■ Ausgabe.
f 1. Mott.
‘ tzM— Wegen des Neujahrsfestes erscheint die e .hste ,Tagblatt"-Ausgabe erst Mittwochnachmittag.
Was nach den Wahlen sein wird.
Fürst Bülow möchte zwei Mehrheiten zur Verfügung üen, eine unter Ausschluß des Zentrums, eine mit dem mtrum. Zwar sagt er und läßt er sagen, daß der . mpf gegen die Herrschastsgelüste des Zentrums geht, »er wer wird glauben, daß der gegenwärtige Reichs- nzler es ablehnen möchte, sich mit dem Zentrum auch Zukunft zu verständigen, wenn es ihm bequem qc- acht werden sollte? So schnell leistet eine auf de- immte Wirkungen eingestellte Maschinerie nicht andere rbert, daß eine bloße Willensmeinung genügen könnte,
■ in dieser anderen Richtung funktionsfähig zu rnachen. re Regierung und die Konservativen sind seit langem ;f di Verständigung mit dem Zentrum angewiesen ,d haben sich damit keineswegs bloß widerwillig, son- ::rn vielfach mit sichtlichem Behagen abgefunden. Wenn as Zentrum nichts dagegen hat, wird sich diese Situation anz bestimmt wiederholen, und warum sollte das Zeugin etwas dagegen haben? Sein Vorteil liegt in der ertsehung der bisherigen Taktik und Politik. Tie ! mtrumspartei ist ja nur ein Teil des Klerikalismus ls eir.es umfassenden Prinzips, und wenn die Führer nch N 'ch so laut erklären, daß sie in innerpolitischen N'ager keine Weisungen aus Rom zu empfangen wün- tien, ''o wird der Vatikan jederzeit mitsprechen. Im latika r aber besteht kein erkennbares Interesse an nein Krach mit dem Deutschen Reiche, zumal seit der "kchinfung des Zwistes mit Frankreich, und gerade • Kulturkampf muß für die deutsche Reichsleitung, beschaffen ist, einen Anreiz mehr enthalten, sich m nicht zu Überwerfen, so daß sich geheime und Wünsche von hüben und von drüben begegnen, jä auch deutlich wahrzunehmen, daß man in bestrebt ist, jede Vermutung, als gelte es, einen mit dem Vatikan vorzubereiten, zu entkräften, .sin es nach alledem als nicht bloß wahrscheinlich, als durch die Verhältnisse logisch begründet hin- lltz sich Regierung und Zentrum nach den Wahlen e wieder zusammensinden werden, so darf man erseits bereitwillig glauben, daß es dem Fürsten sehr gut passen würde, wenn ihm eine Werder liberalen Parteien und Fraktionen die ikeit böte, sich vom Zentrum nach Bedarf und elieben freizumachcn. Warum auch nicht? Kein mann kann es sich besser wünschen, als daß er zwei ütsbildungen zur Verfügung bekänie, und die
Feuilleton.
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xs der Chronik des Jahres 1906.
Januar.
An Stelle des 72jährigen Grafen Schlieffen wird rlleutnant Helmut v. Moltke zum Chef des preutzi- Generalstabes ernannt. — Wiederaufleben der »Nischen Unruhen; Mordtaten und Bombenaa- werden gemeldet, u. a. die Entdeckung ganzer ensabriken — Blutige Strahenkümpfe in Moskau, Artillerie in Tätigkeit tritt.
Die Empörung in Moskau kann als niederge- m angesehen werden.
In Berlin geht die Meldung ein, daß jetzt sämt- Kächte die Zustimmung zum Zusammentritt einer Kokonfferenz in AlgeciraS gegeben haben. — Über- ner Dragonerwache in Riga durch Revolutionäre: ache wird fast vollständig ausgerieben. — Annahme "bisch-bnlgarischen Zollunionsvertrages, der gegen Berliner Vertrag verstößt. — Aufhebung des rtstreiks in Polen. — Mißhandlung des von ary nach Debreczin entsandten neuen Obergespans s bei seiner Ankunft in Debreczin.
Tornado ln Albany iGevrgial: Stadt größt:n-
zerstört. — Fortdauer der russischen Revolution, je Kämpfe um die Freimachung der Kasan-Eisen- 39 Beamte werden standrechtlich erschossen.
In Moskau ergeben sich die letzten Teilnehmer an »ewaffneten Generalstreik. Der Aufstand erscheint ,ch hier unterdrückt. Nene Stratzcnkämpfe in Bach- Die Fabrik ln Riga, in welcher die Dragonerwache rgemacht wurde, wird durch Militär erstürmt, über -beiter werden dabei getötet. — Der neue englische -r des Auswärtigen erklärt Englands Bereitschaft, ierige Politik fortzuseteu
Wiesbaden, Dienstag, L. Januar 1907.
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55. Jahrgang.
Konservativen würden schon darum kein Hindernis bilden, weil sie mit ihrer Hinneigung zum Zentrum stets dafür sorgen würden, daß ein gelegentliches Zusammengehen mit den Liberalen nur bis zu einem gewissen, den konservativen Interessen noch erlaubt dün- kenden Grade erfolgen darf. Die Rolle, als Zünglein an der Wage zu dienen (und das würden sie imnier bleiben), würde ihnen die zugemutete Doppelstellung sogar begehrenswert erscheinen lassen. Weil Das alles nun so ist, weil es mit der unwiderstehlichen Gewalt eines Schlusses aus gegebenenPrämissen vor den unbefangenen Beurteiler hintritt, sollte man sich nicht übermäßig lange bei Untersuchungen darüber aufhalten, ob es dem Reichskanzler wirklich ernst damit ist, den Kampf gegen das Zentrum auf der ganzen langen Linie der staatlichen und gesellschaftlichen Interessen, auf dem stanzen weiten Gebiete der Schulfrage, der Bildungssrage, der Kulturfrage im allgemeinen zu proklamieren. Die Forderung, daß er das tue, bleibt selbstverständlich das unveräußerliche Recht, die unveräußerliche Pflicht des Liberalismus, und gegen die Untersuchung dieser Frage an sich ist insofern nichts einzuwenden, als sie ja stets dazu dienen kann, zur Wirklichkeit der Dinge vorzudringen. Aber Illusionen sollte man nicht hegen. Und weil diese von vornherein ausgeschlossen bleiben müssen, darum darf der Liberalismus niemals vergessen, daß er nicht bloß das Zentrum zum Gegner hat, sondern daß sein Gegensatz zum Konservatismus, zu einer die politischen wie die materiellen Interessen des Konservatismus begünstigenden Regierung so gut wie gar nicht gemildert worden ist. Der Liberalismus würde unklug handeln, wenn er die Gunst der Umstände mißachtete, wenn er die Hilfe nicht nähme, wo sie sich ihm anbietet. Wenn man das immer wieder sagt, so tut man nichts Überflüssiges; denn es kann eben nicht oft genug gesagt werden. Dem Zentrum Mandate abnehmen, ist gut; die Sozialdemokratie aus ihren Wahlsitzen verdrängen, ist ebenso gut; konservative Mandate und solche verwandter 'Sorten erobern, ist aber vielleicht noch besser, trifft jedenfalls in den Mittelpunkt der Position, deren sich der Liberalismus bemächtigen muß, wenn er auch im Reichstage die Macht sein will, die er als Grundströmung des politischen Denkens in der deutschen Nation tatsächlich geworden ist. Eine liberal-konservative Mehrheits-Möglichkeit kann naturgemäß auch dem Liberalismus aller Grade recht sein, wofern damit nur für eine genügende Geltendmachung des liberalen Gedankens gesorgt bleibt. Die Ausgabe kann es aber nicht sein, die Möglichkeit auch anderer Mehrheitsbildungen auszuschließen. Nun liegen freilich die Verhältnisse so, daß die Ausschließung dieser zweiten Möglichkeit überhaupt nicht zu besorgen ist. Es müßte eine förmlich revolutionierende Umwandlung des deutschen Geistes eintreten, ehe daran gedacht werden könnte, daß Zentrum und Sozialdemokratie in eine verschwindende Minderheit zurückzudrängen wären.
Politische Übersicht.
Die norwegische Neutralität
a. Christiania, 26. Dezember.
Im Jahre 1855 wurde von dem König von Schweden und Norwegen, der Königin Victoria und dem Kaiser Napoleon III. ein Vertrag unterzeichnet, wonach^ eS Oscar I. untersagt war, an Rußland irgend ein Ltück des zu Schweden und Norwegen gehörigen Gebietes ab- zutreten oder sich von ihm entreißen zu lassen. Er verpflichtete England und Frankreich andererseits, eventuelle russische Eroberungsgelüste für skandinavisches Territorium mit Waffengewalt zurückweisen zu helfen. Die Auflösung der Union veränderte das Problem, wie auch die inzwischen vor sich gegangenen Neugrup- pierungen der Mächte den praktischen Wert des Vertrages für den Ernstfall schon vorher bedeutend herabgemindert hatten. Für Norwegen war die Sicherung vor russischer Landgier immer von größter Wichtigkeit wie für Schweden: denn inan wußte längst, daß van Petersburg aus begehrliche Blicke nach der norwegischen Küste für die Einrichtung eines Flottenstützpunktes gerichtet wurden. Man bezeichnete sogar schon das Lyngen-Fjord als die Stelle, auf die man an der Newa für diesen Zweck sein Augenmerk richtete. Deshalb juckt jetzt das unabhängige, freie Norwegen die europäischen Mächte für eine Garantie seines Besitzes und seine Neutralität zu interessieren. Vor einigen Wochen bestätigte Sir Edward Frey auf eine Anfrage des Deputierten Ashley hin, daß entsprechende Verhandlungen zwischen Norwegen und den interessierten, wie auch andern Mächten im Gange wären. Wie man hier in gut unterrichteten .Kreisen versichert, sind die norwegischen Vorschläge in Berlin außerordentlich günstig ausgenommen worden. Die deutsche Regierung soll sich sogleich mit London deswegen ins Einvernehmen gesetzt Haren. In Kreisen, die gegen Deutschland Mißtrauen hegen und die es hier ebensogut gibt, wie überall sonst außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, wittert man hinter der Eile, die man in der Wilhelmstraße an den Tag legte, um Norwegen gefällig zu sein, irgend eine versteckte Absicht. Man erinnert sich dessen, was aus der Umgebung Fswolskis verlautete, als dieser noch^ russischer Gesandter in Kopenhagen war. Man versichert", die Zusammenkunft in Kwrtö habe hauptsächlich den Zweck gehabt, sich über die von Rußland nick Deutschland gemeinsam zu verfolgende skandinavische Politik zu verständigen und Wilhelm II. habe dabei Nikolaus II. bor- geschlagen, die Regelung der baltischen Frage zu übernehmen. Damals war die Situation für Deutschland noch schwierig wegen der kühlen Beziehungen zu Dänemark. Wilhelm II. niachte einen ersten Anlauf für deren Besserung durch einen glänzenden Empfang Friedrich VIII., des damaligen Kronprinzen. Aber der
6. Veröffentlichung des neuen Exerzierreglements für die deutsche Armee. — Hinrichtung von fünf Rädelsführern der Aufständischen in Dar es Salam.
7. Bauernrevolten im russischen Gouvernement Groöno. — Grubenunglück in der Akitagrube in Japan (Provinz Jnnoi). 101 Arbeiter tot. — überfall einer belgischen Missionsstation in Kwango, wobei neun Bewohner derselben getötet und ausgefressen werden.
8. Ein deutsches Weißbuch erscheint zur Marokkofrage. — Die Senatswahlen in Frankreich verlaufen ohne jede Überraschung. — Auflösung des englischen Parlaments.
9. Die französische Kammer wählt Doumer zum Präsidenten. — Wiederaufnahme der Sitzungen des Reichstages und preußischen Landtages.
10. Der Zar ordnet die Bildung von Kommissionen an, welche nach den Ursachen der Niederlage von Tsuchima und den Begleiterscheinungen Ermittelungen anstellen sollen. — Tod des früheren preußischen Eisenbahnministers v. Thielen.
11. Der französische Senat wählt Falltöres wieder zum Präsidenten. — In Paris erscheint ein Marokkogelbbuch. — Ausbruch der Unruhen im russischen Kaukasus. — Eröffnung des preußischen Landtages.
12. Deutsche und englische Vertreter von Kunst, Wissenschaft und Literatur veröffentlichen Aufrufe zur Förderung der guten Beziehungen zwischen Deutschland und England. — Abreise des Grafen Tattenbach nach Algeciras. — Vermählung des Prinzen Ferdinand von Bayern mit der Infantin Maria Theresia in Madrid. — Erste Wahlsiege der englischen Liberalen.
13. Beendigung der Revolution in San Domingo durch freiwilligen Rücktritt des Präsidenten Morales. — Blutige Kämpfe zwischen Armeniern und Tataren im
Kaukasus. _
14. Stockungen in den deutsch-amerikanischen Han- delsvertraßsöerhgndlungen, weil der amerikanische Senat den Dingleytarif noch um 25 Proz. erhöhen will. — Entdeckung eines Bombenlagers in Saloniki.
18. Scheidung der Prinzessin Luise von dem Prinzen Philipp von Sachsen-Koburg und Gotha. — Verschärfung des französisch-venezolanischen Konflikts. Frankreich bricht die Beziehungen ab. — Duelliuterpellativn int Reichstage: der Kriegsminister erklärt, daß, solange die Sitte des Zweikampfes herrsche, die Armee auch solche Offiziere nicht dulden könne, die nicht gegebenensalls mit der Waffe für ihre Ehre etnträten.
16. Eröffnung der Konferenz von Algeciras. Zum Präsidenten wird der Herzog von Almodovar gewählt.— Präsident Castro von Venezuela läßt den französischen Gesandten Taigny nach dem Besuch eines französischen Schisses nicht wieder an Land.
17. Tod des Staatssekretärs des Auswärtigen Frhrn. v. Richthofen. — Stratzenunruhen in Hamburg aus Anlaß der Annahme der neuen, gegen die Sozialdemokratie gerichteten Wahlrechtsvvrbage. Biele Schutzleute und Zivilisten verletzt, mehrere Läden geplündert. — Wahl Fallitzres zum französischen Präsidenten und Nachfolger Loubets.
18. überwältigender Wahlsieg der Liberalen in England. — Arbeitersperre in Hamburg wegen der Demonstrationen. — Beginn der eigentlichen Beratungen in Algeciras mit der Waffenschmuggelfragc. — Die französische Regierung stellt dem venezolanischen Geschäftsträger Maubourgnet seine Pässe zu.
19. Aufhebung des russischen Staatsqesängniffes in Schlüsselburg. — Umbildung des österreichischen Ministeriums, Ministerpräsident v. Gautsch wünscht, um die Wahlreformvorlagc durchzubringen, Vertreter der Hauptparteien in das Ministerium aufzunehwen.
20. Frankreich ersucht die Vereinigten Staaten, der venezolanischen Regierung mitzuteilen, daß es wegen der Ausweisung Taignys Genugtuung wünscht.
2t Ernennung des preußischen Gesandten in Hamburg v. Tschirschky und Bögendvrfs zum Staatssekretär des Auswärtige., Amtes. — Die sozialdemokratischen Protestversammluugen gegen das preußische Landtags- Wahlrecht verlaufen in ganz Preußen friedlich. — Der
