Einzelbild herunterladen
 

Verlag Langgaffe 27.

Fernsprecher Nr. 2953.

Rufzeit von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends.

23,000 Mmnelltcn.

fit» beide Ausgaben: 50 Psg. monatlich durch den Verlag Langgasse 27, ohne Bringer- 2 Mk. 50 Pfg vlerteliachrkch durch alle deutschen Postanstalten, ausschiietzlich Bestellgeld.

is-Aestellnuaeu nputttpn mifiprHMti prtf ump« »n flvüpafinS»n h.«

Bezugs- lohn. 2

Bezirgs-Bostellungci, nehmen außerdem jederzeit entgegen: in Wiesbaden die Haupt-Äaentur Wilhelm­straße 8 und die 142 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 27 Ausgabe­stelle» und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

Auzeigen-Aunahme: Für die Abend-AuSgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis S Uhr nachmittags.

2 Tagesausgaben.

Haupt-Agentur WiLhelmftr. 6«

Fernsprecher Nr. 967.

Rufzeit von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends-

» err-Preis für die Zeile: 15 Pfg. für lokale Anzeigen imArSeitsmarkt" undKleiner Anzeiger" . Etlicher Satzform; 20 Pfg. in davon abweichender Satzausführung, sowie für alle übrigen lokalen Anzeigen; 30 Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Ml. für lokale Reklamen; 2 Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in rurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.

Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 606.

Wiesbaden, Sonntag, SO. Dezember 1006.

54. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__1. Matt.

Das Ausland Lm Jahre 1906.

Teil I.

Von Deutschlands beiden Genossen im Dreibund machte Ö st e r r e i ch - 1l n g a r n im Jahre 1906 eine außerordentlich spannende Entwicklung durch, die sich ziemlich gleichmäßig auf beide Reichshälften verteilte. Am 19. Februar wurde unter deni Ministerpräsidenten Fejervary, der den Kaiser Franz Joseph endlich für das allgemeine Wahlrecht gewonnen halte, der ungarische Reichstag aufgelöst. Dies würde den Absolutismus in Ungarn bedeutet haben, wenn nicht bis zu dem gesetz­lichen Termin, dem 9. April, die Neuwahlen vorge­nommen waren. Kurz vor diesem Tage aber gelang es der Krone, die Opposition dahin zu bringen, daß sie von ihrer Hauptforderung der ungarischen Kommando­sprache abstand und ihre Zustimmung zum allgemeinen Wahlrecht gab. Dafür wurde das neue Ministerium aus ihrer Mitte gewählt mit Wekerle als Präsidenten und Finanzminister, Andrassy als Minister des Innern, Apponyi als Kultusminister und Kossuth als Handels- minister. Die Neuwahlen brachten dann der Kossuth- partei, der radikalsten Partei, eine bedeutende Mehr­heit. Die Vorgänge in Ungarn hatten naturgemäß ihre Rückwirkung auf Österreich; was jenem recht war, mutzte diesem billig sein. Und so legte denn, nachdem in einem gewaltigen Demonstrationszuge in Wien von den Sozialdemokraten das allgemeine Wahlrecht ge­fordert worden war (am,23. Februar) Ministerpräsident v. Gautsch den Entwurf zu einem solchen dem österreichi­schen Abgeordnetenhaus vor. Schon glaubte Gautsch nach langen Verhandlungen am Ziele zu stein, da ver­sagten die Polen ihre Mitwirkung. Gautsch trat am 30. April zurück; doch auch sein Nachfolger, Prinz Karl von Hoheulohe-Schillingsfürst, stand fest auf dem Boden des allgemeinen Wahlrechts. Aber auch er mutzte bald wieder von seinem Posten abtreten, weil er deni Ver­langen Ungarns, daß die gemeinsam mit Österreich mit den fremden Staaten abgeschlossenen Handelsverträge als selbständige Verträge Ungarns gelten sollten, nicht Nachkommen wollte. An seine Stelle trat am 1. Juni Baron Beck, Sektionschef im Uckerbauministerium. Und ihm gelang es, da der Kaiser mit festem Entschluß hinter ihm stand, das Wahlrecht nach heißen Kämpfen endlich ani 1. Dezember 1906 im Abgeordnetenhause durchzu- bringen. Auch der Widerstand, den das Herrenhaus dem Gesetz entgegenstellte, ist so gut wie überwunden. Am 24. Oktober wurde der gemeinsame Minister des Äußern durch den Botschafter in Petersburg, Baron Ährenthal, ersetzt.

In Italien, das ebenfalls noch immer nicht zu einem festen Kurse kommen kann, »rächte Anfang Februar Las Ministerium Fortis dem Ministerium Sonnino

Feuilleton.

Ein- und Ausfälle.

(Für dasWiesbadener Tagblai t".r Von Joseph Katsler.

Was die Silvesterglockcn läuten...

In dunklem, schwerein Tönen die Glocke, an deren Strängen das alte Jahr die zitternden Arme reckt:

Alles vergeht, alles ist irres (spiel. Tausend Flam­men hatt' ich gebracht, die Welt zu erleuchten, zu er­wärmen. Alle sind mir erstorben. Wo ist noch eine Blüte meines Frühlings, noch ein Vogelstimmenklang meines Sommers? Tausend hoffende Wünsche Hab' ich an meinen Händen wie jubelnde Kinder hereingcführl, alle trage rch, blasse, kleine Tote, in meinen müden Armen hinaus. Tausend Ketten versprach ich zu brechen und aus Sklaven Freie zu segnen. Keine zerbrach, und lausend Knechtesflüche jagen mir nach. Alles ist eitel, alles ist irres Spiel.

In Hellem, jubelndem Klingen die Glocke, an der das neue Jahr die Stränge rührt:

Alles ist Werden, alles ist mutigen Glaubens Werk. Tausend junge Flammen bringe ich euch, die Welt zu erleuchten und zu erwärmen. Schaut meines Frühlings holde Blütenwunder. Solch Frühling kam euch noch nie. Hört meines Sommers süßes Erfüllungslied! Solch Sommer rief euch noch nie! Tausend Ketten will ich zerbrechen und jeden Sklaven zum Freien richten. Seht ihr all eure sehnenden Wünsche sich uni mich drängen wie jubelnde Kinder. An wundermächtigen Händen führe ich sie alle den klar herstrahlenden Zielen zu. Alles will werden, alles ist mutigen Glaubens Werk.

Platz, dessen Amtszeit jedoch auch nur von kurzer Dauer war. Es scheiterte an der Frage der Eisenbahn- Verstaatlichung, und im Mai übernahm wieder der Mann die Regierung, auf den man in Italien immer zurück- greift, wenn man nicht mehr weiter kann, nämlich Gio- litti, der in dem Lande, von dem man gesagt hat, daß man dort die Kabinette wechsele wie die Hemden, schon verhältnismäßig lange am Ruder ist.

In England hatte das Jahr 1905 mit einer Kabinettskrisis geschlossen. Das am 11. Dezember v. I. ans Ruder gelangte liberale. Ministerium Campbell Bannerman, dem die Neuwahlen des anr 8. Januar d. I. aufgelösten Parlamentes eine überwältigende Mehrheit eintrugen, lenkte nicht nur in der äußeren Politik in sriedsertigende Bahnen ein, sondern es suchte auch auf dem Gebiete der inneren Politik reformierend zu wirken, indem es vor allem die Schulen unabhängig von der Geistlichkeit stellen wollte. Am 31. Juli wurde die von der Regierung eingebrachte Schnlvorlage mit 369 gegen 177 Stimnren angenommen. Allein man hatte die Rechnung ohne das Oberhaus gemacht; dieses will von der liberalen Neuerung nichts wissen und stellte dem Gesetz einen entschiedenen Widerstand entgegen, der es zum Scheitern brachte. Es wäre freilich nicht un­möglich, daß als Folge hiervon unter den Liberalen wieder die alte ParoleReform des Oberhauses" auf­leben könnte.

Von England führt uns dessen entente cordiale zur französischen Republik hinüber, die am 17. Januar au Stelle Loubets, dessen siebenjährige Amtszeit abgelaufen war, einen neuen Präsidenten in dem bisherigen Senatspräsidenten Fallidres erhielt, der sein Amt am 18. Februar antrat. Das von ihm über- nommene Ministerium Rouvier konnte sich nicht mehr lange halten. Es kam, trotzdem die Marokko-Angelegen­heit gerade an einem kritischen Punkte angelangt war, am 7. März über eine ganz unbedeutende Frage zu Fall, und an seine Stelle trat das Kabinett Sarrien, dessen führende Geister allerdings nicht der Ministerpräsident, sondern Clemenceau, Bourgeois und Briand waren. Diesem Ministerium, dessen Hauptaufgabe es war, die bevorstehenden Wahlen zu leiten, stellten sich bald un­gewöhnliche Schwierigkeiten entgegen, da nach der am 10. März erfolgten schrecklichen Katastrophe in den Berg­werken von Courriäres ein allgemeiner Bergarbeiter- streik entstand, der nur mit Waffengewalt unterdrückt werden konnte. Dennoch verstand es der gewandte Minister des Innern Clemenceau bei den Wahlen am 6. Mar dem Ministerium zu einem glänzenden Siege zu verhelfen. Sachliche Gegensätze, sowie die Amts- müdigkeit Sarriens führten am 22. Oktober zu einer Unigcstaltung des Ministeriums, an dessen Spitze nun- 'mehr Clemenceau trat, und in das als Kriegsminister der aus der Dreyfusaffäre bekannte, unterdessen zum General beförderte Picquart berufen wurde. Diese Affäre" ist übrigens jetzt dadurch zum endgültigen Ab­schluß gekommen, daß der Kassaiionshof am 12. Juli Dreyfus freisprach, worauf dessen vollständige Rehabili-

Tragikomik.

Die echte Tragikomik, vor der einem ehrlich der er­schütternde Schmerz ebenso nahe ist wie der Reiz zu un­bändiger Heiterkeit, ist in unserem modernen, zwischen ewigen Korrektheiten eingedämmten Leben so selten, daß man nicht vorübergehen darf, wo sie sich einmal wirklich zeigt.

Die Stelle, wo ihr seltener Geist nach langem wieder erschien: eine Broschüre Leo N. Tolstoi:Shake­speare, Eine kritische Studie" (Hannover, Adolf Sponholz Verlag). Da steht bereits auf der zwei­ten Seite das monumentale Bekenntnis:Ich erwartete eine mächtige ästhetische Freude und nachdem ick, seine als die besten bezeichneten WerkeKönig Lear", Romeo und Julia",Hamlet" undMacbeth"" eins nach dem andern gelesen hatte, fühlte ich nicht allein kein Entzücken, sondern im Gegenteil unwiderstehlichen Abscheu und Widerwillen."

Und diesem Urteil über Shakespeare sucht Tolstoi nun durch eine ebenso eigenartige als kindlich naive Be­weisführung stärkere Geltung zu geben. Er gibt z. B. vomKönig Lear" eine ausführliche Inhaltsangabe, die wie eine jener drolligen, unbeholfenen Karikaturen anmutet, wie sie verärgerte Schüler von ihrem Lehrer auf die Schiefertafel kritzeln. Man wird mir glauben, selbst wenn rch nur die paar Sätze herstelle, mit denen Tolstoi den Lear der Schlußszene schildert. Es heißt da wörtlich:Lear fordert, daß alle heulen sollen und ab­wechselnd glaubt er, daß Cordelia tot und lebendig sei.

. . . . Lear fleht, man möge einen seiner Knöpfe öffnen. . . . Er dankte für die Erfüllung dieses Wunsches, bittet alle, auf irgend etivas zu schauen und stirbt." Nachdem Tolstoi in diesem Stil die fünf Akte geschildert hat, resümiert er:Das ist dieses hochgefeierte Drama. So vernunftswrdrig es jedoch in meiner Wiedergabe (welche so unparteiisch wie möglich zu machen ich mich

tierung. erfolgte. Noch sieht das Kabinett Clemenceau mitten in dem Kainpsc zwischen Staat und Kirche, den das am 11. Dezember in Kraft getretene Trennungs- gcsetz herbeigeführt hat, denn der Papst hat den Bischöfen und Geistlichen verboten, sich den Bedingungen des Gesetzes zu fügen und sich an der Bildung der ver­langten Kultusvereine zu beteiligen. Mit Spannung steht die Welt dem Ausgang dieses Kulturkampfes in Frankreich entgegen.

In Rußland hat sich das Bild gegen das Vor­jahr kaum geändert. Die famose Konstitution mit dem autokratischen Regime an der Spitze hat sich herzlich wenig bewährt, das neue Parlament hat man sehr schnell nach Hause geschickt, als es der Regierung unan­genehme Beschlüsse faßte. Gewitzigt durch die ersten Erfahrungen dürfte bei den kommenden Wahlen eine kaum dagewesene amtliche Beeinflussung zu verzeichnen sein, die kann, geeignet sein dürfte, dre herrschende. Gärung einzudämmen. Bluttaten an Bluttaten waren in dem abgelaufenen Jahre zu verzeichnen und auch in dein neuen dürfte es bei der Fortsetzung der bisherigen Politik kaum anders werden. Man hat sich in Rußland fast an die jetzigen Zustände gewöhnt, bis das Volk eines Tages doch aus seiner Lethargie erwachen wird, dennallzu straff gespannt, zerspringt der Bogen!"

Was die übrigen wichtigeren europäischen Länder an­langt,^ so sind in Spanien die Verhältnisse ziemlich unverändert. Die Regierung hat zwar den Versuch gemacht, ähnlich wie in Frankreich gegen die Kirche vorzugehen, aber nach den ersten Schritten ist man stecken geblieben. Nach wie vor ist Spanien das Dorado der Anarchisten und fast wäre das Königspaar gelegentlich seiner Hochzeitsfeier das Opfer eines ruchlosen An­schlages geworden, der zahlreichen Personen das Leben kostete. In D ä n e mark hat der greise König Christian die Augen geschlossen. An seine Stelle ist Fre- derik der Siebente getreten, wie sein Vater ein schlichter und ehrlicher Charakter. Vor olteni ist cr gewillt, das gute Einvernehmen mit Deutschland, das sich bereits in den letzten Regierungsjahren seines Vaters eingestellt hatte, weiter zu pflegen und den ersten Antrittsbesuch, den er machte, stattete er bezeichnenderweise in Berlin ab. In Norwegen regiert als erster unabhän­giger König sein zweiter Sohn, der jetzt den Namen Haakon der Siebente führt. Die Trennung zwischen Schweden und Norwegen ist zwar nicht schmerzlos, aber doch friedlich vonstatten gegangen. Für die inter­nationale Politik dürfte indessen diese Scheidung kaum vou Folgen begleitet sein.Dahinten in der Türkei", wie man früher für den Balkan sagte, hat sich nicht viel geändert, die Pforte setzt im Reformwerk rhre Zauderpolitik fort, in Mazedonien sengen und brennen die bulgarischen Banden nach wie vor. In Sofia sehnt sich der Coburger noch immer nach einer Königskrone und in Belgrad kann König Peter seines Lebens nicht recht froh werden.Das ist'der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, Böses muß gebären."

Bei den beide,: jüngsten außereuropäischen Grost-

bemühte) erscheint ich kann doch zuversichtlich be­haupten, daß es im Original noch vernunftwidriger ist. Für jeden Menschen unserer Zeit der nicht unter der hypnotischen Suggestion steht, daß dieses Drama der Gipfelpunkt der Vollkommenheit sei würde es ge- nügen, das Drama (wenn er die nötige Geduld dazu hat) bis zun, Ende zu lesen, um ihn zu überzeugen, daß es eine sehr schlechte nachlässig zusammengestellte Arbeit ist. Wenn dieses Werk zu einer gewissen Zeit bei einem gewissen Publikum Interesse erregt haben sollte bei uns kann es nichts als Widerwillen und Langeweile er­wecken." »

Dieselbe naive Methode, durch seine Jnhaltsgaben aus Shakespeares Werken zuerst boshafte Karikaturen zu machen und dann hinterher auf Grund dieser In­haltsangaben triumphierend zu erklären:Seht, welch eine blödsinnige Karikatur von einem Dichter' Euer vrelgerühmter Shakespeare ist!" befolgt Tolstoi auch Hamlet",Othellos und dew. andern Hauptdramen gegenüber. Der Schluß immer wieder:S--ht welch ein abgeschmackter Stümper Euer Shakespeare ist'" Man steht nur immer wieder staunend, greift sich bange an den Kopf und fragt verwirrt:Wie ist das möglich^" Manch einer wird sagen, dieserFall Tolstoi" ist nicht weiter dunkel rätselhaft, sondern einfach komisch und die Erklärung sehr einfach:Mylord, Ihr seid alt ge­

worden . . . ."

Das hieße aber vergessen, was uns Tolstoi noch vor einem knappen Jahrzehnt war: Der Große im Reiche der Dichtung, dem nach Ibsen die größte Gewalt die tiefste Macht des Reiches verliehen war. Man kann diesen Geist nicht einfach mit dem Fluche der Lächerlich, feit abtun, den» nur der Niedrige freut sich, wenn seine Götter von einst zu ihm in den Staub stürzen.

Es gilt also des Rätsels Erklärung suchen. Der zweite Teil der Broschüre weist dabei den Weg. Da be-