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Nr. 608.
Wiesbaden, Freitag, 88. Dezember 1006.
54. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
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Wertig des „Wiesbadener Aagvlatt".
Deutschland im Jahre 1908.
In dem Jahre, das jetzt zur Neige geht, stand die innere Politik Deutschlands unter dem Einfluß einer gewissen Gewrtterskhwüle, die im letzten Monat auch zu einem Ansbruch des drohenden Unwetters geführt hat. Zunächst aber können wir die Chronik des Jahres 1806 mit freundlicheren Ereignissen beginnen, nämlich mit den berden bedeutsamen Familienfesten im Koheu- zollernhause, dre am 27. Februar begangen wurden: der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares und der grünen Hochzeit des Prinzen Eitel Friedrich, der sich mit der Prinzessin Sophie Charlotte, einer Enkelin des Feldmarschalles Prinzen Friedrich Karl, vermählte. Es sei hier zugleich daran erinnert, daß an denrsclben Tage der Kaiser dem Reichskanzler Grasen Bülow den Fürstentitel verlieh aus Anlaß der halbwegs befriedigenden Beendigung der Marokko-Konferenz. Dem preußischen Kronprinzenpaare wurde am 4. Juli ein Sohn geboren, der nach Vater und Großvater ben Namen Wilhelm erhielt.
Wir fügen hier gleich die Veränderungen in den höchsten Beamtenstellen an. Am 1. Januar wurde an Stelle des Generalobersten Gras Schlieffen Generalleutnant Hellmuth v. Moltke, ein Neffe des großen Feldmarschalls, zum Generalstabschef des deutschen Heeres ernannt. Für den am 17. Januar gestorbenen Freiherrn v. Nichthofen wurde der bisherige preußische Gesandte in Hamburg, v. Tschirschky und Bögendorff, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Nachfolger des am 28. April gestorbenen preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten V.Budde, wurde der bisherigeEisen- bahnpräsident in Cöln, Paul Breitenbach. Am 8. September wurde an Stelle des Erbprinzen Ernst v. Hohen- lohe-Langenburg der Bankdirektor Bernhard Dernburg Kolonialdirektor, indem er zugleich zum Wirklichen Geheimen Rat mit den! Titel Exzellenz ernannt wurde. Am 10. Noveinber erhielt der preußische Landwirtschaftsminister v. Podbielski seine Entlassung, und am 19. November wurde Herr v. Arniin-Criewen zu seinem Nachfolger ernannt.
An den Namen Podbielski und Dernburg, knüpfen sich jene Vorgänge, die sich immer mehr zu einer Krisis ver
dichteten, die die öffentliche Meinung fast das ganze Jahr über in Erregung hielten.und zum Schluß zu einer Explosion im Reickstage führten. Dessen Tätigkeit hatte sich im ersten Sessionsabschnitt zwar unter mancherlei scharfen Kämpfen, aber doch verhältnismäßig glatt abgewickelt. Die Marinevorlage, welche eine erhebliche Verstärkung der deutschen Flotte forderte, wurde am 19. Mai angenommen, während die vom Reichsschatzsekretär v. Stengel vorgelegte Reichsfinanzresorm nicht ganz so glatt durchs Ziel ging. Die Vorlage wurde in sehr veränderter Form ani 19. Mai in dritter Lesung gegeil die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten angenommen, und zwar wurde beschlossen eine Zigarettensteuer, eine Erhöhung der Brausteuer, eine Automobilsteuer, eine Tantiemensteuer, eine Fahrkarten- und Frachturkundensteuer und als einzige direkte Steuer eine Reichserbschaftssteuer, wozu dann noch die Abschaffung des ermäßigten Ortsportos kam. Ferner genehmigte der Reichstag am 15. Mai eine Vorlage ans Einführung von Anwesenheitsgeldern für die Reichstagsmitglieder.
Während der Reichstag vom 28. Mai bis zum 13. November vertagt worden lvar, braute sich das koloniale Unwetter zusammen, das veranlaßt durch die Enthüllungen über die mannigfachen Mißstande nicht nur drüben in den Kolonien sondern auch hier in der Kolonialverwaltung eine ernste Regierungskrisis hcrbei- snhrte, die sich um so schärfer zuspitzte, als zwischen dem immer noch indirekt an der „verdienstvollen" Firma Tippelskirch beteiligten Herrn v. Podbielski und dem Fürsten Bülow, der nach seinein Ohnmachtsanfall vom 5. April laiige Zeit an einem persönlichen Eingreifen in die Politik verhindert war, ein schroffer Gegensatz bestand, der auch in andere Fragen, so in die der Fleischpolitik, hinüberspielte. Diese Vorgäirge führten zum Schluß zum Rücktritt des Herrn v. Podbielski, zu einer Reihe von Disziplinarverfahren und zu einer Reform an Haupt und Gliedern in der Kolonialverwaltung, in deren Augiasstall Herr Dernburg als Mann mit dem Kehrbesen berufen wurde. Zwischen dem „neuen Herrn" und dem Zcntrumsabgeordneten Roeren, der sich als koloniale Nebenregierung anfzutun versucht hatte, kam es jedoch schon am 3. Dezember im Reichstage zu einem Konflikt, der sich bald zu einem Kampf zwischen Regierung und Zentrum zuspitzte und in der Sitzung von 13. Dezember infolge der Ablehnung des Nachtraa?- etnts für Südwestafrika durch Zentrum, Polen und Sozialdemokratie zur Auflösung des Reichstags führte, so daß das deutsche Volk sich urplötzlich und unerwartet vor einen heftigen Wahlkampf, vor Neuwahlen zum Reichstage, gestellt sah, die am 25. Januar nächsten Jahres stattfinden.
Ebenso wie der Neichsregierung der noch immer nicht völlig beendete Aufstand in Südwestafrika, so bereitet der preußischen Regierung der polnische Schnl- streik nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten, die auch durch das am 24. November erfolgte Ableben des Erzbischofs v. Stablewski nicht wesentlich geringer geworden sind. Im preußischen Abgeordnetenhause wurde nach
heftigeil Kämpfen das Studtsche Schulgesetz am 6. Juni und im Herrenhause am 7. Juli angenommen. Ferner wurde ein neues Wahlgesetz beschlossen, durch das einige der größten Wahlkreise geteilt und die Anzahl der (433) Abgeordnetensitze um 10 vermehrt wurde. Im Königreich Sachsen übernahin am 1. Mai der bisherige sächsische Gesandte in Berlin, Graf Hohenthal v. Reilgen, an Stelle des zurückgetretenen Ministers Metzsch die Ministerien des Innern und des Äußern: Am 13. September starb im Alter von 69 Jahren der Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht von Preußen. Da der Herzog von Cumberland, der als Anwärter ans den braunschweigischen Thron auftrat, den rückhaltsloien Verzicht aus Hannover verweigerte, so kann der welsisch» Teil der braunschweigischen Frage als erledigt gelten —• wie wir hinzufügen können: erfreulicherweise!
Rußland und der lerne Osten.
g. Petersburg, 19. Dezember.
Die Stockung in den Verhandlungen Rußlands mit Japan versetzt die öffentliche Aufmerksamkeit im Zarenreiche in immer größere Erregung. Der japanische Botschafter in Petersburg lacht freilich über die Besorgnis» es könne im fernen Osten ein neuer Krieg entstehen, aber »ran darf doch verschiedene Anzeichen nicht übersehen. Es ist zu beachten, daß die Eisenbahn von Korea nach Mulden fertiggestcllt ist, so daß die Japaner ihre Truppen in fünf Tagen dorthin bringen könnten, Inkan ist noch voll von japanischen Truppe», trotzdem cs angeblich an China zurückgegeben wurde. Im südlichen Sachalin bauen die Japaner militärische Straßen und legen Befestigungen an. Auch die Chinesen bereiten, von den Japanern getrieben, einen Krieg vor, und ein militärischer Sachverständiger, der soeben ans der Mandschurei zurückkehrte, behauptet, daß ein russisch-chinesischer Krieg innerhalb der nächsten zwei Jahre zu erwarten sei. Dem sei nun, wie ihm wolle, jedenfalls ist die japanische Gefahr allein für Rußland groß genug, um die Zukunft seiner Interessen im „Fernen Osten" in trübem Lichte erscheinen zu lassen. Der russische Osti- ziosus sieht freilich vertrauensselig der weiteren Entwicklung der Dinge entgegen. Die „Nowoje Wremja" stellt in Abrede, daß die Lage derart wäre, daß man mit einer bedenklichen Spannung in den Beziehungen zwischen Rußland und Japan rechnen müßte. Das Blatt gibt zwar zu, daß die japanische Negierung hinsichtlich der noch zu regelnden Streitfragen mit unerwartet weitgehenden Ansprüchen hervorgetrctcn ist, auf die Rußland unmöglich eingehen könnte. Trotz dieser Gegensätze halte man aber in Petersburg an der Zuversicht fest, daß das Kabinett in Tckio den russischen Einwendungen Rechnung tragen und zu einem annehmbaren Kompromiß sich bereit finden lassen werde. Der russische Optimismus ist unverwüstlich. Der Zar liebt den Frieden und will den Krieg nicht, deshalb ist es Unsinn, an den Ausbruch eines solchen zu glauben: das sagte man auch vor Beginn des letzten Krieges. Es ergab sich aber, daß den Japanern
Feuilleton.
Ans dem Zug des Tades int Jahre 1906.
Mediziner.
Der Gynäkologe Hofrat Prof. Dr. Amann, * * 1832, f 22. Januar in München; der Begründer der Walderholungsstätten für Kinder, Arzt und Fachschriftsteller Dr. Wolf B ecke r, * 1862, y 29. April in Berlin; Pros, der forensischen Medizin in Paris, Dr. Br o u a r d e l, * 1837, tz 23. Juli in Paris; Augenarzt Geh. Mebizinal- rat Prof, Dr. Hermann Cohn, * 1839, f 11. September in Breslau: Prof. Hofrat Dr. Karl Für st n er, Direktor der Psychiatrischen Klinik in Straßbnrg i. E., * 1848, t 25. April in Straßburg i. E.; Gynäkologe Prof. Dr. Adolf Gusse r v w, Schöpfer der Geburtshilflichen Klinik der Berliner Universität, * 1836, st 6. Februar in Berlin; Generalarzt a. D. Dr. Georg Herter, * 1843, st 17. Juli in Potsdam; Leibarzt des Papstes Prof. Lappo ni, * 1850, st 7. Dezember in Rom: der Nestor der deutschen Psychiater Geh. Med.-Rat Meyer, * 1819, t 18. Juli in Osnabrück; Prof. Dr. Max Ritze, Erfinder des Harnblasen-Sviegels, f 22, Februar in Berlin; der Besitzer der Nervenheilanstalt Lindenhvf, Dr. Reginald Piersen, * 1844, st 13. August in Dresden; Augenarzt Geh. Medizinalrat Pros. Dr. August v. Rothmunü, * 1830, -s 27. Oktober in München; Geh.-Rat Prof. Dr. Oswald Bieroröt, Direktor der Heidelberger Poliklinik, * 1856, -s 2. September in Heidelberg: Prof Dr. Zabludowsk i, Autorität ans dem Gebiete der Massage, * 1850, -s 25. November in Berlin.
Juristen.
Neichsgerichtsrat Frhr. Ferdinand v. D t n ck l a g e, Mitglied des 3. Strafsenats seit 1894, * 1839 zu Börden in Hannover, 's 4. Januar in Leipzig; Neichsgerichtsrat Dr. Paul Jäckel, Autorität auf dem Gebiete des Zwangsvollstrecknngswesens, * 1845, st 2. Juli in Leipzig; Lanögerichtspräsident Johann Georg Lippert, st 5. Mai in Stolp in Pommern; Ordentl. Prof, für österreichisches Zivilrecht an der Wiener Universitär Dr. Anton Meng er, Verfasser zahlreicher rechtswissenschaftlicher Werke, * 1841, st 7. Februar in Wien; Senatspräsidcnt am Reichsgericht in Leipzig, Max Gustav Neisse, * 1839, st 20. Juni in Leipzig; das frühere Mitglied des vierten Zivilsenats des Reichs gerichtes in Leipzig, Reichsgerichtsrat Otto Lirdwig Karl Reincke, * 1880, st 13. Januar in Leipzig: Oberlandesgerichtsrat Ludwig Frhr. v. Zo Iler, * 1842, st 21. Juni in München.
Sprachforscher.
Prof. Dr. Herm. A l t h o f f - Weimar, Herausge-wr des Walthari-Liedes, * 1854, st Anfang Mai in Weimar: Orientalist Prof. Dr. Gustav Bickell, * 1838,
st 16. Januar in Wien; Ordentl. Prof, der romanischen Sprachen in Straßbnrg i. E., Dr. Eduard B ö h m e r,
* 1827, st 5. Februar in Lichtenthal; Geh. Rat Prof. Dr. Wilhelm v. Christ, Vertreter der klassischen Philologie an der Universität München, gleich Vovp Vater der vergleichenden Sprachwissenschaft, * 1831, st 8. Februar in München; Prof. Dr. Ernst Wilhelm Förste mann, Sprachforscher und Hofbibliothekar in Dresden, * 1822, st 6. November in Dresden; Germanist und Prof, der deutschen Philologie in Güttingen, Dr. Moritz Heyne, Fortsetzer des Grimmschen „Deutschen Wörterbuches", * 1887, st 1. März in Güttingen; Außerordentlicher Prof, der neugp
Sprache an der Universität Leipzig, Dr. John S ch m i t t, 1 8. April in Rom; der Philologe und Verfasser des Lexikons der Zeitgenossen, Prof. Gustave Vapereau,
* 1819, st 18. April in Paris.
Historiker und Archäologen.
Der-Geh. Hofrat und Universitätsprvfessor in Jena, Heinrich Gelzer, Historiker des byzantinischen Kaiserreiches, * 1847, st 11. Juli in Jena; Geh. Rat Dr. Paul Hassel, Direktor des Hauptstaatsarchivs in Dresden, st 31. Juli in Jena; Direktor a. D. der Handelsbiblivthek Stuttgart, Dr. Wilhelm v. H c y d,
* 1823, st 19. Februar in Stuttgart: Geh. Rat Prof. Dr. August P r e u n e r, ordentlicher Prof, der klassischen Archäologie in Greifswald, * 1832, st 15. September; Albert Lorel, französischer Historiker der Neuzeit,
* 1842, st 29. Juni in Paris; Pros, der Literaturgeschichte an der Universität Gießen, Dr. Adolf Starck, * 1860, st 16. Juni in Gießen.
Sonstige Männer der Wissenschaft »nd Pädagogen.
Orientalist Prof. Dr. Karl Abel, * 1826, st l. Dezember in Wiesbaden; Pros. Ernst Waldemar Bier, Direktor der Kgl. Turnlchrcrüildungs-Anstalt in Dresden, hochverdient um die Entwickelung des sächsischen Turnwesens, * 1840 zu Schandau, st 7. Januar in Dresden: Hofrät Prof. Dr. Ludwig Boltzmann,
Prof, der physikalischen Mathematik an der Universität Wien, * 1844, st 6. September in Duino; August von B o r r i e s, Pros, an der technischen Hochschule in Charlottenburg, Herausgeber des Werkes „Eiseubahntcchnik der Gegenwart", * 1852, st 14. Februar in Meran; Prof. Dr. Franz Buchenau, verdient um die Schilderung der Flora Frieslands, * 1831, st 23. April in Bremen; Prof. Jean Louis Cabanis, Begründer des „Journals für Ornithologie", * 1816, st 20. Februar in Fried-
