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Für

Nr. 560

Wiesbaderr, Samstag, 1. Dezember LSO6.

54. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Verfehlte Politik in den Ostmnrken.

L. Berlin, 29. November.

Vor etwa einem Jahre veröffentlichte der Frei- konservative Abgeordnete v. Dewitz in denPreußischen Jahrbüchern" eine Kritik der Ansiedlungspolitik in den Ostmarken, die damit schloß, daß dies Werk gründlich verfehlt sei. Herr v. Dewitz wird im demnächst er­scheinenden Dezemberheft derDeutschen Monats­schrift" seine damalige Untersuchung sortsetzen, und er !hat den Herausgeber derPreußischen Jahrbücher", Professor Delbrück, von dieser neuen Arbeit bereits in Kenntnis gesetzt, so daß sich gleichzeitig mit der Publi­kation selber Stellung dazu nehmen läßt. Das Er­gebnis der jüngsten Untersuchungen des Herrn v. De­witz ist: Alles ist in dem verflossenen Jahr nur noch schlimmer geworden;polnisches Land ist so gut wie überhaupt nicht inehr zu kaufen; um so reichlicher geht deutsches Land in polnische Hand über." Als die An- siedlungskommission eingesetzt lvurde, 1886, kaufte sie den Hcttar für 560 Mark, im Jahre 1904 mußte sic 1025 Mark geben; im Jahre 1905 1184 Mark. Für das Jahr 1904 konnte man noch berechnen, daß das staatlich auf­gewandte Kapital mit 1,75 Prozent verzinst werde, daß also der Staat jeden: Ansiedler im Durchschnitt etwa die Hälfte seiner Aufwendung schenke, für jede Familie 10 000 Mark. Dieser Verlust ist in schnellem Steigen begriffen, denn erst kommen die Güter, die mit den künstlich gesteigerten Ankaufspreisen haben bezahlt werden müssen, allmählich zur Aufteilung. Bei den zuletzt aufgeteilten zwölf Gütern betrug der Ankaufs­preis im Durchschnitt 721,24 Mark für den Hektar. Das ergab für den Staat noch eine Rente von 1,70 Prozent. Wie soll es werden, fragt Herr v. Dewitz, wenn erst die Güter durchschnittlich mit cinern An­kaufspreis von 1100 bis 1200 Mark zur Besiedlung kommen? Der Wille des Gesetzgebers, sagt er weiter, sei fast vollständig lahmgelegt, denn selbst die Güter, die man ankauft und besiedelt, sind so gut wie gar keine polnischen mehr, sondern deutsche; mngekehrt kaufen die Polen in steigendem Maße deutsche Güter an, allein im Jahr 1906 schon mehr als 7000 Hektar Großgrund­besitz. Völlig aussichtslos und dazu moralisch unzu­lässig, legt Herr v. Dewitz weiter dar, ist das Verfahren und die Hoffnung, durch Appell an die deutsche Ge­sinnung die einzelnen deutschen Besitzer davon abzn- halten, an Polen zu verkaufen. Es ist aussichtslos, auf diesem Wege etwas zu erreichen, weil der wirtschaftliche Druck in den einzelnen Fällen viel zu stark ist, und moralisch unzulässig, weil, wenn ein nationaler Kampf gekämpft wird, die Gesamtheit die Last tragen muß,

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Lix und Ossel.

Eine lehrreiche Geschichte von Franz Balke.

Wohl kaum hatte es jemals treuere Freunde ge­geben als Lix und Ossel. Beide hatten auf einer Schul­bank gesessen, beide hatten zu gleicher Zeit an akuter Dichteritis gelitten, sie hatten in allen Ultimopcrioden tapfer zusammengehalten und aus Liebe zueinander in derselben Stadt ihre spätere Praxis ausgesührt.

Lix, feilte Tanten hatten ihn Felix getauft, war der gesetztere, kühlere von beiden; Ossel oder wie er richtig hieß Oswald das Quecksilber, der Sanguiniker. Trotz dieser verschiedenen Charakteranlagen vertrugen sich beide, wie schon gesagt, ausgezeichnet, und beide waren zu der frohen Hoffnung berechtigt, bis in des Lebens Winter hinein paradiesische Tage inniger Verbrüderung und herzerquickender Freundschaft verleben zu. dürfen. Leider erfüllten sich die angenehmen Erwartungen nicht; das schöne Dichterwort von der Treue flüchtete ins Reich der Fabel zurück, und eines schönen Tages war es aus mit der Seelenharmonie ganz aus. Lix und Ossel wurden spinnefeind.

Wie es kam? Chercliez la femme! . . . Die blen­dende Alinde hatte das stattliche Paar mit gleichen Künsten bezaubert. Lix faßte allmählich . eine tiefe Neigung zu der geistsprühenden, sirenenäugigen Dame; Ossel stand sofort in hellen Liebcsflammen und schwur jeden umznbringen, der ihm seine Göttin abspenstig machte. Es war die peinlichste Stunde ihres ^Lebens, als beide dahinterkamen, daß sie Rivaleir waren. Lir stöhnte wie ein verwundeter Löwe. Ossel lies in seinem Zimmer auf und ab wie ein angcschossener Eber; seine Aussichten waren schlecht, denn die Angebetete bevorzugte

und nicht dem einzelnen, um dessen Ackerstücke zufällig die Fehde tobt, das Opfer des wirlschaftlicheik und so­zialen Status seiner Familie vielleicht für alle Zukunft zu gemutet werden kann. Viele aber kümmern sich über­haupt nicht um den nationalen Kampf, drohen an einen Polen zu verkaufen, erpressen dadurch einen unerhörten Preis von der Ansiedlungskomniission uno ziehen mit dem Geldc in der Tasche ab. Hat der noch cur nationales Gewissen, der solchen Zuständen gegenüber die Augen verschließt und die Dinge laufen läßt, wie sic laufen? Ist es nicht offenbarer Verrat am Deutschtum, wenn man mit nationalen Kraftphrasen das deutsche Volk über die hereinbrechende Niederlage fort und fort hin­wegtäuscht? Wir haben in den vorstehenden Aus­führungen die Untersuchungen des Herrn v. Dewitz wie die angefügten Kommentare des Professors Delbrück iit denPreußischen Jahrbüchern" mit Absicht ineinander- fließen lassen. Denn es kommt ja nicht so sehr auf die Stimme eines einzelnen an als vielmehr darauf, daß erkannt wird, wie ein Gesamturteil zustande kommt. Und noch ein dritter konservativer Mann mag als Zeuge gegen eine auf Abwege führende Politik heran­gezogen werden, nämlich Freiherr v. Zevlitz, der sich jüngst über die Ressortpolitik der einzelnen Ministerien und die daraus entstehenden neuen Schwierigkeiten entrüstete uikd dazu bemerkte:Die Unterrichts-Ver­

waltung geht niit der Einführung der deutschen Unter­richtssprache im Religionsunterricht munter vor, ohne sich darum zu kümmern, welche Rückwirkungen daraus für die Polenfrage im ganzen, ja, bei der einflußreichen parlamentarischen Stellung des Zentrums auch für die Gesamtpolitik zu erwarten sind." Professor Delbrück fragt in denPreußischen Jahrbüchern", wo einAusweg ous den offen zutage liegendcnSchwierigkelten gefunden werden könnte. Er macht ja auch Vorschläge. Auch Herr v. Dewitz macht solche, aber niart vernimmt sie mit Zweifeln. Denn wenn schon die bisherige An­siedlungspolitik nur Mißerfolge brachte, wie soll ein Erfolg nun plötzlich davon erwartet werden, daß sich die Ansiedlnngstätigkeit nur auf die Schaffung eines deutschen Erenzgürtels zu beschränken hätte? Und selbst wenn das gelänge, soll den Polen öamit die Agitation verwehrt werden können, die doch nichts da- llach fragt, ob die verschiedenen Glieder dieses Volkes durch eingesprengte deutsche Partien unterbrochen sind? In der bevorstehenden Besprechung, des Reichstages über die polnische und die Zentrumsinterpellation, be­treffend den Schulstrcik, wird Fürst Bütow schwerlich das Wort nehmen. Es heißt, daß er die Beantwortung der Interpellationen mit Rücksicht darauf, daß es sich um eine preußische Angelegenheit handeln werde, ab- lchnen werde. Damit wird jedoch nicht verhindert wer­den können, daß die Interpellationen selber sehr aus­giebig werden besprochen werden. Wir haben nicht den Eindruck, daß das ein Rnhmestag für Reich uikd Volk werden wird.

seinen starken, ruhigeren Freund. Da tat Ossel einen Kniefall vor seinem getreuen Intimus, schilderte ihm in herzzerreißenden Tönen seine verzehrende, unbezwing- Irche Liebe zu Alinde uikd flehte ihn an, doch zurückzu­treten, andernfalls er Ossel zu allem fähig sei. Lix erschrak ob der revolutionären Leidenschaft, überlegte und versprach dem Erregten baldigen Bescheid. Nach zwei qualvollen, schlaflosen Nächten teilte er denk Freunde mit, daß er Lix sich zwar fortan nicht mehr um Alinde kümmern wolle, daß er ihn aber als Freund ver­achte uiid sich jede weitere Annäherung verbäte.

Ossel fühlte sich im Rausche des sonnigen Glückes nicht gerade tief verwundet. Er vergaß bald die unan­genehme Geschichte und erreichte durch eifriges Minne- werben in kurzer Zeit sein Ziel. Er verlobte sich und führte die stolze Alinde im Wonnetaiimel als Rosen- flechterin ins eigene Nest. Nun wäre die Geschichte eigentlich aus, wenn es nicht Lix gewurim hätte, einen von Natur harmlos gutmütigen, aufrichtigen Freund verloren zu haben. Die einst Geliebte bewcgte sein Herz nicht mehr; sie hatte ihn zu schnell aufgegeden und loar deshalb seiner unwürdig.-

Vier Jahre waren vergangen. Lix war der Ver­zweiflung nahe. Wie hatte er doch einst so heitere Stunden mit Ossel verplaudert, wie hatteik sie sich bei allen Nadelstichen und Schwerthieben des Schicksals mit Rat und Tat unterstützt nun war das alles dahin nun war der Jugendfreund ein Feind . . . Das tat weh! Aber das mußte und sollte anders werden! Er­gab seinem Herzen einen Stoß, schrieb dem leichtblütigen Heißsporn einen versöhnlichen, liebevollen Brief und bat ihn herzlich, sich zu bestimmter Stunve im alten Stammlokal einznsinden, um mit ihm bei einer Flasche Wein die alte, zersprungene Treue zusammenzuschmieden. Lirens Entschluß war noch durch die heimlich gemachte Entdeckung beschleunigt worden, daß Ossel schrecklich heruntergekommen war- Er war scheu und mürrisch ge­worden, und böse Zungen behaupteten, daß ihm seine

Fürst Külow und die Presse.

Die Klagen über die böse Presse, wie sie Fürst Bülow vorgestern wieder im Reichstage anzustimmen für nötig hielt, bckommeir allmählich einen Stich ins Abge­schmackte. Immer, wenn etwas saut im Staate und Reiche ist, wenn ein Beamter seine Pflicht verletzt, ein Minister hinter der Schürze seiner Frau mit dem Reich profitable Geschäfte macht, wenn uns em Telegramm oder eine Rede unangenehme internationale Verwicke­lungen beschert, überhaupt, wenn sich Krankheitssymp­tome am Regicrungstürpcr zeigen, dann geht mair ikicht etwa in sich und gelobt Besserung Gott bewahre! sondern dann schlägt man auf die Presse los. Kann malt ihr gar nichts anderes vorwerfen, dann wirft man ihr wenigstens vor, daß sieverallgemeinert",über­treibt" undentstellt", wie cs denn auch Fürst Bülow wieder in seiner vorgestrigen Rede getan hat.

Wir haben gar keine Neigtmg, die Pharisäer zu spielen, uitd geben deshalb zu, daß etwas Ähnliches Vor­kommen kann. Es wll ja sogar Vorkommen, daß Staatsmänner, wenn sie vor dem Reichstage sprechen, sich gewisser Entstellungen und Verallgemeinerungen schuldig machen. Oder nicht, Durchlaucht? Wieviel leichter kam: es geschehen, daß einmal der Presse bei der Hast, in der sie arbeiten muß, bei der Fülle des Materials, das aus sie cindringt, ein Irrtum unter­läuft. Fürst Bülow glaubte vorgestern dem Reichstage mit der Last, die auf seinen Schultern ruht, imponieren zu können. Ob es ihm beit Abgeordneten gegenüber gelungen ist, das mag dahingestellt bleiben. Aber einem Zeitungsredakteur hat er damit gewiß kein Gruseln eingejagt. Der fragt höchstens mit einem Achselzucken: Weiter nichts? Und vielleicht benft dieser und jener: Hätte ich nur eine ähnliche Sinekure. Schließlich, wenn man ein halbes Jahr in Norderney und Homburg frische Luft genießen kann, ist die Kanzlerlast erträglich.

So gut haben es die Preßmenschen nicht; sie haben auw nicht immer die Möglichkeit, sich zutreffend zu in­formieren, zumal, wenn die Regierung, wie so oft, sich in diplomatisches Schweigen hüllt. Insofern kaitn man sogar behaupten, daß fast immer die Regierung schuld ist, wenn die Presse übertreibt. Sie hat dann eben die Wahrheit verheimlicht. Äder ist nicht mich Fürst Bülow überzeugt, daß die Kolonialskandale nie­mals aufgebauscht worden wären, wenn sie von der Reichsregicrung ikicht jahrelang vertuscht worden wären? Jetzt ist es ja plötzlich still geworden. Warunr? Weil Dernburg nach den: Grundsatz handelt: Wo

nichts verheimlicht wird, da gibt es nichts zu enthüllen. Wir möchten hinzufügen: Wo nicht intrigiert wird, da gibt es auch keine Krisen, auch nicht in der Presse.

Nichts aber ist verkehrter, als behaupten zu wollen, daß die angeblichen Übertreibungeir der Presse den deutschen .Kredit und das deutsche Ansehen tu der Welt

energische Gemahlin mehr Dornen als Rosen ins irdische Leben flocht.

Ossel stellte sich zur verabredeten Zeit ein, zeigte sich aber durchaus nicht versöhnlich. Er begrüßte den einst Vertrauten zurückhaltend, ließ sich ikichi bewegen, mit rhm von einer Flasche zil trinken. Außerdem war er so schweigsam und verdrießlich, daß Lir trotz aller Über­redungskunst nicht vermochte, ihm den früheren, offenen Ton abzugewinnen.

Weiht du, Ossel", sagte er,ich glaube, es ist das beste, wir lassen den ulten Kram ruhen und werden wie­der zwei ehrliche Kumpane, zwei tapfere Bundesgenossen. Aus der Stelle gibst du mir deine Hand und versprichst mir, alles, alles zu vergessen! Sieh, Bester, eigentlich habe ich dir doch nichts Böses getan in: Gegenteil, ich habe es herzlich gut mit dir gemeint. Alinde ver­zeih deine Frau schenkte mir ihre Huld und wurde von mir innig geliebt. Auf dein stürmisches Flehen hin habe ich mit mir gekämpft und entsagt! Ja, mit blutendem Herzen habe ich dir das Opfer gebracht aus Freundschaft nur aus Freundschaft! Siehst du nun ein, daß" Weiter kam er nicht. Ossel sprang erregt auf. Seine Augen funkelten.

Hast du mich herzitiert, um mich zu versöhnen? Ein Opfer hast du mir gebracht mit blutendem Herzen ein Opfer? Lüge! Alles Lüge! Du hattest Alinde besser erkannt, als ich! Du hattest dich^twch zur rechten Zeit besonnen und den Kopf aus der schlinge gezogen! Das wäre ein Opfer gewesen? Schlauheit war's Heimtücke Feigheit! Ich danke für solche Frcuitd- schaft!"

Damit riß er den Hut vom Nagel und stürmte hin­aus - ohne Gruß.

Lir sah ihm bestürzt nach und blickte dann eilte Zeit- lang düster in fein Glas. Nach und nach erhellte sich sein Antlitz. Er tat eilten tiefen, befreienden Atemzuq, trank sein Glas leer und bestellte mit entschlossener Miene . eine zweite Flasche der gleiche^: vorzüglichen Marke.

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