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Nr. Z3S.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt.
W --
Teuere Kohle.
. Auf ein Kartellgesetz werden wir nunmehr schon seit Jahren vorbereitet, aber wir warten immer noch daraus. Wir werden noch ziemlich lange darauf warten müssen, und wenn ein solches Gesetz einmal kommen sollte (möglich ist ja auch dies), dann wird sich vermutlich Herausstellen, daß es auf die Verhältnisse, unter denen es vorgelegt oder beschlossen wurde, nicht mehr passen will, daß die Zustände, die es zu regeln unternehmen mag, inzwischen wieder ganz andere geworden sind. Nun muß man ja seststellen, daß die Gesetzgebungsfaktoren, die Regierung ebensogut wie der Reichstag, eine sehr bestimmte Anschauung von der Schwierigkeit der Materie haben und sich keineswegs einbilden, diese Dinge ließen sich im Handumdrehen machen. Naturgemäß aber wächst die Scheu vor der Inangriffnahme der Materie im Verhältnis der Einsicht in die Schwierigkeit einer gesetzgeberischen Losung und Ordnung. Gleichwohl will es uns als ein sonderliches Unglück gerade nicht erscheinen, daß eine Kartellgesetzesvorlage so bald nicht kommen wird. Wir versprechen uns van einem Gesetz überhaupt nicht viel, oder, richtiger gesagt, das, was das Gesetz etwa Gutes enthalten und herbeiführen könnte, läßt sich wohl noch eher dadurch erreichen, daß den großen wirtschaftlichen Organisationen die heilsame Gewißheit beigebracht wird, sie ständen unter der forl- während mißtrauischen Kontrolle der Öffentlichkeit, sie hätten in: Maße ihrer konzentrierten Macht auch hohe nationale Verpflichtungen tatsächlicher wie moralischer Natur. Wir leben ja nicht in Amerika, wo ein außerordentlich rücksichtsloser Kampf der Interessen oft genug Forinen annimmt, bei denen dem öffentlichen Anstandsgefühl Hohn gesprochen wird. Man muß auch sagen: eine gewisse mildernde Einwirkung des öffentlichen Geistes bei uns auf die Preispolitik und die gesamte Geschäftsführung der Kartelle ist immerhin wahrzunehmen. Schon die elementarste Klugheit gebietet den Kartelleitern, sich nicht in einen allzu scharfen Gegensatz zum Massengefühl zu sehen, und diese Klugheit ist, wie gesagt, im allgemeinen bisher beobachtet worden.
Soll darin nun ein Wandel eintreten? Es scheint so, wenn man erfährt, mit Staunen und Unwillen erfährt, daß das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat in den letzten Tagen eine verblüffend beträchtliche Erhöhung der Kohlenpreise beschlossen hat. Die Maßregel wird mit der Verteuerung der Gestehungskosten begründet. Ganz zu Unrecht jedoch. Denn eine-Erhöhung der
Wiesbaden, Freitag, IK. November 1906.
Löhne hat seit der letzten Heraussetzung der Kohlenpreisenichtstattgefunden, und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Löhne auch jetzt nicht steigen werden. Der Beschluß der Siebenerkommission, wonach die Lohnsrage nicht generell, sondern bezirksweise behandelt werden soll, bedeutet ja ein verständiges Zurückweichen der Arbeiter, so daß es höchstens zu partiellen Ausständen kommen würde, denen aber nach der gesamten Lage und der allgemeinen Stimmung ein Erfolg nicht so leicht vorhergesagt werden kann. Jedenfalls nimmt man von der behaupteten Verteuerung der Produktion bei den Kohlengruben nichts wahr, und die vorgeschobenen Gründe werden überdies widerlegt durch die glänzenden Dividenden der beteiligten Gesellschaften. Wir können nicht umhin, den Beschluß des Syndikats sür einen verhängnisvollen Fehler zu erklären. Einmal nämlich muß die Maßregel dem Syitdikat selber den Rest der ihm etwa entgegengebrachten Sympathien rauben; sodann aber kann solche Preissteigerung eines der wichtigsten Rohmaterialien nur zunr Schaden der Industrie und damit indirekt, jedoch unentrinnbar, zum Schaden auch der Kohlengruben führen. Bis zu welcher extremen Richtung sollen diese ungeheuerlichen Dinge denn noch gedeihen, die den gegenwärtigen Wirtschastsprozeß in der Kulturwelt bestimmen? Wir sehen eine Schraube ohne Ende in rapider Tätigkeit begriffen. Überall Geldmangel infolge einer fabelhaft gesteigerten industriellen Betätigung, überall demgemäß eine Verteuerung sowohl der Produktion wie der Konsumtion, und am letzten Ende droht die Verlangsamung der Maschinerie, die diese unerhörten Reibungen auf die Dauer nicht wird aushalten können. Schon machen die kundigen Beobachter auf mancherlei Anzeichen der Stockung aufmerksam. In solchen beengten und bedrängten Zeiten die Kohlen verteuern, ist, wenn es nicht ein Frevel ist, ein Leichtsinn, und wenn cs nicht dieser ist, so jener. Unter allen Umständen aber muß man einen Entschluß beklagen, der. mäßig gerechnet, dem deutschen Volke eine jährliche Mehrbelastung von gegen 100 Millionen Mark zumutet.
Miniiip WWW m dem Aislnde.
b. Brüssel, 14. November.
Der „Memoiren-Wucher" der fürstlichen „Epigonen", wie er in der letzten Zeit ins Unkraut zu schießen beginnt, kann dem Deutschen im Auslande nachgerade das Leben versauern. Schon der Gefscken-Skandal genügte, und — das Geschäft, das Bismarcks Erben und Verleger mit den „Gedanken und Erinnerungen" gemacht haben, ist ja lockend, aber dies war auch ein Werk, das dem Reiche Ehre machte und dem stark verflachten neuen Kurs tiefres Fahrwasser unter den Kiel lieferte.
S4. Jahrgang.
Davon ist bei den Hohenlohereien nicht die Rede, _ sie waschen schwarze Wäsche vor aller Welt und mit grim- migem Vergnügen fällt besonders bei den Romanen das Geicrvolk darüber her, um sein Lüftchen an Deutschland zu kühlen.
Das ist eine Nebenseitc der Angelegenheit, aber die neuen Denkwürdigkeiten, wogegen die Bayreuther Memoiren der Schwester Friedrichs des Großen der reine Honigseim sind, machen auch sonst die Bahn zu einem Scherbengericht gegen das Reich frei. Einer der wohlmeinendsten und achtungswertesten Gelehrten Frankreichs, der Erbe von Ferrys Politik, der Freund Deutschlands,. Gabriel Hanotaux, der als Minister des Äußern Zweibund- und Faschoda-Politik pflegte und den guten Geschmack hat, sich mit Politik direkt nicht mehr zu befassen, „seitdem sie andere anders machen", bringt im „Journal", das kein Kampforgan ist, einen mehrere spalten langen Leitartikel „Les deux Alle- magnes", die beiden Deutschland, „Deutschland mit den beiden Gesichtern", der in seiner fein geschichtsphilosophischen Art eine große Reihe treffender Kritiken bietet.
Es kommt immer ein Moment, so „causiert" er, wo schöne Frauen sich nicht mehr gern int Spiegel betrachten; er sagt ihnen niit zuviel Freimut die penible Wirklichkeit vom Unterschied zweier Alter. Die Jugend, die sich verlängert, das Älter, das herannaht. Besser also die Frage gar nicht erst stellen, die nackte Wahrheit ist die verdrießlichste der Vertrauten, lind so erklärt sich auch der „Humor" der hohen preußischen Gesellschaft bei Erscheinen der Memoiren Fürst Chlodwigs. Denn diese sind nicht bösartig oder gefährlich, sondern — wahr! Und das ist schlimmer. Wie ein Spiegel, kalt, poliert und klar mißfallen sic einem Publikum, das wenig erbaut ist von der Art, wie es dargestellt wird. Hat man die beiden ein wenig massiven Bände von Anfang zu Ende durchgelesen, dann hat man eine sehr reinliche Idee von der Evolution, die in dem Deutschland des 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat. Verfrüht hatte man sich eine Vorstellung gemacht, die völlig irrig war von einem indiskreten, geschwätzigen, konsequenzlosen Greise, „dem Diplomaten bei der Portiere" — aber nichts dergleichen, sein Buch tst das eines Beobachters und Staatsmannes. Ein leuchtender und durchdringender Geist, Herr seiner selbst lns zur letzten Minute, wußte der alte Kanzler ganz genau, als er den Professor Curtius mit der Herausgabe der Manuskripte betraute, was er tat. Er mußte sprechen, um sich zu erleichtern, er hat auch ein wenig geredet zu seinem Amüsement, aber er hat in der Hauptsache geredet, weil er es für eine Pflicht hielt, selbst gestorben hat er sich noch als Mann der Tätigkeit gezeigt. Als ein ironischer Aristokrat von mittelmäßiger Loyalität hat er sich ausgesprochen, ohne Enthusiasmus, ohne
Feuilleton.
Kuf den Gipfeln der Knden.
Der bekannte Reisende Professor HanS Meyer hat im Frühling und Sommer des Jahres 1902 eine Reise nach Ecuador unternommen, deren mannigfache wissenschaftliche Ergebnisse er soeben in einem starken Bande bei Dietrich Reimer in Berlin veröffentlicht. Reichhaltigste wissenschaftliche Forschungen, die die mannigfachsten Disziplinen, vor allem Geographie und Geologie, umfassen und in einer genauen Untersuchung der Schnee- und Eiöregionen des Hochgebirges von Ecuador gipfeln, sind in diesem Buche vor uns ausgebreitet. Doch dringt durch alle gelehrten Auseinandersetzungen, durch die Betrachtungen botanischer, medizinischer, palüontolo- gtschcr und etnologischcr Natur ein tiefer Anteil an dem rein menschlichen Ergehen des kühnen Forschers, der in schönem idealen Streben Tausende von Unbequemlichkeiten, Gefahren und Anstrengungen auf sich nahm und die unbezwingltchen Riesen der Kordilleren bestiegen und durchforscht hat. Nachdem er und sein Reisegefährte wochenlang in dem „Augiasstall" eines schmutzigen engen Schiffes eingesperrt waren, nachdem sic endlich das Land betreten und mit der neuerbauten, von ein ein amerikanischen Ingenieur ins Leben gerufenen „Guayaquil- und Quito-Eisenbahn" in das Innere des Landes gelangt waren, war das heiße Verlangen der Reisenden vor allem darauf gerichtet, die beiden grandiosesten Erhebungen dieser gewaltigen Gebirgskette, den in schlichter Majestät sich emporwülbenden Schnce- dom des Chimborasio und den vom magischen Zauber des Geheimnisvollen umgebenen Cotopaxi zu bezwingen. Ans dem bunten Leben der Stadt Riobamba, deren schmutziges Gewimmel phantastischer Gestalten die Reisenden mit einer exotischen Opercttenstimmung umgeben hatte, wandten sie sich auswärts nach den einsam gewaltigen Einöden, durch die der Weg zu dem höchsten Gipfel der Anden führt. Seit Alexander von Humboldt hat eine ganze Reihe von deutschen Forschern den
Chimborasio bestiegen, ohne daß die Formationen und die ungeheuren Massen dieses erloschenen Vulkans schon völlig durchforscht wären.
Der Aufstieg, deir Meyer mit seinem Freunde, dem Zeichner Reschreiter, und einer Schar von Trägern nach sorgsamsten Vorbereitungen unternahm, war von dem besten Erfolge begleitet. Zwar stellte sich auf einer Höhe von 4000 Meter der „Soroche", die Bergkrankheit, ein, die sich in heftigen Beklemmungen, starken Kopfschmerzen und einem allgemeinen Unbehagen äußerte. Aber bald gewöhnten sich die Europäer an die Höhenluft und konnten nun von ihren Standquartieren aus nach allen Teilen deö Chimborasio zahlreiche Exkursionen unternehmen. Unter den Rinderhirtcn, die an den Abhängen des Bcrg'es noch in ziemlicher Höhe ihre dürftigen Hütten bewohnen, wählten sic sich einen zum Führer und machten Exkursionen nach dem Nord-CHimborassv, nach dem nahegelegenen Vulkan Carihuairazo. Durch dieses beständige Stchvertiescn in die Wunder der Bcrg- landschaft und die einsame Größe dieser gigantischen Formen fühlt sich der Reisende in ein ganz persönliches Verhältnis zu dem Berge hinein, dem er seine Mühe und Arbeit weiht, und steht bewundernd vor den herrlichen Panoramen, die sich dein Auge öarbicten.
„Im Gegensatz zu einer europäischen oder asiatischen Alpenlandschaft mit ihren zusammenhängenden Gebirgsketten und langen, von ewigem Schnee bedeckten Firsten und Kämmen sehen wir hier lauter große, meist kcgel- oder pyramidenförmige Einzelberge, die durch Intervalle von viel größeren Dimensionen, als sic die Berge selbst haben, voneinander getrennt sind, und nur von sehr gün- stigen Standpunkten aus die riesigen Reihen erkennen lassen, zu denen sie angeordnet sind. Diese ccnadorianische Anöcnlandschaft ist von erhabener Schönheit durch die große Einfachheit ihrer Gestalten, durch die klassische Ruhe ihrer Linien, durch die ungeheure Ausdehnung ihrer Weite, durch den tiefen Ernst ihrer gleichmäßigen, meist düsteren Farbenstimmung und ihrer unendlichen Einsamkeit. Wenn ich so das Ganze überschaute, ivic da die violettbraunen, weißgipfekigen Pyramiden und Kegel bis in unabsehbare Ferne über das flache, hellgraue
Wotkennrecr, las allmählich alle dazwischenliegenden Ebenen und niederen Bcrggruppcn verdeckte, emporragten, so hatte ich den Eindruck einer großen polaren Jr.sellandschaft und dachte an die eisbcladene Bnlknn- insel Jan Mayen und an Bilder aus dem Kurilen- archipel."
Abwechslungsreich unterbrechen diesen Umgang des Forschers mit der hohen heiligen Natur allerlei humoristische Bilder aus dem Leben der Bevölkerung in den Niederungen, in die er nach seinen großen Aufstiegen immer wieder sich hcraöivenden mußte, und bilden einen grotesken Rahmen zu den ernsten Studien, den großen Eindrücken. So gelangt Meyer vom Chimborasio ans nach dem 3299' Dieter hoch gelegenen Städtchen Macha, dessen einziges Hotel es an Reinlichkeit und Komfort laum mit einem deutschen Schweincstall aufnehmcn kann, dessen Bewohner aber ein barbarisch rohes und ausgelassenes Stiergesecht veranstalten und in ihrer ganzen liederlichen Verkommenheit nur eine Karikatur alt- spanischer Feste bieten können.
In Latacnnga, dem Ort, von dem aus der Forscher seine Besteigung des Cotopaxi unternimmt, steigt er in einem Gasthof ab, der den stolzen Titel „Hotel des 20. Jahrhunderts" führt, in dem ihn aber beim Eintritt in den Hof sogleich das Niederklatscherl einer von oben herabgcschütteten Schüssel mit schmutzigem Wasser empfängt. Wie ein Lauffeuer geht die Kunde durch die Stadt, daß die „deutsche geographische Kommission" an- gelvmmcn ist und die Honoratioren der Stadt stellen sich ein und reden viel unverständiges Zeug von ihren Bergsteigererfahrungen, obwohl noch keiner von ihnen je den so viel bestaunten Cotopaxi bestiegen hat, spucken fortwährend auf den Zimmerteppich und stochern sich in den Zähnen. Neugierig standen sie um die Koffer des Professors, und als sie aus dem einen von ihnen die Aufschrift „Hans Meyer, Zanzibar", die noch von des Professors oskasrikanischen Reisen her dort prangte, gelesen hatten, stand ein paar Tage später in der Hauptzcilung des Landes zu lesen: „In Matacunga ist vor kurzem die Deutsche Geographische Kommission der Herren Professoren Hans Meyer und RcstHayrader (!) und des
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