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Sonder-Verlage des Wiesbadener Tagblaüs

zur

Eröffnung des neuen B

Nr. 32S.

Wiesbaden, Montag, L2. November INvS.

54. Zahrgang.

Der neue AnMHWs in WiesbsSr».

Voll selbstbewußter Kraft und doch in zierlichster Lieblichkeit steigt der rotbraune Uhrturm, das neue Wahrzeichen Wiesbadens für den von Süd und West Ankommenden, aus dem riesigen Vanblock des mit Eisen­bahnerpünktlichkeit fertig gewordenen Hauptbahnhofs an der Nikolasstratze in die klare Herbstlnft empor. Die echtrheinische Heiterkeit, welche aus den lebhaften Farben und den leichtbewegten Formen des Bauwerks spricht, und die aus der hellen Wanöbekleidung und dem zart getönten Glasschmuck der riesigen Ankunftshalle förmlich locht, wird den Besuchern fortan der schönste Gruß sein, dcg unsere Stadt den Fremden bieten kann. Gar nichl schnell genug können wir die grauuniformierte Rauh­beinigkeit des üblen alten Taunusbahnhofes untergehen sehen, der so vielen Reisenden, die nach demglänzenden" Wiesbaden kamen, eine schlimme Enttäuschung gewesen ist. Mit einem Schlage wird nun die Landung bei uns

Eine architektonische Auffrischung, die uns hierorten not tut: ein künstlerischer Einspruch gegen das Alther­

gebrachte, über den sich reden läßt, und über den man reden wird: eine etwas handgreifliche Anregung, der man sich nicht wird entziehen können. Wir haben die Empfindung, als ob heute noch nicht der Moment ge­kommen sei, für eine richtige Bewertung des Bahnhofs­palastes den treffendsten Standpunkt einzunehmen. Dem Werke fehlt zurzeit noch die Seiten- und Rückendeckung: es fehlen ihm die Partner, die jedwedem Ding erst die Verhältutswerte geben, welche ein Urteil begründen

helfen: es fehlt ihm der & ruhige Flächen rahmen, den

man bei einem so breit an­gelegten Monumentalbau nicht vermissen möchte: es

1 fehlt ihm die gut« Gesell­schüft und friedliche Nachbar­schaft jener Bauten, die im

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macht schon von außen einen imposanten Eindruck. Die langgestreckte Fassade ist überaus reich gegliedert und ausgestattet, die Wirkung des roten Sandsteins aus dem [ Maintal ist geschickt zur Geltung gebracht. Von der * Symmetrie, die früher solche Staatsgebände stets auf- wiesen und die oft langweilig wirkte, ist umn beim Wiesbadener Bahnhofs-Neubau abgewichcn. De« öst­lichen Flügel krönt der 40 Meter hohe Uhrturm, der west­liche Flügel wird von einem kuppelförmigen Aufbau ab­geschloffen. Kleine Vorbauten zu beiden Seiten des .Hauptgebäudes und an der Vorderfront bringen ange­nehme Abwechslung in die Fassade, deren Hauptzierde eine Säulenhalle mit darüber angeordneter Terraff« ist. Der Säulenvorbau erinnert den Wiesbadener ans alte Kurhaus, deffen charakteristische Säulenhalle nicht so leicht dem Gedächtnis entschwindet, und die auch in an­derer Form beim nenen Kurhaus angewandt ist. Der

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anders. Der neue Haupt- und Zeutralbahnhof krönt das Werk, die Weltkurstadt direkt au das Weltbahnnetz heranzubringen, die Großstadt aus dem beschaulichen Taunuswinkel herauszuheben. Es ist nicht zu viel ge­sagt worden von denen, die den neuen Bau als Mark­stein in Wiesbadens Entwickelung bezeichneten. Es ist auch nicht zu viel getan, wenn die Bevölkerung die Er­öffnung der stolzen Verkehrsstätte zu einem Stadtfest ausgestaltet. In unserer festreichen Zeit, wo schon zehn­jährige Dienstjubiläen gefeiert und Vorschüsse auf Lor­beeren mit Sekt begossen werden, hat nichts gesündere Begründung, als eine Feier im Dienste Merkurs, ein Verkehrsfest, eine Bahnhofsweihung. Mit Fug uni Recht werden wir unsere Häuser beflaggen, Festessens Festkonzerte und Festvorstellungen geben, denn es gill nicht nurunserem" Bahnhof, sondern auch dem Kunst-! werk, das in technischer und in ästhetischer Hinsicht nach dem Höchsten strebte, und das in mehr als einer Be­ziehung dem Urteil der Zeitgenossen ein Born drolliger Unstimmigkeiten werden wird. Dem einen Mitbürger ist das grüne Dach zu grün, dem anderen der braune Sandstein zu braun, dem dritten die Fassade zu un­symmetrisch, dem vierten das Turmviertel zu festungs- mätzig, dem fünften der helle Jnnensandstein zu rauch­empfindlich, dem sechsten die Gvldzier hier zu ärmlich, dort zu prunkvoll. Lauter Teilmüngel, darum kann man darüber lachen: vor dem Ganzen steht jeder mit gebührender Hochachtung, schon weil esmal was an­deres" ist. Das ist das Charakteristische, das uns aus diesem Bau entgegenroinkt: mal was anderes!

nächsten Jahrzehnt rundherum erwachsen sollen. Honte ist er noch ein einsamer Prediger in der Wüstenei, wenn auch stark genug, um seine gewaltige Sprache schon bei diesem und jenem durchzusetzen.

Darum sei dem M e i st er

Hier stockt die Feder. Wer ist sein Meister? Wem soll unser Lied erklingen? Es ist fast Sitter, sagen zu müssen: Wir kennen ihn nicht. Das Werk eines 'großen Namenlosen! Wo man hinfragt nie­mand kann einen Namen nennen, mit dem der schöne Bau so ganz und einzig verkettet werden kann. Als

> letzte Auskunft kommt die mysteriöse Antwort:Das

> Ministerium!" Es scheinen also mehrere Köpfe und !Hände in erhebender Eintracht beim Werk! z'samm- ig'sessey zu haben: es scheint ein Bundcswerk zu sein, !an das kein Einzelneid heran kann. Um so williger fließt unsere Anerkennung. Wenn es uns versagt ist, dem" Schöpfer ein ehrliches Hoch zuzurufen, so wollen toir dem gemeinsam schaffenden Geist, der sich ein- und nnterzuorönen versteht, wo es Großes gilt, den Ehren- bccher der Stadt Wiesbaden zutrinken. Wie der alte Taunusbahnhof 67 Jahre seinem Zwecke gedient hat, so möge unabsehbar in Kraft und Glanz, gefeit gegen Un­bill und Unfall, leben

das Werk des namenlosen Schöpfers!

A. M.

*) Soeben erfahren wir, daß die Pläne von Prosi Klingholz in Aachen stammen. Lnndbaninspe Cornelius in Mainz war der leiterrde Architekt. D

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Stil des Bahnhofsgebäudes ist ein geschicktes .Dnrchetn I ander von Barock-, Renaissance- und Jugendstil. Es! kann nicht Sache des Nichtfachmannes fein, scstzustellen, wo das eine anfhört und das andere anfängt. Man darf aber wohl sagen, daß die Fassade und überhaupt das ganze Äußere des monumentalen Baues mit vornehm künstlerischem Verständnis behandelt ist. Dadurch unter­scheidet sich der Wiesbadener Bahnhofs-Neubau ganz wesentlich von anderen Staatsbauten, die allerdings viel älter sind. Man darf in dieser Beziehung einen Fort­schritt bei der Eisenbahnverwaltung feststellen, der u. a. wohl auch darauf zurückzuführen ist, daß neuerdings jeder Eisenbahndirektion ein Architekt beigegeben ist, der die künstlerische Ausgesialtnng der Bauten in dem be­treffenden Dircktionsbezirk zu besorgen hat.

Bei genauerer Betrachtung des Bahnhofsgebäudes entdeckt man allerhand interessante Einzelheiten. Der Blick des Beschauers fällt zunächst auf den interessanten Uhrturm: über der Uhr sieht man das Eisenbahnslügel-- rad, woraus ohne weiteres auf die Bestimmung des Ge­bäudes geschlossen werden kann. Der Turm war ur- s sprünglich bedeutend hoher projektiert, aber der Kaiser, der sich ja für den Wiesbadener Bahnhofs-Neubau ml besonderem Maße interessiert hat, wünschte, daß der' Turm nicht höher als 40 Meter sein solle. Auch das grüne Ziegeldach des Bahnhofsgebäudes i> einer An­regung des Kaisers zu danken, der dies für befo-id«.rs > hübsch hielt. Nun zur Symbolik des Hauses. An oer östlichen Hälfte der Fassade erblickt man an verschiede­nen Stellen Frauenköpfc mit Diademen, aus denen

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