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Morgen - Ausgabe.
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Unter Polizeiaufsicht.
Aus Anlaß der Ergreifung des Kopenicker R ä u b e r.h-a u p t m a n n e §" .Wilhelm Voigt st in den letzten Tagen viel von der Stellung unter lolizeiaufficht die Rede gewesen, und mehrfach wurde vgar direkt die Behauptung aufgestellt, daß der Verbrecher durch diese Polizeiaufsicht und die Ausweisunjeu, welche sie im Gefolge hatte, wieder auf die Bahn ^er Verbrechens zurückgedrängt wurde. Wir köilnen Zese Behauptung keineswegs ohne weiteres unterschreiben, sondern wir meinen, daß hier vieles von dem, oas Voigt erzäblte, um sich mit dem Nimbus der ver- olgten Unschuld zu umkleiden, unberechtigterweise als are Münze genommen wurde. Seine Behauptung von v er angeblichen Ausweisung aus Wismar soll sich nach cen neuesten Berichten bereits als unzutreffend erwiesen haben. Man wird es überhaupt als zweifelhaft ansehen dürfen, ob jemand, der wie Voigt 25 Jahre ftines Lebens im Zuchthaus und 2 im Gefängnis zu- eüracht hat, noch besserungsfähig ist, und eben deshalb heint uns der Fall Voigt durchaus kein „Schulbeispiel" sür die ja auch früher schon mehrfach erörterte Frage zu irin, ob bei der Stellung unter Polizeiaufsicht der Nutzen den Schaden erheblich überwiegt.
An sich aber ist diese Frage durchaus der Erörterung, v-ert, und sie ist ja auch von den Kriminalisten wiederoll aufgeworfen worden. Über die Verhängung und as Wesen der Polizeiaufsicht sind vielfach sehr unklare usfassungen vorhanden. Die Polizeiaufsicht ist eine träfe, die nur auf Grund einer rechtskräftigen Ver- rteilung vollstreckt werden kann. Sie gehört also zu sogenannten Nebenstrafen, wird aber nicht von den erichten erkannt, die vielmehr nur die Befugnis haben, eben einer Freiheitsstrafe in den durch das Gesetz rgesehenen Fällen auch die Zulässigkeit von Polizei- -isicht" zu erkennen, sondern sie wird von der Ver- iltungsbehörde nach eigenein Ermessen auferlegt und llstreckt. Die Polizeiaufsicht kann nur in den durch s Strafgesetzbuch bestimmten Fällen ausgesprochen rden, so neben der wegen Diebstahls, Raubes oder Pressung erkannten Zuchthausstrafe sowie gegen. die .'gen Hehlerei, Kuppelei, Münzverbrechen, unberech- >ten Jagens und wegen eines gemeingefährlichen Ver- echens wie Brandstiftung nsw. Verurteilten. Gegen inderjährige im strafrechtlichen Sinne, das heißt gegen 'rsoncn, dft zwischen dem 12. und 18. Lebensjahre hen, darf auf Polizeiaufsicht nicht erkannt werden, idern hier tritt geeigneten Falles die Zwangsfür- ge ein. Die Dauer der Polizeiaufsicht ist auf minde- nns 6 Monate zu bemessen und sie darf den Zeitraum
Wiesbaden, Donnerstag, i. November 1906.
von 5 Jahren nicht übersteigen, es sei denn, daß unterdessen oder nachher ein neues Verbrechen abermals die Stellung unter Polizeiaufsicht mit sich bringt.
Die Wirkungen der Polizeiaufsicht bestehen zunächst darin, daß dem Verurteilten der „Aufenthalt an einzelnen bestimmten Orten" von der Landespolizeibehörde ohne Angabe von Gründen untersagt werden kann. Hierunter ist ebenso die Beschränkung des Aufenthaltes innerhalb einzelner Ortschaften, wo beispielsweise dem unter Polizeiaufsicht Gestellten der Aufenthalt in einzelnen Ortsbezirken untersagt werden kann, wie das Verbot des Aufenthaltes in ganzen Ortschaften zu verstehen. Dagegen können Angehörige des Deutschen ' Reiches aus dessen Gebiet niemals und aus einem Bundesgebiet nur dann verwiesen werden, wenn ihnen in einem anderen Bundesstaat der Aufenthalt an bestimmten Orten untersagt ist. Ein der, Polizeiaufsicht Unterstellter kann schon wegen einer Tat, die nur mit Haft oder Geldstrafe, bedroht ist, in Untersuchungshaft genommen werden. Ferner können bei ihm Haussuchungen jederzeit vorgenommen werden, während diese sonst zur Nachtzeit, daß heißt im Sommerhalbjahr von 9—4 Uhr und im Winterhalbjahr von 9—6 Uhr, nur bei Verfolgung eines auf frischer Tat Betroffenen, oder wenn Gefahr im Verzüge ist, vorgenommen werden dürfen. Die Zuwiderhandlung gegen die mit der Polizeiaufsicht verbundenen Vorschriften wird mit hohen Exekutivstrafen bedroht.
Die Stellung unter Polizeiaufsicht soll nur dann stattfinden, wenn begründete, Besorgnis besteht, daß der Verurteilte die wieder erlangte Freiheit in gemeingefährlicher Weise mißbrauchen werde. Und selbstverständlich soll auch die Polizeiaufsicht nicht so ausgeübt werden, daß dadurch den aus der Hast Entlassenen das Leben unnötig erschwert und womöglich die Existenzmöglichkeit denen abgeschnitten wird, die wirklich wieder ernsthaft arbeiten wollen. In dieser Beziehung wird freilich oft durch übertriebenen Eifer und Mangel an Takt seitens der aussührenden Polizciorgane gefehlt, und es ist daher schon früher vorgeschlagen worden, daß man die Ausübung der Polizeiaufsicht den Schutzvereinen sür entlassene Sträflinge überweisen solle. In der Tat bestehen hier mancherlei Mißstände, die übrigens Sudermann in seinem Drama „Stein unter Steinen" dichterisch behandelt hat. Jeder kennt die Geschichte von dem alten Wolf, der sein Räuberleben aufgeben wollte und sich den Hirten als Wächter anbot. Aber die Hirten trauten ihm nicht und vertrieben ihn. Da brach der alte Wolf voller Wut in die Wohnungen der Schäfer ein, wo er schweres Unheil anrichtete, bis es endlich gelang, ihn zu erschlagen. Da sprach bekanntlich der weiseste von den Hirten: „Wir taten doch wohl unrecht, daß wir den alten Räuber auf das äußerste brachten und ihm alle Mittel zur Besserung benahmen." Diese Worte nrögen nicht selten ans die heutige Form der Ausübung der Polizeiaufsicht zutreffen.
54. Jahrgang.
Kurnrzen-Stimmung Ln Ungarn.
t. Budapest, 30. Oktober.
Die Toten kehren wieder.
Des Kuruczen-Fürsten Rakoczis Asche ist im Triumphe wieder in die Heimat zurückgekehrt, um in Ungarns Erde gebettet zu werden. Begeisterter Jubel begleitete seine Wiederkehr in des Ungarlandcs Gauen.» Ein wilder Taumel geht durch das Land und umspinnt die Seelen wie ein Spuk, der aus längst vergangenen Kriegszeiten zu neuem, geisterhaftem Leben erwacht, und eine trutzige Kuruczen-Stimmung droht alle so schwer errungenen Früchte des jungen Friedens zwischen Krone und Nation über Nacht wieder zunichte zu machen. Und hierzu tönen aus Österreich zu sehr unglücklicher Stunde neue Unkenrufe herüber: „Die
Armee muß vermehrt werden! Der neue Kriegsminister will es! Der Kaiser befiehlt es! . . ." Goluchowski ist gefallen, Pitreich ihm nach und schon stellt sich der neue gemeinsame Kriegsminister, Herr v. Schönaich in die Bresche und fordert mit drohenden Gebärden sehr zur Unzeit den kuror hnngarieus heraus. Die Haubitzen brauchen eine neue Bedienungs-Mannschaft; das Rekruten-Kontingent muß also — Pakt hin, Pakt her — unbedingt vermehrt werden. So klingt sein Kricgs- ruf. Auch der Thronfolger Franz Ferdinand wird in den Kampf einbezogen. Von ihm soll der Wunsch ausgegangen sein, diese Forderungen jetzt, knapp vor den Delegationen, zn stellen. Der Thronfolger vertrete hierbei die Ansicht, daß der Pakt mit der Koalition der Krone hierzu das Recht gebe: Die Koalition habe die Pflicht übernommen, bei unabweislicher Notwendigkeit die Erhöhung des Rekrutcn-Kontiugents durchzuführen. Ist die Anschaffung der Haubitzen-Geschütze diese unabweis- liche Notwendigkeit? Die Militär-Kreise behaupten dies. Die Zivil-Kreise werden es Wohl ebenso bestimmt verneinen. Ja, die ungarischen Koalitions-Angehörigen kennen überhaupt nur eine unabweisliche Notwendigkeit: den Kriegsfall. Und es dürfte ein Ding der Unmöglichkeit werden, die Mitglieder der Unabhängigkeits- Partei von einer anderen Notwendigkeit zu überzeugen. Ist Herr v. Pitreich nur aus diesem Anlasse gefallen, so wird Herr v. Schönaich ihm nur zu bald Nachfolgen müssen. Wohl meinte man in Wien, daß man mit einigen neuen militärischen „Kinkerlitzchen" die ungarischen Kuruczen wieder bald herunterkriegen werde. Wir glauben, das ist wieder ein Irrtum, der sich bitter rächen könnte. Oder ioill man in Wien neuerdings die unselige Armee-Sprachenfrage anfrollen? Soll die junge Koalitions-Regierung noch vor dem kurzen Termine, den ihr die Krone gegeben, zum Abdanken gezwungen werden?' Soll an die Stelle der mühsam hergestellten Ordnung wieder die Anarchie treten, die bereits einmal so unendlich viel Schaden angerichtet hat? Die Koalition weiß es sehr gut, daß sie wie Antäus, wenn er die Erde berührt, aus ddr Sprachcn-Frage inimer neue
Fe uillet on.
(Nachdruck verboten.)
Die Geheimnisse der Tierdressur.
Von Friedrich Strcihter.
„Was rennt das Volk, was wälzt sich dort die langen Straßen brausend fort?" — Doch halt, Schiller z» zitieren, ist nicht mehr Mode, aber trotzdem bleibt es eahr, datz das Volk im weitesten Sinne des Wortes in ellen Haufen hcrbciströmt, wo ein Zirkus sein Zeltdach nfgcschlagen hat. In Großstädten wie in der Klein- adt ist das Schauspiel stets das gleiche, denn der Zirkus vandert von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, läßt ,'dnc Herrlichkeit überall glänzen und spendet köstliche Unterhaltung den Großen und Kleinen, den Armen und Reichen und den Gerechten wie den Ungerechten. Die Sn Freiheit dressierten" Pferde, die „gelehrten" Hunde, die „klugen" Elefanten und die drolligen Clowns, die ihre uralten Witze schon im Schlafe wiederholen, entzücken immer wieder das schaulustige Publikum.
Wenn die Zuschauer wüßten, mit welch raffinierter Grausamkeit die Tieröressur betrieben wird und wie oft das, was als Ausdruck höchster tierischer Intelligenz angesehen wird, nichts weiter ist als eine vom qualvollsten Schmerze erpreßte unwillkürliche Bewegung, sie würden dann gewiß mit weniger Eifer den Zirkus- manegcn und Varistebühnen zuströmen, um dressierte Mäuse, Huude, Elefanten und, andere Tiere zu bewundern. Die Geheimnisse der Tierdressur enthalten so viel des Abscheulichen, daß man sich wundern muß, wie solche Schaustellungen unter 'den Augen der Polizei noch möglich sind. Als Entschuldigung kann allerdings dienen, daß diese Geheimnisse von den Dresseuren sorgsam gehütet werden und infolgedessen den Behörden verhüllt bleiben. Ein um so verdienstvolleres Werk ist es, daß ein Fachmann, Pierre Hachet-Souplet, in einem
größeren, reich illifftrierten Werke „Die Dressur der Tiere" (Verlag von'Otto Klemm in Leipzig) diese Geheimnisse enthüllt hat. Dies Werk hat mich zur Veröffentlichung dieser Zeilen unwiderstehlich gedrängt.
Nehmen wir eine der einfachsten Vorführungen an: den „spanischen Schritt". Wer einen Hund besitzt, kann ihm diese Kunst beibringen. Man läßt sich abwechselnde die rechte und die linke Vorderpfote geben, wobei man kommandiert „rechts, links, rechts, links" und dabei immer zurückweicht, so daß der Hund gezwungen ist, nachzugehen und dabei abwechselnd stets eine Vorderpfote hoch zu heben. Wenn man diese Übung recht oft mit seinem Hunde wiederholt, so wird er so daran gewöhnt, daß er ohne die Pfote zu geben auf das Kommando „rechts, links, rechts, links" diese Gangart ein- schlägt.
Eine solche Unterrichtsmethode ist aber den Leuten, die mit dressierten Hunden ihr Brot verdienen, viel zn mühselig und langwierig. Die Hundedreffeure, welche gelegentlich der Jahrmärkte und Messen ihre Tiere vor- sühren, wenden andere, recht rohe Lehrmittel an und verfahren, wie Hachet-Souplet-sagt, in einer abscheulichen Weise, um in „drei Tagen" einem Hunde den „spanischen Schritt" beizubringen: sie rasieren die Hunde am Psotengelenk und brennen die kahlen Stellen ein wenig nsit glühendem Eisen, es genügt dann, die empfindlichen, wunden Stellen mit einem Stocke leise zu berühren, um dem Tiere einen lebhaften Schmerz zn verursachen, so daß es sofort das Bein in die Höhe hebt. Sie verheimlichen ihr grausames Verfahren, indem sie kurz vor der Vorstellung Fett ans die kahlen Stellen streichen und mittels eines kleinen Rohres Haare darauf blasen, die natürlich an dem Fett kleben bleiben.
Im „Nottveau Cirque" in Paris ist vor einigen Jahren ein früherer Sänger viel applaudiert worden, der ans der Hand balancierend einen allerliebsten kleinen Blenheim nicht länger wie ein Tischmesser hielt. Wie half nun dieser Mann Nachlässigkeiten seines Zög
lings ab? Er hatte ihm unterhalb eines Schenkels eine Wunde beigebracht, die er offen hielt, indem er sie mit dem Fingernagel kratzte: wenn er bei einer Probe glaubte, zur Unzufriedenheit Veranlassung zu haben, goß er Essig in die Wunde.
Uni einem Hunde das aufrechte Gehen auf den Hinterbeinen beizubringcn, wird dem Tiere ein innen mit eisernen Spitzen versehenes Halsband umgelegt und eine Leine daran befestigt. An diefer Leine wird k>as Tier empvrgerissen und gleichzeitig fliegen Peitschenhiebe unters Kinn. Unter der Einwirkung dieser Peitschenhiebe und der in den Hals eindringendeu eisernen Spitzen muß der Hund wohl oder übel aufrecht gehen, und das liebe Publikum bewundert seine „Klugheit".
Bei der Pferdcöressur geht cs nicht besser zn. Loyal, der berühmte Pferdedresseur, verlangte von seinen Pferden viel. Da er sein ganzes Leben damit zugebracht hatte, den Pferden Peitschenhiebe zu versetzen und unter den Schenkeln kleine Wunden blutend zu erhalten, an ivclchcn er von Zeit zn Zeit mit dem Nagel kratzte, um seine Autorität besser zur Geltung zu bringen, so mußte er wohl Veranlassung haben, den Pferden zu zürnen. Auch erklärte er oft und gern, „die Pferde wären das dümmste Viehzeug auf der Welt". Diese Grausamkeit, mit Hilfe offener Wunden Tiere zn dressieren, ist allgemein verbreitet, und was speziell die Pferöedressur betrifft, so herrscht da eine Brutalität, von der sich ein Laie keinen Begriff zu machen vermag. Hachet-Souplet erzählt, daß er Dresseure kenne, die bei jedem Unterricht Blut fließen lassen. Er hat einmal einem Unterrichte beigewohnt, wo der Dresseur sein Pferd vor Wut in die Nüstern biß. Die barbarischen Dressurmethodcn sind aber einmal gang und gäbe und es gibt leider Fachschriftsteller auf diesem Gebiete, die den Rat erteilen, ein widerspenstiges Pferd „zwischen die Ohren, ja an jeder Stelle des Kopfes" zu schlagen. Einer darunter fügt noch hinzu: „Wenn es aar nicht anders geht, so nehme
