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Wiesbaden, Mittwoch, 31. Oktober IS««.
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Dir politische Unzufriedenheit.
Die Anschauung, der Professor Delbrück im neuesten Weste der „Preußischen Jahrbücher" Ausdruck gibt, ocr Deutsche sei seit Menschengedenken immer unzufrieden Gewesen und habe immer geschimpft, ist ziemlich ver- Dreitet. Man kann sogar sagen, daß sie zutrifft. Im letzten Jahrhundert hat es sicher nicht aUzuviel Leute gegeben, die politisch zufrieden gewesen sind. _ In der Ersten Hälfte hatten sich seit den Freiheitskriegen bis zur 48er Revolution wahre Berge politischer Unzufriedenheit angehäuft. Kern Wunder, denn die Regierung handelte nicht nach den Wünschen des Volkes. Da auch das Jahr 1848 erfolglos verlief und wieder eine Reaktionszeit hereinbrach, so zogen sich viele vorn politischen ^Schauplatz ganz zurück. Dann kamen in Kreutzen die Konfliktsjahre. Erst nach 1866 und dann chach 70 beruhigten sich die Gemüter. Die Jahre nach 1870 kann nran wohl die zufriedensten nennen. Wenigstens zeigten die Nationalliberalen damals durchaus Neigung, ruhig mit deni politischen Strom zu schwimmen, und sie hatten jahrelang einen gewaltigen Anhang. Aber sie setzten ihre Wünsche doch nur unvollkommen durch. Es dauerte auch nicht allzulange, so hatten sie sich mit Bismarck vollständig Überwerfen. Die letzten Jahre seines Wirkens regierte Bismarck überhaupt mit keiner Partei. Als er abging, war deshalb weit verbreitete Befriedigung vorhanden. Ja, Dcl- ihrück hat nicht unrecht mit seiner Behauptung, daß in den Anfängen der Zeit Caprivis das größte politische Behagen geherrscht hat. Aber eine glatte Mehrheit für seine Pläne fand Caprivi auch nicht. Er ging nicht genug nach links und ans der Rechten fand er bald die größte Feindschaft. Unter Hohenlohe und Bülow hat sich dann die Zentrumsherrschaft ausgebildet. Dein Fürsten Hohenlohe haben nicht viele Politiker Tränen nachgeweint, und wenn Fürst Bülow einmal abtritt,
inird man auch kaum sagen können: er sei ebenso Mel zcliebt wie gehaßt worden. So sehr er in Preußen rein konservativ regiert, so würden doch die Agrarier ihn viel lieber als ihren Podbielski gehen sehen. Nehmen wir dazu das stark persönliche Regiment des Kaisers, das noch über die-Politik hinüber greift, jo erklärt sich der Zustand weil verbreiteter Unzufriedenheit als ein scheinbar unvermeidliches Naturprodukt, von dem wir nicht loskommen können.
Manche gehen nun allerdings weiter und halten die politische Unzilfricdenheit für ein Erbübel der Deutschen. Sie klagen uns einer eingewurzelten Nörgelsucht an und sagen, wir hätten feine genügende politische Anlage, uns selbst zu regieren und etwas Einheitliches zu schaffen. Wir brauchten daher immer eine Regierung, die unbekümmert um das unzufriedene Volk dieses leiten und gängeln müßte. Nichts ist falscher als dies. Wenn fast auf allen Seiten tm Volke eine große politische Unzufriedenheit herrscht, so liegt das wahrhaftig nicht an unserer angeblichen Anlage zur Brerbankpolitik, sondern der politischen Unzufriedenheit unten entspricht eine Politik der Halbheit und Unzulänglichkeit oben. Unsere Regierung hat heute wahrhaftig keine großen selbständigen Plane und keme bestimmten Ziele. Sie führt nicht, sondern sie laßt sich führen Sie will es mit keinem verderben und will es jedem recht machen. Den Agrariern gewahrt sie Schutzzölle, den Industriellen aber auch- Den Arbeitern will sie die Rechtsfähigkeit der Berufszweige gewahren, aber sie bringt solche Kanteten an, baß auch bte Arbeitgeber deni Gesetze nicht gram sind. Den Agrariern zuliebe werden die Grenzen gegen ausländisches Vieh gesperrt, aber damit die Arbeiter iiicht zu unwirsch werden, verspricht man ihnen Arbeitskammern. Die Regierung stützt sich eben nicht auf eine feste Majorität im Parlament, sondern sie jongliert. Im allgemeinen halt sie es mit der Mitte, mit dem Zentrum Das Zentrum ist Trumpf G£§ ist bic eigenö aus Halbgotten Zuge- schnittene Partei. Auch sie will es mit keinem verderben. Sie darf es auch nicht. Sie stutzt sich auf alle Berufsgruppen, auf alles, was katholrsch Aus
Arbeiter und Arbeitgeber, auf Agrarier und städtischen Mittelstand. Zurzeit geben zwar die Agrarier im Zentrum den Hauptausschlag. Aber auch die Arbeiter und Handwerker muß es iimschnieicheln und festhalten. Sonst ist es mit seiner Herrschaft aus. Sehr zufriedeii und voll berücksichtigt fühlt sich deshalb keine Bernst- gruppe im Zentrum. Demokraten und Feudaladel halten sich gegenseitig im Schach.
An ein Ende ber Zentrumsherrschaft unb sonnt der Politik der Halben und Lauen ist noch lange nicht zu denken. Die letzten Reichstagswahlen Jbaben das Schachbrett der Parteien nur wenig verändert. Auch die nächsten und übernächsten Wahlen dürften keine große Umwälzung bringen. Die letzten Nachwahlen, wie die
Fronde der Jungliberalcn haben gezeigt, daß zwar ein Zerfall der nationalliberalen Partei möglich ist, aoer dem Zentrum hat seine Steuerpolitik nicht im ge- ringsten geschähet. Es hat seine Sümmenzaht ltoa] vermehrt. Es profitiert und wird noch lange profitieren von seinen Erfolgen im Kulturkämpfe. .
Am wohlsten fühlen sich die Völker beim Zweiparteiensystem. wie wir es seit langem in England sehen In den anderen Ländern gibt es zwar auch mehrere oder zahlreiche Parteisplitter. Aber diese vereinigen sich doch in der Regel zu einer Rechten und einer Linken. So in Frankreich, Holland, Dänemark, Italien, Schweden und Norwegen. In diesen Ländern übernehmen die Parteien, die eine Mehrheit hinter sich haben die Regierung iind regieren das Land nach dem Wunsche und Willeil des größeren Teiles der Bevölkerung. Dann ist die Masse des Volkes politisch zufrieden, denn sie sieht und weiß, daß nach seinen Ansichten regiert wird und seine Wünsche berücksichtigt werden. Das erweckt Freude am Staatsleben und Lust mitzuraten und mitzuhelfen. Da fühlt sich jeder als Mitträger der Regierung und mitverantwortlich. Das gibt staatsmännisches Gefühl und politischen Blick. Erreicht wirb jo immer nur ein Teil bes Gewollten, aber bre Menge lernt auch allmählich verstehen, was erreichbar und durchführbar ist und nicht, denn die Politik ist die Kunst das Erreichbare durchzusetzen. Gerät die Regierung auf schieie Balmeii, überspannt sie den Bogen und verliert den Bodeii im Volke, so kommt die Gegenpartei hoch. Dann gewinnt diese die Mehrheit und nimmt die Aufgabe zu regieren ans sich. Das sind gesunde politische Verhältnisse.
Auch wir müssen einmal zu einem solchen System kommen, zu einer klaren Scheidung der Rechten und der Linken, zu Zuständen, in denen die Regierung nicht von der Hand in den Mund lebt und mühsam die verschiedenen Klippen zu umschiffen versucht, sondern einen sicheren Kurs verfolgt, sei es nach rechts oder nach Imls. Für die politische Gesundheit eines Volkes ist das durchaus nötig. Aber wir werden leider noch lange warten müssen, bis wir so weit sind. Nicht nur im Zentrum, sondern auch im liberalen Bürgertum sind noch sehr viele unsicher, wohin sie sich wenden sollen: ob zu einer entschieden freiheitlichen und demokratischen Politik oder zu einer Politik, die mühsam durch Kompromisse mit der Rechten einen Scheinliberalismus aufrecht zu erhalten sucht.__ K-
Deutsches Deich.
* Der Kaiser und die Kaiserdcnkmäler. Ein auffallender Wunsch des Kaisers geht aus einem Bescheide hervor, den der Kriegerverein zu Schönfließ in der Neumark erhalten hat. Am Kriegerdenkmal zu Schön- fließ sollte noch nachträglich ein Reliefbildnis Kaiser
Feuilleton.
«Nachdruck verboten.)
Hamburger Herbsttage.
Hamburg, Ende Oktober.
Hamburg hat jetzt seine melancholische Stimmung, !die unvollkommen wäre, wenn uns nicht ein Ncgen- lschaucr fast täglich beglückte. Und wer keine -gesunde Natur besitzt, kommt aus dem Schnupfen nicht heraus. Aber wie jede Hafenstadt, hat sich auch Hamburg taugst an die unwillkommenen Spenden des launischen Jupiter Pluvius gewöhnt. Leichte Hcrbstnebel beginnen das 'schöne Alsterbassin in ein motivreiches Idyll zu vcr- iwandeln, das man jetzt gern durch die Fensterscheiben des Alsterpavillons betrachtet. Die flinken Alsterdamps- iboote huschen vom Jungsernstieg hinüber zur Lombards- 'chrücke. Die Saison des Ruder- und Segelsports ist vorüber. Vereinzelt durchkreuzen die schneeigen Alstcr- schwäne das tiefblaue Wasser. Schon haben sich die schreienden Möven von der Untcrelbe und der Nordsee teingefunden. Gern schnappen diese ewig hungrigen Tierchen aus den Händen lustwandelnder Spaziergänger kleine Fischchen. Junge Mädchen und Burschen preisen Unaufhörlich „frisches Mövenfutter" an: die Düte für
10 Pfennig. .
Und nun der Hafen! Dumpfe Schiffspfeifentöne sendet er häufig in die Stadt. Eine Fülle urwüchsiger Kraft steckt in diesem Hafenbilde. Aus den Schloten der gewaltigen Ozeanriesen im Kaiser-Wilhelmhafcn steigt ein dicker Qualm empor. In Kuhwärber liegen einige „Amerikaner" der „Hapag" im Dock. Im Segelschiff- Hafen ragt Mast an Mast. Schleppdampfer und Barkassen schaukeln ans dem unruhigen Wasser. Zahlreiche grüne Hafendampfer huschen von einem Anlegeplatz zum andern. Bei der Fischhalle liegen Fischdampfcr und die H. F.-Ewer der Finkenwärder Fischer. Soweit man die Elbe hinunter sehen kann, erblickt man ein Gewimmel
von Dampfern und Segelschiffen. Bon den Werften dröhnen starke Hammerschlägc nach der Stadt herüber. Dicker Wasscrdnnst liegt bleiern über dem Panorama. Berühmte Maler haben versucht, die eigenartige Stimmung des Hamburger Hafens im Bilde festzuhalten. Aber die volle Kraft des Hafengemäldes hat noch niemand erschöpft. Abends, wenn der glutrote Sonnenball hinter den Fischerhänsern Finkenwärders dem Hafen Abschied winkt, dann beginnen von der Nnterelbe Ncbel- masscn heranzuwallcn, und es scheint, als legte sich das große unergründliche Geheimnis der Natur aus das graugrüne Hafenwasser, dessen Wellen sich plätschernd an den Kaimauern brechen. In dieser Stimmung träumen wir Menschen gern ein holdes Märchen. Das wechsclreiche Bild des Hafens hat den Vorzug, nicht zu ermüden. Stundenlang könnte man diesem kaleidoskopartigen Getriebe von einem lauschigen Plätzchen des Fährhauses an den St. Pauli-Landungsbrücken seine Aufmerksamkeit widmen . . .
Du schönes Hamburg! Dein Hafen ist weltbekannt, dein stolzes Bismarck-Denkmal weltberühmt. Du darfst dich rühmen, eine Kunstförderin zu sein. Deine Kunsthalle birgt herrliche Schätze. Du bist die Stadt der schönen Kirchen. Die ganze Welt trauerte, als ein unglücklicher Nachmittag dir die altehrwürdige Michaelis- tirche raubte. Dein schmucker Hauptbahnhof wird bald eine neue Zierde sein.
Ob Hamburg wirklich schon ist? Darüber könnte man ja streiten. Aber interessant, außerordentlich interessant ist Hamburg mit seinem internationalen Leben und Treiben. Hamburg ist eine reiche Stadt. Aber es wäre nicht zu seinem Reichtum gelangt, weyn es nicht eine ernste Arbeitsstaöt wäre. Hamburg ist Arbeitsstadt. Und darin liegt der ganze Charakter dieser nordischen Weltstadt. Durch die Straßen jagt ein Hasten und Drängen. Regsamkeit: das ist die äußere Signatur
Hamburgs. Für Promenaden an der Alster hat der echte Hamburger kaum Zeit. Seine Geschäfte rufen. Ein ehrgeiziger Drang nach kaufmännischen Erfolgen erfüllt
ein Inneres. Aber bei all dieser Geschäftigkeit besitzt er Hamburger doch ein gutes Herz. Er ist nicht der zugeknöpfte" Mann, als den man ihn häufig außerhalb einer Stadt anzusehen pflegt.
Auch Hamburg steht wie die meisten Großstädte ,egenwürtig mehr denn je im Zeichen des riesigen Auf- chwnnges. Wer die Stadt vor zehn Jahren zum letzten Rale gesehen hat, würde jetzt beim Anblick der neuen Welt an der Außenalster, den herrlich gelegenen Villen n Harvestehude, Rotherbaum und Uhlenhorst nicht genug staunen. Auch im Zentrum der Stadt ist in den üngstcn Jahren eine reiche Fülle von Geschäftspalästen ms dem Erdreich emporgeschossen. Die alten baufälligen öüuser, in denen einst die Cholera schrecklich wütete, nutzten zum größten Teil modernen Mietskasernen vcichen. Die Strahenbilder im Innern Hamburgs sind iußerlich auf einen gedämpften Ton zugestimmt, aus dem etwas Ehrwürdiges spricht. Und die zahlreichen, grellfarbigen Rcklameschilöer wollen gar keine rechte Harmonie finden mit den Helldunkel verschwommenen Grundfarben der nordischen Metropole. Bon besonderem Reiz sind die uralten Fleete, an deren Ufern altehr- würdiges Gemäuer sich in die öunsterfülltcn Höhen reckt. Stimmungsgewaltig liegt solch ein Fleet da. Die Fenster alter hambnrgischer Patrizierhäuser blicken zu ihm hinab. Kohlenbeladene Schuten heben sich silhoucttenhaft von dem düsteren Schwarz des Fleetwassers ab. Und man braucht nicht mit einer besonderen Phantasie begabt zu sein, um hier ein altes Stück hambnrgischer Geschichte auf sich wirken zu lassen. Man hat behauptet, Hamburg sei kein Ort für beschauliche Leute, die mehr ihrem inneren Menschen leben. Und doch haben Detlev von Liliencron, Gustav Falke, Richard Dehmek, Otto Ernst, Charlotte Niese und nun auch Gustav Frenssen in Hamburgs nächster Nähe ihre Hütten aufgeschlagen. Ewald Gerh. Seeligcr hat in einem ganzen Buch Balladen die Stadt Hamburg verherrlicht. Wer Hamburgs intim« Reize sucht, wird sie finden.
Hermann Krügcr-Wcstend.
