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Nr. 488.
Wiesbaden, Freitag,
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LS. Oktober iS««. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Wkatt. _
Die Amerikaner auf Kuka.
n. London, 15. Oktober.
Dir. Taft, den letzt Mr. Ubagoon als provisorischer Gouverneur aus Kuba ablöst, hat gewiß mit großem Geschick operiert, um die ausgeregten Gemüter der kubanischen Bevölkerung zu beschwichtigen. Seine allgemeine Amnestie für alle revolutionären Verbrechen und Vergehen, die Ermordung des Deputierten Oilluendas im Jahre 1805 mit einbegriffen, konnte nur einen sehr günstigen Eindruck Hervorrufen. Ebenso untadelhaft ist die Jnstruktron, die er an die amerikanischen Truppen erließ, sich in keinerlei etwaige Unruhen einzumischen, es sei denn im dringendsten Notfälle und im allgemeinen die Kubaner selbst für die Aufrechterhaltung der Ruhe sorgen zu lassen. Es scheint auch, daß man in den Vereinigten Staaten vorläufig keine weiteren Unruhen mehr befürchtet, denn die amerikanischen Kriegsschiffe beginnen bereits, die kubanischen Gewässer wieder zu verlassen. Es wäre gleichwohl verkehrt, zu glauben, die Amerikaner wünschten im Ernste den Kubanern dauernd ihre Unabhängigkeit zu lassen, weil sie jetzt offenbar keinen Wert darauf legen, die ihnen gebotene Gelegenheit zu förmlicher Besitzergreifung zu benützen. Sie können eben warten, bis ihnen die reife Frucht in den Schoß fällt und inzwischen die Zeit weiter heimlich für sich wirken lassen. Damit dies geschieht, braucht Onkel Sam der jungen Republik nur weiter alle Vorteile vorzuenthalten, die seine eigenen Besitzungen genießen. Hätte man in Washington wirklich ein Interesse an der Unabhängigkeit Kubas, so würde man es, als es aus eigene Füße gestellt worden war, nicht zollpolitisch völlig un Stich gelassen haben. Es hieß danials zuerst, die Union wolle ihren Zolltarif zugunsten Kubas hcrab- setzen, was, da eine jahrhundertelange spanische Mißwirtschaft die Insel an den Rand des Ruins gebracht hatte und die Vereinigten Staaten der Hauptabsatzmarkt für Zucker, Tabak und die anderen Erzeugnisse der kubanischen Landwirtschaft sind, die einzige Möglichkeit für eine Gesundung der Volkswirtschaft Kubas bildete. Weil das aber nicht geschah, gibt es auf der Insel viele Hunderte aller Barmittel und jeden Kredits beraubter Pflanzer und unter deren Hintersassen ist die Arbeitslosigkeit und das daraus folgende wirtschaftliche Elend riesengroß. Dazu komnien die ungünstigen Bevölkerungsverhältnisse. Ein buntes Gemisch: 900 000 Weiße,
400 000 Neger, 100 000 Spanier und 50 000 Ausländer. Man wird sich da nicht wundern dürfen, wenn dre Ruhe, die der amerikanischen Intervention gefolgt rst, nur kurze Zeit andauert. An Zeichen, die auf erneu neuen Sturm deuten, fehlt cs auch schon mchr. Überall bestehen noch ziemlich anarchische Zustände. Dre verschiedenen Parteien fahren fort, sich argwohmsch gegenseitig zu beobachten. Aus Gunies und anderen Städten flüchten fortgesetzt viele Personen nach Havanna, um vor Erpressunqen sicher zu sein. In Palmira befindet sich der Kommandant Oreste Ferrera im Konflikt mit dem amerikanischen Colonel Barnett, gegen den er an der L-pitze von 500 Liberalen, die er aufs neue bewaffnete, erne Demonstration unternahm, die noch zu neuen Komplikationen führeii kann. Das Feuer der Revolution glüht also noch unter der Asche; ern leichter Windstoß konnte genügen, um es wieder zu Hellen Flammen auslodern zu lassen.
Kuremmrbrilrr-Elend.
Unter den Bureauarbeitern bei Rechtsanwälten und Notaren in verschiedenen Großstädten sind in der leßren Zeit Lohnbewegungen eingeleitet worden, öte auf etue Aufbesserung der Löhne abzielen. Nach den Liatistften über die Lohnverhältnisse der Burcauarberter gehören die Bureauarbeiter mit zu den am schlechtesten bezahlten Arbeitsgruppen in unserem gesamten wrrtschaftlrchen Getriebe, und zwar nicht nur bei den Rechtsanwälten und Notaren, sondern vielfach auch bei Berufsgenossenschaften, Krankenkassen, selbst bei kommunal eirund st a a t l i ch e n B e h ö r d e n. Ein großer Teil der erwachsenen Bureauarbeiter verdient noch nicht einmal den Lohn ungelernter Tagelöhner; vielfach sind die Löhne der Bureauarbeiter nicht höher als dre der schlechtbezahlten Heimarbeiter. Die Bureauangestellten erstreben den Abschluß, von „Regulativen", von tacrf- ähnlichen Abmachungen, in denen für die Bureauarberter die Arbeitszeit, das Nebenstundenwesen, ern Mrnrmal- lohn, Bestimmungen über das Lehrlingswesen usw. festgelegt werden. , ,
Ein großer Übelstand ist die ungeheure Ausbrertung der Lehrlrngszüchtung. Nicht selten ist bei Rechtsanwälten der Bureauvorsteher die einzige erwachsene Person, während die anderen Angestellten, manchmal 10 und noch mehr Personen, jugendliche Schreiber rm Alter von 14 bis 17 Jahren sind. Die Entschädigung, welche diese jugendlichen Schreiber erhalten, ist hänfrg so niedrig, daß eigentlich von einer Entlohnung kaum noch gesprochen werden kann, es kommen Monatsentschädigungen von 3 und 5 M. vor, nicht selten wrrd
im ersten Jahre überhaupt keine Entschädigung ge- währt. Der Vergleich mit den Lehrlingen im Hand< werk ist aber kaum zulässig, denn der Lehrling rru Handwerk, wenn er keinen baren Lohn erhält, ist dock beim Meister in Kost und Logis, außerdem verrichtet der jugendliche Schreiber auch schon wirkliche Arbeit während der Lehrling in anderen Berufen selbständig, Arbeiten noch nicht verrichtet und bei gewissenhafter Ausbildung dem Lehrherrn wenigstens in der erster Zeit eher hinderlich als förderlich ist. Monatslöhn, von 20 bis 30 Mark für den jugendlichen Schreibe» können schon als gute Mittellöhne gelten. Diese schlechte Bezahlung wirkt aber auch auf die Entlohnung der älteren Bureaugehilsen ungünstig ein. Daß Bureau-, gehilfen, die das 30. Lebensjahr überschritten haben, einen Monatsgehalt von 50 M. und noch wenrger ver- dienen, ist durchaus nichts Seltenes, Löhne von 80 bis 100 M. gelten schon als sehr hoch. Die Bureauvorsteher werden zwar in der Regel etwas besser bezahlt, aber auch unter diesen findet man noch zahlreiche Personen, die noch nicht 100 M. per Monat verdienen. Bei vielen Behörden sind die unteren Bureauangeftellten aber kaum günstiger gestellt. Auch hier sind Löhne von 50, 60 und 75 M. pro Monat durchaus nicht Außergewohn- liches und zwar selbst für Angestellte, die eine gewiss- selbständige Stellung haben und wenn nicht nach außen, so doch den Vorgesetzten gegenüber . einen verantwortungsvollen Posten aussüllen. Wie schlecht die Lohnverhältnisse der Bureauangestellten noch sind und wie schwierig eine Besserung zu erzielen ist, zeigte wiederum die Ablehnung der von den Leipziger Bureauangestellten aufgestellten Forderungen durch die Arbeitgeber. Nach den aufgestellten Forderungen sollten er- halten: jugendliche Schreiber oder Lehrlinge im ersten Jahre 20 Mark, im zweiten Jahre 30 und rm vrerten Jahre 40 Mark, die Gehilfen sollten verdienen je nach dem Alter 50, 60, 75. 90 und 100 M., und die Bureauvorsteher 126 bis 150 Mark. Außerdem war verlangt worden die Regelung des Lehrlrngswesens und zwar so, daß auf drei Gehilfen höchstens ein Lehrling kommen sollte. Sind die Lohnbewegungen der Bureauangestellten schon deshalb sehr schwer durchzuführen, weil die meisten der Bureauangestellten jugendliche unerfahrene Personen sind, so kommt als Hindernis besonders noch die geringfügige Organisation und die Zersplitterung der Organisation hinzu. Erst wenn sich auch die Bureauangestellten zu einem großen Verbände, zusammengeschlossen haben, wird es möglich sein, bei den Arbeitgebern und auch bei den Behörden und Kor- porationen eine bessere Bezahlung und eine bessere Regelung des Arbeitsverhältnisses durchzuführen._
Feuilleton.
Elf Me Gm«men in DmW-MwMM.
(Ein Buch von Theodor Leutwein.)
Ein Werk, das nicht verfehlen wird, Aufsehen und hohes Interesse zu erwecken, ist soeben bei Mittler u. Sohn in Berlin erschienen: „Elf Jahre Gouverneur rn Deutsch-Südwestafrika" von Theodor Leutwein, Generat- major und Gouverneur a. D. Ein Berufener, der brs vor kurzer Zeit an der Spitze der afrikanischen Kolonre gestanden und die schwierigsten Situationen auf diesem Schmerzensposten durchgemacht hat, schildert tjier die Entstehung, das Werden und die letzte kaum nockp überwundene Krise des Schutzgebietes. Bezeichnend für die Auffassung Leutweins von der Kolonialpolitik, von den Endzielen der Kolonrsationsarbeit und für seine persönliche Stellung zu all den augenblicklichen, leider so akuten" Fragen ist das Vorwort, das er seiner umfangreichen Arbeit vorausschickt: „Geh hinaus in die Wett, mein Buch, du Ergebnis vieler Arbeitsstunden, aber auch die Freude meiner Mutzezeit. Du sollst meinen Mitbürgern einen Einblick in elf Jahre deutscher Kolonialpolitik geben, vielfach von Erfolgen gekrönt, aber auch von Rückschlägen begleitet, sowie mit Fehlern und Jrrtümern durchsetzt. Mögen wir aus beiden lernen, ln erster Linie, daß, unbeschadet der höheren Stellung der kolonisierenden Rasse,. das Ziel einer großzügigen Kolonialpolitik die Angliederung der in erworbenen Ländern Vorgefundenen Urbevölkerung sein muß, und nicht deren gewaltsame Unterdrückung oder gar Vernichtung. Diese Lehre wird um so mehr einleuchten, wenn dir der Nachweis gelingt, daß eine solche Politik nicht bloß im Sinne der Humanität und des Christentums gelegen ist, sondern vor allem im eigensten Interesse der kolonisierenden Macht. Denn eine andere Kolonialpolitik lohnt die zu bringenden Opfer nicht. Sic wird daher für das Mutterland stets zu dem werden, was man ein „schlechtes Geschäft" nennt und infolgedessen besser ganz unterlassen. Denn um ein schlechtes Geschäft zu machen, geht der Staat io wenig wie der einzelne in die Kolonien."
Es gibt kein Gebiet der kolonisatorischen Aufgaben, die in Leutweins bedeutsamem und in glänzender Darstellung geschriebenem Buche nicht einer eingehenden und bis in die kleinsten Details erschöpfenden Untersuchung unterzogen würde. Aus den zahlreichen Kapiteln ragen einzelne als ganz besonders interessant über dre allgemeinen Erörterungen politischen Inhaltes hervor. Fesselnd und anregend ist, was Leutwein über dre Häuptlinge des Schutzgebietes aus Grund ferner persönlichen Erfahrungen erzählt. Die Stellung des Gouverneurs im Schutzgebiete glich bisher in etwas derjenigen der alten römisch-deutschen Kaiser. Auch letztere hatten auf den guten Willen ihrer Vasallen, sowie mit Aufständen von deren Seite rechnen müssen, falls sie Grund zur Unzufriedenheit zu haben glaubten. Erst durch die Ereignisse getrieben, sind wir jetzt an erne Änderung dreses Verhältnisses herangetreten. Aber welche Opfer es kostet, das sehen wir auch jetzt erst. Für das alte Vaterland würde es schon besser gewesen fern, wenn es gelungen wäre, den Ausgleich zwischen der werßen upd der farbigen Rasse auf weniger gewaltsame Weise herbeizuführen. Vorbedingung des Verständnisses für dre Verhältnisse im Schutzgebiet ist die Kenntnis von den Persönlichkeiten der mächtigsten eingeborenen Häuptlinge und ihrer politischen Stellung. Da sind zunächst zwei Männer zu nennen, die eine große Rolle in der Geschichte des Schutzgebietes gespielt haben: Hendrrk
Witboi und Samuel Maherero. Hendrik Witboi war bereits als Kind getauft worden, und der Grundzug seines Charakters ist auch die Neigung zur religiösen Mystik gewesen. In einem anderthalbjährigen Kampfe der deutschen Truppen gegen ihn hat er, als er seinerzeit gegen die Herero den Vernichtungskrieg unternommen hatte, unseren Soldaten die Palme des Sieges streitig gemacht. Er betätigte sich damals als ein Meister in der afrikanischen Kriegskunst. Beendigt wirrde schließlich dieses Ringen nicht durch eine für ihn vernichtende Niederlage, sondern durch das Aufzwingen der deutschen Schutzherrschast unter ihn Wenig drückenden Bedingungen. Hendrik Witboi war von kleiner Statur und daher äußerlich keine besonders imponierende Erscheinung, aber er machte bei näherer Bekanntschaft doch Eindruck durch seine auf unbeugsamer Willensstärke ge
gründete Ruhe und Festigkeit. Langsam und sicher war seine Rede, kein unüberlegtes Wort kam aus seinem Munde. Sein Auftreten war bescheiden. Aber es war die Bescheidenheit des selbstbewußten Mannes. Ihm lag sowohl das Kriechende wie das protzenhaft sich Über- hebende des gewöhnlichen Hottentotten fern. Als Leut- wein dem Kapitän einst seine Geschütze zeigte und hinzu- fügte, solche besäße der deutsche Kaiser mehrere Tausend, erwiderte er, indem eine Art entsagungsvollen Zuges über sein Gesicht flog: „Ich weiß ja Wohl, daß der
deutsche Kaiser uiächtiger ist als ich, aber du brauchst es mir ja nicht immer zu sagen!"
In der Art, wie Witboi das Christentum auffaßte, lag zweifellos etwas von der Selbstüberzeugung eines Mahdi, zumal da er es ganz gut verstand, die Ver- bindung von geistlicher und weltlicher Macht, wie sie sich seinen Leuten gegenüber in ihm verkörperte, poli- tischen Zielen dienstbar zu machen. Für niemand hat mehr wie für ihn das Wort Bedeutung gehabt: „Man mutz Gott mehr gehorchen als den Menschen." Aber was Gott wünschte, das zu entscheiden, nahm er für sich allein in Anspruch. Schon während seiner Kriegszüge gegen die Herero hatte der Kapitän sich den Weitzen gegenüber immer von der humansten Seite gezeigt. Ihr Eigentum wurde von ihm und feinen Leuten stets auf das peinlichste geschont.
Die Gründe, die den alten achtzigjährigen Manu noch an seinem Lebensabend bewogen haben, sein eigenes Werk zu zerstören und von der deutschen Schutzherrschaft abzufallen, werden jetzt nach seinem Tode wohl nie völlig aufgeklärt werden können. Man ist daher nur auf Vermutungen angewiesen. Von langer Hand vorbereitet war der Aufstand sicher nicht, andernfalls wäre es für den Kapitän günstiger gewesen, die unsichere Lage der deutschen Truppen zu Beginn des Hereroaufstandes auszunutzen, statt den Truppen sogar noch Unterstützung zu senden, wie es Hendrik Witboi tatsächlich getan hat. Misstrauisch allerdings war der Kapitän anscheinend bereits seit einiger Zeit geworden. Der bei der Truppe inzwischen erfolgte Kommandowechsel mag wohl dieselben Gefühle erregt haben, die ihn seinerzeit im Jahre 1895 nach Eintreffen des. neu _ ernannten Truppenkommandeurs Major Müller zu seiner Flucht
