Wiesbadener Tsgblati.
_ ... .Sauvt-AacnturWilkelmffr.«.
Verlag Langgaffe 27,
Fernsprecher Nr. 2953.
Ruszeit «on 8 llhr uiorgens bis 7 Uhr abend».
23,000 Abonnenten.
Bezugs-Preis für beide Ausgaben: so Pfg. monatlich durch den Verlag Lanagaffe 27. ohne Bringerlohn. 2 Mk. 50 Pfg vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. — Bezugs-Bestellungen nehmen auhcrdcm jederzeit entgegen: in Wiesbaden die Haupt-Agentur Wilhelmstraße 8 und die 142 Ausgabestellen in alle» Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 27 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Anzeigcn-Annahmc: Für die Abcnd-Aurgabc bis 12 Uhr mittags; sür die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
2 Togesausgaben.
Haupt-Agentur Wilhelrnstr. 6«
Fernsprecher Nr. 987.
Rufzeit von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.
>. für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Kleiner Anzeiger^
_ fnVmo fiiv rtTfi» ithrtrtprt InfrtT#n
Auzeraen-Prers tur Die .neue: 10 usth- tul iuiuic «ngcincn ~
in einheitlicher Satzsorm; A Pfg. in davon abweichender Satzaussuhrut-a, sowie für alle übrige» lokalen Anzeigen; 30 Pfg? für all- auswärtigen Anzeigen; 1 Mk. für lokale Reklamen: 2 Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Selten, durchlaufend, „ach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in iiirzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.
??ür die Aufnahme später eingereichter Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 484.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt. _
Die russische Regierung und das Warze Hundert.
g. Petersburg, 13. Oktober.
Wie ich von gut unterrichteter Seite erfahre, gedenkt der Ministerpräsident gegen die Tätigkeit des „Schwarten Hunderts' ganz energisch vorzugehen, weit dieses in letzter Zeit einen völlig revolutionären Charakter angenommen habe. Man mutz bei dieser Nachricht unwillkürlich an jenen Zauberlehrting denken, der die Geister, die er rief, nicht vannen tonnte. Allzu lange haben die herrschenden Kreise dem Treiben dieser Rotte müßig zugesehen, weil sie ihre geheimsten rachsüchtigen Wünsche erfüllte, nun aber deren Übermut infolge solcher Vertuet) nung nicht mehr Matz noch Grenze kennt, wird es ihnen schwer fallen, sie abzuschsitteln. Wie sehr diese Leute in der Tat der Hafer sticht, lehrt ein Blick in ihre Gedankenwerkstatt, den schon eine einzige Mitteilung eines Blattes wie des „Potschajewskya Jswcnstija" tun läßt. Da heißt es z. B. wörtlich wie folgt: „Der ehemalige Präsident der auseinandergejagten Reichsduma, der Hauptmann einer Bande von Räubern, der ehemalige Abgeordnete Muromzew, ist ins Ausland geflüchtet. Die kluge Kanaille hat gescheit gehandelt. Es handelt sich nämlich darum, daß dieser Tage aus England in Petersburg Juden eintreffen sollten, um ihm für seine hoolrganhafte, räuberische Tätigkeit zu danken. Selbstverständlich würde es diesen verdammten Gästen nicht gut bei uns ergehen; denn das russische Volk ist erwacht, die Nacht vergeht, es beginnt zu dämmern, und hie Schufte müssen sich in ihre Höhlen packen, um ihr Leben zu retten. Dieses voraussehend, flüchtete der Räuberhauptmann ins Ausland, um sich dort mit seinen Freunden, den Juden, zu begrüßen usw." Diesen Worten entspricht der Charakter der Männer vom „Schwarzen Hundert". Das wird von den ernsthaften russischen Blättern immer deutlicher erkannt und ausgesprochen. „Schwarzes Hundert, Reaktionäre, Konservative, Liberale, Revolutionäre, Anarchisten und Raub- nwrder", meint die „Petersburger Zeitung", setzten sich aus Leuten zusammen, die von Politik nichts verstehen. Jenen dunklen Massen, die Judenhetzen veranstalten, auch wohl hin und wieder Verbrechen gegen die „Intelligenz" begingen, könne man ebensowenig politische Gesichtspunkte zusprechen wie dem eigentlichen Verbrechertum. Es seien ja zum größten Teil gemeine Schufte, die rauben und plündern und nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten eine außergewöhnliche Gefahr bedeuteten. Nach oben und nach unten vermischen sich in der Tat die Grenzen des politischen Lebens und gehen in das kriminelle Gebiet über. Nun ist es ein bekannter Kunstgriff, den Gegner zu karikieren, seine Fehler höchst übertrieben darzustellen. Alle politischen Elemente, die
Wiesbaden, Mittwoch, 17. Oktober IS««.
eine Veränderung der Regierungsform anstreben, suchen nachzuweisen, daß die jetzige Regierung reaktionär gesinnt sei, daß sie, sei es auch unfreiwillig, auf „dem reak- tionären Wege weiterschreiten" müsse. Begonnen mit den Männern von der Partei der friedlichen Erneuerung und den Kadetten, die einem parlamentarischen Kabinett das Wort reden, bis hinab zu den Sozialrevolutionären, die vom demokratischen Zukunftsstaat träumen, — allen liegt es daran, nachzuweiscn, daß die jetzige Regierung nichts tauge und durch eine neue ersetzt werden müsse. Telegramme an den Kaiser mit der Bitte, die Juden aus dem Lande zu treiben, Artikel von Mentschikow, in denen alle Fremdvölker von der Volksvertretung ausgeschlossen werden, das Wahlprojekt des Adels und andere Willensäußerungen, die an der kaum sestgelegten Staats-Verfassung rütteln, sorgen sür das nötige Materials das die regierungsfeindlichen Kreise und Blätter energisch verarbeiten. Während so die Feinde der jetzigen Regierung alles, was zu ihr schwört, als „Schwarzes Hundert" verabscheuen, stellte sich die Regierung immer auf den Standpunkt, daß jeder, der sie nicht unterstütze, ein Verteidiger der Anarchie sei, und machte also keinen Unterschied zwischen solchen, die die Staatsgewalt überhaupt bekämpfen und denen, die sich nur gegen ihre gegenwärtige Form wenden. Nun nahen aber die Wahlen zur zweiten Duma und man hat in der Umgebung des Zaren nachgerade eingesehen, daß man noch einsamer dastehen würde, wenn man andauernd alle mit dem gegenwärtigen Regime in Rußland Unzufriedenen als Anarchisten bekämpft, wie die Negierenden in Deutschland, wenn sie alle Schwarzseher aus dem Lande. vertreiben wollten. Deshalb wohl will sich der Ministerpräsident rasch durch ein energisches Einschreiten gegen das „Schwarze Hundert" von dem Makel befreien, damit unter einer Decke zu stecken. Wie aber, was doch sicher zu erwarten ist, wenn die Schwarzen wider den Stachel lecken, also in den Augen der Regierenden auch zu .Anarchisten" werden! Dann bestände die Untertanenschaft des Zaren aus lauter „Anarchisten". Eine nette Aussicht!
Ire..Denkwürdigkeiten" Hohenlohes.
Über die Vorgeschichte der Veröffentlichung der Denkwürdigkeiten teilt die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart mit, daß die Auszüge in „Über Land und Meer" nach den Dispositionen des Verlags gleichzeitig mit dem Buche selbst erscheinen sollten. Eine derartige Publikation entspricht so sehr dem allgemeinen Brauche, daß eine Verständigung mit dem Herausgeber über diesen Punkt nicht notwendig erschien: denn ist ein
Werk erst ausgegcben, so gehört es selbstverständlich in allen seinen Teilen der Öffenttichkeit. Als sich nun zeigte, daß die technische Fertigstellung des Werkes sich um etliche Tage verzögern würde, und als um dieselbe Zeit Prinz Alexander von Hohenlohe um Einstellung
54. Jahrgang.
der Veröffentlichungen in der „Deutschen Revue" ersuchte, war die Nummer von „Über Land und Meer" schon im Druck und eine Änderung nicht mehr möglich. Das einzige, was unter diesen Umständen noch geschehen konnte, geschah: die Nummer wurde nicht au öle Tagespresse versandt. Wenn trotzdem die Auszüge sofort in die Tagespresse übergingen, ist das ohne vorherige Anfrage beim Verlag und gegen dessen Wunsch geschehen. Prinz Alexander Hohenlohe und Präsident Or. Curtius haben also, wie aus dieser Erklärung des Verlages ersichtlich, tatsächlich von der Veröffentlichung in „Über Land und Meer" nichts gewußt.
*
Aus den „Denkwürdigkeiten"
Berlin, 25. fffläti 1875. Gestern längeres Gespräch mit dem Großherzog von Baden. In bezug aui Frankreich hofft der Grotzherzog, daß man doch noch zu friedlichen Beziehungen kommen und den Krieg vermelden werde. Ich sprach dagegen meine Zweifel aus. Möglich sei es, aber nicht wahrscheinlich. Dann auf die innere Lage in Deutschland übergehend, sprach er mir zuerst unverständliche Befürchtungen aus über die Entwicklung des Reichsgedankens. Ich verstand nachher, daß er eine größere Einigung für notwendig hält und den Partikularismus fürchtet. Dieser müsse beschränkt werden, besonders in Preußen selbst. Reichsministerium und deutsche Armee. Ich sagte ihm, daß es ratsam se:, die deutschen Fürsten nicht zu erschrecken und ihnen tatsächlich den Beweis zu geben, daß ihre Stellung im Reiche gesicherter sei, als sie früher während des Bundestags gewesen. Was die deutsche Armee betrifft, so wisse ich Nicht, ob sich der Kaiser darauf Anlassen werde. Es scheint, daß der Großherzog die in nationalliberalen Kreisen auftauchende Idee teilt, daß der Kaiser um den Preis der Assimilation der bayerischen Armee die preußische Armee zur deutschen machen werde. Wie aber die Verträge ändern?
26. März 1875. Abends bei Bismarck. Dieser sagte, wir dürfen jetzt nicht Frieden (mit der Kurie) machen. Erst müsse die Gesetzgebung in Preußen von allem gereinigt werden, was in'der Zeit Friedrich Wilhelms IV. in Preußen zwischen Staat und Kirche verwirrt habe. Nachher sei er zum Frieden bereit.
16. Mai 1880. Der Reichskanzler klagte heute über die deutschen Souveräne und meinte, diese Herren sollten doch froh sein, daß man ihnen ein schützendes Dach geschaffen habe, unter dem sie leben könnten. Wenn sie so fortmachtcn, würde er sich zurückziehen, und dann würde die Zentralisation mit Macht Hereinbrechen und sie wegschwemmen.
26. Mai 1880. Gestern abend beim Reichskanzler. Er sprach von seiner Unterredung mit Bennigsen und Miguel, ohne aber etwas Näheres mitzuteilen. Heute kam Bennigsen zu mir und erzählte von ihrer Unterredung. Er sagt, sie seien hart aneinander geraten, und fragte mich, ob der Reichskanzler sich empört gegen sie
Feuilleton.
(WacWrucr wrtoKn.)
Londoner Leben.
Bücher über Deutschland. — Deutsche Oper. — Deutsches Theater. — Theaterzettel. — „Stcrnendruck". — Eine neuer Operettcn-„Stern".
London, 14. Oktober.
Wenn die Engländer nicht immer über Deutschland urteilen, wie wir es wohl möchten, so geschieht das jedenfalls nicht, weil sie uns nicht die nötige Aufmerksamkeit zuwenden. Im Gegenteil, wir können uns schmeicheln, daß sie sich mit keinem Volke der Welt so angelegentlich beschäftigen, wie mit uns. Nicht nur unsere Flotte — das ganz besonders bevorzugte Objekt für ihre Rontgen- Strahlen — nicht nur Handel und Industrie werden sorgfältig beobachtet, sondern es taucht auch insonderheit in städtischen Einrichtungen, im Verkehrswesen, ja auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens kaum jemals eine Frage hier auf, ohne daß dabei auch sofort die Frage laut wird: „Wie macht man das in Deutschland?" So widmen uns auch die Zeitungen gar erkleckliche Portionen ihres Raumes. So liegen mir auch im Augenblick wieder drei neue Bücher vor, die sich mit Deutschland beschäftigen. Das kann uns ja alles an sich nur eine Genugtuung bereiten, wenn nur der Gei st, tu dem die Aufmerksamkeit auf uns gerichtet wird, nicht so viel zu wünschen übrig ließe!
Von den drei Büchern ist eines aus der Feder eines Mannes, der mit deutschen Verhältnissen wohl verwaut und auch schon verschiedene andere Werke darüber her- ausgegcben hat. Und so zeigt mich sein neues Buch „The German Workman", daß Herr Dawson auch die deutschen Arbciterverhältnisse gründlich studiert hat: und stimmen wir seinem Urteil auch gewiß nicht immer zu, so können wir seinem Buche doch auch nicht absprechen, daß wir es mit einer ehrlichen Kritik zu tun haben.
Auch das zweite Buch „Modern Germany" ist nicht ohne Sachkenntnis geschrieben, aber man merkt sofort, der Verfasser ist uns wenig gewogen, und selbst wo dieser Engländer — Elzbacher ist sein Name — manches in unseren öffentlichen Einrichtungen seinen Landsleuten zur Nachahmung empfiehlt, blickt eine gewisse bittere Mißgunst durch. Zur Kennzeichnung des politischen Standpunktes Mr. Elzbachers mag der eine Satz genügen: „In dem Kampf zwischen Slavcn und Deutschen wird Großbritannien das Gleichgewicht kn der Hand halten und alle die Vorteile genießen, die sich aus dieser Lage ergeben." Aber auch das kann ja nicht einmal sür neu gelten.
Das dritte Buch „The North Sea Bubble" behandelt einmal wieder eine Eroberung Englands durch die Deutschen. Und öle geknechtete Lage seines Vaterlandes hält der Verfasser für angebracht, seinen Humor walten zu lassen. Wirklich humoristisch wird er aber nur, wenn dies unbewußt geschieht. So erzählt er uns in allem Ernst, es seien beim Ausbruch des Krieges elftausend Kellner und Barbiere in England ansässtg gewesen, die ans Deutschland öavongelaufcn, um sich der Militärpflicht zu entziehen. Diese Ausreißer sind nun aber bange, den deutschen Truppen in die Hände zu lallen, und haben sich deshalb — auf einem Hügel verschanzt! Sic nehmen auch wirklich einen deutschen Leutnant ge fangen und spielen auch sonst eine hervorragende Rolle in der Befreiung des Landes, die aber tatsächlich durch die in Deutschland ansgebrochenen inneren Unruhen ins Werk gesetzt wird. Daraus müssen wir wohl ableiten- Deutschland kann nur durch Deutsche geschlagen werden? — Ist cs dahin mit good old England gekommen, daß es nur zufälligen Nebenumständen, die sich im Ausland ereignen, seine Rettung verdanken soll? Wären hier nicht etliche handgreifliche britische Heldentaten wirkungsvoller gewesen?
Solch einer Kinderei gegenüber wenden wir uns gern einer anderen Aufmerksamkeit zu, die man auf
einem anderen Gebiete auf Deutschland richtet. Das ist eine in Aussicht genommene deutsche Oper. Während der „Saison", im Frühling, wo die erlesensten Tangeskräfte der ganzen Welt hier zusammentresfen, wird uch stets eine größere Anzahl deutscher — namentlich Wagnerischer — Opern von deutschen Kräften n öcur- scher Sprache zur Aufführung gebracht. Jetzt sollen sie zwei Monate laug, im Januar und Februar, ausschließlich aufgesührt werden. Die Dirigenten sind Nikisch und Balling, und zu den bereits verpflichteten Künstlern gehören die Damen Lefsler-Burkard, Ackte, Rast, Bremer, und die Herren van Dyck, Feinhals und vr. Felix von Kraus. So dürfte der künstlerische Erfolg zur Genüge gesichert sein. Da aber die deutsche Oper längst schon in gutem Ansehen hier steht, zumal auch der Sinn für Wagner in weiten Kreisen geweckt ist, so darf man auch wohl ans eine ausreichende Unterstützung seitens des Publikums rechnen: und es dürfte dann eine deutsche Oper für ein paar Wintermonate, vielleicht auch eine dauernde Institution in London werden.
Weniger hoffnungsvoll sieht es mit dem Deutschen Theater hier aus, das dem englischen Publikum naturgemäß so viel ferner steht und das nur durch einen erheblichen Zuschuß seitens einer Anzahl begüterter Mitglieder der hiesigen deutschen Kolonie einige Winter hindurch sich hier halten konnte. Indessen die Leitung ist in guten Händen und die Opferwilligkeit — hoffen wir — nicht geringer geworden. Da bedürfte es nur noch eines stärkeren Zuspruchs insonderheit der Tausende von Deutschen, die hier ansässig sind, um trotz vorübergehenden Schwierigkeiten auch diesem Unternehmen einen dauernden Erstolg zu sichern.
Ein ganz besonderes Interesse war hier in letzter Zeit ans den Theaterzettel gerichtet, der in England allerdings stets von größerer Bedeutung ist als bei uns. Er enthält nicht nur die Namen der auftretcnöcn Personen und gewisse Einzelheiten über das Stück, sondern auch die Namen der Dekorationsmaler, ein Programm
