64 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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Ur 454.
Fernsprecher sür den Verlag Ro. 2988. Nufzeit von 8—12 il. 2—7 Uhr.
Samstag, den 89. September.
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1906.
Morgen * Ausgabe.
1. Matt. _
Sunt Tuartalswechsel.
Das „Wiesbadener T a g b l a t t", im 55. Jahrgang stehend und somit eines der ältesten Blätter Nassaus, beginnt am 1. Oktober ein neues Quartal.
Trotz seines ungemein billigen Preises von nur 50 Pfennigen monatlich Lei wöchentlich zwölfmaligem Erscheinen
bringt es einen so reichen Lesestoff, wie wohl kein zweites Blatt mit gleichem Abonnementspreis, und zwar außer dem Anzeigenteil täglich mindestens 14 Seiten sorgfältig ausgewählte Aussätze und Nachrichten aus allen Gebieten des Lebens, der Kunst und des Wissens.
Bei der Ausgestaltung seines politischen Teils wirken hervorragende Korrespondenten und Leitartikler in allen Hauptstädten mit, und nicht zum wenigsten die täglichen Informationen seines Berliner politischen Mitarbeiters zeichnen sich durch Pünktlichkeit und Genauigkeit aus. Dabei verfolgt die Redaktion das Prinzip, in wichtigen Fragen nicht nur die besten Tagcsjournalisten, sondern erste Fachautoritäten zu Wort kommen zu lassen.
Die Berichte über Reichs- und Landtag werden den Lesern zum größten Teil schon in der Morgen- Ausgabe mitgeteilt, wie denn überhaupt der telegraphische Nachrichtendienst, der durch zwei Depeschenbureaus und Privatkorresponöcnten erfolgt, ein schneller und umfangreicher ist.
Das „Wiesbadener Tagblatt" verfolgt keine einseitige Parteipolitik, es dient dem gesunden Liberalismus und nimmt entschieden Stellung zu allen bewegenden politischen Fragen in echt nationalem Sinne. Es ist hinreichend dafür bekannt, daß es sich dabei von keinerlei geschäftlichen oder persönlichen Rücksichten leiten läßt, sondern - . ^
unabhängig und frei
seine Meinung zur Geltung bringt. Diesen Standpunkt vertritt es auch in allen kulturellen Fragen, ob sie nun das religiöse, das soziale, das ethische oder künstlerische Gebiet betreffen.
Vom ersten Oktober ab wird das „Tagblatt" sein ausgedehntes Feuilleton noch dadurch erweitern, daß es eine vierseitige
tägliche Roman-Beilage
bringt, die auch jedesmal ein Feuilleton enthält und besonders dem Lesebedürfnis der Frauenwelt Rechnung
trägt. Andererseits wird unser reichhaltiges Feuille- ton „unter dem Strich" eine wesentliche Erweiterung durch aktuelle Korrespondenzen erhalten.
Eigene Beilagen (nicht die übliche Massenware von Sonntagsbeilagen, die bei gleichem Inhalt in jeder Stadt einen anderen Titelkops zeigen, sondern in unserer Druckerei eigens nur für das „W iesbaden er Tagblatt" hergestellte Blätter) sind: Die
„Unterhaltenden Blätter", die „Kinderzeitnng", „Alt- Nassau", Blätter für nassauische Geschichte, „Landwirtschaftliche Rundschau", Wandkalender. Zweimal jährlich wird unentgeltlich ein starkes Fahrplanhcftchcn geliefert.
Der lokale und provinzielle Teil wird besonders gepflegt, und die kommunale Politik kommt ebenso zu ihrem Rechte wie die allgemeine. Der vermischte Teil und die „Kleine C h r o n i k" berichten in umfänglicher Weise über alle bemerkenswerten Geschehnisse. Ein ausführliches Kursblatt und ein eigener Handelsteil kommen den merkantilen Interessen entgegen. Eine Merktafel, die über alle wichtigen Fragen Belehrung erteilt, eine Schach- und Rätselecke, ein übersichtlicher Tageskalenöer erhöhen den Reichtum des redaktionellen Teiles.
Dem Sport wird von jetzt ab auch eine größere Beachtung geschenkt und die Sportrubrik demzufolge beträchtlich erweitert werden.
Den einzig richtigen Matzstab für die Verbreitung einer Zeitung gibt nicht die willkürliche Auflagenzahl eines Blattes, sondern einzig die Angabe der tatsächlichen Abonnentenziffer.
Das „Wiesbadener Tagblatt" mit
Wer 23 000 Abonnenten,
Seren Zahl im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte um 12 000 gewachsen ist und sich ständig vermehrt, ist die
weitaus verbreitetste Zeitung von allen Tagesblättern Nassaus. •
Sowohl in bezug auf den Abonnenten- st a n ö wie auf den Umfang seines Anzeigenteils kommt ihm kein Blatt Nassaus auch nur entfernt nahe, weshalb es das wirksamste Jnsertionsorgau unserer Gegend ist.
Wir laden das Publikum Nassaus und Hessens, welches noch nicht auf das „Wiesbadener Tagblatt" abonniert sein sollte, ein, sich durch ein vierteljährliches Probeabonnement von den Vorzügen des Blattes selbst
zu überzeugen.,
Verlag und Redaktion.
Feuilleton.
(SlaiSSruS uertMm.)
Ein französischer Raubzug.
Von E. Friedrich.
O Stratzburg, o Straßburg,
Du wunderschöne Stadt,
Darinnen liegt begraben So mannicher Soldat.
So mancher, so schöner,
Auch tapserer Soldat,
Der Water und lieb Mutter Böslich verlassen hat.
Wir alle kennen dieses schöne Volkslied, wohl jeder gat es einmal gesungen und singt es heute noch gern,, ohne doch recht zu wissen, daß gerade die Hauptstadt des Elsaß es war, die in mehr als einem Fall das Blut deutscher Landeskinder heischte. Die reiche, in üppiger Landschaft gelegene Handelsstadt hatte es von jeher den Franzosen angetan. Ihre nahe Lage am Rheinstrom erhöhte den Reiz, der ihr anhastete,-noch bedeutend. _ Wer Straß- bürg hatte, hatte gewissermaßen den Schlüssel zum südlichen Deutschland und zur Schweiz. Das lockte und machte den Besitz der elsässischen Perle noch bcgehrcns-
Die Bourbonen hatten sich schon seit langem in den Gedanken verliebt, auf die eine oder die andere Weise die Stadt mit dem stolzen Münster ihrem Lrlienreiche eiuzuverleibcu. Bisher hatte sich noch immer keine günstige Gelegenheit geboten, in diesem Sinne politisch einhaken zu können. Allein: machte sich eine derartige Ge- legenheit nicht von selbst, so zog man sie einfach au den Haaren herbei. Das lag der französischen Politik nicht allzufern und Ludwig XIV. war der geeignete Mann, einen derartigen politischen Plan auszusuhrcu.
Schon 1680 begann Ludwig XIV. seine Faden spielen zu lasten Straßburg lag ihm schon lange am Herzen. Und er verstand es denn auch, die Sache trefflich zu
drehen. Durch die Reunionskammer in Breisach ließ er einen Spruch fällen, der da besagte: Stratzburg müsse für die der französischen Krone unterstehenden Bogteieu Wasselen, Barr und Jllkrrchen dem Franzosenkönig den Treueid leisten. Das war wohl eine freche Herausforderung, allein eine mit Berechnung mitten in den Frieden des durch den 30jährigen Krieg entkräfteten Europas hineingeschleuderte.
Es kam, was zu erwarten war: die Stadt «traßburg selbst wagte keine ablehnende Antwort zu geben, das Reich jedoch suchte Verhandlungen anzuknüpfen. Aus diese aber ließ sich Ludwig XIV. nicht ein. Er sandte einfach seinen General Bouvois mit 30 000 Mann gegen StraUmrq aus.
Das Erstaunen auf seiten des Reiches war naturgemäß bei einem derartigen gewaffneten Vorgehen Frankreichs ein großes. Allein man kam aus dem Erstaunen nicht heraus. Man war verblüfft. Und mit dieser Verblüfftheit. Hatten Ludwig XIV. und seine Staatsmänner von vornherein gerechnet. Das ebnete Bouvois die Wege. Ehe man cs sich ersah, stand er an des Reiches Grenzen und wiederholte — jetzt unterstützt von der Waffengewalt, die er befehligte — seine Forderung im Namen des allerchristlichstcn Königs. Langes Warten ivar aber nicht seine Sache. So überschritt er denn keck und kühn die Grenze, den Feind zu überlisten, ehe dieser noch zu Wehr und Waffen gegriffen hatte. Und Deutschland rückte und rührte sich nicht. Es hatte aus den dreißig blutigen Kaiegsjahren des Religionskampfes nichts gelernt. Der Franzose aber stand bereits im Elsaß und spielte seine letzten Trümpfe zur Eroberung der elsüsfi- schen Hauptstadt aus. Bouvois hatte indeß alle Besatzun- geu in Burgund, Lothringen und Elsaß gehörig verstärkt. Mit diesen Truppen hoffte er zu operieren, wenn sein üverrumpelungsplan schief gehen sollte. Und er ging schlau, vorsichtig und nicht ungeschickt zu Werke. Bon Breisach ans zogen Fußsoldaten und Reiter gegen Stratzburg. Als diese Truppen die Haupwcfestigungen der Stadt besetzt hatten, erschienen noch — es war am
Der Kolonialkrieg aus Kali.
II. Amsterdam, 24. September.
„La guerre contre les Balis", so lese ich mit Vergnügen in Pariser Blättern! „Geographie schwach", das war immer in dem Lande der Frau v. Stael die Losung, und deshalb halte ich, bevor ich auf die Vorgänge in den Gegenden, auf die unser Dekkers-Multatuli dre Aufmerksamkeit der gesamten Kulturwelt dauernd hingelenkt hat, und die trotz allem ein ewiges Denkmal seines posthumen geistigen Sieges sind, erst für nötig, in den „örtlichen Verhältnissen Ordnung herzustellen", Also der Krieg wird auf Bali nicht gegen die Balis, sondern gegen die Fürsten Padoeng und Tahanan, die Teile von Bali besitzen, geführt. Unter Neerlanscher Machtvollkommenheit stehen die Molukken, die „großen"' Sunda-Jnseln Sumatra, Borneo (der Stiel der „Birne", die diese Insel bildet, und das Jnselchcn Labuan sind britisch), Celebes und Java, sowie die Kleinen Sunda« Inseln Timor (der Osten portugiesisch), Flores, Sum- bawa, Lombok und Bali! Und wie Java, so groß wie Süddeutschland, aber mit doppelt so viel Einwohnern, die Perle der „großen Sundas" ist, so ist Bali die wertvollste der „Kleinen", auch dieser benachbart, so groß wie Oldenburg, aber über 1 Million Einwohner. — Das zur Orientierung, und dieses Eiland, Kleen-Jaöa, ist cs, wo Holland mit Waffengewalt feine Autorität wahren muß.
Die letzten Meldungen besagten, daß ein feindlicher Ort Kosiman besetzt und die Feste Den Pasar bombardiert sei zur Einleitung des Angriffes. Wie erklärt man sich diese Feindseligkeit bei Leuten, die Multatuli im allgemeinen als friedlich hingestellt hat. Das liegt an der besonderen Art der Bali-Leute. Sie sind betriebsamer als die anderen Suudabewohner. industriöS, sie wissen die Reiskulturen zu Mehrerträgcn zu zwingen, sie haben, ohne daß je ein Ingenieur ins Land gekommen wäre, Rieselsysteme vom Hochplateau, wo die Flüsse entspringen, geschaffen, sie fangen an der Javaküste den Javanern die Fische weg, sie sind eine Art Korsaren, die aus Strandrecht halten. Gerade diese letztere Eigenschaft ist für das Gouvernement sehr unangenehm, denn jeder ausgeplünderte Schisser Wendel sich nach Batavia, und von da geht die Sache nach dem Haag, und im Handumdrehen ist ein „Multatuti-Fall"' fertig. Und so ist denn die diesjährige Expedition auf die Insel Bali die fünfte seit 30 Jahren; die Balileute sind mit von der stehenden Kundschaft der Kolonialarmee, ihre Rajahs haben ein merkwürdig kurzes Gedächtnis für das, was der Souverän, dem sie geschworen haben, über L-trandrccht verordnet hat. Der neueste „Fall" ereignete sich im Mai 1904, als bei dem Hasen Padoengs eine Schaluppe „Sri Koemala" scheiterte, die einem chinesischen Schisfahrt-Unternehmer in Bandjer- masing auf Borneo gehörte. Sofort waren die Padoengs wie die Raben hinterher, das Schiff zu plündern,
27. September — etwa 12 000 Mann unter Montilcs. Diese pflanzten sich möglichst breit und ausgedehnt vor den Mauern der Stadt auf. Dann kam Bouvois selbst mit einem noch stärkeren Heere, sowie mit zahlreichem Belagerungsgeschütz gegen die Stadt angerückt.
Jedoch erst versuchte cs Bouvois auf gütlichem Wege. Der Franzosengeueral forderte die Stadt auf, sich binnen 24 Stunden zu ergeben. Im Nichtfalle drohte er, auf das strengste gegen die Bürgerschaft vorzugehen. Und Stratzburg ließ sich betören, cs streckte die Waffen, noch ehe es sie recht gegen den Feind erhoben hatte. Am 30. September 1681 kapitulierte die stolze Stadt, und diese Übergabe wurde 1697 im Frieden von Rysvyk bestätigt.
So war es dem kecken Franzosenkönig gelungen, eine der schönsten und ältesten deutschen Städte mitten im Frieden ungestraft durch einen kühnen, wohl überlegten Handstreich zu nehmen. Das Heilige Deutsche Reich aber sah dem zu, still und phlegmatisch, ohne die Hände inu Schoße zu rühren, ohne jeglichen Versuch, dem frechen Räuber seine fette Beute wieder abzujagen: Frankreich hatte eben wieder einmal über den deutschen Nachbar gesiegt, der sich geduldig Backenstreiche geben ließ.
Die neuere Geschichtsforschung hat sich eingehend! mit den Gründen und Ursachen beschäftigt, die Stratzburg in die Hände des Feindes hinüberspielten. Man ist dabei zu dem Schlüsse gekommen, daß keineswegs der Verrat cirrzelner Ratsmitglieöcr an dem Fall Stratzburgs schuld war, auch nicht die Ränke des bestochenen Bischofs Egon von Fürstenberg, der dem am 23. Oktober desselben Jahres in Stratzburg einziehenden Franzosenkönig am Portal des Domes die Worte zuries: „Nachdem ich durch den Arm Ew. Majestät in den Besitz dieser Kirche wieder eingesetzt bin, aus welcher gewalttätige Ketzer meine Vorgänger vertrieben haben, sage ich mit dem alten Simeon: ich kann mit Freuden hinfahren, da ich den Tag des Heils geschen. Zu diesem herrlichen Dom hat Chlodwig den Grundstein gelegt, Dagobert hat das Bistum errichtet: noch weit glorreicher aber, ja als ein neuer Stifter, stehen Ew, Majestät da." Die alleinige Übergabe
