N». 356.
Morgen-Ausgabe.
S. Statt.
Fvettag.
3. August 1908.
54. Jahrgang.
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Wie es selten Komplimente gibt ohne Lüge, so finden sich auch selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lessing.
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(27. Fortsetzung.)
Eröfluch.
Von V. Blasco Jbanez.
Antorriierte ttbersctzung von Wilhelm Thar.
Eine Anzahl von Bauern, die es müde waren, die Spieler zu bewundern, spielle für eigene Rechnung: sie fetzten sich an den Tischen zusammen rnid ließen sich etwas zu essen geben. Der Krug wanderte von Hand zu Hand, und sein dünner, roter Strahl siel mit leichtem Glucksen in die offenen Münder. Sie ließen Lagen auffahren uiw reichten sich gegenseitig Hände voll Wachsbohnen und Lupinen. Die Mägoe der Schenke brachten auf flachen Porzellanschüsseln die schwarzen, öligen Würste, den weißen Käse, die ausgeschnittenen Oliven mit ihrer Lake, in der aronratische Kräuter schwammen; und auf den Tischen sah man Weizenbrot, die Brotlaibe mit der blonden Kruste, durch deren Spalten man die graue, schmackhafte Krume bemerkte, die das dicke Korn der Huerta gibt.
Diese ganze Gesellschaft traut, aß, gestikulierte und ^machte einen Lärm, als hätte ein feilldticher Schwarm den Platz mit Sturm genommen; und rn der Luft schwebte ein Alkoholdunst, ein erstickender Geruch von gebratenem Öl, ein scharfer, durchdringender Weindunst, in den sich der frische Erdgeruch der benachbarten Felder mischte.
Batiste näherte sich dem großen Kreise, der die Spieler umstand. Zuerst konnte er nichts sehen. Dann bahnte er sich langsam, von den Neugierigen, die sich hinter ihm drängten, gestoßen, einen Weg durch die dicht aneinander gepreßten Körper der schwitzenden Menge und gelangte schließlich in die erste Reihe. Einige Zuschauer hatten sich, das Kinn in den Händen, die Nase auf dem Rand des niedrigen Tisches, an der Erde niedergekauert und blickten starr auf die Spieler, als wollten sie nicht die geringste Kleinigkeit von der großartigen Wette verlieren. Hier war der Dunst des Alkohols am unerträglichsten, und der Atem und die Kleidungsstücke dieser ganzen Gesellschaft schienen davon durchtränkt.
Batiste sah Pimento und seine Gegner auf schweren Schemeln aus Johannisbaumbrotholz fitzen, die Karten vor den Augen, den Rranntweinkrug neben sich und auf dem Zinktisch den kleinen Haufen Maiskörner, die die lmSpiel gewonnenen Points darstellten. Und bei jeder Partie ergriff einer der drei den Krug, trank langsam, ohne sich zu übereilen, und reichte ihn dann den Kameraden, die ebenso gewrssenhaft davon Gebrauch machten.
Die nächsten der Zuschauer blickten über die Schulter der Spieler in die Karten, um zu beobachten, wie diese spielten. Doch es war nichts zu befürchten: die Köpfe waren ebenso solide, als hätte man nur Wasser getrunken. Nicht einer der drei beging einen Fehler oder spielte verkehrt. Die Partie ging iveiter, ohne daß die Champions deshalb aufhörten, mit ihren Freunden zu plaudern und über den Ausgang der Wette Witze zu reißen.
Als Pimento Batiste bemerkte, stieß er ein „Ha, hal" aus, das man für einen Gruß halten konnte. Dann blickte er wieder in seine Karten.
Möglich, daß Pimento ruhig war, aber er hatte rote Augen, seine Pupillen glänzten in schwankendem, bläulichem Licht, das an die Flamme des Weingeistes erinnerte, und zuweilen nahm sein Gesicht eine fahle sölässe am Die anderen befanden sich nicht in besserem Zustande, die Zuschauer reichten sich, von dem Wahnsinn dieser tollen Wette angesteckt, die auf gemeinschaftliche Kosten bezahlten Krüge; und es war eine wahre Branntweinüberschwemmung, die da wie eine Fcuer- ftut in die Mägen hinunterschoß.
Auch Batiste, den die Leute aus dem Kreise eifrig
eingeladen, mußte mittrinken. Es war ihm das nicht angenehm; doch ein Mann muß alles kennen lernen. Um sich Mut zu machen, wiederholte er sich außerdem von neuem, daß man sich eine kleine Tollheit leisten kann, wenn man viel gearbeitet hat und die Ernte in der Scheuer liegt.
Er fühlte eine heftige Hitze in seiner Brust, und eine seltsame Verwirrung herrschte in seinem Hirne; doch er gewöhnte sich an diese Kneipenluft; er fand die Wette immer amüsanter und meinte, Pimento wäre in seiner Art ein recht bedeutender Mann.
Die Spieler hatten eben eine Partie beendet, deren Nummer niemand hätte sagen können, und berieten nun über die Zusammensetzung des Abendessens, das man einnehmen wollte. Augenscheinlich ließ einer der Terrerolas nach; die beiden Tage, die sie mit Trinken zugebracht, waren doch nicht so spurlos an ihm vorübergegangen. Seine Augen schlossen sich, und er ließ seinen müden Kopf auf die Schulter seines Bruders sinken, der ihn dadurch zu beleben suchte, daß er ihm unter dem Tisch wütende Tritte versetzte.
Pimento lachte in seinen Bart; einen hatte er schon untergekriegt. Und er beriet nun mit seinen Anhängern das Menu des Abendessens. Dieses Essen sollte prächtig werden. Auf Geld kam es nicht an. Auf jeden Fall brauchte er es nicht zu bezahlen. Ein Essen, das die Heldentat würdig krönte; denn an diesem Abend ging die Probe jedenfalls zu Ende.
Plötzlich ertönte wie eine Sicgesfanfare, die Pimen- tos Triumph im voraus verkündete, das Schnarchen des jüngeren Terrerola, der platt auf dem Tische lag und jeden Augenblick von seinem Schemel zu fallen drohte, als hätte der ganze Schnaps, den er im Magen hatte, ihn auf Grund des Gesetzes der Schwere auf den Boden gezogen. Sein Bruder sprach davon, ihn mit Ohrfeigen aufzuwecken; doch Pimento legte sich gütig, wie ein großmütiger Sieger, ins Mittel.
Man würde ihn schon zur Stunde der Mahlzeit wecken.
Dann tat er, als lege er der Wette und seiner eigenen Widerstandskraft wenig Bedeutung bei, und beklagte sich, daß er an dem Abend fast gar keinen Appetit hätte; er sprach von seinem Appetitmangel, wie von einem ebenso unvorhergesehenen, wie unangenehmen Zwischenfall, während er doch zwei Tage lang wie ein Vieh gegessen und getrunken hatte.
Ein Freund lief nach der Schenke und brachte einen großen Kranz von roten Pimenten mit. Das würde ihm den Appettt wiedergeben. Dieser Spaß erregte lautes Gelächter, und Pimento bot, um die Zuschauer immer mehr und mehr zu verblüffen, diesen Teufelsfraß dem Terrerola, der noch standhielt. Dieser begann das scharfe Gewürz mit derselben Gleichgültigkeit zu verzehren, als wäre es Brot.
Ein Murmeln der Bewunderung durchlief die Anwesenden. Für jede Beißbeere, die Terrerola aß, verschlang Pimento drei. Auf diese Weise waren sie mit dem Kranz, der wie ein Haufen roter Teufelchen aussah, bald fertig. Dieser Kerl mußte einen gepanzerten Magen haben. Und er blieb ebenso ruhig und kräftig wie vorher, obwohl er noch blasser wurde und seine Augen angeschwollener, blutunterlaufener erschienen. Er erkundigte sich, ob Copa ein paar Hühnern zum Abendessen den Hals umgedreht hätte, und gab seine Anordnungen, wie man sie kochen sollte.
Batiste betrachtete ihn verdutzt und enipfand den unbestimmten Wunsch, seiner Wege zu gehen. Schon sank die Nacht hernieder, auf dem kleinen Platze wurden die Stimmen lauter; der Skandal, der jeden Sonntagabend hier zu hören war, begann, und Pimento betrachtete allzu oft mit den seltsamen und roten Augen eines zornig werdenden Trunkenbolds den Eindttngling. Trotzdem blieb Batiste, ohne recht zu wissen warum, als wäre die Anziehungskraft dieses für ihn ganz neuen Schauspiels stärker gewesen, als sein Wille. Die Freunde des Prahl
hanses jauchzten, als sie sahen, wie er nach den Bertz- beeren den Krug austrank, ohne auch seine Gegner tri»« ken zu lassen. Er tat unrecht, so viel zu sausen; er verlor am Ende noch und hatte nicht genug Geld, um ditz Rechnung zu bezahlen. Jetzt war er nicht mehr so reich wie früher, als seine Besitzer nichts danach fragten, oh sie bezahlt wurden oder nicht.
Diese Worte sprach ein unkluger Bauer, der sich seiner Worte nicht recht bewußt war. Und plötzlich trat ein tiefes Schweigen ein, wie im Schlafzimmer eines Kran», ken, wenn man das verletzte Glied entdeckt. Battste fühlte sich unbehaglich. Ihm war es plötzlich, als schwirre etwas Feindseliges und Drohendes in der Lust. Gern wäre er fortgelaufen, doch da er fest überzeugt war, alle Welt beobachte ihn, so blieb er. Er fürchtete, seine Flucht könnte nur den Angriff beschleunigen und einen heftigen Überfall Hervorrufen, der ihm den Rückzug abschneiden konnte. So stand er dann, in der Hoffnung. unbemerkt zu bleiben, unbeweglich da, gleichsam gelähmt von einem Gefühl, das nicht gerade Furcht, aber doch etwas mehr als Vorsicht war.
Die Anwesenden ließen in ihrer Begeisterung für Pimento sich von diesem das Verfahren schildern, das er alljährlich zur Anwendung brachte, um seinen Pachtzins nicht zu bezahlen: sie klatschten Beifall mit lautem Lachen und boshaften Freudenausbrüchen, wie Sklaven« die sich über das Unglück ihrer Herrschaft freuen.
Pimento erzählte mit bescheidenem Stolze seine Heldentaten. — In jedem Jahr schlug er zweimal, zu Weihnachten und zu St. Johanni, den Weg nach Valencia ein -— jawohl, jawohl > um seine Besitzerin zu besuchen. Andere nahmen in gleichem Falle ihr bestes Paar Hühner, Kuchen, einen Korb mit Obst, um die Herrschaft milde zu stimmen und ihnen eine Abschlagszahlung aufzurwtigcn, nachdem sie gehörig gejammert und die Summe demnächst zu vervollständigen versprochen hatten. Er nahm nur Worte mit, und auch davon nicht einmal viel. Seine Besitzerin, eine majestätische, dicke Dame, empfing ihn im Eßzimmer. In ihrer Nähe hielten sich ihre Töchter auf, junge Mädchen, die stets mit bunten Bändern geschmückt und in auffallende «Stoffe gekleidet waren. Donna Manuela de Pajares nahm ihr Notizbuch zur Hand, um Pimento an den rückständigen Zins zu mahnen. Er wollte bezahlen, nicht wahr? Und der Schlauberger antwortete auf die Frage der Donna Manuela stets unverändert: Nein« gnädige Frau, er könnte nicht bezahlen, denn er hätte keinen Heller. Er wußte wohl, er bringe sich so in den Ruf einer Kanaille. Schon sein Großvater, ein pfiffiger Kerl, der mit allem gut Bescheid wußte, hatte zu ihn» gesagt: Für wen sind die Ketten gemacht? Für die Menschen. Bezahlst du, bist du ein ehrlicher Kerl, bezahlst du nicht, bist du eine Kanaille. Nach Beendigung dieser kleinen philosophischen Bettachtung ging er zum zweiten Argument über. Er zog aus seinem Gürtel eine Nolle schwarzen Tabak, ein ungeheures Messer, und fing an, Tabak zu hacken, um sich eine Zigarette zu machen. Bein: Anblick dieser Waffe lief es der Dame kalt über den Rücken, und sie wurde nervös; und gerade aus diesem Grunde schnitt der Fuchs ganz langsam seinen Tabak und steckte das Messer erst nach geraumer Zeit in den Gürtel. Während dieser Zeit wiederholte er dis Worte seines Großvaters, erklärte aufs neue, die Ketten wären für die Menschen gemacht und er könnte die rückständige Pacht nicht bezahlen. Die kleinen Mädchen nannten ihn spöttisch den Mann mit den Ketten. Doch ihre Mama ärgerte sich über die Anwesenheit dieses Bauern, der in dem schlechtesten Rnfe stand, nach Wein und Schnaps stank und beim Sprechen mit seinem Messer hin und her fuchtelte: und da sie überzeugt war, es wäre doch nichts aus ihm herauszubekommen, so erklärte sie ihm, er könne seinerWegc gehen. Doch da er einen innigen Genuß dabei empfand, jemand lästig zu fallen, so zog er die Unterhaltung nach Möglichkeit in die Länge.
(Fortsetzung folgt.)
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