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Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Eine Differenz von 22 Millionen.
Die Bevölkerung des Deutschen Reichs 'ist nach dem Stande um die Mitte dieses.Äaiwvs auf L1 102 000 Köpfe berechnet worden. Da die Bottszahlung vom 1. Dezember 1905 eine Bevölkerungszahl von 60 605 183 ergeben hatte, hat mithin in den letzten sieben Monaten eine Zunahme um nahezu eine halbe Mrlsion stattgefunden. Bei der vorletzten Volkszählung wnn 1. Dezember 1900 war die Bevölkerung des Deutschen Reiches auf 56 367 178 und bei der ersten Vollvzählung im neuen Deutschen Reich, die an: 7. Dezember 18.il. stattgefunden hat, aus 41 058 792 ermittelt worden Dre Bevölkerung des Deutschen Reiches hat sich m den letzten jlO Jahren um 8,35 Millionen und seit der Gründung 'des Deutschen Reiches um nahezu 20,1 Millionen oder 49 v. H. vermehrt.
Vergleicht man die Bevölkerungsziffer des Deutschen Reiches init der der anderen Staaten, so ergibt sich, daß Deutschland hier an fünfter Stelle marschiert. Zuerst kommt China rnit etwa 426 Millionen, dann Britisch- Jndien mit 294, Rußland mit 125, die Verermgten Staaten von Amerika mit 76, dann Deutschland mit 61, °vaöan mit 46, Österreich-Ungarn mit 45, Großbritannien mit 41, Frankreich mit 39 und Italien nut 32 Millionen. In Europa steht also Deutschland an zweiter '-Stelle, während Frankreich unter den europäischen Großmächten bereits an die vorletzte Stelle geruckt sit. Die jährliche Bevölkerungszunähme betrug rn Deutsch- land während der letzten Zählungsperrode^ 1,4b Proz., und sie wurde nur von den Vereinigten Staaten von Amerika übertroffen, wo die Bevölkerungszunahme 1,89 Prozent betrug, was freilich zum großen Test auf die außerordentlich starke Einwanderung Furuazu- führen ist. In Rußland betrug die Zunahme 1,37 Pro izent, in Österreich-Unaarn 0,93, in Großbritannien 0 90, in Italien 0,69 und in Frankreich endlich nur 0,36.
Diese ungeheuer geringe Zunahme in Frankreich ist eine ebenso auffallende wie bedeutsame volkerpsychologische Erscheinung, die dadurch noch mehr ^^..^wrcht fällt, daß in Frankreich die Anzahl der Stestbefalle mcht übermäßig hoch und die Auswanderung autzerordentlnh gering ist und durch die Einwanderung nach Frankreich wettgeinacht wird. Die geringe Vermehrung der französischen Bevölkerung ist also lediglich auf diegeringe Zahl der Geburten zurückzuführen, dre selbstverständlich nicht auf Zufälligkeiten, sondern auf Erßchemungen beruht, die mit der Entwicklung der französischen Natron in engem Zusammenhang stehen. __ Eben deshalb hat man in Frankreich an die Ergebnisse der neuesten deutschen Volkszählung sehr pessimistische Betrachtungen geknüpft, und man blickt dort mit Sorge den Ergebnissen der diesjährigen französischen Volkszählung entgegen. r ‘
Die französische Volkszählung vom ^ahre 1901 hatte eine Bevölkerungszahl von 38 600 000 ergeben, wobei die Zunahme im Laufe der vorangegangenen fünf Jahre 66 000 jährlich betragen hatte. Wenn m den letzteren fünf Jahren die Zunahme eine entsprechende gewesen ist, so würde die derzeitige Bevolke- rungsziffer Frankreichs auf 39 Millionen ermittelt werden^ und wesentlich mehr wird sie sicherlich mcht be- tragen. Der Stillstand, welcher in der Bevölkerungszunahme Frankreichs eingetreten ist, wird klar, wenn man die Bevölkerungsbewegung im vergangenen Jahr- bundert verfolgt und sie mit der Deutschlands vergleicht. Im Jahre 1801 zählte das Gebiet des heutrgen Deutschen Reiches 25 Millionen, Frankreich dagegen nahezu 27 Millionen Einwohner. In der ersten Halste des vorigen Jahrhunderts stteg die Bevölkerung Frankreichs noch verhältnismäßig stark, nämlich bis 31t 34 901938 im Jahre 1851. Seitdem verlangsamte sich die Zunahme immer mehr. 1870 zahlte Frankreich, ob- wohl es seitdem um Nizza und-Savoyen vermehrt wor- den war, kaum 37 Millionen Einwohner, während Deutschland zu dieser Zeit bereits, auf 41 Millionen an- gewachsen war. Nach dem Kriege von 187CK71 QtRQ Frankreich durch den Verlnst Etsatz-Lothringens auf zirka 36 Millionen zurück, so daß sich seine Bevölkerung seitdem in 34 Jahren nur um etwa 3 Millionen der- mehrte, während Deutschland in derselben Zeit um über 20 Millionen zugenommen hat.
Das Erempel, welches sich hieraus ergibt, ist zu einfach, als daß man. es in Frankreich übersehen könnte: Die Aussichten der „Revanche" sinken Jahr für Jahr um ebensoviel, als der ssbcrschuß der Bevölkerung Deutschlands über Frankreich steigt, und trotz der gewaltigsten Anstrengungen bleibt die Rekrutierungs- Möglichkeit in Frankreich immer mehr hinter der in Deutschland zurück. Die französischen Politiker und VoIkswirtschasiler beschäftigen sich sehr ernstlich mit diesen Fragen und sie schlagen die absonderlichsten Mittel, Prämien aus Geburten, Steuern für Junggesellen und Kinderlose und dergl., vor, um dem Ge
burtenmangel und der zunehmenden Kinderlosigkeit in Frankreich zu steuern. Aber es handelt sich bei dieser Erscheinung, di« in fast allen Ländern der romanischen Rasse, in Spanien, in Portugal und vielfach sogar auch schon in Italien, wahrzunehmen ist, um sozial-nationale Entwicklungen, die durch äußere Mittel und Mrttelchen nicht zu bekämpfen sind. Gegen die Degeneration der Völker ist so wenig ein Kraut gewachsen wie gegen den Tod der. Individuen.
Politische Übersicht.
Kinder im Gefängnis.
Die amtliche „Berliner Korrespondenz" gab, wie wir schon mitteilten, Kenntnis von einem Erlaß des preußischen Munsters des Innern v. Bethmann-Hollweg, wodurch manche Schädigung der seelischen Entwickelung der Kinder verhütet. wird. Das Organ des Ministers schreibt: ,Mach § 1 des Gesetzes vom 23. April 1883 sind polizeiliche Strasversügungen wegen Übertretungen auch gegen Beschuldigte im Alter von 12—18 Jahren zu- lässig. Bei Festsetzung der Geldstrafe hat die Polizeibehörde zugleich für den Fall des Unvermögens an ihre Stelle tretende Haft zu bestimmen. Infolge dessen ereignet es sich, daß jugendliche, noch dem Kindesalter ungehörige Personen bei Unbeitreiblichkeit der Geldstrafe selbst ivegen geringfügiger Übertretungen mit Haft bestraft und dadurch einer schweren moralischen Gefährdung ausgesetzt werden. Um diesem Übelstandc vorzubeugen, werden die Polizeibehörden in einem Erlaß des ^Ministers des Innern an die Regierungspräsidenten und 'den Polizeipräsidenten zu Berlin daraus hingewiesen, 'gegen jugendliche Übertreter bei dem Fehlen erschwerender Umstände das Strafmaß so zu wählen, daß die Geldstrafe bezahlt und die Umwandlung in Haft vermieden werden kann. Zn dem gleichen Zweck werde, auch' bei der Festsetzung höherer Geldstrafen, begründe- tenAnträgen jugendlicherPersonen anfGestattung raten- weiser Z-chlung möglichst entgegenzukommcn oder ihnen nahezulegen sein, solche Ratenzahlungen zu wählen." Ferner sollen die Polizeibehörden erwägen, ob die Um« stärrde es gestatten, den Erlaß der Strafe im Gnadenwege vorzuschlagen. Und am Schlüsse heißt es: „Der Minister spricht das Vertrauen aus, daß es auf dem angegebenen Wege zu erreichen sein werde, diejenigen Fälle, in welchen jugendliche Personen und insbesondere Schulkinder aus Grund polizeilicher Strasversügungen den Gefängnissen zugeführt werden, für die Zukunft möglichst ganz auszuschliehen." Dieser Erlaß ist gewiß sehr erfreulich. Er fällt aber noch dadurch aus, daß er am Gesetze eine sehr scharfe Kritik übt. Die Worte: -„Die Jugendlichen werden mit Hast bestraft und dadurch einer schweren moralischen Gefährdung ausgesetzt", stellen es als etwas Selbstverständliches, gar nicht mehr des Beweises-Bedürftiges hin, daß die Verbüßung einer Freiheitsstrafe jugendliche Personen sittlich sehr gefähr-
Femlleton.
-Nachdruck »erbolmi
Höhenluft.
De der Berg nicht zu Mohammed kommen wollte, ging Mohammed zum Berge und so machen es alsiahr- lich nun Tausende und Abertausende von Großstädtern, hie in der Ebene, im flachen Lande leben. Sie müssen vft weite Reisen unternehmen, um dahin zu gelangen, wo die Berge zum Himmel aufragen, aber sie scheuen .diese nicht, teils weil sie das Gebirge über alles sieben, (teils weil sie hoffen, daß die Luft dort ihnen die Gesundheit wiedergcben, ihnen neue Kraft in die schwachen Lungen blasen, sic kräftigen und verjüngen wird. Und da die Menschheit sich aus Gläubigen uird Nachahmern zusammensetzt, so wächst der Strom derer, dre Gebrrgstouren gebrauchen, von Jahr zu Jahr und dürfte noch immer mehr anschwellen, bis sich deutlich zeigen wird, daß nicht für alle und jeden die Berge das Heil bedeuten.
Gewiß sind diese Wohüäter und Gesundhertsbrrnger. Erstens wirkt die Vermirrderung des Luftdruckes ein, wodurch das Atmen leichter wird. Während am Meere ein Kubikmeter Luft. 1,293 Kilo wiegt, vernrindert sich in der Alpenzone sein Gewicht derart, daß es unter brnem Kilo zurückbleibt.
Zweitens, da die atmosphärische Luft nicht erne chemische Verbindung von Sauerstoff und Stickstoff ist, 'sondern ein einfaches Gemisch dieser Gase, so verringert sich je höher man steigt, das Verhältnis des Sauerstoffes kr der Mischung, weil dieses das weniger dichte Gas ist.
Nun wird man aber cinwenden: „Es kann doch kein Vorteil sein, daß gerade das Gas abnirnnrt, welches für uns das Allernötrgste ist. Der Aufenthalt im Gebirge muß also nickt wohltätig, sondern nur schädlich Wirken."
Doch ist dem nicht so, und die Erklärung dafür ganz einfach. Der Mensch bedarf einer bestimmten Menge Sauerstoff. Wenn dieser sich nun in geringerer Quan- tität in der Luftmischung befindet, so müssen die Einatmungen häufiger sein, damit genügend davon in die Lungen gelangt. Die Atmungsorgane werden demnach mehr in Tätigkeit gesetzt, was die Brustmuskeln kräftigt, die zu angestrengterer Arbeit gezwungen sind. Dies erklärt, wieso die Bergbewohner meist eine so breite Brust haben und daß sie sich bei denen weitet, die eine derartige längere Luftkur beobachten.
Drittens hat die verdünnte Gebirgsluft eine ganz besondere Wirkung ans die roten Blutkörperchen, die sich außerordentlich an Zahl vermehren. Da es nun die Aufgabe dieser Blutkörperchen ist,, den Sauerstoff, der in die Lungen dringt, festzuhalten und in alle organischen Gewebe zu leiten, so erklärt es sich, daß die Verbrennung und die chemischen Prozesse lebhafter vor- sichgehen zum großen Vorteil unseres Körpers.
Noch andere bedeutende Faktoren sprechen mit: Die Reinheit der Luft, die frei von deni Staube ist, der sich in der Ebene urrd besonders in unseren großen Städten befindet. Wir atmen diesen Staub ohne Mißtrauen ein, obgleich er oft die Schuld an Übeln trägt, für deren Ursache wir die Speisen halten.
Dann die Trockenheit der Luft infolge ihrer geringeren Dichtigkeit, durch welche die Berge selbst im Winter bewohnt werden können, weil da die trockene Luft minder kalt ist als die feuchte. Die Sonne übt im Gebirge eine kräftigere Wirkung aus, da ihre Strahlen, die durch verdünnte Lust gehen, weniger Wärme verlieren: die Ruhe der Lust dort gestattet regere und an- haltendere Bewegung.
Endlich ist natürlich das Fernsein von der gewohnten Gesellschaft mit all ihren Kleinlichkeiten, das bequemere, sorglosere Leben von Einfluß und last not
least der Anblick der Natur, die stets etwas Neues bietet, jeden Tag verändert, schöner erscheint.
Und doch soll nicht jeder ins Gebirge gehen, denn es hat auch seine große Nachteile für viele, obgleich dies so wenig beachtet wird. Wer kein ganz gesundes Herz hat, muß es meiden, ebenso wie alle Nierenleidenden, ans die die vielen atmosphärischen Schwankungen nachteilig wirken. Auch für Diabetiker sind die Berge nichts, da bei diesen schon ein übertrieben großer innerer Verbrauch stattsindet und ein Aufenthalt im Gebirge diesen noch vermehrt und endlich sollen Nervöse daran denken, daß sie eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen. Der verminderte Druck führt sonst Schlaf- und Appetitlosigkeit und so quälende Kopfschmerzen herbei.
Häufig begeben sich Leute mit schwachen Lungen in die Berge und meinen, je höher sie gehen, desto besser werde die Wirkung sein. Aber der geringere Druck der Luft heilt diese nicht, nur die Reinheit der letzteren und die Beständigkeit der Temperatur. Das hohe Gebirge mit seinen Unwetter!:, seinen Winden, die leicht gefährliche Erkältungen Hervorrufen, ist also nichts für die Lungenkranken, sondern die niedrigen Berge, wo die Witterung weit weniger Störungen auSgesetzt ist. Die beiden berühmtesten Sanatorien Europas, Görbers- dorf und Falkenstein, sind 661 bczw. 450 Meter hoch und die Kranken fühlen sich dort viel besser und haben mehr Nutzen von ihrem Aufenthalt als in den Etablissements, die sich in den Regionen des ewigen Schnees befinden und die jetzt so sehr in Aufnahme gekommen sind.
Die Anziehungskraft, die das Gebirge auf die Menschen übt, wird Wohl nie verschwinden, ob aber Wohl der Alpensport dauern wird, der schon so viele Opfer gefordert hat? Jedenfalls kaum über die Zeit hinaus, do wir mit dem Ballou durch die Lüfte fliegen und so die höchsten Gipfel erreichen werden. Nur weiß man nicht, wann diese Zeit kommen wird. W. Waldau.
