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1906.

Morgen» Ausgabe.

1. Matt._

gritr Arrgust unö September:

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Wiesbadener Tagblatt"

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den Imeig - Expeditionen

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Der Hunger nach Furus.

Das Wort ist in einem kürzlich beendeten, viel Auf­sehen erregenden Strafprozeß gefallen. Eine angeklagte ehemalige Hofdame erklärte dem Staatsanwalt, sie habe es nicht gelernt, sich einzuschränken und ihre Ausgaben nach ihren Mitteln zu bemessen. Diese im Grunde sehr einfache Kunst ist leider heute immer seltener geworüem Man sieht nicht nach den Mitteln, sondern nach dem, was man seinemStande" angeblich schuldig ist. Das hohle Wortstandesgemäß" hatte nie mehr äußerliche Bedeutung und weniger ehrlichen Inhalt als in der Gegenwart. Bei vielen Menschen treten augenscheinlich alle Bedenken ihrer Durchschnittsmoral völlig in den Hintergrund, sobald es sich darum handelt,standes­gemäß" aufzutretem So kommt cs, daß ihre Lebens­kunst schließlich darin gipfelt, ihren Mitmenschen in möglichst virtuoser Weise Sand in, die Augen zu streuen. Dieser Aufgabe opfern sie ihre beste Kraft, mit ihr erschöpfen sie ihrer: Witz.

Dieser Zug im Charakter der ^Gegenwart hängt natürlich eng zusammen mit dem Hunger nach Luxus, mit dem Drang und Hang, überall dabei zu sein, überall mitzutun nur nicht bei ernster Pflichterfüllung. Der Luxus, wie ihn diese Zeitgenossen auffassen, ist also nicht nur etwas sehr Anstößiges und Törichtes, sondern auch ein recht kostspieliges Ding. Sie fassen den Luxus auf als ein schimmerndes, gleißendes, prunkendes und protzendes Idol. Ihnen verkörpert er sich als etwas rem Äußerliches, getreu ihrer ganzen oberflächlichen Charakteranlage, die leider für eine sehr große Zahl sogenannter Kulturmenschen heute typisch ist. Wes ist ihnen fremd, was wirklich feine, edle Lcbenskunst be­deutet. Ihr ganzes Luxusbadürsnis läuft im Grunde auf groben Sinnengenuß hinaus. Gastereien, die in Völlerei ausarten und bei denen der geladene Glück­liche so nebenbei erfährt, was etwa die aufgetischten Delikatessen, Weine und Importen den frohen Geber

kosten, raschelnde Kleiderpracht, knallige Juwelen, teure Reisen in Modebäder, daneben Fiaker oder gar eigenes Auto, etwas Sport, soweit er nicht anstrengt, dre üb­liche Banausenschwärmerei für Malerei, Musik und Literatur und vielleicht auch ein Quentchen sogenannte Wohltätigkeit" aus dieser mephistophelischen Mischung besteht jener Luxus, nach dem heute viele

Menschen hungert. ^ ... . ^ '

Sich mit ihm zu umgeben, halten sw für den Inbe­griff des Glückes. Haben sie nicht die Mittel, so besitzen viele doch das Talent, sich dieses Glück, gerade hcraus» gesagt, aus diesem oder jenem Wege zu erschwindeln. Vielleicht nicht derart, daß ein Gesetzesparagraph ver­letzt wird, aber die Moral kommt trotzdem oft übel dabei weg. Man sollte nur die inneren Ursachen vieler Bankerotte und wirtschaftlicher, Zusammenbrüche ili- timer kennen. In sehr dreien FaLen fuhrie der Hunger nach dieser Art Luxus zur Katastrophe. Zahlreiche ernst von den Voreltern in ehrenwerter jahrzehntelanger Arbeit angesammelte Familienvermögen verschwinden dabei wie ein Tropfen Wasser in einem trockenen Schwamm. Dieser Luxus, der mit seiner Aufdringlich kKt einödei und abitösit. verschlingt den Fleiß

hnn

Generationen.

Mit wirklicher Kunst hat er natürlich Nichts zu schaffen, so oft er sich auch die Protektormiene ausseht. Wirkliche Kunst versteht er nicht; sie ist ihm zu keusch, zu still, zu wenig ausfällig. Er wünscht das Schreiende; Tamtam, lärmende Blechmusik. Für den Gaumen und Magen liebt dieser Luxus zwar das Echte, in der Kunst jedoch den billigen Klitsch, das Aufgepappte, den protzigen vergoldeten Rahmen mit dem quadratmeter­großen Bild, das vielleicht geringer im Preise ist als die Flasche Wein, die aus den Tisch kommt. Das ist der Luxus vieler Emporkömmlinge und derer, die ihnen Nachtreten, ohne wirtschaftlich emporgekommen zu sem. Die wirkliche Kunst hat von ihnen wemg Vorteil. Im Gegenteil, sie wurde in Deutschland jahrzehntelang und wird noch heute durch die protzige Unkultur an die Seite gedrückt. Die seit einigen Jahren einsetzendc starke Bewegung, das deutsche Volk zum echten Kunstempfin­den znrückzusühren, bedeutet daher auch einen Kampf gegen alle rohe Luxusprotzerei und hat somit eine tief» greifende soziale Bedeutung.

Denn wie eine wirtschaftlich aussteigende Nation ihre Luxusbedürsnisse befriedigt, ist auch vom sozialen Gesichtspunkt nicht gleichgültig. Der Weg zu dieser Befriedigung kann aus die Hohen der Menschheit,, zu edelster Kultur oder zur Entartung führen. Für beides liegen Beispiele aus der Geschichte vor. Wir befinden uns heute gewissermaßen an einem Scheidewege. Unser zunehmender Reichtum macht es uns möglich, über die harte Sftstdnrst des Lebens hinaus auch dessen Schön­heiten zu pflegen und zu genießen. Soll^das nun vor- wiegeüd geschehen in der Form des ordinärsten Sinnen- genusfes, nach dem Schlemmer- und Protzenprinzip oder

soll sich diese Entwickelung vollziehen nach den Grund» sätzen einer tieferen Lebensauffassung, auf dem Wege zu wirklicher Kunst und zu einem Luxus, der in edler Klarheit des Geistes, der Seele und in der sittlichen Läuterung gipfelt? Nur der letztere Weg kann in Be» tracht kommen. Der Hunger nach Luxus kommt in seiner unangebrachten Art volkspsychologisch heute nach unten und oben zum Ausdruck. Es gehört Charakter­stärke dazu, sich dieser Art zu entziehen, nicht in die falsche Strömung hineinzugeraten. Man braucht die sogenannte biedere Einfachheit unserer Altvordern nicht über den grünen Klee zu preisen, denn der Kultur» Historiker weiß, daß es auch mit ihr oft übel genug be­stellt war; aber trotzdem ist cs eine der vornehmsten Pflichten der Gegenwart, den Hunger nach Luxus in einer einwandfreieren Weise zu befriedigen, als es heute geschieht. Das ist zwar eine schwere Aufgabe, künst­lerischer und sittlicher Volkserziehung, aber wir sind bereits aus einem guten Wege dazu, sie zu, lösen. Jeder Schritt zu einer wirklichen Volkskunst dringt uns der Lösung näher, jede Vertiefung des Volkscharakters durch seine Befruchtung mit den Schätzen wahrer Bildung wird dazu beitragen, daß der Luxushunger sich von dem heutigen Idol abwendet. Es leuchtet ohne weiteres ein, wie wichtig die Reform der Geselligkeit auch in dieser Beziehung ist. Deshalb soll man nicht Nachlassen an dieser Arbeit. Man soll immer wieder bet sich bietender Gelegenheit darauf Hinweisen, wie öde, widerwärtig und also abstoßend im Grunde viele unserer gesellschaft­lichen Sitten für edlere Gemüter sind; wie verhängnis­voll sie im Laufe der Zeit auch aus den Volkscharakter und die Tüchtigkeit einer Nation zurückwirken müssen.

UoMsche Kberstcht.

Steirerwesen und Sozialpolitik in Argentinien.

Aus Buenos Aires wird uns geschrieben? Argentinien ist unter allen südamerikanischen Ländern dasjenige, wo sich für eine europäische Einwanderung die günstigsten natürlichen Vorbedingungen vorfindem, Man kann aber nicht sagen, daß dre argentinische Re­gierung bisher viel Mühe daraus gewendet hätte^diesen Umstand zum Vorteil des jungen aufstrebenden istaats» Wesens auszunützen. Sie tat im Gegenteil manches, was die arbeitenden Klassen in Europa davor zurück­schrecken mußte, Argentinien als ein Land der Ver­heißung anznschen, so durch ihre alle volkswirtschaftliche Vernunft auf den Kopf stellende Steuerpolitik. Die not­wendigsten Lebensbedürfnisse werden hoch besteuert. Aus Abgaben auf Fleisch, Milch, Brot, Gemüse, Fisch, Eier usw. wrrrden in Buenos Aires im Jahre 1605 allein 4 500 000 Pesos herausgeschlagen, wovon ans den Kops der Bevölkerung durchschnittlich, 4,80 Pesos ent­fallen. Fift eine Arbeiterfamilie, die durchschnittlich aus fünf Personen besteht, ergibt sich daraus ein Satz

Feuilleton.

ONachdrock «ertöten)

VaöelebeR in alten Zeiten.

Bon Hermann Stratz.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des modernen Menschen, hochmütig über die Gewohnheiten und Ein­richtungen vergangener Zeiten, in denen man von den Errungenschaften unserer Gegenwart noch nichts wußte und sich Elektrizität und Danrpskrast noch nicht dienstbar gemacht hatte, die Achseln zu zucken. Meist mit Unrecht, denn streng genommen hatten die Leute nicht nur die gleichen Bedürfnisse wie wir, sondern es wurde auch für deren Beftiedigung gesorgt, wenn auch in anderer Weise als heute. Das trifft im Grunde auch für das Reisen zu. Man verbrachte zwar nicht seine Ferien in einer Hunderte von Meilen entfernten Gegend, aber man fuhr nach einem benachbarten Ort, und da der Ge­sichtskreis der Menschen ein engerer war und fast jede Stadt ihr besonderes Gepräge bewahrte, so erlebte und sah man dabei genug des Neuen. Daß der viclgerühmte Komfort der Neuzeit doch auch seine Kehrseite hat, wird jeder zugeben, der heute zu Wasser und Land weite Ländergebiete durchstreift, bei Gesellschaftsreisen die Dinge nur panoramaartig an sich vorbeiztehen sieht und in einem Hotel am stillen Ozean oft dieselbe Einrichtung findet wie in einem deutschen. Man muß' tatsächlich von manchen Errungenschaften der Gegenwart keirrcn Gebrauch machen, um Reisepoesie und Stimmung zu genießen. . ,

Daß die Touristen in alten Zeiten mancherlei Un­bequemlichkeiten nitt in deii Kauf nehmen mußten, ist ja unbestreitbar. So mutet es z. B. ganz sonderbar an, daß noch im siebzehnten, ja selbst zu Anfang des acht­zehnten Jahrhunderts die nach besuchten Badeorten

gehenden Postwagen erst abfuhren, wenn die Reisenden vollzählig waren. Es konnte daher Vorkommen, daß jemand sehr gegen seinen Wunsch mehrere Tage auf einer Station liegen blieb. Und dann die Bauart dieser Postwagen! Ihr Gestell lag direkt auf denAchsen , und das Vorderteil war nicht drehbar. Bei der fürchterlichen Beschaffenheit der Wege wurde man durchgeschüttelt, so daß man noch tagelang Schmerzen in den Gliedern fühlte. In einem Brief ails dem Jahre 1606 ist bezüg­lich einer solchen Fahrt wörtlich geschrieben:Der Wcgk war so bös, daß wir den Tagk nicht weiter als zwei Meilen kommen konnten. Oft konnten wir die Heer­straße nicht halten wegen des tiefen Weges, mußten durch die Äcker und Gärten fahren und wurden den Tagk mehr als 30 Zeune durchgebrochcn und Graben ausgefüllt, damit wir fort kamen." Noch toller klingt das, was der Fabeldichter Lafontaine im Jahre 1663 in einem Brief an seine Frau erzählt. Er rühmt es als besonderes Glück, daß er bereits drei Stunden ohne erheblichen Unfall zurückgelcgt hat, nur der Degen eines Reisegefährten war in Stücke gegangen. Immerhin süblten die Touristen sich nach dieser kurzen Frist so an- gegriffen, daß sie zu ihrer Erholung mehrere Tage zu rasten gedachten. Über dieser Reise Lafontaines niuß seiner Behauptung zum Trotz aber doch wohl ein Un­stern gewaltet haben; denn wir haben genug Briefe aus jener Zeit, in denen berichtet wird, daß die Reisenden recht bedeutende Strecken auch nach unseren Be­griffen an einem Tage gefahren sind.

Aber mochte dem nun sein, wie ihm wollte, in dem Augenblick, da die Reisenden in dem Badeort anlangten, der'ihr Ziel bildete, war alles Ungemach, vergessen. Ein Behagen von so anbeimclnder Art, wie wir es bei solchen Gelegenheiten kaum kennen lernen, empfing sie und nahm sie gefangen. Eine sehr anschauliche Schrlde- rung davon wird uns in dem Brief eures Augsburger Kaufherrn aus dem Jahre 1606, der nach Teplrtz rerste,

gegeben. Er hatte sich schon mehrere Monate zuvor in einer dortigen Badeanstalt aus dem Schreiben scheint hervorzngehcn, daß es dort dazumal eine große und zwei kleine gab angemeldet und fand sein Zimmer bereit. Da man unter den bestehenden Verhältnissen den Tag seiner Ankunft unmöglich vorher zu bestimmen vermochte, so hatte der Bademeister es einstweilen einer Krämersgattin, die nicht viel zahlen konnte, für ein Drittel des Preises überlassen rrnter der Bedingung» daß sic es sofort beirn Eintreffen des Augsburger Herrn räumen sollte. Dazu zeigte die Frau nun keine Lust und die Folge davon war, daß sämtliche Badegäste in den Raum eindrangen rrnd je ein Stück ihres Besitzes er- griffen, nur es zum Fenster hinauszrrwersen. In iveni» gen Minuten war die Stube leer. Herr Beiger so hieß der Augsburger aber bpgab sich in den schon getäfelten Speisesaal, wo er mit der ganzen Gesellschaft Forellen speiste, die in einem nahegelegenen Klosterteich gefangen waren, und dazu sehr viel Wein trank. Die Badegäste freuten sich sehr über seine Ankunft und wett­eiferten darin, ihm Freundlichkeiten^ zu erweisen; ein Herr bot ihm seine Taschenuhr mit Schlagwerk an, für den Fall, daß er in der Nacht nicht schlafen konnte, ein zweiter schickte ihm ein rotseidenes Kissen auf sein Zimmer, damit er bequemer läge; eine alte Dame trat ihm ein gepolstertes Bänkchen für die Füße ab, und eine andere versprach ihm, alle Morgen und Abend ihren Sohn zu ihm zu schicken, damit er ihm die Schuhe ans- und anzog.Wenn man ein kneipendes Weh in die Füße hat", sagte sie,muß das mit Behntsaniigkcit ge- schehen." Dazwischen aber liefen schöne Fräulein aus und ab und versorgten ihn mit köstlichem Obst, und eine kämmte ihm auch den Staub ans den Haaren. Alle jedoch wollten Näheres über seine Reiseerlebnisse und sonstigen Schicksale erfahren. Herr Beiger amüsierte sich so wundervoll, daß er nicht, wie es sonst Brauch war, um sieben Uhr schlafen ging, sondern mitsamt der aan-