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über dieses für Deutschland so wichtige Thema hat 'sich ein französischer Schriftsteller, G. Wampach, rn be- merkenswerter Weise geäußert. Wampach, der trotz seines deutschen Namens —- er stammt wahrscheinlich aus einer Elsässer Familie — ein guter französischer Patriot ist, prüft die wirtschaftlichen Verhältnisse aller wichtigsten Kulturstaaten genau und ohne Voreingenommenheit, und wenn er dann zu dem Schlüsse konmit, daß Deutschland an der Spitze. marschieren wird, so nimmt er dieses Resultat zwar mit einer Art Fatalismus auf, ist aber viel zu verständig, um sich durch chauvinistische Erwägungen zu einer Selbsttäuschung verleiten zu lassen. Im wohlverstandenen Interesse seines Vaterlandes sagt er sich, daß der einzige Weg, die Lage zugunsten der Republik zu bessern, die vollste Offenheit sein muß. Ob aber sogar bei eingehendster Selbsterkenntnis überhaupt noch etwas für die ehemalige „Orancla Nation" im friedlichen Kampfe mit Deutschland auf wirtschaftlichem Gebiete zu bessern sein wird, das erscheint den eigenen Ausführungen des Verfassers zufolge mindestens recht zweifelhaft.
Die Prosperität eines Landes ist das Resultat verschiedener und wechselnder Kräfte. Ehemals bedeutete das Kapital alles und der Arbeiter nichts, doch jetzt verfügt letzterer fast allein über die Hülfsmittel, die seitens der Arbeitgeber ihm zur Verfügung gestellt werden. Der Arbeitslohn ist heutzutage nicht mehr die Dergütiing für eine geschehene Leistung, sondern das Auskommen einer Abmachung zwischen einem Arbeiter- Syndikat und dem Arbeitgeber. Eine ähnliche Veränderung hat sich im Verhältnis der einzelnen Länder untereinander vollzogen. Weder die in früheren Jah
ren angehäuften großen Reichtümer, angehauft in der
Idee, sie in Zukunft in der Industrie nutzbar zu machen, noch die natürlichen Hülfsquellen, noch sonstige wirtschaftliche Möglichkeiten bilden jetzt die Quelle für den Reichtum eines Landes, wenn es an Händen mangelt, die Schätze zu heben. Die Rekrutierung der Arbeiter, das ist der wichtige Faktor, von dem die Prosperität eines Staates abhängt und in dieser Beziehung ist Deutschland ganz besonders bevorzugt. Als Wilhelm 1. sich in Versailles die Kaiserkrone auf das Haupt fetzte, gebot er über 40 Millionen Menschen, fern Enkel herrscht über mehr als 60 und jedes Jahr führt der deutschen Arbeiterschaft mehr als 200 000 Rekruten zu. T>ie Russen vermehren sich allerdings in noch größerem Matz- stabe als die Deutschen, aber der Tag, an dem das Zarenreich in eine wirtschaftliche und industrielle Konkurrenz mit anderen Staaten eintreten kann, siegt wohl noch zu fern, als daß mit dieser Möglichkeit praktisch gerechnet werden könnte. Nordamerika vergrößert ferne Bevölkerungsziffer zwar ebenfalls in hohem Grade, jedoch mehr durch Einwanderung als durch das Uberwiegen der Geburten und diese Einwanderer pflegen sich nicht zur wirklichen industriellen Arbeit zu eignen; das amerikanische Gesetz untersagt es ja auch direkt, Koirtraktarbeiter ins Land zu bringen. Außerdem ist zugunsten Deutschlands anznsühren, daß seine sanitären usw. Einrichtungen die Kindersterblichkeit im Vergleich zu der anderer Staaten, deren Bevölkerungszuwachs ein größerer als der deutsche ist, ganz wesentlich vermindert haben und daß seine Arbeiterschaft sich als außerordentlich vielseitig erweist. Was England anbelangt, so hat es zweifellos manche Vorteile vor Deutschland voraus, wie das enorme Anlagen suchende Kapital, das sich mit einem niedrigen Zinssätze begnügt, seine für die Ausfuhr günstigere geographische Lage, die reichen, dicht bei einander liegenden Kohlen- und Mineralschähe. Aber seine Bevölkerung ist nicht nur wesentlich geringer als die Deutschlands, sondern sie kann auch in der natürlichen Vermehrung mit diesem nicht Schritt balten. Der englisch-deutsche Wettbewerb um den Welthandel wird zwar nicht so bald entschieden sein, indes über den schließlichen Ausgang, daß nämlich Deutschland, wie die Dinge jetzt liegen, aus demselben als Sieger hervorgehen mutz, darüber kann kaum ein Zweifel herrschen. Schon jetzt läßt sich der Stagnation des englischen Handels, die Chamberlain sehr richtig erkannt hat, der fortdauernde Aufschwung des deutschen gegenüberstellen. In 1895 führte Deutschland per Kopf seiner Bevölkerung für 64 M. aus, England für 115 M., in 1906 stellten sich die Ziffern auf 91 bezw. 150 M.. d. h- erstcres machte einen Fortschritt von 41 Prozent, letzteres nur einen solchen von 32 Prozent.
Als ein nachteiliger Faktor für die Entwicklung der deutschen Industrie wird gewöhnlich die Auswanderung angeführt, doch wenn man die betreffenden Statistiken
genau prüft, so findet man, daß dieselben ein wert weniger ungünstiges Bild zeigen, als im allgemeinen angenommen wird. Während des verflossenen Jahrhunderts verließen zwischen 6—7 Millionen Deutsche ihr Vaterland und bis vor 20 Jahren verlor Deutschland auf diese Weise etwa 100 000 Menschen per Jahw Das hat sich indes seit 1905 durch den größeren Zuzug geändert und in 1904 beträgt der Überschuß der Auswanderer nur noch 28 000 oder 47 per 1000 Einwohner. Von diesen begaben sich etwa Zweidrittel nach Nordamerika und sind für Deutschland so ziemlich als. verloren zu betrachten, da sie sich naturalisieren lass« und nur selten wieder dauernd zurückkehren. Die anderen, die hauptsächlich nach Süd- und Mittelamerika auswandern, bleiben indes nicht allein ihrem Vater- lande erhalten, sondern bringen demselben sogar wesentlichen Nutzen, da sie in ihren neuen Aufenthaltsorten deutsches Wesen einführen und die dortigen Bedürfnisse durch deutsche Erzeugnisse befriedigen. Die meisten suchen überhaupt die alte Heimat auf, sowie sie sich genügende Reichtümer erworben haben, was ihnen zur» größten Teile gelingt.
Politische Kt-rrstcht.
Eine Kolonialarmee?
Die Frage der Errichtung einer Kolonialarmee De- schäftigt schon seit Jahren militärische wie politische Kreise, ohne daß man bisher der Lösung der Frage nähergetreten wäre. Die große, durch die vielen bekannten Vorkommnisse sehr erklärliche Abneigung der Parlamentsmehrheit gegen koloniale Forderungen mag wohl in erster Linie die Regierung bewogen haben, mit einer derartigen Forderung zurückzuhalten, da eine solche zweifellos im Reichstage aus ziemlichen Widerstand stoßen würde. Durch die jüngsten großen Auf, stände in unseren afrikanischen Kolonien ist aber die Frage aktuell geworden, da die Meldung Freiwilliger nur für einen Notbehelf gelten kann und in der Eile allerlei neue Formationen und Einrichtungen getroffen werden mußten, denen natürlich infolge ihres improvisierten Charakters beträchtliche Mängel anhaften müssen. Hat man doch auch, um die Entsendung weißer Truppen nach Ostafrika zu ermöglichen, zu einer Abänderung des Wehrgesetzes greifen müssen. Alles dies legt die Schaffung einer Kolonialarmee ' oder, wenigstens eines Grundstockes für eine solche nahe, und' diesen Gedanken vertritt auch das Generalstabswerk über den Hererokrieg, welches jetzt herausgegeben wird. Namentlich hätten die großen Organisationen Schwie- rigkeiten beim Hinaussenden von Verstärkungen zum Entscheidungskampf und die Notwendigkeit der Errichtung einer Kolonialarmee dargetan. Danach waren nicht weniger wie fünf Behörden an den Vorarbeiten
Feuilleton.
Flachdruck »erbot«.)
Eine Sammlung van MittrtmaßigkrUen.
London, im Juli 1906.
In den Zeitungen, die mir aus der Heimat und besonders aus der Reichshauptstadt zugehen, habe ich in letzter Zeit wieder eimnal verschiedentlich Artikel gelesen, die im Tone größter Entrüstung den Nepotismus geißelten, der bei der „Hängekommission" und Jury vorwaltete, die über das Schicksal der Bilder, die für die Kunstausstellungen emgesandt würden, zu entscheiden hätten. „Donk comme chez nous", sagt man sich da mit einem Seufzer. Ein Salon der Zurückgewiesenen, Wie er in Berlin befürwortet wird und in Paris bereits vorhanden, ist zwar bei uns noch nicht erstanden, aber wenn man die Ausstellung, die alljährlich in der Royal Academy stattfindet, durchschreitet, so sagt man sich wie anderswo, daß es weniger nach Kunst als nach Gunst geht.
Und die Berliner sollten stch trösten, Ausstellungen gehen vorüber, Galerien aber bleiben, und uns ist eine der letzteren seit einigen Jahrzehnten beschert, die fast als ein Hohn auf die englische Kunst und auf die Absicht des Stifters anzusehen ist. Im Auslande hat man britische Maler der Neuzeit gerade in den letzten Jahren weit mehr schätzen gelernt, aber wenn ein Fremder nach London kommt und das Museum aufsucht, welches das Beste enthalten soll, was das 19. Jahrhundert an Kunstwerken geschaffen hat, wird er sich mit Erstaunen sagen müssen, daß Wohl nur die wcmgen Werke, die er in der Heimat gelehen und die vielleicht für das Museum nicht zur Verfügung standen, von Wert sind und sonst in Großbritannien recht wemg geleistet wird.
Die Tate Gallery verdankt eiiiem Künstler ihre Ent- gefcmg, der, selbst einst bitter arm, gar Wohl wußte,
wie schwer der Kampf gerade für die Jünger seines Be
rufes ist und der sie diesen stiftete, um ihn ihnen ein wenig zu erleichtern. Sir Francis Chantrey, Maler und Bildhauer, starb als Millionär in einer elenden Dachkammer, nachdem das Tagewerk vorüber war, hatte er aber seine ersten Modellierungsversuche unternommen und lange Jahre, die viele Enttäuschungen brachten, hatte es gedauert, ehe der Erfolg kam, aus dem einfachen Mr. Chantrev ein Sir Francis wurde, dem seine Werke Gold und Lorbeeren eintrugen. So bestimmte er denn, daß sein großes Vermögen nach dem Tode seiner Gattin dazu dienen solle, denjenigen, die mutig ihren künstleri- scheu Idealen nachstrebten, die Pfade zu ebnen. Mitleidige Erwägungen sollten dabei aber keine Rolle spielen, nicht etwa Bilder gekauft werden, weil ein Künstler unglücklich war, eine Familie zu ernähren hatte oder dergleichen. Sir Francis Chantrey wollte nur das wahre Talent unterstützen und die Schaffung eines Museums, das ausschließlich aus wertvollen Stücken bestand und die Entwicklung der modernen englischen Kunst veranschaulichte. Er hinterließ also die Summe von 2 112 000 M. der Royal Academy, der er angehört hatte, mit der Bestimmung, daß von den Zinsen jährlich Ankäufe guter Werke gemacht werden sollten Er empfahl dabei, Großmut walten zu lassen, nicht auf den Preis zu sehen, wenn es sich um sehr wertvolle Erzeugnisse handle.
Im Jahre 1841 starb er. seine Witwe überlebte ihn aber lange Jahre und so gelangte die Royal Academy erst in 1876 in den Besitz des Vermächtnisses.
Wie nun ist es benutzt worden? Als der Präsident und die Mitglieder des Rates der Akademie dasselbe erhielten, war es augenscheinlich ihr erster Gedanke, daß es ihren Gesinnungsgenossen zugute kommen müsse. Es wäre doch gegen alle Prinzipien gewesen, die „infame Bande" der Präraphaeliten, die junge Kohorte der Impressionisten zu ermutigen, diese Pinsler ä la
Whistler, die dem Worte Ruskins zufolge „dem Publi-. kum einen Farbentopf ins Gesicht würfen". Bewies! das große Publikum nicht seine Vorliebe für schöne glatte Bilder, die eine kleine, niedliche Geschichte erzählten und deren Reproduktionen dann die illustrierten Journale kaufen können, um sie als Supplement der; Christmas-Nummer zu geben?
So wurde denn mit den Ankäufen begonnen und da Sir Francis Chantrey besonders betont hatte, gute Preise zu zahlen, so hütete nian sich wohl, ihm nicht zu gehorchen. Aber man blieb hübsch unter sich. Der, Maler Hilton, dessen Bilder bis dahin 8—4000 M. erbrachten, erhielt für eins seiner „Meisterwerke" 20 000 Mark, Briton Riviere 26 000 statt wie früher höchstens 6000 usw., in 30 Jahren kaufte die Akademie nur ein einziges. Werk, das nicht von einem ihrer Mitglieder herstammtei
Längere Zeit fanden diese Gemälde unv Skulpturen im South Kensington Museum und in Provinzgalerien Unterkunft, als aber die Tate Gallery fertig war, siedelten sie in diese über und nun, da man sie alle beisammen sah, zeigte stch erst, in wie lächerlicher Weise Verfahren worden tvar. Entrüstete Proteste wurden aus Künstlerkreisen laut und es führte dies schließlich zu einer Untersuchung durch eine vom Parlament eingesetzte Kommission.
Diese erwies sich zwar insofern als besser als die meisten dieser Körperschaften, daß sie zusammentrat und die einschlägigen Parteien anhörte, aber damit war auch alles geschehen, die Akademie überlegte, was auf die Vorschläge, die laut wurden, zu tun wäre und kam zum Schluß, daß alles zum Besten bestellt sei, sowie es eben wäre. Und so wird der „intelligente Fremde", der durch die Galerie wandert, die die Kunst der letzten Jahrzehnte repräsentieren soll, nach einem Burne Jones, Rosscttst Holman Hunt, Stevens usw. auch ferner vergeblich suchen. L. Lande
