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54. Jahrgang.

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Politische Mochenschnu.

Nun hat auch der preußische Landtag, dessen Session diesmal von besonders schweren Kämpfen er­füllt war, Schluß gemacht, und wir nähern uns damit immer mehr der allgemeinen parlamentarischen Ruhe, die ein Kennzeichen des Sommers ist. Darin stimmen jung und alt und auch die Parlamentarier und die Schulkinder überein, daß, wenn auch die Arbeit das Leben süß macht, doch zum Schluß der Augenblick cintritt, wo einem dieseSüßigkeit" zu viel wird. Nach getaner Arbeit ist gut ruhen, so denkt nicht nur die liebe Jugend, die in die großen Ferien gegangen ist, und sie kehrt das bekannte Schlagwort,wer die Schule hat, der hat die Zukunft", zurzeit in sein Gegenteil um: Mer die Schule nicht hat, der hat die Gegenwart!

Schulferien genießen gleichsam auch dieer­lauchten, edlen und geehrten Herren" von beiden Häusern des preußischen Landtags, die nach dem heißen Kampf um die Schule sich nunmehr bis zum Herbst der Ruhe und Mutze hingcben können. Zwei Jahre lang ist in den beiden preußischen Kammern mit erbitterter Hartnäckigkeit um den Gesetzentwurf, betreffend die Unterhaltung der öffentlichen Volks­schule n, gestritten worden, und wiederholt drohten die Verhandlungen zu scheitern und die Kompromisse in die Brüche zu gehen. Zum Schluß schien es dann eine Zeit- lang, als ob auch zwischen den beiden Häusern des Land­tags eine Einigung nicht zu erzielen sein werde, bis dann noch im letzten Augenblick, als schon von den beiden Kammern wie von den bekannten beiden Königs­kindern gesagt werden konnte,sie konnten zu einander nicht kommen, das Wasser war allzu tief!", die Not­brücke geschlagen wurde, über die Herrenhaus und Ab­geordnetenhaus sich die Hände reichten und alsdann un-

FenMrton.

(Rrätaatf mrtottn.)

Nembromöt.

(® e 8 o x e n den 15. Juli 1 606.)

Die alten Religionen verkünden einen ewigen Kamps des Lichtes mit der Finsternis. Mit dunklen Mächten des Schattens und der Tiefe ringen die Wunder der Helligkeit und des Feuers und im strahlenhaften Glanze sonnenhaften Seins siegen die guten Götter und ver­treiben die bösen Dämonen. Das Licht wird so zum Symbol aller Schöpfung und Gestaltung. In den Mythen von der Weltschöpsung dringen Lichtströme durch das gestaltenlo-sc Chaos und formen die wirren und wilden Massen zu schönen Bildungen, durchseclen das ganze Weltall mit jenem überirdischen Geiste Gottes. Das Licht wird schon bei Plato und Plotin zum Gleich­nisse des Ewigen, Höchsten, das durch alle Sphären des Alls bis in die tiefsten Finsternisse strahlt und einen leisen Schein göttlicher Helle bis in die niedrigsten Winkel der Materie wirft; es ist die Emanation des höchsten Geistes, und aus dem Abgrund der finsteren Leere schnen sich die Seelen nach ihm, steigen auf den Stufen allmählicher Läuterung in immer lichtere Sphären empor, bis es ihnen vergönnt wird, die Gloriole ewiger Vollkommenheit zn schauen. Alle Mystik hat diese Vorstellung durchgesührt von demgött­lichen Lichte" des Thomas von Aquin bis zn dem all- belebenden Urlicht Jakob Böhmes, von dem Scelen- feucr des Heraklit bis zu demFünklein", das dem Meister Ekkehart zur Seligkeit leuchtet. Wie in Dantes Göttlicher Komödie" ein Anssteigen aus trüber qual­voller Enge und düsterem Höllenwesen zu immer lichteren Bildern bis zur paradiesisch strahlenden Himmelsrose sich vollzieht, so bedeutet uns auch die Kunst Rembrandts einen wundersamen Sonnenmythus, ein mystisches Aufstreben zu dem Strahlen eines ewigen LHtes» LN dem MMen eines.heiligen Males. .Er. ist

mittelbar darauf zur gemeinsamen Schlußsitzung zu­sammenkamen. Eine rechte ungetrübte Freude hat allerdings zum Schluß nach den vielen Kompromissen und Zugeständnissen keine Partei an dem Bolksschul- gcsetz gehabt.

Eine ehrliche und reine Freude, die um so unge­trübter ist, da sie sich mit der Schadenfreude innig ver­knüpfte, hat dagegen in dieser Woche die Sozial­demokratie zu verzeichnen gehabt. Die Partei, die seit den Hauptwahlen vom Jahre 1903 bei jeder Nach­wahl Niederlage auf Niederlage erlitt, hat jetzt in einem Wahlkreise, der einen alten freisinnigen Besitzstand dar- stcllt, in Altena-Iserlohn, den ersten Sieg erfochten, der im Lager der Sozialdemokratie mit um so mehr Jnbel begrüßt worden ist, als er völlig unerwartet gekommen ist. Dieser Fall stellt förmlich ein Schulbei­spiel für die Zersplitterung der bürgerlichen Parteien und die daraus entstehenden Folgen dar. Die Zer­splitterung der liberalen Parteien hat es glücklich zu­wege gebracht, daß in einem Wahlkreis, in dem noch nicht ein Viertel der Wähler katholisch ist, der Zeutrums- kandidat in die Stichwahl mit dem Sozialdemokraten,ge­langte, wobei ein Teil der bürgerlichen Wähler der Parole, für den Zentrumskandidaten zu stimmen, völlig die Gefolgschaft versagte. Woher dies kam und wer die Schuld daran trägt, darüber dauert die Auseinander­setzung in der Presie der verschiedenen Parteien zurzeit noch fort.

Vielleicht werden ähnliche Erfahrungen, wie sie die Parteileitungen mit den Wählern in Altena-Iserlohn gemacht haben, auch noch den allerncuesten Bündnis­mächten E n gl and, Frankreich und Italien mit dem Negus Menelik von Abessinien beschieden sein, über dessen Reich sich diese Mächtegeeinigt" haben, der ihnen aber vielleicht auch die Gefolgschaft versagen wird. Die drei Mächte haben das Fell des Bären geteilt, bevor sic ihn erlegt haben, indem sie sich zunächst die abessinischen Eisenbahnen, bczw. die es werden sollen, unter sich verteilt haben. Aber vielleicht wird der Negus, wenn er seinen Schiller gelesen hat, bei sich denken: Mit diesenMächten ist kein ewiger Bund zu flechten!" Daß die afrikanischen Fürsten nicht ans dem weichsten Holze geschnitzt sind, zeigt sogar der Sultan von M a r o k ko, der, obwohl er weit zahmer ist als sein abessinischer Kollege, jetzt eine Art sanfter Obstruktion gegen die Beschlüsse der Marokko-Konferenz angekündigt hat, indem er erklärte, daß er die beschlossenen Reformen erst nach und nach einführen" könne.

Zins diese Weise dürfte noch mancher Wermutstropscn in den abessinischen wie in den marokkanischen Freuden­becher fallen, und dieser Einsicht verschließt man sich auch nicht in Frankreich, wie das aus den etwas weh­mütig gehaltenen Betrachtungen der französischen Presie über die neueste abcsiinische und die ältere marokkanische

der Prometheus, der dämonische und einsame Licht- bringer, der in dem Reiche irdischen Abbildens, endlichen Schaffens ein inneres seelisches unendliches Feuer ent­zündet hat, das nie mehr erlöschen kann. Wie den Wohl­täter der Menschheit, der des Feuers Segnungen den neidischen Göttern entriß, wollen wir ihn feiern, der unfern Herzen Seligkeit und Wärme, unfern Augen den Abglanz himmlischen Lichtes gab; er ist wie Prome­theus an den Felsen der Qualen geschlagen worden und auch an seinen Eingeweidcn haben die Adler unsäglichen Leidens genagt. Vor dreihundert Jahren hat er seine Erdenreise begonnen und mühselig sie vollendet. Doch die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag".

Von einem gierigen Verlangen nach Erfassung des Wirklichen ist der junge Rembrandt erfüllt; er vergräbt sich in Einsamkeit und Arbeitswut, spürt den Problemen des Ausdrucks und der Farbe nach, kann sich nicht genug tun im Spielen mit Menschenzügen und Lichtreflexen. Hastig und wild ist sein Schaffen, brutal und gewaltig sein Kunstwille, so daß er mit beispielloser Schnelligkeit Macht erlangt über alle Geheimnisse der Technik und alle Weiten des Stoffes, das Grauenvolle und das Geheimnisreiche, tolle Leidenschaft und inniges Lebens­glück, versonnene Greise und grell anflachende Jüng- lingsgesichtcr öarstcllt. Die tragisch unheimliche, wüste Stimmung desSimon und Dalila" im Berliner Kgl. Schloß steht neben der scelenvollen Zärtlichkeit der Münchenerheiligen Familie" und der mystisch traum- umwobcnen feierlichenTempcldarstellung" des Haag. Ein wundersames Gewirr jäher Visionen tut sich auf, sich befreiend aus den Fesseln der Nachahmung, hin- strevend zu voller, glühender Lebendigkeit. Eine uner­bittliche Wahrhaftigkeit, eine fast starr gewaltsame, grausige Kraft liegt in derAnatomie des Prof. Tulp" (1632). Wohl triumphiert hier seine Kunst des seelisch ausdrucksvollen Porträts zum ersten Male, aber mit einer peinigenden Deutlichkeit sind alle Reflexe ans der Leiche gesammelt, wird dieser schon in grünlicher. Ver- rvesung spielende Berbrecherkad.aver von^KWt über--

Errungenschaft hervorgeht. Wie veränderlich die Ge­mütsstimmungen der Franzosen sind, das zeigt sich übrigens deutlich an der verhältnismäßigen.Ruhe, mit der jetzt nach dem endgültig freisprechenden Urteil des Kassationshofes das Ende der D r e y f u K- A sf,ä r e ausgenommen worden ist, die zwölf Jahre lang unsere westlichen Nachbarn in leidenschaftlicher Erregung ge­halten und das Land in blutige Bürgerkriege ge­stürzt hat.

Ist in Frankreich der endliche Sieg der Gerechtig­keit mit einer Befriedigung begrüßt worden, die freilich durch die politischen Folgeerscheinungen der DreyfnS- Affäre etwas gedämpft wird, so ist in Rußland das Urteil des Kriegsgerichtes in Sachen der Übergabe, des Torpedobootes Bedowy mit stumpfem Gleichmut be­grüßt worden. Angesichts der völligen Desorganisation im Reiche des Zaren schwinden eben die nationalen Instinkte und selbst die letzte Stütze des Zarentums be­ginnt zu wanken: Auch die Kosaken meuternl

Politische Kl-erstcht.

Russische Probleme.

g. Pete r sv u.r g, 10. Juli.

Daß trotz amtlichen Dementis ein Wechsel im Ministerium eintreten muffe, darüber herrscht wohl hier nur eine Meinung, und ebenso ist man der Ansicht, daß das neue nur ein konstrtutionell-demokratrsches werden kann, aber so leicht und schnell wird sich die Änderung nicht vollziehen. Allerdings soweit die Regierung und der Hof in Frage konrmen, ist fast alles möglich, denn eine feste Politik herrscht in diesen Kreisen nicht. Heute sagen sie ja, morgen nein, je nach den augenblicklichen Eingebungen oder Ratgebern. In einem Punkte ist man jedoch entschieden gewillt, nicht nachzugeben, nämlich^ was die Abschaffung der Todesstrafe anbetrifft. Man könnte sich wundern, daß dies überhaupt in. Rnßland verlangt wird, wo doch selbst in dem so freien England, in der Republik Frankreich diese Strafe Anwendung findet. In Wirklichkeit ist sie hier aber bereits durch die Kaiserin Elisabeth in 1783 abgefchafft worden, und wenn sie jetzt vollzogen wird, so geschieht cs, weil der so vielfach verhängte Belagerungszustand den Vorwand da­für liefert. Doch sind es ja noch zwei andere Punkte,' die von den konstitutionellen Demokraten gefordert werden, und die selbst Personen, die weitgehende Refor- men für notwendig halten, als nicht berechtigt betrachten/ die Amnestie und die Landenteignungsfrage. Es wird für letztere angeführt, daß selbst bedeutende Grundbesitzer in der Duma dafür gestimmt haben, da sie darin das einzige Mittel sehen, um dem Elend der Bauern zu steuern. Dagegen wird jedoch behauptet, daß das euro­päische Rußland nur 318 Millionen Desjatinen Land besäße, das sich zum Bebauen eignete. Von denen gingen

strömt, tritt das Rot der bloßgelegten Sehnen und Muskeln aus dem Hintergründe heraus. Die grelle unbarmherzige Helligkeit, die ihn dämonisch lockte und anzog, liegt noch kalt und höhnend auf den Körpern, gräbt sich seelenlos in sie hinein. Wie ein Kind, von einer ungeheuren Sinnlichkeit gepeinigt, umgibt sich Rembrandt nun mit Kostbarkeiten und Edelsteinen, häuft leuchtende Perlen, schwere Golökctten, schimmernde Pelze, gleißende Brokate, blitzende Metalle auf seine Gestalten; die Glut des flutenden Lichtes, das die Körper weich und schimmernd macht, sucht er in seine Bilder zu bannen; er langt nach dem Schönsten, was dem Jüngling begehrlich erscheint, nach der Schönheit eines jungen Weibes. Saskia von Uijlenburgh wird seine Frau und in ihr findet sein rastloses Suchen und Sehnen Ruhe, Sättigung, Frieden. All die berückenden Zauber, die um die Oberfläche der Dinge spielen, alle die warmen Wunder schöner Stoffe und feiner Spitzen, weicher Körper und leicht umhüllender Schatten erstehen nun in seinen Porträts und phantastischen Figuren; eine übermütig tolle Lustigkeit treibt ihn zu seltsamen Verkleidungen, zn genialen Rüpeleien wie dem schreien­den Bübchen des DresdenerGanymed". Der sinnlich wohligen Glut weiblicher Schönheit ist die ganze uner­hörte Üppigkeit seiner Farben geweiht, die dann in dem koloristischen Rausch der PetersburgerDana«" von 1636 eine höchste Höhe erreicht; mit allen glitzernden, strahlen­den Wundern sind seine Bilder bestreut. Eine Beseelung des toten Stoffes durch fabelhafte Leuchtkraft seiner Töne, durch feinste subtile Behandlung des Details ist fein Ziel, seine Kunst ein Hymnus auf die Fülle des Lebens und die Magie des sinnlichen Glanzes. Daneben tauchen als bedeutende Begleilmclodie auch dunklere, tiefere Gesichte seiner Seele auf, mitklingend in den ernsteren Stunden des Ehelebens, da das tragisch ver­flochtene Mysterium von Geburt und Tod ihm in dem raschen Sterben seiner ersten Kinder und dann in dem am Leben gebliebenen Sohne Titus deutlich cutgegcu- tritt. Aber, um das Glück des gewöhnlichen Sterblichen AN aenjeßen, wa.xd Reipbrandt (nich t, KeMgffe», Er sollte