S4. Jahrgang. Verlag: Langgasse 27.
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Das neue Exersier-Keglemenl.
Vor einigen Tagen ist das neue Exerzier-Reglement für die Infanterie den Truppen zum Dienstgebräuche übergeben worden. Achtzehn Jahre lang ist das bischerige Reglement vom 1. September 1888 im Gebrauche gewesen und hat die Ausbildungs- undGesechtsvorschris- iten der meisten anderen großen Heere beeinflußt. Sein ^Geist lebt auch in dem nunmehr gültigen Reglement ^unverändert weiter — der Geist der Straffheit, Selbsttätigkeit und Entschlußkraft aller Führer, Biegsamkeit der Formen, der Angrisfsfreudigkert. Die Fortschritte in der Bewaffnung und die Erfahrungen der jüngsten großen Kriege haben die Anregung gegeben, manches an den Formen zu vereinfachen, die kriegsmäßige Ausbildung aber mit allen Mitteln in den Vordergrund zu stellen.
Was das neue Reglement Neues bringt, faßt ein Büchlein darüber vom Major Immanuel praktisch und übersichtlich zusammen, das soeben im Verlage Mittler und Sohn in Berlin erschienen ist. Aus dem naturgemäß sehr reichhaltigen Stoff sei hier nur das Wichtigste herausgehobcn. Der Stoff selbst wurde im neuen Reglement, das dem äußeren Unstange nach dem alten annähernd gleich steht, übersichtlicher geordnet. Die Einteilung in drei Teile ist beibehalten worden, .'Erweiterung sind im zweiten Teil — Gefecht — einge- itreten- In der Einleitung wird besonders die unmittelbare Ausbildung für den Krieg im Verhältnis zu parademüßigen Übungen betont. Die Übungen in !kriegsstarken Verbänden werden schon in der Kompagnie als nützlich empfohlen. Neugeordnet ist die Führung jber Truppen durch Zuruf und Zeichen- Die Signalpfeife gilt nicht mehr als Befehl zum Einstellen des Feuers. Die Vorübung durch Übungen der Turn-Vor- schrist in der Kompagnie für geschlossene Ordnung wird schärfer betont als bisher. Statt „Stellung" hei der
Ausbildung heißt es jetzt „Grundstellung". Der Abschnitt „Marsch" ist neu gegliedert worden. Es ist eine klare Scheidung eingetreten im Exerziermarsch, rm Marsch im Gleichschritt und Marsch ohne Tritt Die Schrittweite beträgt jetzt nach dem Gelände . '5—90 Zentimeter gegen früher 1 Meter, Zeitmaß setzt 170 bis 180 Schritte in der Minute, früher 165—170. Beim Kapitel „Schießen" ist das frühere , „Im Kmen chargiert!" sortgefallen. Wird jetzt im Knien geschossen, so schießt der Mann des vorderen Gliedes aufgestützt, der des Hinteren freihändig. Neu ist die Ausführung des Ladens und Sichernd. Soll nach dem Laden nicht sofort geschossen werden, so wird auf Kommando „Laden und Sichern" im Rühren geladen. An die Einzelausbildung in der geschlossenen Kompagnie schließt sich nunmehr gleich die Kompagnie. Der „Zug" ist sortgefallen. Hierdurch ist die Gliederung weit einfacher und übersichtlicher geworden, als sie das alte Reglement gab. Der Gliederstand ist jetzt stets 80 Zentimeter vom Rücken zur Brust. Der Unterschied zwischen normalem und erweitertem Gliederabstand besteht nicht mehr. Statt „Sektionen" heißt es jetzt „Gruppen". Um Halbzüge zu schaffen, darf eine größere Rottenzahl durch Bilden blinder Rotten herbeigesührt werden. Kompagniekolonne ist jetzt eine Kolonne, in der die Züge, jeder für sich in Gruppenkolonne mit neun Schritt Zwischenraum vom rechten Flügelmann zum rechten Flügelmann der vordersten Gruppe gemessen, nebeneinanderstehen; Zugführer vier Schritte vor ihrer vordersten Gruppe. Die neue Zugkolonne ist die bisherige Kompagniekolonne mit dem Unterschied, daß die Züge neun Schritt (gegen früher sieben Schritt) Abstand haben. In bezug aus Richtung ist eine wesentliche Vereinfachung eingetreten. Richtung auf Points heißt jetzt: Richtung auf Richtungs- unteroffiziere. Sie ist auf Paradezwecke beschränkt. Die Richtung nach vorgezogenen Rotten in der bisherigen Art ist 'sortgefallen. Bei Wendungen und Griffen ist neu das Kommando „Frontwechsels". Hieraus geht die Front aus die bisherige Kehrtseite über. An Feuerarten werden jetzt Salve und Schützenfeuer unterschieden. Die bisherige Trennung in langsames, lebhaftes und Schnellfeuer ist in Wegfall gekommen. Das Feuer in der alten Kompagniekolonne mit vier Gliedern ist beseitigt. Die Aufmärsche erfolgen nach dem neuen Reglement ohne Tritt oder im Laufen. Der Abschnitt über' die geöffnete Ordnung ist sehr übersichtlich und einheitlich zusammengesaßt und stufenweise aufgebaut. Die Geländebenuynng, die Biegsamkeit der Formen und die schießtechnischen und schießtaktischen Punkte erscheinen wesentlich höher als bisher bewertet. Der Zwischenraum zwischen den Schützen beträgt zwei Schritte, wenn im Kommando der Zwischenraum nicht anders befohlen wird. Bei der Einzelausbildung des Schützen gelten die gleichen Grundsätze wie bisher, sind aber schärfer zusammengefaßt und nachdrücklicher betont als im alten Reglement. Die Einzelausbildung soll die ganze Dienst
zeit hindurch betrieben werden. Der Gebrauch des Spatens soll in fortschreitender Art geübt werden.
Der Abschnitt „Zug" bildet die Grundlage aller Bestimmungen über die geöffnete Ordnung. Sehr bemerkenswert sind die hier entwickelten Grundsätze über das Heranarbeiten an den Feind und über die Erringung der Feuerüberlegenheit. Gut vorbereitete, von den Nachbarabteilungen durch Feuer unterstützte Sprünge des ganzen Zuges werden als die einfachste Art des Heranarbeitens bezeichnet. Die Bildung einer Schützenlinie ist ün neuen Reglement ausführlicher und klarer als bisher umschrieben. Namentlich ist der Begriff „Anschluß" deutlicher erklärt. Beim Schwärmen darf jetzt das Gewehr auch um den Hals gehängt werden, wenn es daraus ankommt, die Hände frei zu haben, z. B. im dichten Walde, beim Kriechen oder an steilen Hängen. Die Bestimmung, daß Unteroffiziere bei der Vorwärtsbewegung der Schützenlinie hinter derselben verbleiben mußten, ist sortgefallen. Das Feuer irt der Bewegung ist sortgefallen. Statt des bisherigen Feuerwechsels zwischen den Nebenleuten ist jetzt die „Feuerfolge" der Wahl des Schützen überlassen. In der Regel gibt die Schützenlinie Schützenfeuer. Die Salve ist auf Ausnahmefälle beschränkt. Indem das neue Reglement in einem Abschnitt das Matz der Feuergeschwindigkeit bezeichnet, entscheidet es'damit eine der wichtigsten Grundfragen der Ausbildung und der Gefechtsführung im Sinne weitgehender Selbsttätigkeit und großen Spielraumes unter Beseitigung einengender geisttötender Formen.
In dem Kapitel „Feuerleitung" wird die Wichtigkeit des Weitersagens der Befehle und Kommandos in der Schützenlinie besonders betont. Die Gruppenführer haben die Aufnahme des Befehles durch Heben der Hand zu bestäiigen. Das „Zusammenschließen" in der SchützeiMnie wird als ein Mittel bezeichnet, um die durch Berichte entstandenen Lücken nach den Führern hin zu schließen und hierdurch den Zusammenhang aufrecht zu erhalten. Befindet sich die Kompagnie im Gefecht, so ist die Feuerleitung Sache der Zugführer. Eine neue Fassung hat der Absatz über die Verstärkung der Schützenlinie erfahren.
Der Abschnitt über das Bataillon ist bedeutend gekürzt und vereinfacht. Der Bataillonskommandeur führt seine Abteilung durch Befehle. Die Kompagnieführer sind jetzt bei beiden Brcitenkolonnen 10 Schritte vor der Front. Das Regiment und die Brigade sinb im neuen Reglement ganz kurz behandelt.
Im zweiten Teile, der vom Gefechte spricht, sind die bisherigen Hauptgrundsähe im allgemeinen beibehalten, erscheinen aber doch nach den neuesten Kriegslehren wesentlich erweitert. Der Stoff ist neu gegliedert. Die Einleitung ist neu gefaßt und sehr beachtenswert. Dem übenden Truppenteil soll ein möglichst kriegsgemäß sich verhaltender Gegner entgegengestellt werden. Je mehr Reibungen entstehen, desto mehr wird
Feuilleton.
VöMin und Roller.
Wohl der nächste und älteste Jugendfreund Vöcklins ist der Maler Rudolf Koller gewesen. Beide haben zusammen in der Düsseldorfer Akademie die erste Ausbildung genossen, haben gemeinsam den ersten Ausflug in hie weite Welt, nach Brüssel, unternommen, wo sich ihnen die Schönheit des Rubens offenbaren sollte, sind dann zusammen in Paris gewesen und haben eine lange Reihe von Jahren während des Züricher Aufenthaltes Vöcklins in regstem Verkehr gestanden. Wie kein anderer war Koller, der erst im Jahre 1905 als ein 76- jähriger die Augen geschloffen hat, eine lebendige Quelle für alle intimeren Fragen über Leben und Schaffen des großen Schweizer Meisters. Diese Quelle erschlossen zu haben, bevor sie auf immer versiegte, das ist das Verdienst von Wolf Frey. Die farbigen Schilderungen seines Vöcklin-Buches sind zum großen Teil aus den Erinnerung«: Kollers geschöpft, und auch jetzt, da er einige Blätter „aus dem Leben des Tiermalers Rudolf Koller" im letzten Heft der „Deutschen Rundschau" zu- samurenbindet, tritt uns die Gestalt Vöcklins in des Gefährten Briefen und Äußerungen deutlich entgegen. In ihrer Kunst sind Böckltn und Koller die stärksten Gegensätze gewesen, die man sich nur denken kann. Wählend der Schöpfer der „Toteninscl" in einer idealen Welt phantastischer Visionen lebte, während er sich in starken Gegensätzen und einer tiefen Leuchtkraft der Farbe aus- Kudrückcn suchte, war die Kunst Kollers ganz der Beobachtung der Natur Angewandt, versenkte sich in die genaueste Wiedergabe des aurmalischen Lebens, schwelgte in den feinsten Nuancen und Schwebungen einer einfachen und zarten Farbenskala. Koller, der den Franzosen die stärkste Anregung verdankte, hat in einzelnen Mn-er frühen Bilder, die ihm gelangen, bevor ein schwe
res Augenleiden die Hand zittern machte und ihn zu Experimenten verlockte, Werke einer gesättigten Reise und einer erstaunlichen malerischen Kraft geschaffen, die an Bilder Courbets gemahnen. Diese erste Schaffens- perioöe Kollers, die seine späteren konventionellen Leistungen weit überragt, war des hohen Lobes und der begeisterten Würdigung Gottfried Kellers wert, der noch nach seinem siebzigsten Geburtstag den Plan faßte, eine große, umfassende Arbeit über Koller zu schreiben: „Wenn einmal dem seine Zeit kommt", meinte er, ,cher muß auch ein rechtes Fest haben. Ich sage Ihnen, er ist noch viel zu wenig geschätzt und anerkannt. Ist er einmal tot, so geht's wie bei Millet. Seine Sachen werden gewaltig im Preise steigen".
Es ist begreiflich, daß der eigenwillige, von der Stärke seines Temperaments und der Fülle seiner Gesichte hingerissene Böcklin die so ganz andere Malerei des Freundes bisweilen ablchnte. „Böcklin goutiert die Malerei meines Mannes nicht", erzählte die Frau Kollers; dennoch ist Böcklin immer für den Freund eingetreten, hat seine Vorzüge wohl erkannt und sogar einmal in einer ziemlich brüsken und allzu lobenden Einsendung in die „Neue Züricher Zeitung" den Widerspruch des Publikums hcrvorgerufen und seinem Freunde mit dieser herrischen Belehrung der Menge mehr geschadet als genutzt.
Auch Koller bewahrte dem großen Freunde gegenüber sein selbständiges Urteil, und es ist von hohem Interesse, die in seinen Briefen nicdergelegtc Beurteilung der heute so vielfach umstrittenen Böcklinschen Malerei durch einen mehr impressionistisch empfindenden, dabei den Künstler hochverehrenden Freund kennen zu lernen: „In diesem Jahrhundert", so schreibt er, „hat es keinen originelleren Künstler gegeben. Mit allen seinen Schrullen, Bizarrerien, mit seinen Fehlern in der Zeichnung und mit seinem unwahren Kolorit ist er konsequent, logisch und in seiner Art auch wahr. Ein Schöpfer seiner eigenen Welt . . . Sein Umgang ist sehr
anregend, lehrreich. Er hat enorme Erfahrungen in der Technik wie in der Gestaltung eines Bildwerkes, das Wissen, worauf es ankommt, mächtig in der Farbe und Haltung zur vollen Wirkung zu gelangen. Vieles ersah er aus alten Glasgemälden. Das direkte Naturstudium ist ihm kleinlich und unkünstlerisch. Das künstlerische Produzieren sei etwas ganz anderes. Es gibt eine andere Wahrheit in der Kunst als dieses Skndienmalen. Die Franzosen sind ihm Schmierer und keine Künstler ufw. Man könnte oft zweifeln und verzweifeln. . . Was Vöcklins Hauptverdienst ausmacht, sind neben seiner nn- erschöpflen Phantasie das Wissen, wie Bilder zu arrangieren sind, worauf es ankommt, die Hauptsache zur Geltung zu bringen; das verständige Wissen, welche Karben vor- und welche zurücktreten, wie diese in der Entfernung wirken nsw. Im großen Gegensatz zu den Franzosen, die das Alltäglichste, Nichtigste würdig finden, bildlich darzustellen, und als Kunstivcrk in die Welt bringen, wenn es nur gut gemalt ist, so bringt Böcklin nur entweder sehr aufgeregte, ergreifende Motive, sei es im Traurigen zum Weinen Nötigendes oder zur Lachlust reizend. Die größten Kontraste dann auch in den Farben, Lichtern und Schatten. Aber ein Baum und eine Kuh muß durch die Wahrheit in Form und Farbe beglücken, eine Wahrheit, die man nicht immer in Böck- lins Bildern findet".
Koller hat zu seinem Schaden versucht, die farben- gewaltrge, mit starken dekorativen Mitteln arbeitende Kunst Böckltns nachzuahmen, aber wenn er auch hier dem Einfluß der so unendlich viel stärkeren Persönlichkeit des Freundes erlag, so hat er doch auch andererseits in einer nicht unwichtigen Sache bestimmend aus die Kunstentwicklung des großen Meisters eingewirkt. Unter seinem Einfluß hat Böcklin, wie Frey glaubhaft macht, die Technik der Temperamalerei angenommen, dis seinem Kolorit recht eigentlich den lenchterrden Glanz und die kraftvoll tiefe Tönung verliehen hat. Schon 1866 , als sich Böcklin in Basel niedergelassen Hatte urch
