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1906 .
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Unsere IlolLerunZ.
ie Tatsache herrscht Wohl Einverständnis. Cs .1 uiworeiitgenommenen Beurteiler, der niC)t ützte, daß wir in der Weit allein stehen. 8m° wir den Dreibund, aber was bedeutet er? dürfen wir Österreich-Ungarn als Freund b:- rur daß wir im Donaureiche schließlich mehr s Freunde haben. Denn die Ungarn, die .,'ü. die Polen mißtrauen uns, hassen uns, machen uns thrc. Abneigung längst kein Hehl mehr. D'e „Freundstzast' Italiens kann uns aber nichts nützen, da sie neutralisiert wird durch die enger geworden? r Beziehungen uieses Staatswesens zu den Westmächten. Wirklich, wir sind isoliert, und nun ist nur noch zu fragen, inwieweit uns das bedroht und schädigt. Odcr sollte es gar keine Gefahr bedeuten, daß wir allen - stehen? In der Tat gibt es Personen, dte es durchaus nicht für ein Unglück halten, wenn wir allmählich in eine unzweifelhafte Isolierung hineingeraten sind. Zn diesen g'hört beispielsweise Professor Delbrück, der im Juliheft der „Preußischen Jahrbücher" folgende über- raschendi Ausführung macht: „Das vorläufige Zurück- -treten Rußlands aus der Reihe der aktiven Großmächte ist eine Tatsache, deren Wichtigkeit von einem großer Teil der deutschen Presse immer noch nicht begriffen worden zu sein scheint. Sonst wäre cs ganz unmöglich, daß man immer wieder den Betrachtungen begegnete, daß Deutschland in so beklagenswerter Weise isoliert sei. Solange die Möglichkeit bestand, daß das Deutsche . Reich einmal zugleich von Frankreich und Rußland und vielleicht noch von einer dritten Macht angegriffen werden könne, war es in der Tat wichtig, daß Deutschland für diesen Fall Bündnisse im Hintergründe hatte. Seitdem aber jene Gefahr ausgeschaltet ist, sind solche Bündnisse auch überflüssig gewordsn, und wenn sie überflüssig geworden sind, so haben wir ihnen auch nicht nachzujamrnern, da sie Verpflichtungen nicht bloß leisten, sondern auch auferlcgen. Statt zu unken über die Der-
Femlleton.
Ern- und Ausfälle.
(giit das „Wiesbadener TaabIatt".)
Bon Joseph Kaisker.
Ehrenritter des Johanniterordcns.
Der kleine Schuhmachermeister Kramm kam heute mit seiner Arbeit nicht recht vorwärts. Er träumte und das hielt ihn doppelt auf, weil er es Nicht gewohnt war and seine Gedanken daher nur langsam gingen. Immer wieder sah er mit einem gewissen Ausdruck von Ehrfurcht auf die Schuhe, die er eben in Arbeit hatte, und versank dann wieder in schweres Nachsinnen.
Mein Gott, es waren ja auch keine gewöhnlichen Schuhe, die er in Arbeit hatte. Da vor ihm auf dem riedern Werkzeugtisch lag noch die Karte mit der Adresse, damit er die Neubesohlten ohne Irrtum ab- iefern könne. Ein so vornehmer Kunde hatte sich noch ste in seine kleine, versteckte Werkstätte verirrt. Frei- err von hieß er und Major a. D- stand unter dem Namen nd noch eineMengh stolzerSachen. Ordensbezeichnungen arunter, die er nicht recht verstand, die ihm aber eine nklare Vorstellung von schimmerndem Glanz weckten, meisten aber ergriff ihn das Wort „Ehrenritter (Johann'iierordens", das darunter stand. Da regte seine Phantasie, die ihn sonst sein ganzes Leben kaum einmal belästigt hatte. Von ganz dunklen rlerinnerungen ging -es aus. Das waren doch die :er, die es schon in ganz alten Zeiten gab und die icils die fürchterlichen Drachen, die mit dem Feuer, sie aus ihrem Teusclsmaul spieen, die Städte an- deten und die Menschen fraßen, umbrachten. Und
einzelung Deutschlands, miißte eine ihrer nationalen Kraft und Größe bewußte Presse umgekehrt betonen, wie sehr auf uns heute das Wort paßt, daß der Starke am mächtigsten allein ist." So Delbriick, der für diese Auffassung freilich die alleinige Verantwortung trägt. Wir haben nicht den Eindruck, daß damit i>tc angemessene Formel für unser Verhältnis zu den übrigen Mächten gefunden sein könnte, und Delbrück selber legt denn auch sogleich den Finger auf den entscheidenden Punkt, wenn er die wirkliche Schwäche Deutschlands in unserer kolonialpolitischen Ohnmacht gegenüber den Engländern sucht. Aber warum sind wir Großbritannien gegenüber zur Ohnmacht, und zwar nicht bloß in kolonialpolitschen Fragen, verdammt? Wir wären es nicht, wenn wir nicht isoliert wären. Gewiß würde in einem ernsthaften Konflikt die britische Übermacht zur See auch dann gegen uns in Kraft treten, wenn wir nicht isoliert ivären, aber ein System von Bündnissen und Stützpunkten, wie cs vormals bestand und jetzt ausgchört hat, müßte dämpfend aus die englische Politik wirken, würde das Jnselreich daran verhindern, gegen uns die Minen springen zu lassen, die es jetzt, durch keine Rücksichten auf deutsche Freunde gehemmt, aller- dings nach Belieben in Brand setzen kann und gelegent- lich auch wirklich in Brand setzt. Wir müssen es uns gefallen lassen, daß wir neuerdings schrittweise aus unserer islamitischen Interessensphäre verdrängt wer- den, denn in den entscheidenden Mittclmeersragen darf sich England auf das zustimmende Interesse nicht nur Frankreichs, sondern auch Italiens berufen, und so ohnmächtig Rußland gegenwärtig ist, so wenig cs eine aktive auswärtige Politik betreiben kann, so reicht sein Verhältnis zu Frankreich gerade hin, um den weit an- gelegten britischen Plänen auch nach dieser Seite hin freie Bahn zu schassen. Es mag für uns ein Vorteil sein, daß Rußland vorläufig aus der Reihe der aktiven Großmächte ausgeschieden ist, aber es hat auch seine Nachteile, und zwar schon darum, weil dies Ausscheiden England zum stärkeren Betreiben seiner Expansionspolitik verleiten mußte, wähnend wir von der Passl- vitäi der russischen Politik eigentlich nichts haben. Denn die Gefahr, daß Rußland und Frankreich vereint über uns bersallen könnten, war längst nur noch eine Legende. Warum auch hätte Rußland jemals die Hand dazu bieten sollen, daß wir geschwächt würden, da e§ für das Zarenreich doch stets nur erwünscht sein kann, Deutschland und Frankreich in der Balance zu halten und statt eines Freundes deren zwei zu besitzen? Also gar so befriedigt sollten wir nicht darüber sein, daß wir allein stehen, und das Dichterwort: „Der Starke ist am. mächtigsten allein?" mag seinen moralischen Nutzen haben, verträgt aber leider nur schlecht die Probe auf praktische Bewährung. Am mächtigsten ist selbst der Stärkste doch immer, wenn er starke Helfer hat. England war auch in seiner „splendid isolation" keine zu verachtende Potenz, heute aber, wo es wie eine Spinne im Zentrum eines ausgedehnten Bündnisnetzes liegt, ist es die wahre Weltmacht.
dieselben Ritter, die dann gegen die Türken, die die ehrliche Christenheit ausrotten wollten, kämpften. Ja, er wußte noch, einer davon batte so zugeschlagen, daß links und rechts eine Hälfte des verdammten Türken von: Pferd siel. Das gab's wohl heute nicht mehr. Aber, was ganz Besonderes mußte sein Kunde doch sein, daß er Ehrenritter des Johanniterordens war. Er buchstabierte das Wort staunend vor sich hin. Sicher mußte er etwas qanz Tapferes getan haben, daß er so hieß. Vielleicht hatte er Anno 70 eine Fahne erobert oder gar dem Kaiser in der Schlacht das Leben gerettet. Sicher so was mußte es sein. Und mit einem Gefühl grenzenloser Ehrfurcht für den Herrn, der „Ehrenritter des Johanniterordens" war und mindestens den Kaiser vor einer feindlichen Kanone gerettet hatte, setzte Meister Kramm die neuen Sohlen auf.
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Detail aus dem Prozeß Major a. D. von Zander und Genossen in B r e s I a u:
St a a t s a n w a l t : „Im Juni 1900 hat sich der Angeklagte 3000 M- geliehen-" (Vorwurfsvoll) „1000 Mark hat er in demselben Moncst bezahlt, um Ehrenritter des Johanniterordens zu werden." .
Major v. Zander: „Mit dem Erwerb der
Ehrenritterschaft des Johanniterordens hatte es folgende Bewandtnis: Vor der Kaiserparade ließ mich der Regimentskommandeur General v. Trotha zu sich kommen und stellte mir vor, daß er und alle Stabsoffiziere de? Regiments Ritter des Johanniterordens seien und daß ich als wohlhabender Mann, der ich ja sei, diese Ausgabe auch machen könnte. Daraufhin habe ich mich darum beworben."- ' " "
Politische Kdrrstcht.
Deutschland «nd Südamerika.
Aus Buenos Aires wird uns geschrieben: Vor etwa einem halben Jahre wies ein amtlicher Bericht des deutschen Generalkonsuls in Buenos Aires auf die außerordentlich rege Betätigung belgischen, französischen, englischen Kapitals in Argentinien, sowie auf. das unternehmungslustige Vorgehen der Nordameri-s kaner in diesem Lande nachdrücklich hin und stellte dem das auffallende Versagen des deutschen Kaufmanns-, geistes gegenüber. So groß der Aufschwung unseres Überseegeschäftes und teillveise auch unserer Überseen Unternehmungen zweifellos ist, so sind wir doch noch weit davon entfernt, berechtigt zu sein, uns selbst zu--, frieden gehen zu lassen. Offenbar ist aber die „Stra» tegie des Kontors" bei unseren großen heimischen Ban-, kcn und unseren Industriellen noch eine viel seltener^ Kunst, wie gewöhnlich angenommen wird. Wir sinh keineswegs überall die Ersten odcr Zweiten, nicht einmal die Dritten oder Vierten: und nicht nur England und Amerika sind unsere Überwinder, sondern auch- Frankreich und das kleine, aber wirtschaftlich große Belgien. Wie belgisches und französisches Kapital sich an Aufgaben heranwagt, die sich das deutsche nicht zu» getraut, das haben wir ja in Eisenbahnfragen ^ Süd-: brasiliens mitansehen müssen. Es läßt sich hierfür auch ein verblüffendes Zahlenmaterial herbeischaffen. Man berechnet die Gesamtheit der deutschen Kapitalanlagen; über See auf 8—9 Milliarden Mark. Nehinen wir überall die niedrigsten Sätze, so entfallen von diesem 8 Milliarden auf Ostasien (Japan, China und Neben» länder) 400 Millionen, auf Gesamt-Asien 728, auf Australien und Ozeanien 300, auf Afrika 1326, auf. Gesamt-Amerika 5380 Millionen. Davon kommen auf, Südamerika (immer in der niedrigsten überhaupt ge» gebenett Zusammenzählung) über 2 Milliarden, auf, Nordamerika (Union und Kanada) zusammen 2,5 Mil» liarden, der Rest auf Mittelamerika und Westindien, wo allein über 800 Millionen oder uitter Einrechnung der wirtschaftlich dazugehörendett südamerikanischen Nordländer Venezuela und Kolumbien über eine Mil» liarde Mark deutschen Kapitals arbeflen. In Süd» amerika haben wir nach Abrechnung der eben genann- tcn beiden Länder bei niedrigster Schätzung 1800 Mil» lionen Mark angelegt, die sich mit 500 Millionen auf die Westküste und 1300 Millionen auf die Ostküste der» teilen. In Argentinien allein arbeiten etwa 760 Mik» lionen Mark deutschen Kapitals, worin aber der deutsche Anteil am Aktienvermögen der englisch-argentinischen Bahnen nicht einbegriffen ist. Das deutsche Kapital in; Brasilien wird auf 450 Millionen als Mindestsatz ge» schätzt. Das hattptsüchlich in Aktien und Anlethenbesitz bestehende Interesse Deutschlands an ^ brasilianischen Eisenbahnen ist im Verhältnis zur Größe des Landes' wenig bedeutend. Auch in Minen ist das Interesse bisher höchst gering. In Uruguay und Paraguay ar-
Der Lebensglaube.
Unsere Sprachen haben noch kein Wort, in dem sich, das Wesen des neuen Geistes, der sich heute allenthalben ankündet und dem die Geschlechter von morgen ganz gehören werden, klarer und knapper ausspräche: Der Lebensglaube. •/
Ein Wort, das wie eine Zauberformel, die alles ist sich begreift, über dem Eingang steht, durch den big. Mettschheit zu einem neuen Reich ihres Daseins wiltz Zwei Jahrtausende haben die Menschen in den licht» armen, nebelkaltcn Landen der Lebensverachtung gewohnt und gelitten. Nun drängen sie wanderlustig^ sonnensehnsüchtig neuen Ufern zu. Und wollen die letzten Massen sich auch nur langsam von den langgewohnten Stätten heben, den Vordersten im ungeheueren Wanderzuge der Geister entschleiern sich die neuen Gestade schon in edler Klarheit, zeigen sich die Wege dahin schon in offener Sicherheit.
So frohen Optimisnms kann — für Augenblicke wenigstens — selbst im Hirn eines skeptischen Pessimisten das neue Buch von Ellen Key: „Der
Lebensglaube", Betrachtungen über Gott, Welt und' Seele (S. Fischers Verlag, Berlin) wecken. Es ist ein mächtiger Band von richtigem Bibelformat. Man wäre fast versucht, auch das Buch selbst die Bibel einer neuen Religion zu heißen. Ein Nötigstes dazu hätte es zweifellos: Klarheit und Tiefe.
Die große einfache Linie seines Gadankeninhalts wird schon aus der bloßen Nennung der sechs Kapitel- Überschriften — wie Marksteine am Wege ins neue Reich stehen sie — deutlich: „Das Verblühen des
Christentums — Die Umwandlung des Gottesbegriffes -—- Der Lebensglaube —- Das Glück als Pflicht — Die Evolution der Seele durch Lebcnskunst — Ewigkeit odcr Unsterblichkeit." Die Fülle reicher Gedanken^
