Einzelbild herunterladen
 

tfsbaitfiur Tsmilt

6«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

22.OOO Abonnenten.

Slnzcigcn-PreiS:

Die einspaltige Petitzeile für lokale, Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

Anzeigen-Annahme Ach°in^den"AÄNwü 8? dke <S t |ftl ) r , übeSömmTn, T %ol nach Möglichkeit'Sorge getragen.

Uo. 298.

Fernsprecher für den Verlag No. 2953. Nuszeit von 8—12 it. 2—7 Uhr.

Samstag, den 30. Inm.

Fernsprecher für die Redaktion No. 52. Rufzeit von 8—1 «. 3—7 Uhr.

1906.

Morgen- Ausgabe.

1. Matt._

Das Ende der blauen Postkarte.

Von Professor Or. Eduard Engel,

Die soeben von dem Staatssekretär des Rcichspost- amtes kundgetane Aushebung der billigen blauen Post­karte, dazu der billigen Drucksachen, Gcschästspapicre und Warenproben im Ortsverkehr ist ein in der Ver­kehrsgeschichte des deutschen Postwesens völlig uner­hörtes Ereignis. Niemals zuvor sind in einem deut­schen Staat die Pvrtosätze erhöht worden, nicht einmal in Preußen nach dem furchtbaren Zusammenbruch, Lessen mahnendes Gedenken wir in diesem Jahre still erneuern werden. Aus der neueren Völkergeschichte ist nur ein einziger Fall bekannt, in dem ein großes Kul­turland das Briefporto erhöht hat: Frankreich nach dem Kriege von 1870, als es nach einem Verlust von zwölf Milliarden (Kriegskosten und Kriegsentschädigung) jede nur ersinnbare Einnahmequelle aufgraben mußte, qcm das Land vom Feinde loszukaufen und wieder auf­zurichten. Während aber Frankreich gerade jetzt seine iPortosätze wesentlich ermäßigt, während England den willigen Pennytarif sogar mit seinen entferntesten Kolo­nien einführt, während auf jedem Weltpostkongrcß neue Erleichterungen und Verbilligungen des Verkehrs beschlossen werden, fordert eine Mehrheit des Deutschen Reichstags die Verteuerung der für den städtischen Ver­kehr, aber überhaupt für den Orts- und Nachbarverkehr segensreichen Postkarte um mehr als das Doppelte! Und das in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, nicht etwa nach einer verheerenden Niederlage durch einen äußeren Feind- Wir sind in diesem Augenblick das einzige Land auf Erden, das auf einem wichtigen Gebiete des Verkehrswesens einen verhängnisvollen Rückschritt macht und genießen den wenig beneidens­werten Ruhm, auch in dieser Hinsicht ganz einsam unter den Völkern der Erde dazustchen.

Die Reichspostverwaltuiig oder der Reichskanzler kann ja sagen: der Reichstag, die Vertretung des deut­schen Volkes, hat diese Verteuerung der Postkarten im Ortsverkehr von zwei auf fünf Pfennig gefordert. Seit wann aber ist es bei der deutschen Reichsregiernng des Landes Brauch, Beschlüssen des Reichstages sofort nach­zukommen? Wenn sich eine Mehrheit des Reichstags fand, die zur Erzielung einer angeblichen Mehrein- nahmc von höchstens 12 Millionen Mark eine Verteue­rung des Ortsverkehrs verlangte, so hätte bic Rcichs- postverwaltung sich an den auch für sie und für jeden

Zweig einer Regierung geltenden Grundsatz von Treu und Glauben erinnern und dem verkehrsfeindnchen Reichstag Widerstand leisten müssen, wie es ja so oft verkehrsfreundlichen Beschlüssen des Reichstags gegen­über geschehen ist. Die Aufhebung der Privatposten rst nur erfolgt, weil Regierung und Reichstag überein­stimmend als Geaenleistung die Verbilligung der Orts- posttaxen dem Volk zusicherten. Die Aufhebung der Zweipfennigpostkarte und der billigen Drucksachen usw. ist und bleibt ein politischer Wortbruch und wird als ein solcher von denen lebhaft empfunden, die unter der Verteuerung dieser Zweige des Postvcrkehrs leiden

werden. _ ,

Und warum diese Verteuerung des Ortsverkehrs? Um mitten im Frieden Geld herauszuschlagen, aber doch alles in allem nicht mehr Geld, als dre Halste eines neuen Schlachtschiffes kostet. Wie hoch können im besten Fall die Mehreinnahmen der Rerchspostver- waltung durch die Verteuerung der Ortspostkarten steigen? Nach der letzten Poststatistik wurden gegen 300 Millionen blaue Postkarten im Jahre versandt. Die Einnahme daraus betrug, 6 Millionen Mark; sie wird bei einem Porto von 5 Pf. vielleicht 15 Millionen, also eine Mehreinnahme von 9 Millionen Mark er­geben. Denen, die unter Nichtbeachtung oder Unkennt­nis der einfachsten Tatsachen der Statistik behaupten, daß die Reichspostvcrwaltung durch die Einführung der blauen Postkarte Schaden erlitten habe, hat erst kürzlich der wohlbekannte Verkehrsschriftsteller A. Jürgensohn die einfache Tatsache entgegengehalten, daß die Ein­nahme aus den Ortspostkarten zu 5 Pfennig im Jahre 1890, also vor der Einführung der blauen Postkarte, nur 4,4 Millionen Mark ergab, daß aber die blaue Post­karte setzt schon über 6 Millionen Mark einbringt.

Kaum irgend ein anderer Zweig des deutschen Post- Wesens hat einen solchen Aufschwung genommen wie gerade die blaue Postkarte. Im Ortsverkehr Berlins allein wurden 1899 zum Portosatz von 5 Pfennig nur

24.5 Millionen Stück versandt. Nach der Einführung der blauen Postkarte stieg dieser Verkehr schon 1901 auf

68.5 Millionen Stück und betrug 1904 87 Millionen Stück. Zweifellos ist diese Steigerung , auf nichts anderes zurückzuführen als auf die Verbilligung des Portos von 5 auf 2 Pfennig. Vor der Einführung der billigen Posttaxe für den Ortsverkehr (am 1. April 1900) war von einer Steigerung der Zahl der Post­karten im Ortsverkehr wenig zu bemerken; sie entsprach nur ungefähr der Steigerung der Bevölkerung. Glaubt etwa die Rcichspostverwaltung, daß für ihre Vcrkchrs- zweiae die allgemeinen Gesetze aller Verkehrskultur nicht gelten? So gut wie eine Verbilligung um 150 Prozent ein lawinenartiges Anschwellcn des Ortspost­

kartenverkehrs erzeugt hat, wird eine Verteuerung um 150 Prozent eine sehr fühlbare Abnahme dieser Ver- kchrsgattung Hervorrufen. Es ist durchaus nicht wahr, daß nach der Verteuerung alle oder auch nur die Mehr­zahl der jetzigen Ortspostkartcn versandt werden. Ein­mal kann man die Verteuerung um 3 Pfennig ans eine von 1 Pfennig herabmindern, indem man Drucksachen­karten statt Postkarten versendet, was in zahllosen Fällen möglich ist. Der städtische Verkehr aber wird sich noch anders zu helfen wissen, und gerade er findet am leichtesten einen Ausweg: durch den Fernsprecher. Jeder Leser weiß aus eigener Erfahrung, daß er in wer weiß wie vielen Fällen lieber eine blaue Postkarte geschrieben hat, anstatt den leider immer noch umständ­lichen Fernsprechdienst zu benutzen. Bis jetzt betrug die Ersparnis durch die Benutzung des Fernsprechers gegenüber der blauen Postkarte für alle Bezahler von Pauschgebühr nur 2 Pfennig. In Zukunft wird man durch den Fernsprecher gegenüber der Postkarte eine Ersparnis von 6 Pfennig erzielen und obendrein seine Mitteilung um einige Stunden beschleunigen. Für solche Teilnehmer am Fernsprechnetz, die Gesprächs­gebühr bezahlen, ergibt sich bei der Benutzung des Fern- sprechers zwar keine Ersparnis, Wohl aber immer noch die. wesentliche Beschleunigung.

Außerdem werden zwei Urtriebe der Menschheit da­zu beitragen, die gehoffte Vermehrung der Einnahme aus der Ortspostkarte zu vereiteln oder zu verhindern, Fortan wird die Fünfpfennigkarte im Orts- und Nach­barverkehr beladen sein mit dem Fluch einer gewissen Gehässigkeit. Man wird sie ungern schreiben, denn man wird sich bei jeder gelben Karte erinnern: sie bedeutet eine Verkehrsfeindlichkeit, einen Rückschritt. Sodann aber wird man in Millionen von Fällen, ln denen man> jetzt zur blauen Postkarte greift, nur um ihrer Billig-., keit willen, in Zukunft die Absendung der gelben Karte zunächst verzögern, dann vergessen und ganz unter­lassen. Auch denke man an die vielen Millionen dort Ansichtspostkarten im Ortsverkehr, die zum sehr großen Teil ihre Absendung nur dem Zweipfennigporto ver­danken. deren Massensendungen aber aufhören werden^ sobald das Porto 5 Pfennig beträgt.

Vielleicht haben manche Reichstagsabgeordnete dev, Verteuerung der Ortspostkarten nur zugestimmt, weil sie glaubten, dadurch den „Wasserkopf" Berlin zw treffen. Bei der dilettantischen Unwissenheit, mit der gerade in diesem Punkte der Finanzreform im Reichs­tag gearbeitet wurde, hat man vielfach übersehen, Last die Verteuerung der Ortspostkarte nicht bloß die Groß* städte, die 81, in denen früher Privatposten bestanden, stressen wird, sondern daß 1124 Ortsgruppen mit 2248 Ortschaften den Segen der blauen Postkarte genossen

Feuilleton.

<9ta»tini<r nnJotmJ

Der plultiralllionat als Mörder.

Aus New York wird berichtet: Eine Aufsehen er­regende Tragödie (wir berichteten schon kurz darüber. Die Red.) hat sich Montagnacht in New Port abgespielt, deren beide.Helden der feinsten Gesellschaft, den sog. „Vierhundert", angchörcn. Der Multimillionär Harry Thaw hat in einem fashionablen Vergnügungslokal den Architekten Sanford White erschossen. Der Mörder ist der 28 Jahre alte Sohn des ehemaligen Vizepräsidenten der Pcnnsylvania-Eiscnbahngescllschast, des vielfachen Millionärs William Thaw. Der Vater hinterlietz ihm Une jährliche Rente von 320 000 M., doch soll er erst mit 85 Jahren in den Besitz der vielen Millionen gelangen, bic sein Erbe bilden. Seine Schwester hat den Earl of Yarmouth, ein Mitglied der höchsten englischen Aristo­kratie, geheiratet. Der junge Harry machte durch seine tolle Verschwendung und seine exotischen Extravaganzen früh viel von sich reden. So gab er in Paris bekannten Bühnenschönheiten ein Diner, das ihm 200 000 M. ge­kostet haben soll; er war dabei der einzige Mann unter lauter schönen und bekannten Frauen und beschenkte alle seine Gäste überreich mit Juwelen und Kostbarkeiten. Das war gleichsam die Krönung seines Junggcsellen- daseins, denn hier in Paris lernte er eine junge ameri­kanische Bühnenkünstlerin, Florence Evelyn Ncsbit, kennen und heiratete sie bald trotz des starken Wider­spruches, den seine Mutter und sein hocharistokratischcr Schwager erhoben. Die Auserwähltc war ein armes Mädchen gewesen, das mit ihrer Mutter iiach I)ew York gekommen war nnd dort durch seine antzerordentliche Schönheit schnell ein beliebtes Modell für Rcklamcbildcr wurde. Der bekannte Schildcrcr der amerikanischen Schönheit Gibson zeichnete sie mit 15 Jahren für eine seiner berühmten Gesellschaftstypcn und bald nahm sich ihrer ein gewandter Gönner an, der ihr die Künstlerlanf- bahn eröfsnete. Dieser Gönner war der Architekt White, ein Mann von starker Begabung, der eine Reihe der größten und schönsten Gebäude New Yorks geschaffen

hat, dabei eine imponierende und faszinierende Erschei­nung von hoher Figur, mit seinen struppigen hochstehen­den Haaren, dem buschigen roten Schnurrbart und den dichten Augenbrauen fast einen dämonischen Eindruck hinterlasscnd, ein Lebemann und ein Sportsmann, ganz dazu geeignet, auf junge Mädchen einen bezwingenden Einfluß auszuübcn. Durch ihn kam Miß Nesbit auf die Bühne, wurde die allgcfcierte Schönheit nnd Attraktion des sog. „Florodora-Qnartetts" und dann von ihrem Gönner nach Paris zur weiteren Ausbildung geschickt. Als der Millionär sie zu seiner Gattin erhoben hatte, scheint in ihm ein immer stärkerer Haß gegen den ein­stigen Freund seiner Frau aufgcsticgen zu sein. All sein Ingrimm wurde ihm aber auf das stärkste lebendig, als er an jenem verhängnisvollen Montagabend in dem vornehmen Cass Martin dem verhaßten Feind unerwar­tet begegnete. Der Raum war mit lachenden und schwatzenden Menschen angcsüllt, ilnd der Millionär saß glücklich neben seiner jungen Frau, als er plötzlich sah, wie seine Frau leichenblaß wurde und zu zittern ansing. Erstaunt über diese plötzliche Veränderung, drang er in sie, doch sie antwortete nur, wie Thaw bei der ersten Ver­nehmung selbst angab: „Der schmutzige Lump ist hier." „Ich wandte mich um", so erzählte der Mörder, „und sah den fetten Schurken sitzen, und als ich sah, wie feist und wohlbehäbig er aussah, und wie blaß sic geworden war, da geriet ich in eine unbändige Wut. Er stand mit meiner Frau in Verbindung, als sic zur Bühne ging. Nach dem Theater gab cs Soupers und Automobilfahrtcn nnd — das übrige können Sic sich denken!" Thaw ist dann White nachgcgangen, traf ihn aber in dem Klub, in dem er gewesen war, nicht mehr an, sondern hörte, daß der Architekt nach dem Dachgarten von Madison-Square ge­gangen sei, einem vornehmen Aufenthaltsort der New Yorker Gesellschaft, wo man kalte Getränke schlürft und dazu den Klängen einer leichten Musik und pikanter Gesänge lauscht. Thaw ging nun mit seiner Frau nach dem Lokal, wo gerade eine neue Musikpossc „Mllc. Cham­pagne" aufgeführt wurde. Nicht weit von der Bühne sah er seinen Feind sitzen, nachdem er seine Frau verlassen nnd den ganzen Garten nach ihm abgesucht hatte. Er wurde leichenblaß und wankte langsam nach dem -L.isch.

an dem White sah. Im lustigen Gespräch begriffen, eben das Glas zum Trunk ansehend, spürte dieser plötzlich einen Schatten hinter sich, sah wie ein Mann sich schwer über den Tisch legte und erkannte Thaw, von dessen feindseliger Gesinnung er wußte und non dem er spöttisch als seinem Nachfolger zu reden pflegte. Er wollte anf-- fahren, aber mit dem Rufe: „Sei verflucht! Du hast mein Weib ruiniert. Ich werde dich töten", zog Thaw einen Revolver aus der Tasche und gab drei Schüsse ab, von denen der erste fehlging, der zweite White in die Schulter tras und der dritte den Kopf zerschmetterte. Mit einem dumpfen Fall stürzte die Leiche des Architekten auf den Boden. Der Mörder war ganz ruhig und ging mit festen Schritten, die Pistole in der Hand, fort. Auf der Bühne hatte unterdessen das lustige Singen der kleinen Choristinnen nicht aufgehört und allgemein glaubte man, daß die drei Schüsse, die man gehört hatte, auf der Bühne abgegeben worden seien, wo sich gerade eine ichcrzhafte Situation abspielte, die diese Vermutung zn- lietz. Aber gar bald hatte sich eine unheilvolle Stimmung des Entsetzens von dem kleinen Tisch ans, an dem der Mord geschehen, durch den ganzen weiten Raum verbrei­tet. Das Trillern der Sängerinnen wurde unsicher, und obwohl der Manager sie eifrig znm Singen anspornte, waren sic erschrocken und verängstigt. Schreie wurden im Publikum laut, Frauen fielen in Ohnmacht, die grauenvolle Geschichte lief durch die Reihen. Der Mörder wurde am Ausgang von einem Polizisten ungehalten; er sagte nur: „Er hat's verdient; er hat mein Weib

ruiniert". In diesem Augenblick lief Mrs. Thaw herbei, umschlang ihren Mann, bedeckte ihn mit Küssen und schrie hysterisch: „Harry, was hast Du getan? Ich will Dich nie verlassen." Dann sprang sie in ihr Automobil und fuhr davon. Der Mörder wurde in das Gefängnis für schwere Verbrecher gebracht und ist für das Ver­brecheralbum photographiert worden; er ist ruhig; von seinen Freunden wird der Beweis versucht werden, daß er unzurechnungsfähig sei, in einem Ansall von Wahn­sinn gehandelt habe, da er nicht nicr an dem Abend viel getrunken hatte, sondern überhaupt ein starker Trinker und Rancher ist.