Einzelbild herunterladen
 

/

&*. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch dl« Post B Mk. SO Psg. vierteljährlich für beide

Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgafsr 27

23,#®© Abonnenten.

Anzeigen-PreiS r

Die einspaltige Petitzeile für lvkale Anzeigen 15 Pfg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

Anzeige» - Annahme KLNWKK g 8B»gafeaflr^ J8MS£SZ?& Xgm&EfjSSj

U-. 2»6.

Fernsprecher für den Verlag No. 2953. Nufzeit von 8—12 «. 2—7 Uhr.

Freilag den 29. Juni.

Fernsprecher für die Redaktion No. 52.

Rnszeit von 8—1 u. 8—7 Uhr.

1906 .

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Reise - Abonnements

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung itt’s Haus

nach Orten in DentWllUd und Orfleneilh-UIMII 60 Ug.

.. .. im Anstand.90 „

Gestellungen beliebe man genaue lVohnnngsadresfe beizufügen.

Der Verlag des Wiesbadener Tagblalts.

DMslye nnd WerikMische KoMldemoKraüe.

L Berlin, 27. Juni.

August Bebel hat ..mal gesagt, die Sozialdemo­kratie lebt von den Fehlern ihrer Gegner. An diesem Wort gemessen, mühte die deutsche Bourgeoisie die meisten Kehler machen. Denn Deutschland hat die stärkste Sozial­demokratie. Aber der Satz trifft sicherlich nicht überall zu. Von England kann man allerdings vielleicht sagen: dort ist die herrschende Klasse in hohem Maße vorsichtig und politisch erzogen. Deshalb ist dort von einer revo­lutionären Sozialdemokratie nur wenig zu merken. Gehen wir nach Amerika hinüber und betrachten dort in einem Staate, der ebenfalls eine sehr starke Industrie hat, die Verhältnisse: was ergibt sich da? Agitationsstoff findet dort die Sozialdemokratie hinreichend. Korrup­tion herrscht dort vielleicht mehr als in jedem anderen Laude. Soeben ist dort erst die schändliche Wirtschaft des Chicagoer Fleischtrnsts aufgedeckt worden. Aber der iFletschtrust steht nicht einzig da. Die Trusts haben ganz allgemein durch ihre Machenschaften die öffentliche Mei­nung so erregt, daß der Kampf gegen die Trusts zur Parole bei der nächsten Präsidentenwahl gemacht werden soll. Sehr anschaulich schildert auf Grund eingehender Studien im ersten Hefte der „Preußischen Jahrbücher" Dr. Wolfgang Max Schultz das Treiben der großen Ge­sellschaften in Amerika. Mit den gewalttätigsten Mitteln Haben die Großen die Kleinen nieüerkonknrriert. Der reichste Mann Amerikas, Mr. Rockefeller, der jetzt eben Europa bereist, ist nur dadurch in die Höhe gekommen, weil er es gut verstanden, anderen die Kehle zuzu­schnüren. Übernimmt da z. B. eine Eisenbahngesellschast den Transport von Erdöl einer bestimmten Quelle zum Markt, sagen wir zu 6 Cent. Die Quelle eines Kon­kurrenzproduzenten liegt noch näher an der Station. 'gBegg '."" -'iü— i- 1 """""""

KenMeton.

^Nachdruck ttrbotm.)

Are Lebensgeschichte des iungen Tolstoi.

Von den drei groben Dichtern, die an der Eingangs­pforte der modernen Literatur stehen und die Ära einer neuen Dichtung heraufgesuhrt haben, lebt nur noch ein einziger. Zola, der das naturalistische Prinzip jim konsequentesten verfolgte und dessen Wirkung zunächst so wichtig, aber zeitlich und geschichtlich bedingt war, ist zuerst dahingegangen; Ibsen ist ihm nun gefolgt, und einsam ragt nur noch in unsere Zeit hinein Leo Tolstoi, der Einsiedler von Jasnaja Poljana. In Ibsen und Tolstoi sind zwei grundverschiedene Typen der dichteri­schen Persönlichkeit rein ausgeprägt. Die Kunst des nordischen Magus ist aus dem Haß geboren, dre des russischen Propheten ans der Liebe; der eine ist der fchonungslose Kritiker des Bestehenden, der andere möchte aus den Träumen seines Ideals eine neue Menschheit, eine neue Welt und eine neue Religion auf­bauen. Ibsen hat den Strom seiner eigensten Empfin­dungen stets zuriickgedrängt, sein ganzes Selbst hat er in die Gestalten seines Werkes aufgelöst, nie hat er sein Wesen und seine Seele im wilden Bekennerdrange vor der Menge ausgebreitet, stumm ist er als der große Rätjelaufgeber ins Grab gestiegen; Tolstoi aber war stets der große Beichtende, der all sein Schaffen mit der Glitt persönlichsten Empfindens durchdrang, nur seine eigenen Qualen und Gefühle preisgab und sein eigenes Ich zur ganzen Menschheit ausweitete. So stehen sie einander gegenüber, der schweigende Beob­achter alles Seins, der seine Persönlichkeit seiner Kunst aufopferte, und der gewaltige Bekenner seines Innern, der seine Kunst für seine Lebensaufgabe hingab. Die Geschichte seiner Seele, die Entwicklung seines inneren Menschen ist für Tolstoi immer das Primäre und das Wichtigste gewesen; wie erntereife Früchte fielen feine

Er muß aber 8 Cent zahlen. Und das Geheimnis? Der erste Lieferant hat die Eisenbahngesellschaft für sich „in­teressiert". So wird der zweite Lieferant niederkonkur­riert, bis er seine Quelle für ein Spottgeld verkauft. Die Eisenbahnen sind dort überall in Prtvathänden und stehen in enger Verbindung mit den Großproduzenten, heute den Trusts. Das Publikum hat anfangs den Vor­teil — solange die einzelnen Produzenten noch Krieg führen. Haben sich diese geeinigt, so muß das Publikum bluten. Auch die Beamten sind bestechlich. Sie hängen ja sehr stark von den einzelnen herrschenden Parteien ab. Werden die Parteien geworfen, so verlieren die Be­amten ihre Stellung. Die amerikanische Rechtspflege nennt Schultz eine Posse, die Rechtsanwälte eine -Art Spitzbuben, nur dazu da, das Recht zu verdrehen — ge­wiß eine Übertreibung — und doch steckt ein Körnchen Wahrheit darin.

Trotzdem hat Amerika keine Sozialdemokratie von Bedeutung. Wie kommt das? Terrorismus und Tyran­nei herrscht unter den amerikanischen Arbeitern wohl noch mehr als unter den deutschen. Denn drüben schränken weder Staatsgewalt noch Gesetze die Macht der Arbeiterschaft ein. Wo die Arüeiterverbände mächtig sind, mutz jeder Unorganisierte entlassen werden. Aber der amerikanische Arbeiter ist kein Kommunist. Er be­schwert sich nicht mit einem Zukunftsstaatsprogramm. Er will nicht das ganze Staatssystem über den Hausen werfen. Er erstrebt auch nicht lediglich die Herrschaft der Arbeiterklasse, sondern er will nur seine Lage verbessern. Jede Partei, die ihm dabei behülflich ist, benutzt er. Da­her gehen vielfach Arbeiterschaft und Bürgertum zu­sammen. Der amerikanische Arbeiter hat auch auf diese Weise schon viel erreicht, wenigstens in seiner oberen organisierten Schicht. Er hat kürzere Arbeitszeit als der Deutsche und, wie Schultz nachweist, dreimal höhere Löhne.

Der deutsche Arbeiter möchte gern die Taube ans dem Dache und vergißt dabei den Sperling in der Hand. Die marxistischen Spekulanten, das Aufreizen einer revolutionären Gesinnung, das scharfe Betonen des Massengefühls in der Arbeiterschaft, der Kampf gegen das Kapital als einer ausbeutenden Macht — alle diese Schlagworte haben seinerzeit ihre Bedeutung gehabt. Sie haben wie mit Posaunen die Arbeiter geweckt uick> zum Eintritt in den großen sozialistischen Heerbann ge­lockt. Sie haben auch den Staat gezwungen zu Maß­regeln des Arbeiterschutzes und der Arbeiterversicherung, sic haben in den besitzenden Klassen das soziale Pflicht­gefühl gesteigert und eine soziale Fürsorge hervorge- rnsen. Aber um eine zweite Phase der sozialen Be­wegung hcraufzuführen, dazu ist die bisherige Agi- tationsschablvne mehr hinderlich als förderlich. Bisher hat man mehr eine Politik für die Arbeiter gemacht. Jetzt sollte die Zeit kommen, wo die Arbeiter mit betei­ligt werden an der Herrschaft, wo sie mit Einfluß haben im Staate und in der Gesellschaft. Allmählich müßten

Dichtungen halb unbewußt von dem immer stolzer sich entfaltenden Baume seines Seins, sie waren nur die Befreiung und Lvslösung überwundener Wandlungen, die der anfwärtsstrebende, nach immer höheren Voll­kommenheiten suchende Mensch hinter sich zurückließ. Darum gewinnt das Leben Tolstois für uns noch eine ganz andere Bedeutung als die Erdenreise anderer Dichter. Die meisten seiner Dichtungen werden uns so zu Denkmalen, aufgerichtet an den Stationen seiner irdischen Pilgerfahrt; sie sind gleichsam nur die Besiege­lung und Bekräftigung der inneren Mächte, die hier zum Ausdruck rangen.

Es liegt eine Zwiespältigkeit in der Aufnahme und Beurteilung, die Tolstoi heute unter uns findet. Die einen sehen in ihm den großen religiösen Menschen, den Heiligen, in dessen Leben die Legende vergangener Zeiten noch einmal Gestalt gewonnen hat, der wie der heilige Franz von Assisi allen irdischen Tand von sich abtat, um sich der Königin Armut zu vermählen. Sie verehren in ihm, wie dies Heinrich Eugen Schmitt und Julius Hart in ihren Tolstoi-Büchern getan haben, den Schöpfer einer neuen Religion, einer neuen Knlüir, den sie mit den größten Religionsstiftern, mit Buddha, Mohammed, ja Christus vergleichen. Die andern aber, denen das Werk seiner Spätzeit nur als eine wunder­same Schwärmerei erscheint, sehen in ihm den großen Dichter, der gerade in seinen höchsten Werken, in „Krieg und Frieden", in „Anna Karenina" hinreißende objek­tive Weltbilder geschaffen hat und sich in seinen größten Dichtungen von dem Überschwang persönlichen Be- kennens befreite. Diese Gegensätzlichkeit der Wertungen kann nur ein immer tieferes Eindringen in das innerste Wesen seiner Persönlichkeit aufheben. Rur die ge­naueste Kenntnis seines äußeren und inneren Lebens läßt uns in dem russischen Grafen einen jener Gott- menjchen erkennen, der, von dunklen Trieben aus der Welt Bahnen hingetrieben, stets nur dem einen über­irdischen Ziele zugewandt war, wie er Ruhe finde für

die Arbeiter im Reichstag mit den übrigen Parteien der Linken eine Mehrheit schaffen helfen, damit, wie Bis­marck gesagt hat, Deutschland auch einmal links herum regiert wird. In den Landtagen müßten sie Einfluß ge­winnen auf Regierung und Verwaltung. In den Ge­meinden müßten ihnen die Tore mehr geöffnet werden — damit sie das Gefühl bekämen, überall gleichberechtigt zu sein.

In der Union kommt den Arbeitern allerdings eine größere demokratische Grundstimmung entgegen. Schutz und Versicherung haben die Arbeiter allerdings drüben nicht. Da sind sie allen Zufällen preisgegeben. Aber bis auf einen gewissen Grad trägt auch der einfachste Arbeiter den Präsidentenstab in seiner Tasche. ES wird ihm viel leichter gemacht, in die Höhe zu kommen, als bei uns, wo die Gesellschaft in bestimmten Klassen und Kasten sich festgefahren hat., Die Einheitsschule gibt eine verhältnismäßig gleichförmige Bildung. Sie bringt ans allen Schichten die Talente mehr in die Höhe. Jeglicher Rang- und Geburtsstolz fehlen. Jeder gilt als das, was er leistet. Heute Unternehmer und morgen Flaschen- spüler, und umgekehrt — dies Durcheinandergeschüttelt­werden bewahrt die Gesellschaft vor Fäulnis, genau so wie man das Getreide umschüttelt, damit es nicht stockig wird.

In der letzten Zeit sind mehrfach Stuüien- kommrssionen aus Arbeiterkreisen nach England ge­gangen. Es wäre sehr gut, wenn man auch einmal übers große Wasser ginge, wenn sowohl Bürgerliche wie Sozialdemokraten häufiger Ferienreisen nach der Union machten. Wir sind gewiß, daß beiden eine Befruchtung mit dem praktischen Geiste der Amerikaner sehr wohl täte.

RcgmiiU und Neuolntion in Unrund.

g. Petersburg, 25. Juni.

Fürst Qrbeliani hatte vor einigen Tagen eine Unter­redung mit dem früheren Minister des Innern, Dur- nowo, die von russischen Blättern wicdergegeben wird. Sie gestattet einen Blick in die Seele eines reaktionären russischen Staatsmannes und ist deshalb besonders be­achtenswert. Das Gespräch drehte sich zuerst um die allgemeine Landschaftsorganisation zur Unterstützung der von der Mißernte heimgesuchten Bauern. Durnowo be­merkte dazu, es sei unsittlich, das Volk zu füttern. ^ den Einwand, cs gebe Zeiten, wo dem Volke nur Wohltaten geholfen werden könne, erwiderte t weiß, mit der einen Hand geben Sie dem Voll mit der anderen verteilen Sic Proklamation«' fordern das dritte Element zur Mitarbeit auf un. dafür ein, obwohl es dem Lande schadet. Rußland das dritte Element überhaupt nicht nötig." Ohne Bemerkung des Fürsten Qrbeliani, kein Staat tön

seine Seele und Erlösung von den Fesseln der Sünde Kein Religionsstifter ist Tolstoi und kein ästhetifck formender Künstler, sondern eine jener aufwühlenden und wundersamen Gestalten, wie sie in Augustin oder Rousseau der Welt geschenkt wurden, und sein Dichten ist der reiche farbige Abglanz seiner Seele, eine einzige große Konfession, die uns noch von der Innerlichkeit und Größe, von der Ursprünglichkeit und Reinheit seiner Gefühle künden wird, wenn sein praktisches Wirken längst verhallt ist. Aus diesem Grunde hat die vielfache Beschäftigung mit seinem Leben einen tieferen bedeut­samen Wert. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, zu er- gründen, inwieweit alle seine Bekenntnisschriften, dichterisch eingekleideten Erinnerungen und autobio­graphischen Erzählungen die volle und echte Resonanz seines Leben bilden. Dazu bietet uns nun ein groß an­gelegtes Werk die beste Gelegenheit. Die von Paul B i r u k o s herausgegebenen „Biographie und Memoiren Leo N. Tolstois" vereinigen das ge­samte wissenschaftliche Material, das eine seit langem betriebene Tolstoi-Forschung ansgespeichcrt hat, zu einem zwar nicht künstlerisch gefügten, aber doch vollständigen Bilde seines Lebens, und das Buch erhält noch eine größere Bedeutung durch den kostbaren Schatz von Erinnerungen, den Tolstoi selbst dem Verfasser zur Verfügung gestellt hatte. Widerstrebend und doch von einem inneren Zwange gedrängt, hat der greise 78jährige Dichter bei der Lektüre dieser Biographie den eigenen aufquellenden Visionen seines Lebens in flüchtig hingeworfenen, aber packenden Auszeichnungen von neuem Ausdruck geben müssen und uns so, obgleich er „die Scheußlichkeit und den ganzen Stumpfsinn , des Lebens vor seinem Erwachen" tief beklagt, die schönste Schilderung seiner Jugend geschenkt.

In der Geschichte des jungen Tolstoi steht der Gang seiner literarischen Entwicklung nicht so an erster Stelle als vielmehr die frühe Ausprägung seiner Individuali­tät und die allmähliche Entfaltung seines inneren