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Es gehörte und gehört zum großen Teil noch bei uns in gewissen Kreisen zum „guten Ton in allen Lebenslagen", die große Republik jenseits des Atlantischen Ozeans gleichsam als das Land der Länder, als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten anzusehen und zu schätzen. Das alte Wort „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent der alte", das Goethe vor einem Jahrhundert geprägt hatte, wurde wieder modern. Geschäftsleute, Abgeordnete und Minister zogen über das Meer, um das Land der aufgegangenen Sonne zu bewundern. Man stempelte die amerikanischen Milliardäre gleichsam zu Heroen, und ein Chicagoer Großschlächter hatte mehr Aussichten, an europäischen Fürstenhöfen empfangen zu werden, als irgend ein berühmter Held der Feder oder der Schlachten. Und neben dieser Bewunderung für Amerika lief die Angst vor dem neuen Kontinent einher. Die Herren Morgan. Schwab. Rockefeller usw. spielten für die europäische Industrie und den Handel Europas die Rolle der „schwarzen Männer", und das Wort „Morganisierung der Industrie" wurde zu einem gefürchteten Schlagwort.
Unterdessen hat sich gezeigt, daß auch in Amerika öic Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der Stahltrust ist verkracht und sein Begründer Schwab als Schwindler entlarvt worden. Der Milliardär Morgan hat ausgewirtschaftet, und gegen Rockefeller, den Ober- kommandierenden der Standard-Oil-Company. den Milliardär der Milliardäre, der seit 24 Jahren, seit dem 2. März 1882, wo er die Standard-Oil-Company begründete, mit seinen Petroleummonopolbestrebungen die Welt in Atem erhalten hat, ist von den amerikanischen Gerichten ein Haftbefehl erlassen worden. Herr Rockefeller weilt allerdings zurzeit mit seinem ebenfalls gerichtlich verfolgten Gehülfen Henry Rogers aus „Gesundheitsrücksichten" in Europa, und er wird schwerlich eher nach Amerika zurückkehren, als bis sein Haftbefehl
„ordnungsgemäß" erledigt ist, aber es ist doch immerhin schon ein Anfang zur Besserung, wenn die amerikanischen Gerichte sich an den Trustmagnaten heranwagen.
Aber trotz alledem hat sich gerade noch in der jüngsten Zeit erwiesen, daß die nordamerikanische Union noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Die — wir finden kein parlamentarischeres Wort — Schweinereien, die in den Chicagoer Schlachthäusern aufgedeckt worden sind, haben einen Einblick in die unbegrenzten Möglichkeiten eröffnet, welche sich in dem gelobten Lande Amerika bieten. Der Schlachthaustrust in Chicago hat schon oft von sich reden gemacht. Bei der letzten Wahlschlacht soll er 15 Millionen Dollar für „gute Wahlen" ausgegeben haben, aber er kam dabei nicht zu kurz, denn er erhöhte nachher die Fleischpreise so, daß seine Jahreseinnahme sich um nahezu 30 Millionen vermehrte. Der Chicagoer Riesenschlächtereien haben nämlich nicht nur unter sich ein Kartell, so daß sie die Einkaufspreise für Vieh und die Verkaufspreise für Fleisch, Speck, Schinken und Schmalz festsetzen, sondern sie haben auch die meisten Schlächtereien im Norden der Vereinigten Staaten an sich gebracht, so daß die freien Schlächter dagegen nicht aufkommen. Viehhändler und Schlächter, die sich dem Trust nicht beugen wollen, werden durch Unterbietung aus demselben Wege totgemacht, wie der Petroleumtrust, der Zuckertrust, der Stahltrust, der Schiffsbautrust, der Baumwolltrust, der Gerbertrust, der Bleitrust, der Zigarrenfabrikentrust, der Brennereitrust und alle die anderen die Outsider totgemacht haben, bis einzelne dieser Kartelle, wie unlängst der Stahltrust und der Schiffsbautrust, an der Überspannung ihrer Forderungen scheiterten.
Das Wort, welches einst der römische Kaiser Vespasion sprach, als er eine Steuer auf gewisse Gefäße legte, mm ölet (es riecht nicht), nämlich das Geld, ist im „freien Amerika" zur vollen Bedeutung gelangt. Die Zjankees sind eine junge Nation; sie sind durchaus auf das Praktische und Nützliche gestellt, und es fehlen ihnen die Elemente der alten Kullur und des alten Wissens und damit jene ideelle Gesinnung, die noch andere Fragen kennt als die eine: was bringt es ein? So hat sich das amerikanische Staatswesen nicht bloß nach der Seite des Schaffens hin als ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten entwickelt, und die Riesen- dimensionen, die vielen von uns so sehr bei der amerikanischen Arbeit imponieren, zeigen sich eben auch aus der Kehrseite der Medaille, wie das soeben bei der Schweinewirtschaft in Chicago gerichtsnotorisch geworden ist.
Der Präsident Roosevelt, der wirklich ein Mann von ehrlicher Gesinnung und auch von Entschlossenheit und Tatkraft ist, hat sich ja nun ins Zeug gelegt, um dieser Hydra des Schwindels einige Köpfe abzuschlagen, aber.es wird ihm dabei ergehen wie mit der Hydra, von der uns die Sage berichtet: Für jeden abgeschlagenen Kopf wachsen zwei neue. Die Häuptlinge des Schlachthaustrusts sind verhaftet worden, und das Repräsentantenhaus hat soeben mit 240 Stimmen gegen
die 117 der zum großen Teil bestochenen Opposition da? neue Nahrungsmittelgesetz angenommen. Abe? eine andere Frage ist es, wie weit dies Gesetz, wenn e? in Kraft tritt, durchgeführt werden wird, und was da? Vorgehen gegen die Trusts betrifft, so wir! es sich erst bei der nächsten Präsidentenwahl zu erweisen haben, wer stärker ist: Herr Roosevelt und seine Gesinnungsgenossen oder der rollende Dollar? Wie dieser Kampf aber auch auslausen sollte, so können wir jedenfalls etwas bei dieser Gelegenheit lernen, nämlich daß für uns keinerlei Anlaß vorliegt, in Respekt vor dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten und — Unmöglichkeiten zu ersterben.
Deutsches Deich.
* Zum neuesten Kolouialskandal. Ans Anlaß des gegen zwei Kolonialbeamte eingeleiteten Strafverfahrens haben, wie die „Freis. Ztg." erfährt, in den Räumen der Kolonialabteilung Durchsuchungen stattgcfunöen. Ebenso sind in den Privatwohnungen verschiedener Beamten polizeiliche Haussuchungen abgehalten worden. — Von aktuellem Interesse und bezeichnend für den deutschen Kolonialassessorismus ist ein Brief des Herrn Jesko v. Puttkamer, der in der Verhandlung gegen Kanzler Leist am 6. April 1895 verlesen wurde: in dem Verhandlungsbericht heißt es: „Zunächst gelangte ein Bericht des Kommissars von Togo, v. Puttkamer, zu Verlesung, welcher besagt, daß die Schmach und Schande der Kameruner Ereignisse auch auf Togo Einfluß übten und bei den Eingeborenen Mißtrauen gegen die Deutschen erweckten. Das Vertrauen könne nur allmählich zurückgewounen werden." Wie Herr v. Puttkamer es versucht hat, als Gouverneur von Kamerun das durch Herrn LeistS Verfehlungen erschütterte Vertrauen zurück- zugewtnnen, weiß man jetzt.
* Fürsorge für die schulentlasscne Jngend. Von der Dortmunder Konferenz über die Mitwirkung der Schule bei der Fürsorge für die -schulentlassene Jugend wurde folgende Entschließung angenommen: „Die Konferenz erkennt einen Notstand bezüglich der Verwahrlosung eines Teiles der deutschen schulentlassenen männlichen Jugend als vorhanden an und ist zur Mitarbeit au der Hebung des Übelstandes bereit. Sie fordert vor allem kleine Klasien, dabei eine Revision des Lehrplanes, besonders bezüglich der Stoffmenge und dann nach der Richtung hin, daß eine charaktervolle, die Bedürfnisse des beruflichen Lebens berücksichtigende Bildung gewährleistet werde. Die weitere Arbeit mutz der obligatorischen Fortbildungsschule, den Fllrsorgevercinen und ähnlichen sozialen Veranstaltungen überlassen bleiben. Daneben ist der Betrieb von Leibesübungen und die Verbreitung guter Lektüre zu fördern. Die Teilnahme der einzelnen Lehrer an den Veranstaltungen ist freiwillig."
* Herr Studt als Eideshelscr. Die bayerische Zen- trumsprcssc veröffentlicht den Wortlaut des Protestes
FerrMetorr.
WaQtauX »crbotnu
Sauernleben im Heiligen Fände.
Kesselnde Bilder aus dem heutigen Palästina ent- imrft der Rev. C. T. Wilson, der jahrelang Missionar im Heiligen Laude war, in seinem soeben erschienenen Buche ,,1'u88uut Llke in tke Holy Land". Wenn man die alten Bewohner Palästinas und ihre Sitten, so wie sie in der Bibel geschildert werden, besser verstehen lernen will, muß man die Bauern oder Fellachen studieren. Die Juden sind meistens „Fremde in ihrem eigenen Lande, Einwanderer von Europa oder anderen Erdteilen, die die Sprache. Tracht und Ideen der Länder mitbringen, in denen sie so lange gewohnt haben". Die Fellachen hält der Verfasser dagegen wie Professor Sayce für die Nachkommen der früheren Heidenstämme, die nie ausgerottet wurden und «Sklaven der Juden und der anderen erobernden Rassen waren. „Sie beugten sich dem Sturm, und man verlor sie eine Zeitlang aus dem Auge, aber sie erschienen immer wieder, wenn sich das Land nach dem feindlichen Einfall beruhigte. „Der Gang des modernen Fortschrittes, die leichteren Verkehrsmittel und die Einführung abendländischer Erzeugnisse reißen jetzt bereits die Schranken nieder, die die einzelnen Sekten voneinander und von der Außenwelt trennten, und bewirken eine Verwischung der jahrhundertealten charakteristischen Sitten und Gebräuche Palästinas- Die Fellachen sind meist Mohammedaner, aber es gibt auch viele christliche Sekten und einige Drusen. Die religiösen Linien sind sehr stark gezogen, die Religion selbst ist gewöhnlich sehr förmlicher und oberflächlicher Art und von Aberglauben durchsetzt. Wo. die .Schranken weniger genau begrenzt
sind, entlehnen Mohammedaner und Christen einander von ihrem Glauben die bösen Geister, Omina, Zauberformeln und Beschwörungen. In vielen Fällen kennen weder Christen noch Moslemin ihren eigenen Glauben. So erzählte ein griechischer Christ von den Bewohnern seines Dorfes: „Der einzige Unterschied zwischen unseren und den mohammedanischenFrauen ist der, daß die einen bei der Jungfrau und die anderen beim Propheten schwören." Rituells Handlungen sind viel wichtiger als das Halten des Sittengesetzes. So erzählt Wilson: „Es ist „ungesetzlich" (d. h. sündig), auf Brotkrumen zu treten, und ich habe gesehen, wie ein muselmännischer Händler, der in jedem zweiten Satz schwört und keine Gelegenheit versäumt, einen Kunden zu betrügen, höchst gewissenhaft von dem Boden eines Eisenbahnwagens einige kleine Brotkrumen aufnahm, die ein reisender Europäer hatte fallen lassen, damit er nicht aus Versehen darauf treten konnte." Über die Lehrsätze und Bräuche der Drusen konnte Wilson wenig in Erfahrung bringen, da sie ihren esoterischen Charakter sorgfältig bewahren. Er sieht in ihrer Religion einen Überrest des israelitischen Kalbkultus. Die Heiligen haben einen höheren Rang als die Gottheit. Eine christliche Frau verkündete ihren Glauben an den Heiland dadurch, daß sie sagte, sein Beruf wäre es, „am Tage des Gerichts Lügen für mich zu sagen."
Die Häuser, in denen die Eingeborenen leben, haben in vielen Teilen kuppelförmige, aus Stein gebaute Dächer. Die Methode des Baues ist einfach, wenn auch mühselig. Nachdem die Mauern bis zu einer bestimmten Höhe geführt worden sind, wird Erde hineingeschaufelt und oben bis zu der erforderlichen Krümmung festgestampft, worauf die Steine für das Dach gelegt und untereinander verbunden werden. Wenn der Mörtel fe|| geworden ist, wird die Erde wieder heraus
geschaufelt. Da die Fellachen Asche und Kehricht auf die engen Gassen werfen, hebt sich die Straße allmählich, bis sie manchmal ebenso hoch wie die Dächer der Häuser liegt. Für das Wasser sind die Leute hauptsächlich auf den Regen angewiesen, der aufs Dach fällt und in Zisternen aufgefangen wird: wenn die Jahreszeit trocken ist, müssen die Familienhäupter den abnehmenden Wasservarrat sorgfältig bewachen, zu welchem Zweck sie Matratzen über die Öffnung legen und so nachts schlafen. Charakteristisch für das Dorslcben ist die „Sahrah". Wenn ein Fremder den Ort besucht, so kommen die Bewohner einzeln oder zu zweien, grüßen den Scheik und seinen Gast und hocken sich nieder, jeder aus seinem Platze. Der Besucher muß dann Neuigkeiten von der Außenwelt berichten, wofür ihm das Dorfgeschwätz ausgctischt wird. Manchmal hört man dabei seltsame Nachrichten: „Als König Eduard den Thron bestieg, liefen die wildesten Gerüchte darüber unter den Fellachen um, welche Rolle der Sultan dabei gespielt hatte, denn sie haben die übertriebensten Ideen über die Macht der Hohen Pforte im Rate Europas. Nach einer Version wollten dre Engländer den Prinzen von Wales nicht als Nachfolger der Königin Viktoria haben, aber der Sultan stampfte niit dem Fuß auf und bestand darauf, und das britische Volk gab „natürlich" sogleich nach. Nach, einer anderen Lesart waren die gekrönten Häupter Europas zur Wahl zusammengekom», men, da aber Meinungsverschiedenheiten entstanden, gab der Sultan den Ausschlag für König Eduard."
Bei den christlichen Bauern wird der erstgeborene Sohn nach dem Großvater väterlicherseits genannt, und seine Eltern werden nun als Vater oder Mutter von soundso bezeichnet. Wenn Rushid also einen Sohn Towflk hat, so heißt er in Zukunft Abn (Vater) Towflk und seine Frau Jamlleh von nun an Jmm (Mutter)
