Wiesbadener Tsgbtstt
s«. Jahrgang
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Man schreibt aus Berlin: »,,, «
„Wie denken Sie über Rußland? war der Titel eines 1881 zuerst in Berlin ausgefuhrten Lustspiels von Gustav von Moser. Das Wort hat sich erhalten. Man brauchte es als Verlegenheitssrage, auf dre man aar keine Antwort erwartete, weil memand über Rußland vrel wußte und weil Rußland auch nicht werter interessierte. Wie ist das setzt anders geworden! Rußland ist augenblicklich das interessanteste Land. Wrr sind von nirgends so aus Nachrichten erprcht wre aus Rußland. Wir hören von dort die augenblicklich größte Umwandlung, die sich in einem Lande vollzieht. Wenn wir oftmals ein Verlangen gehabt haben, zu erfahren, wie seinerzeit die französische Revolution auf dre Zeitgenossen gewirkt hat, so erleben wrr jetzr ein ähnliches Schauspiel. Nur begrüßten damals die Besten unserer Volksgenossen die französische Revolution als Freiheit^ bringer und Kettensprenger. Sie wünschten, daß auch uns die Wohltaten der Pariser Ereignisse zuteil wurden, während wir heute schon besitzen, was dre russischen Demokraten erst anstreben. Und doch kann auch aus Deutschland eine erfolgreiche russische Revolution entschieden günstig zurückwirken. Denn unter den ostelbr l scheu Junkern gibt cs sehr viele, ^ dem Herrn
v Oldenberg eine Stärkung des Absolutismus wünschen, um dabei am besten im trüben fischen zu können. Diese Herren haben früher okuf Rußland als den rocher de bronce des Absolutismus geschaut, ^hnen ist seit Jahresfrist die letzte Stütze ihrer Hoffnungen zusammengebrochen. Ist in Petersburg die Revolution siegreich, so wird der Freiheitswind von Osten auch
uns nützen. ^ r j.
Es scheint, daß augenblicklich die Revolutwn m Rußland in ein neues Stadium einzutreten im Begriff steht. Die Revolutionäre haben sich von ihrer Nieder- laae im Dezember erholt. Sie haben aus rhrer da- maligen Schwäche gelernt und neue Vorbereitungen zu
stärkeren Schlägen getroffen. Dw Regierung hat schwere Rache genommen, sie hat zugleich ""voran h Mütchen gekühlt an den Verführern für den Fall daß diese einmal ans Ruder kommen sollten Mittelalter liche Foltern wurden wieder hervorgeholt, "w Folter knechte verrohten unter ihrem grausamen Handwerst di Henker bekainen Arbeit am Galgen und dre Scharfrichter mit dem Beil wie noch me. Europa rst aug blicklich empört über das einzige Bialhstok. Aber Prost v. Reusner erzählte uns kürzlich, daß es rn Rußlan Dutzende von Bialystoks gegeben hat rn etwas der kleinertem Matzstab. Nur sind dort die Ner olgungen vorsichtiger, allmählicher und langsamer aufgetreten. Aber erreicht hat man dadurch nur, daß die Bevölkerung bis in die weitesten Kreise aufgereizt worden ist, daß die Regierung sich selbst die gemäßigten Leute entfremdet hat Dazu hat die Duma Aufklärungsarbeit geleistet. ^ Sie hat mit der Macht Wortes und der Gesetzesvroiekte an die Tore der Regierung gepocht. Sie hat einen Weg gezeigt, wie man das Verlangen der Bauern nach mehr Land erfüllen könne. Dabei ha sich auch die Großgrundbesitzerklasse durchaus tolerant und liberal gezeigt. Sie hat ihre Bereitwilligkeit erklärt hinreichend Land den Bauern gegen mäßige Summen zu verkaufen oder zu verpachten, wenn re Regierung das Geld vorschießt. Freilich hat sie auch die Aufteilung von Staatsländereien gefordert. Oie Presse hat das wirtschaftliche und politische Programm der Duma bis auf die entlegensten Dörfer verbreitet.
Die Regierung hat gehofft, ihre Gegner zu teckn, nach dem alten Grundsatz: Teile und harsche. S glaubte, daß die Besitzenden und Gebildeten um der sozialen Gegensätze willen sich allmählich von den Arbeitern und den Revolutionären trennen wurden wie
das leider bis zu einem gewissen Grad 1848 m Deutschland zugetroffen ist. Aber bisher hattemKadetten und Revolutionäre durchaus zusammen. Trotz der große Schäden, die den Besitzenden aus den llnndigen Streiks erwachsen sind, ist doch ihr Kampf noch lediglich gegen die Regierung als Haupthemmnrs des Fprtschritts gerichtet. „Getrennt marschieren und vereint schlagen , beide Kadetten wie Revolutionäre, wissen, daß ste nach
tfbie Dum-, iMM. Kadetten unmittelbar vor ihrem, Siege, stehen. Die Dunm zu vertagen, scheut sich dre Regierung. Sre S« &, benn die letzte Anleihe ist viel schneller, als erwartet, ausgebraucht. Der sranzostsche Bundesgenosse droht bereits jetzt nach Bwlystok die Freundschaft aufzukundigen. Wie die ständigen Meutereien zeigen, ist das Heer nicht mehr zuverlässig, sondern zum Teil den Revolutionären zugeneigt. Die Reaktion ist am Ende ihres Lateins angetommen ' Unter diesen Umständen ist ein Kadetrenmimste.^stm der einzige Ausweg aus den vorhandenen Schwierigkeiten Jetzt oder nie!" sagte uns dreier Tage Prof, v Reusner „können die Kadetten ans Ruder kommen! Morgen ist es vielleicht schon zu spät!" Morgen gehen
die Revolutionäre vielleicht schon über die Kadetten zur Tagesordnung über. Aber augenblicklich toirnten die Liberalen etwas leisten, wenn sie die Regierung zur Nachgiebigkeit zwängen. Sie könnten dem Lande die ersehnte Ruhe und Ordnung wieder Ichenken. Hoffentlich zeigen sie die rechte Energie. Nur durften sie sich nicht mit einer bloßen Teilgewalt, mit bloßen Kompromissen begnügen, mit ein oder zwei Sitzen im Ministerium. Sonst würden sie ihren Kredit genau so schnell verlieren, wie es Herrn Witte passiert ist. Auch in Deutschland sind ja von 48 an dre liberalen stets hereingefallen, wenn man ihnen nur ein oder zwer Kon- zessionsminister bewilligt hat. In Rußland gibt es einen so großen Kehraus zu halten, die ganze Bureau- kratie von Grund aus umzuwandeln, daß die Liberalen sich sagen müssen: „Greif nicht in ein Wespennest, doch wenn du greifst, so greise fest!" Eine gewaltige Arbeit steht einem Ministerium Muromzew-Misiakow- Petrunkewitjch bevor. Wir täuschen uns nicht wenn wir sagen: Rußland steht jetzt vor der Frage, Liberalis- mus oder eine Revolution, die nicht nur mit Gewehren, sondern mit Kanonen und Bomben schießen wird.
(«aLdru-r Bfr»otou)
Eine weserscchrt.
Station Münden! Am Ausgange des Bahnhofes unterrichtet uns eine große Plakat-Anzeige über dre Oberweser-Dampfschiffahrten. Wir haben noch Zeit. Langsam geht es durch das Bahnhofs-Villenviertel über den zu Anlagen umgcschaffcnen Wall, am Grabe Eisenbarts vorbei, der Altstadt zu. Hier überall, dem Zwange gehorchend. Ansätze zur Modernisierung. Munden blüht pufs neue auf, seine Zukunft liegt vornehmlich auf dem
Dort, „wo Fulda sich und Werra küssen — Und ihren lallen Müllen", kommen wir zu dem unschern- >« UM,«>--«!,-»- - «•»«»
r,“om«6n)8rtä - wird -b,„ s-rNgg-st-UU Wir «-°-n mmer noch Zeit, aber wir langweilen uns deshalb nicht. Das Panorama von Münden bietet der Reize so viele, Ast selbst ein verwöhntes Auge sich nicht satt daran keb-n kann Am arotzartigsten freilich präsentiert sich dass"lbe wenn man im Zuge von oder nach Gottingen am Andreesberge dahinfährt. Gar viele haben schon m, 'eia.«»»-»»*» Nilü in sich ausgenommen. Hat doch auch
W°nne das Bild n st« « g tftI Deutschlands ge-
L ud Wenn SchMer heute die Annalen der hessischen
£3£ a U am hwabsahren würde, er würde gewiß
dann Worte finden wie der Dichter von „Drerzehn-
linb tlutex dem Zuge von Nordhausen sind nun auch die Anscklnstzüae von Cassel und Göttingen eingetroffen, die
mit allem Komfort" ausgestattet, nimmt uns auf. Be- 1 -oitwllliast gewährt uns der Kapitän noch einige ecrrst,
löfcii. Und wir blicbcn zusammen, ins da l'ranscic das
Wehr von Hameln. ,
So eine Wasserfahrt hat immer ihre eigenen RU«e. Und so kannten wir an« i-°t- »es -°tt-n nnd «»>-- „ebliacn S-»i-n,»-r,n«ra-»S da» Verdeck mW „ (n
»r. s;? IrI
2 #,.SÄ Kost,-» nnd Bitte de, Ge°„«e, d,e uns so sehr an das Werratal erinnerten
Der wald- nnd wildreiche Relnhardswald halt sch immer ln angemessener Entfernung und berührt nur bei Münden und Carlshafen das Ufer. In reicher Ab wechsclung nähern sich der Bramwald und spater der Solllna dem Strom. Die Berge zur Rechten ünd es, c ie Ln Strom zu den vielen und weiten Biegungen nötigen.
Als erstes Denkmal der im Tale neu erwachten Tatkraft bemerken wir nach Itz^stündiger Fahrt ie ^sorne Brücke bei Gieselwerder, welche den hessischen Terl m,.~ ®t Weser mit dem Hauptlande verbindet. Nun erwarten wir Lippoldsberg. Bon seinem 'm Mit clalter s
sä
Politische Kberficht.
Das Zentrum nnd die Kolonialpolitik.
Der demokratische Zentrumsflügel ist unter der Führung des Herrn Erzberger sichtlich S" den lcharfstM Angriffen auf die Kolonialabteilung entschlossen. Nach- dem das Stuttgarter Zentrumsorgan jungst angedeutet hat, daß die Einleitung des Disziplinarverfahrens gegen Gouverneur v. Puttkamer deshalb unterbleibe, weil er zu viel wisse, und daß es bei der Gehaltszahlung an den Erbprinzen von Hohenlohe nicht mit rechten Dingen zugehe, schleudert das Karlsruher Zentrumsblatt eme ganze Reihe der schwersten Anschuldigungen wider dre Kolonialverwaltung. Da wird zunächst die Behauptung von angeblich in Südwestafrika begangenen Unter- schleifen wiederholt. Es handelt sich hierbei um militärische Ausrüstungsstücke, dre spater rn Argentinien verkauft worden sind, die aber nach «net dem Reichstage von der Regierung erteilten Auskunft auf die Be- raubung eines gestrandeten Schiffes zuruckgefuhrt wur- den. Nach dem „Badischen Beobachter" soll das ge- strandeteSchiff jene Ausrüstungsstücke gar nicht an Bord gehabt haben. Der „Bad. Beob." geht aber noch Mel weiter: er läßt das „gesamte Rechnungswesen in Sud- westafrika „total zusammengebrochen' sein, eme Kontrolle darüber. ob die von der Reichshauptkasse bezahlten Waren auch geliefert seien, fehle vollständig. Nicht bester als die Zivilverwaltung kommt die Schutztrupp- bei dem „Bad. Beob." weg. Unter Berufung auf Sol- datenbriefe behauptet das Zentrumsblatt, daß dre Truppen hcrumlägcn, nichts zu tun hatten und entarteten: die Gefängnisse seien mit Weißen überfüllt: unter den Offizieren seien „vielfach" solche, dre infolge von Schulden und andere n Vorkommnissen vor dem Ab-
sprudcln jetzt hier und finden immer mehr Verbreitung. Weithin leuchtet der Name „Sollingbrunnen" durch das Tal. — Der Solling selbst aber beginnt erst mit dem Tale der Schwalme. Der rührige Sollingverein läßt auf dem Schiffe seine mit Ansichten geschmückten Führer verteilen Das Leben Süösachsens und des Sollings c,t auch durch die Schriften des in Jühnde bei Münden geborenen Schriftstellers H. Sohnrey mehr und mehr b' kannt geworden.
Durch das Tal der Schwälme münden von Nord- Hauscn-Northeim und Göttingen her die ersten Bahnen in daS Wcsertal. Wie nun unterhalb Bodenfelöe der Güterzug aus dem Tunnel hervorkommt und der hohen Bergwand entlang dicht am Ufer dahinzieht, da wahnen wir uns nach Bacharach oder Oberwcscl versetzt. Und statt d»r Cauber oder Lorcher Weingehegc tritt gegenüber der Reinhardswald - hier wie ein wohlgepflegtcr eng- lijcher Park - zum Abschied an das Ufer heran.
Nicht umsonst nennt sich auch Carlshafen, dem nur uns jetzt nähern, die Perle des Wesertals.^ Da Earls- balen Kohlenstation ist, konnten wir unter ncuhrung des Kapitäns dem an der Mündung der Diemel gelogenen Städtchen einen kurzen Besuch abstatten, -vre die Räuschen aus der Spielschachtel, mit Tannenbaum und Scbäfchcn stehen die Gebäude um den Jnnenhafcn r , rum Der Führer wußte uns über Carlshafen als -Dirlstaä ^ecrainkurort und Sommerfrische, über ferne
Mir aber' schenkten unsere Hauptaufmerksamkert dem von den dankbaren Hugenottenkolonren von Carls- boien Gottcstreu und Gewissensruh 1898 errichteten _ - c.-... s en c^andarasen Karl von Hessen ferne
^^it nnene Büstch Mlt der Herstellung des Hafens hatt! Laudgras Karl nichts Geringeres im Sinne als
