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S4. Jahrgang.
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In der „Zukunft" ist solch ein Bündnis jüngst empfohlen worden; in demselben Blatte versucht jetzt ein Volkswirtschaftlicher Mitarbeiter den Nachweis, daß die Herstellung einer Zollgemeinschaft möglich und nützlich wäre. Für nützlich halten auch wir sie. für möglich aber nur, wenn zuvor eine Reihe von Bedingungen erfüllt fein wird, an deren Erfüllung wir eben nicht recht glauben können. Was würden unsere Agrarier dazu sagen, wenn ihnen vorgeschlagen würde, die österreichische Gerste und das österreichische Vieh zollfrei herernzu-. lassen? Was würden die österreichischen Industriellen dazu sagen, wenn sie unsere Jndustrieprodukte ohne Zollaufschlag in ihrem eigenen Lande mit ihren eigenen Erzeugnissen konkurrieren sehen sollten? Unsere Agrarier haben die Zollschranken für landwirtschaftliche Erzeugnisse doch nicht darum erhöht, damit sie gleich wieder abgetragen werden sollen, und die österreichische Braugerste ist ihnen mit der darauf gelegten Zollerhöhung jedenfalls lieber als ohne sie. Im Nachbar- reiche aber hat die Großindustrie dasselbe getan wie bei uns das Agrariertum: sie hat für eine sehr ansehnliche Erhöhung der Jndustriezölle gesorgt, um sich mehr denn zuvor als Herrin im eigenen Hause zu fühlen. Freilich würden sich die Verhältnisse, unter deren Bestände die letzten autonomen Tarife hüben und drüben mitsamt dein Handelsverträge perfekt geworden sind, beträchtlich verschieben, wenn das damals noch nicht m solcher Nähe zu erblickende Ereignis einer Zolltrennung zwischen Österreich und Uitgarn verwirklicht würde. Sollten auch zwischen Zis- und Transleithanien Zollschranken errichtet werden, so ständen wir und die Österreicher ebenfalls vor einer gründlich geänderten Situation. Die Errichtung solcher Zollschranken aber ist durchaus keine Unmöglichkeit. Die österreichische
Dienstag, den 26. Inni.
Landwirtschaft würde alles daransetzen, von der Konkurrenz der ungarischen Einfuhr befreit zu werden, was eben durch Zölle bewirkt werden könnte. Die in Ungarn sich bildende Industrie würde ihrerseits danach streben, durch die Konkurrenz der österreichischen Industrie nicht lehelligt zu werden. Die weitere Folge könnte sein, daß die österreichische Industrie, die ja an und für sich ungemein leistungsfähig ist, vielleicht doch das Vertrauen gewönne, sie würde den in Ungarn etwa drohenden Verlust eines Absatzmarktes durch größere Ausdehnung ihrer Verbindungen nach Deutschland hin ausgleichen können. Für die deutsche Landwirtschaft und die ihr nahestehenden politischen Parteien sodann wäre die Konkurrenz der österreichischen Landwirtschaft jedenfalls ein geringeres Übel, als es die Konkurrenz der ungarischen Landwirtschaft ist. Genug, manche in der Sache selber liegenden Widerstände, die den heutigen Zustand kennzeichnen, ließen sich durch eine Fortentwickelung oer österreichisch-ungarischen Verhältnisse in der Richtung einer völligen Zolltrennung zwischen beiden Reichshülften immerhin mildern, so daß der Boden für ein engeres Wirtschaftsverhältnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich vielleicht wirklich vorbereitet werden könnte. Aber einstweilen und gewiß noch auf lange hinaus sind das Zukunftsperspektiven, mit denen die praktische Politik des Tages schwerlich viel anfangen kann. Denn zunächst fehlt hier wie dort ein erkennbarer Wille, der die Dinge ins Rollen briu- gen könnte. Weder bei den Regierungen ist eine Drs- Position vorhanden, die sich später vielleicht zu einem entsprechenden Millen zu konsolidieren vermöchte, noch sehen wir bei den Parteien in Deutschland wie in Österreich auch nur den leisesten Beginn von Erwägungen und Forderungen, die sich in der angegebenen Richtungslinie bewegen. Nun pflegen materielle Bedürfnisse sich zwar euch dann durchzusetzen, wenn ihnen überlieferte polit'i.he Abneigungen widersprechen, wenn politische Faktoren und Tendenzen, mögen sie von der Regierungsaurorität getragen sein oder von starkeii Parteien vertreten werden, van durchgreifenden Neuerungen nichts wissen wollen. Aber ein wirtschaftliches Bedürfnis, das zur Zollunion zwischen uns und Österreich hindräng >n könnte, erkennen wir nirgends. Höchstens ließe sich sagen, daß keine so großen Nachteile drohen würd.m, daß um ihretwillen die etwa zu erwartenden Vorteile aus der Hand sollten gelassen werden. Jedoch kann das naturgemäß nicht genügen, sondern es mußte, wie gesagt, eine zwingende Notwendigkeit vorliegen, die dann allerdings imstande wäre, die sich ent- gegenstellenden Hindernisse zu besiegen. Wer möchte nun wohl behaupten, daß eine derartige Notwendigkeit sicher eintrcten würde? Für jetzt ist sie jedenfalls nicht vorhanden, und was die Zukunft bringen wird, wissen wir nicht. Jinmerhin sei daran erinnert, daß es vor bald eineni halben Jahrhundert eine Situation gegeben
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1906.
hat, die mit der heutigen zwar keine agrarische Ähnlichkeit hat, aber im Äußeren einen gewissen Parallelismus ausweist. Zu ücr Zeit, wo von Wien aus die großdeutschen Bestrebungen gegenüber der Brsmarckischen Politik, die auf reinliche Scheidung zwischen Deutschland und Österreich ausging, besonders eifrig vertreten wurden, kam einmal der Vorschlag, die ganze Donaumonarchie .möge in den Zollverein ausgenommen werden. Das lehnte man in Berlin selbstverständlich ab, aber den Eintritt Österreichs allein wollte man in Erwägung ziehen, worauf ebenso selbstverständlich wieder in Wien ein Nein erfolgte. Der preußische Vorschlag hätte eine Zollgrenze zwischen Österreich und Ungarn zur Voraussetzung gehabt, und diese Zollgrenze, so scheint es, soll in absehbarer Zeit Wirklichkeit werdew
Po Mische Übersicht.
Stellenjagd in „hohen Kreisen"
Die „Zeit am Montag" weist auf einen Mißstond in Großindustrie und Großhandel hin, der nach dem Zeugnis der „Rhein.-Wesft. Ztg." nicht weggeleugnet werden kann: das Stellenjagen „hoher Kreise". Aus ihrer Bahn geworfene Aristokraten versuchen durch Protektion einträgliche Posten und Sinekuren im Großgewerbe zu finden. Das Blatt vermag als Zeugnis folgenden interessanten Brief mitzuteilen, den der Direktor der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktiengesellschaft, Herr v. Gramme, an den Flügeladjutanten des deutschen Kaisers, den Grafen Schmettow, gerichtet hat. Das Schreiben lautet in seinem wesentliche!! Teil: In der Angelegenheit v. T. mutz ich Ihnen leider mitteilen, daß gar keine Aussichten vorhanden sind, ihn bei uns unter- zubringen. Wir sind derartig mit Gesuchen überschwemmt, daß wir neulich in der Direktion den Beschluß faßten, bis auf weiteres alle Anstellungsgesuche äbzulehncn, da wir für absehbare Zeit vollständig gedeckt sind. Sie würden mir einen persöniichen Gefallen tun, wenn Sie von diesem Entschluß Gebrauch machten, sobald Sic hören, daß jemand die Absicht hat, bei uns angestellt zu werden. Es ist geradezu unheimlich, wie wir hier mit Anstellungsgesuchen überlaufen werden. Ganz abgesehen von anderen Gründen, sind wir ja darauf angewiesen, ein Personal heranzuziehen, welches auch tatsächlich den Anforderungen gewachsen ist, denn wollten wir auch nur annähernd den Gesuchen Folge leisten, io würde die Hamburg-Amerikalinie in wenigen Jahren ebenso traurig dastehen, wie der Österreichische Lloyd, der lediglich aus der Ursache zugrunde geht, weil er gezwungen ist, Persönlichkeiten, die in Wien und anderswo nicht mehr zu gebrauchen sind, anzustellen. Gezivungen deshalb, weil er hohe Subventionen seitens des Staates bezieht und infolgedessen sich nicht weigern
Feuilleton.
Machbruck »ertöt««.)
An Mermerv lit Dem Mw mn Marokko.
Die allgemeine Lage in Marokko, die Haltung, die der Sultan den Beschlüssen der Konferenz von Algeciras gegenüber einuimmt, lassen ein Interview besonders bedeutsam erscheinen, das ein Vertreter der „Daily Mail", William Maxwell, mit seiner scherifischen Majestät hatte. Der Korrespondent berichtet aus Fez: „Es wurde mir in Gibraltar gesagt, daß nur ein Heiliger oder ein Verrückter hoffen könnte, Fez zu erreichen. Überall herrsche Unsicherheit und lauere Gefahr. Raisult zog umher, plündernd und brandschatzend: der Angera- stamm war auf dem Krtegspfade: drei Männer waren am Strande von Tanger erschossen worden, und kein Europäer wäre eine Meile von der Küste entfernt sicher. Ich weih nicht, ob mein Freund Dr. Verdun, der Arzt des Sultans von Marokko, etwas von der Unverletzlichkeit eines Heiligen oder Verrückten für sich in Anspruch nehmen konnte, aber er brachte mich sicher nach Fez und ich hatte keine gefährlichen Abenteuer zu bestehen. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß die Verhältnisse in Marokko niemals schlimmer lagen, dah das Volk den Fremden höchst feindlich gesinnt ist, dah die Autorität des Sultans öffentlich geleugnet wird und der Herrscher von Marokko in Wirklichkeit ein Gefangener in seinem Palast zu Fez ist, daß Verbrechen ungestraft begangen werden, daß die Armee sogar auf dem Papier zu existieren anfgehört hat, dah die Steuern seit fünf Jahren nicht eingezogen worben sind und daß nach der Meinung der maßgebendsten Leute die kürzlich abgeschlossene Konvention keine genügenden Mittel an die Hand gibt, um die Sachlage zu bessern. Der Sultan hatte mir vor 4 Jahren bereits zwei Interviews gewährt, und als er hörte, daß ich wiederum nach seiner Hauptstadt gekommen wäre, gab er dem Wunsche Aus
druck, daß ich nach seinem Palast befohlen werden sollte. Die italienische Mission war wenige Tage vor mir angelangt und Seine Majestät befand sich gerade in Beratung mit seinem Ministcrrat, als ich durch die Menge von Maultieren und Pferden hindurch mir meinen Weg nach dem großen Hofe des Palastes bahnte, in dem das Vieh graste und kühne Reiter in leuchtenden Burnussen die stolzen Berberrosse bändigten, durch die das Lanb berühmt ist. Der Kaid Sir Harry Maclean führte mich zu dem Oberzeremonienmcister, einem der drei Männer, die in Wirklichkeit Marokko regieren, und durch diesen ward ich bei Sr. Majestät feierlichst cingeführt. Es ist bezeichnend, daß in Marokko wie in Ägypten die ersten Erkundigungen, die von den Eingeborenen eingezogcn werden, sich auf den russisch-japanischen Krieg beziehen. Auch der Sultan fragte mich sogleich voller Jntereffe danach und augenscheinlich leitete ihn dabei ein gewisses praktisches Ziel. Durch die sich überstürzende Flut seiner Fragen klang deutlich das befriedigte Gefühl hindurch, mit dem im ganzen Osten dieser Krieg ausgenommen wurde, dah die Macht des Westens keineswegs nnbesicg- bar ist. Vergebens versuchte ich aus der Situation des Gefragten in die des Fragenden zu kommen: alle meine Versuche wurden durch ein lebhaftes Kreuzfeuer des Sultans zunichte gemacht, der von inir über den Gebrauch der Kavallerie im Kriege und die Verwendung von Bajonetten und Artillerie Auskunft haben wollte. Isis cs mir endlich gelang, das Gesvräch mtf die Konferenz von Algeciras zu bringen, da änderte sich die ganze Art des Sultans. Eine dunkle Wolke flog über sein so lebhaftes und klares Gesicht, das Lächeln verschwand und ein unbehaglicher, fast düsterer Ausdruck trat auf seine Züge. Dann ergoß sich ein neuer Wortstrom über mich- „Ich habe guten Grund, mich darüber zu beklagen, dah ich während der ganzen Konferenz niemals »m Rat gefragt wurde. Wenn meine Abgesandten mit mir zu konferieren wünschten, wurde ihnen gesagt, sie sollten sich damit nicht aufhaltcn, da die Mächte
eine Gesandtschaft nach Fez senden ivürdcn, die mit mir alles bereden solle. Ich weih nicht, ob dies der Zweck der italienischen Mission ist. Auf jeden Fall habe ich nicht den Wunsch, die Artikel der Konvention, mit denen ich im Prinzip übereinstimme, zu ändern: aber einige Modifikationen sind wünschenswert, und ich muß Zeit haben." Ich wagte ihm nahczulegen, daß Se. Majestät crsi einmal den Vertrag unterzeichnen und dann um Zeit bitten sollte für die Verwirklichung. „Ach, das versteht Ihr nicht, Ihr Europäer", sagte der Sultan. „Meine Leute sind argwöhnisch und fanatisch. Sie glauben, jede Reform, die von außen kommt, sei ein Angriff aus ihre Religion. Eine Klausel möchte ich vor allem beigefügt haben, die notwendig ist, ivenn die Regierung meines Landes, wie eS ja doch der Wunsch Europas ist, auf eine feste Grundlage gestellt werden soll. Ich müßte die Macht haben, die angestelltcn europäischen Beamten auch zu entlassen. Das würde eine Anerkennung unserer Unabhängigkeit sein und den Argwohn meines Volkes zer- streuen. Sie müssen bedenken", fügte er mit feierlichem Pathos hinzu, „daß auf meinem Haupte die Verantwortung für das Leben aller Christen in meinem Lande ruht." Anfs höchste entrüstet ist der Sultan über die Mordtaten, die gegen Europäer in seinem Lande verübt werden: „Sie schmerzen mich mehr, als ich Ihnen sagen kann", erklärte er: „ich habe lange nicht schlafen können, wenn ich daran denke. Doch suche ich mit allen An- strenguuaen dieser Gefahr ein Ende zu machen. Eine Expedition ist schon von Fez aufgebrochen, um die Rebellion im Osten zu unterdrücken. Wenn der Prätendent gefangen genommen sein wird, können wir den anderen Dingen unsere Aufmerksamkeit zuwenden." Ja, wenn der Prätendent gefangen ist! Es ist immer ein „Wenn", das in den Angelegenheiten von Marokko die entscheidende Rolle spielt. Ich bin der Expedition begegnet. In acht Tagen ist sie acht Meilen weit marschiert! Ihre Zahl übersteigt nicht 1500 Mann, die mit Flinten ausgerüstet sind. Ihr Führer ist schwach
