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_- _K. 97 Anzeigen-PreiSr

s*. Jahrgang.

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1906.

Kvend-Ausgabe.

__ 1. WLertt. __

Die mternalmnale Konferenz in Genf.

n. Bern, 22. Juni.

Von Konferenzen darf auch gelten, was man von Len Frauen sagt: die find die besten, von denen man am wenigsten spricht. Die internationale Konferenz, die gegenwärtig in Genf tagt, findet nirgends besondere Beachtung, die sie doch in sehr hohem Maße verdiente, da sie sich einer nützlichen Aufgabe widmet, deren end-- lrch vollständige Lösung schon längst bei allen Kultur­nationen alS dringend wünschenswert erachtet wird. Seit Jahren entspricht die Genfer Konvention von 18b4, die die Behandlung der Kranken und Verwundeten im Kriege regelt, nicht mehr den modernen Bedürfnissen. 1868 wurde sie durch 15 Artikel ergänzt, die sich auf den Schutz des Krankendienstes im Seekriege bezogen. Die internationale Konferenz, die 1874 in Brüssel tagte, um das Kriegsrecht zu kodifizieren, befaßte sich mit einer völligen Umarbeitung der Genfer Konvention, kam aber dabei nicht über einen kurzen Anlauf hinaus. Dre Haager Konferenz von 1899 war in dieser Hinsicht, tvenigstens teilweise, glücklicher. Sie gab den in den Seekriegen anzuwendenden Regeln eine endgültige Formulierung. Für die Landkriege beschränkte sie sich darauf, einen Wunsch auszudrückcn, der folgendermaßen lautete: „Unter Bezugnahme auf die Schritte, die die schweizerische Bundesregierung bereits für eine Revi­sion der Genfer Konvention getan hat, spricht die Kon- serenz den Wunsch aus, daß demnächst eine Spezial- Konferenz einberufen werde, um diese Konvention einer neuerliche Prüfung zu unterwerfen." Seit dem sind 7 Jahre verflossen. Die Wünsche internationaler Kon­ferenzen marschieren nicht schnell. Dieser hat wenig­stens sein Ziel erreicht, und das ist die Hauptsache. Die Genfer Konvention bedeutete seinerzeit, wie niemand bestreiten wird, einen großen Fortschritts Indem sie dem, was bis dahin nur eine unbestimmte Gewohnheit war, die festumschriebene Form einer Regel gab, verschaffte sic denKranken undVerwundeten in den Kriegen Garan­tien, die ihnen bisher fehlten. Und das hat gerade da- -u geführt, daß die verschiedenen Armeen ihren Sani­tätsdienst bedeutend verbesserten, der bis dahin sehr unzulänglich gewesen war. Im Krimkriege standen für

15 000 Kranke nur 80 Ärzte zur Verfügung, und wenn man sich aus der Schrift des Franzosen Henri Dunant (Un Souvenir de Solferno) über die Schrecken des italienischen Krieges unterrichtet, dann wird man das Verdienst zu würdigen verstehen, das sich derPhilanthrop Movuier, ein Schweizer, erwarb, als er im Jahre 186o seinen Appell an die verschiedenen Regierungen richtete. Aus der ersten Genfer Konferenz Unterzeichneten nur

16 Staaten das Schlußprotokoll. Alle Großmächte waren dabei mit Ausnahme Österreich-Ungarns, das 1866, Rußlands, das 1867, und der Türkei, die 1873 bei-

trat. In der Folge Unterzeichneten noch Rumänien, Persien, Chile, Peru und andere Staaten nachträglich das Protokoll. Vierzig Staaten sind heute dadurch ge­bunden, und davon sind gegenwärtig 37 aus der Revi­sions-Konferenz vertreten. Leiter der Verhandlungen ist der schweizerische Gesandte für St. Petersburg, Odier. Die Konferenz hat sich in verschiedene Kommissionen ge­teilt, um die Becatungsgegcnstände getrennt zu be­arbeiten. Die erste Kommission besaßt sich mit Ver­wundeten, Kranken und Toten, die zweite mit dem Sanitätspersonal, die dritte mit dem Sanitätsmaterial, die vierte mit derAussührung, denAbzeichen,Mißbräuchen und allgemeinen Angelegenheiten. Die Frage, wie die Ausführung der Bestimmungen gesichert werden kann, 'ist am schwersten zu lösen. Die Urheber der ersten Kon­vention schmeichelten sich, daß sich ihr Werk von selbst durchsetzen werde; die Kriege, die sich seit dem ereigneten, der deutsch-französische, russisch-türkische spanisch- amerikanische, türkisch-griechische, südafrikanische und russisch-japanische Krieg, lehrten aber, daß die Be­stimmungen nicht immer respektiert wurden. Dre Ver­letzung müßte also strafbar gemacht werden, doch laßt sich das schwer durchführen. Welche Lösung dieses und die anderen Probleme aber auch finden mögen, jedenfalls verdient die Konferenz, indem sie die Schrecken der Kriege, mit denen nun einmal als einem notwendigen Übel noch für unabsehbare Zeit, vielleicht für immer ge­rechnet werden muß, zu mildern sucht, die Sympathien der gesamten zivilisierten Welt.

Politische Ki-erstcht.

Zum Kolonialskandal.

L. Berlin, 23. Juni.

Aus verschiedenen Anzeichen und Vorgängen be­kommt man den Eindruck, daß die Norderneycr Be- sprechungen des Kaisers mit dem Fürsten Bülow un- mittelbar durch die skandalösen Ereignisse nt der Kolonialverwaltung veranlaßt worden sind. An dem Morgen, wo der Kaiser von Helgoland nach Norderney fuhr (und zwar hatte er erst am selben Morgen seinen Besuch beim Reichskanzler angekündigt), war in der „Freisinnigen Zeitung" der bekannte Auszug aus dem Roieschen Berichte erschienen. Man muß wohl an­nehmen, daß dieser Akt einer groben Verletzung der Amtsverschwiegenheit sogleich telegraphisch an den Kaiser berichtet worden war, ebenso selbstverständlich an den Reichskanzler. Ist nun aber ein direkter Zu­sammenhang zwischen diesen Vorgängen und der Unter­redung des Kaisers mit dem Reichskanzler vorhanden, so ergibt es sich von selbst, daß die von dem letzteren an- qeordneten Maßnahmen einschließlich der scharfen Note in der „N. A. Z." mit vollster Billigung des Kaisers getroffen worden sind. Die Hamburger Kaiserrede, die mit so laut tönenden Worten die Geschicklichkeit und die Verdienste des Reichskanzler pries, müßte biernach auch auf die Entschließungen des leite nden Staats-

manns hinsichtlich des Kolvnialskandals ausgedehnt werden, und wir glauben, daß man gut daran tun wird, den Zusammenhang im Auge zu behalten. Denn es gibt, man weiß, Leute, die wohl gern die Gelegenheit benutzen möchten, das Jntrigennetz, das sich um die Kolonialabteilung gesponnen hat, verschiedenen hoch­gestellten Persönlichkeiten gleichfalls über den Kopf zu werfen, wetin nicht dem Reichskanzler, _ so dem Erb­prinzen zu Hohenlohe, und wenn nicht diesem, so jenem« Bei alledem bleibt es allerdings eine offene Frage, oh cs klug getan war, bei dieser Gelegenheit eine „Flucht in die Öffentlichkeit" zu wählen, die stark an das ahn- liche Vorgehen des Freiherrn v. Marschall gegen Herrn v Tausch und seine Kumvane erinnert. Anständig war es gewiß, aber ob auch klug? Erst der Erfolg kann es zeigen. Die eingeleitete staatsanwaltschastllche Unter­suchung wendet sich zunächst nur gegen ein paar Sub­alternbeamte, jedoch ist es ohne weiteres klar, daß rnn ihretwillen der Apparat einer so lauten Berufung an die Öffentlichkeit, einer so lebhaften Androhung durch­greifender Reinigung des Beamtenkörpers, nicht auf- geboten worden wäre. Mit Kalkulatoren und Registra­toren geht man unaussölliger um als mit Geheimräten.- Wen der Reichskanzler meint, wenn er auf die kleinen Leute, die Göh rmd Schneider, losschlagen läßt, das wissen wir nicht, und wir würden es, offen gestanden, auch nicht sagen, wenn wir es wüßten. Fürst Bulow und der Erbprinz zu Hohenlohe müssen selber zusehen, wie weit sie kommen. Wir Zuschauer, die Nur allerdings aufs äußerste interessiert sind, können nur wünschen, daß der Erfolg sich auch einstelle.

Landwirtschaft und Bodenpreissteigerung.

Die auffallende Steigerung der Güterpreise erfüllt die Landwirtschaft und ihre Vertreter in der Öffentlich­keit mit begreiflicher Sorge. Freilich gilt das nur für diejenigen, die üver den Aag hinauszujehen verjuchen^ während die große Masse der interessierten Kreise ganz sclbstverständlicherweise ihr Helles Vergnügen' an der Erscheinung bat. Denn wenn man auch nicht selbst ver­kauft, so kann man sich doch reicher rechnen, und im übrigen behält das Anziehen der Güterpreise ferne sehr praktische Bedeutung auch für die Nichtverkaufer, in­dem ihre Kreditfähigkeit um die wirkliche oder fiktive Preissteigerung zunimmt. Aber, wie gesagt, die ver­ständigeren Landwirte sehen in dem Vorgänge eine Ge­fahr, und sie haben alles Recht dazu. Sie haben cs schon darum, weil es an jedem Tage geschehen könnte« daß einer von ihnen, der an Verkaufen nicht denkt, rmr» so eher an Kaufen denkt. Und dann droht ihm das Schicksal, daß er Preise zahlen muß, bei denen eine angemessene Rente nur mit Schwierigkeiten herausge- wirtschaftet werderi könnte. Nun hört man m den agrarischen Blättern allerlei Mahnungen und Warnun­gen vor einem Zuviel in der Bemessung der Doden- preise. So vernünftig das ist, so nutzlos wird es natur­gemäß sein und bleiben. Denn wie sollte eine kluge Einsicht hinreichen, eine wirtschaftliche Entwicklung auf-

-LiLchvruik Brrtotm.)

Fe mllet on.

Aus dem Leben Mar Mrnrrs.

Am 25. Juni 1856 ist Johann Kaspar Schmidt,^der sich als Schriftsteller Max Stirner nannte, an dem Stich einer vergifteten Fliege gestorben. Im besten Mannes­alter endete der Verfasser des Werkes „Der Einzige und sein Eigentum" in Not und Vergessenheit. Seine kühne Kritik aller geschichtlichen und idealen Werte, seine Pro- klamierung eines konsequentesten Egoismus hatten zu­nächst nur vorübergehendes Interesse erregt, und der eigenartige Wert dieses Mannes, der in seiner rücksichts­losen Vernichtung aller für Gespenster, Spuk und Lugen erklärten Ideen nur sich selbst verschonte und in seinem Hymnus auf das Recht der Persönlichkeit, die Macht eines starken Willens und die Größe selbständiger Taten an Nietzsches Dithyramben gemahnt, ist erst neuerdings wieder durch E. von Hartmann und besonders durch die eifrige Agitation John H. Mackays, der alle Fakten seines verschollenen und kaum mehr beachteten Daseins znsanrmenstellte, in die Erinnerung gerufen worden.

Unter diesen abenteuerlichen Gesellen bewegte sich Stirner, der nicht umsonst Lehrer an einer „Lehr- und Erziehungsanstalt für höhere Töchter" war, ruhig und gemessen; um so extravaganter aber benahm sich seine Frau. Im Jahre 1843 heiratete er nämlich sein „Lieb­chen Marie Dähnhardt", der sein Hauptwerk gewidmet ist. Die Trauung wurde auf dem Zimmer des Bräuti­gams von dem Oberkvnsistorialrat Marot vollzogen. Als der Geistliche eintrat, saßen die als Trauzeugen fungie­renden „Freien" in Hemdsärmeln beim Kartenspiel. Auch die Braut ließ auf sich warten und kam schließlich in einem einfachen Hauskleide. Eine Bibel fand sich nicht vor: während der Zeremonie blickten die Gäste ge­

langweilt zum Fenster hinaus, und als die Ringe ge­wechselt werden sollten, waren keine da. Da zog Bruno Bauer seine lange gehäkelte Geldbörse ans der Tasche, schüttete die paar darin enthaltenen Münzen aus, zog die beiden Messingringe ab und übergab sie dem Prediger, indem er meinte, sie würden „die Ehe ebenso gut oder besser zusammenhalten". Marie war nun ein Hauptmitglied der „Freien". Sie rauchte Zigarren oder zeigte sich mit einer langen Pfeife, spielte ausgezeichnet Biüard und trank das damals in Berlin aufkommende Münchener Bier aus edeufo grotzen Krügen mi^e die Männer: sie ging in Männerkleidern, kurz, sie machte alle die Emanzipationen mit, die damals dem „jungen Deutschland" als das Ideal für die Frau erschienen. Aber die Ehe war nicht glücklich. Das Geld, das Marte mit in die Ehe gebracht hatte, schmolz zusammen, da Stirner seine Stellung als Mädchenlehrcr ausgab, und der Rest wurde an eine verunglückte Spekulation des Philosophen gewandt. Er hatte nämlich die Idee, eine Milchwirtschaft einznrichten, durch die die ganze Milch­versorgung Berlins nach einer Zentrale geleitet werden sollte, ein Gedanke, den dann der allbekannte „Kltngcl- Bolle" mit soviel Glück durchgeführt hat: aber Stirner war auch hierin nur der nicht von Erfolg gekrönte Vor­läufer. Er mietete große Kühlräume, schloß Verträge mit den Bauern ab, und an einem bestimmten Tage kamen in eigens dazu eingerichteten Wagen große Mengen von Milch an. Doch die Käufer fehlten, und als man den Tag gewartet hatte, blieb nichts anderes übrig, alS die sauer gewordenen Milchschätze in die Stratzenrinnen zu gießen. Als beide mittellos waren, trennte sich Marie von dem Gatten und ging nach Lon­don: Stirner selbst geriet nun in die größte Not, die ihn dazu zwang, in einem Inserat um einDarlehn zu bitten, iiüi ins Schuldgefänguis führte.

Als Sohn eines „blasenden Instrumentenmachers" ist er am 25. Oktober 1806 in Bayreuth geboren worden und verlor früh den Vater: auch die Gestalt der Mutter taucht in unsicheren Umrissen in seinem Leben auf. Der Rektor des Gymnasiums, das er besuchte, war jener Georg Andreas Gabler, der als der entschiedenste Jün­ger der Hegelschen Philosophie dazu auserschen war, den verwaisten Thron des großen Philosophen an der Ber­liner Universität einzunehmen, und den der spöttische Witz „die verhängnisvolle Gabel" nannte. Stirner — dieser Name war ihm seiner außergewöhnlich hohen Stirn wegen schon früh beigelegt worden — wandte sich, bald von der kritiklosen Anbetung Hegels jener geistigen Strömung zu, die aus dem konservativen und ortho- doxen Geiste ihres großen Lehrers Hegel revolutionäre und negierende Gedanken entwickelte. Diese jungen Heißsporne, die „die souveräne Kritik" als das Höchste proklamierten und nach dem Satze des Meisters „das Wirkliche ist das Vernünftige" die Gegenwart für un­vernünftig und daher unwirklich erklärten, hatten zu An­fang der vierziger Jahre sich zu einer Vereinigung der. „Freien" zusammengeschlossen und trafen sich in der Hippelschen Weinstube. Journalisten, jnnge Dichter, ja selbst Offiziere, kurz alle, die mit den damals in den Köpfen gärenden Ideen einer neuen Zeit sympathisierten, fanden sich hier zusammen. Ein toller, ausgelassener, übermütiger Ton herrschte: im dichten Qualm der

Pfeifen saß man beim Kartenspiel, oder eine aufgeregte Diskussion entwickelte sich, während der die Witze und geistreichen Bemerkungen einander nur so jagten und die paradoxesten Kühnheiten gewagt wurden. Nichts war der Kritik dieser Männer heilig. Da war Bruno Bauer, der kühnste der „Hegelinge", der die Widersprüche im System des Meisters ausgezeigt und die Überlieferung des Christentums kritisiert hatte, da war sein Bruder Edgar, der Atheist, der jeden Sinn der Geschichte und Politik leugnete, der sich in ausaelasscner Stimmung wie

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