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S4. Jahrgang.

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1808.

Morgen - Ausgabe.

__ 1. ISCaff.

Iüv öcrs 3. GucrrtcrL 1906

auf das

„Wiesbadener Tagbiatt"

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Armee und Politik.

s. Paris, 21. Juni.

Die alten aufregenden und gefährlichen Fragen über ftie Stellung rer Armee in der Republik, über die Be­ziehungen des Offizierkorps zu den Ministerien und Parteien, über die Pflichten der Disziplin und die Locke­rungen dieser durch politische Elemente sind jämtlich wieder in den letzten Tagen in den Vordergrund der Erörterungen und des Interesses getreten. Der Be­ginn des neuen Revisionsprozesses Dreysus, der Redekampf zwischen Clemenceau und Jaurbs in der Kammer und einige Indiskretionen und Polemiken haben sie aufs neue angeregt und abermals die ernsten Unzutraglichkeiten enthüllt, dis in dieser Hinsicht trotz aller durchgreifenden Reformen und entschiedenen Besse­rungen noch immer fortbestehen und die in dem latenten Widerspruche zwischen Parlamentarismus und Mili- tarismus begründet sind.

Bei den glänzenden Darlegungen und Angriffen des Ministers des Innern gegen die Kollektivisten und ihr revolutionäres Gefolge sind die die Armee betreffenden pingestreuten Bemerkungen weniger beachtet worden, als sie es verdienten. Clemenceau hat sich freilich wohl gehütet, auf die prinzipiellen Erwägungen der ein­schlägigen Fragen einzugehen, aber er hat doch den Kollektivisten gegenüber mit hinreichender Schärfe be­tont, daß er nicht gewillt ist, die Armee den Revolutio­nären zu opfern. Kr hat die Offiziere der Truppen, die zur Erhaltung der Ordnung nach den Ausstandsbe­zirken im Nord und Pas de Calais entsandt wurden, nicht nur sehr energisch gegen alle revolutionären Hef­tigkeiten und Unterstellungen verteidigt, sondern ihnen auch willig herzliches und reiches Lob wegen ihrer stoischen Haltung gespendet. Auf diese Weise hat der Minister so klar, alNes ihm die parlamentarische Taktik gestattet, zu erkennen gegeben, daß der Antimilitaris­

mus von ihm nicht nur keine Förderung und kerne Nachgiebigkeit zu erwarten hat, sondern stets seiner­seits energisch bekämpft werden wird.

Andererseits har der Kriegsminister Etienne bei mehreren Anlässen außerhalb des Parlamentes ver­sichert, daß den Angebereiskandalen, wie allen sonstigen Versuchen, die Offrzrere zu belästigen und in die Par­teikämpfe hineinzuziehen, ein kräftiger Riegel vorge­schoben worden ist. Diese Beteuerungen hatten mehr­fach eine Form, dw eine Mißbilligung der Amtswal- tung seines Vorgängers, des Generals Andrd, in sich schloß. Dieser scheint sich indessen immer noch^ nicht darüber klar geworden zu sein, daß man sein System der „Säuberung" der Armee von allen „klerikalen" und „reaktionären" Elementen als höchst gefährlich und die Ruhe des Landes, wie die Sicherheit der Republik be­drohend, endgiltig verworfen hat, da cr «nt seinen im „Matin" begonnenen Erinnerungen an sein ministerielles Wirken nicht allein auf eine Rechtfer­tigung seines Vorgehens, was ihm schließlich nicht ver­dacht werden könnt», hinzuarbeiten, sondern auch durch bedenkliche Indiskretionen die alten Konflikte wieder hervorzerren zu wollen scheint. Mit seiner Erzählung von dem Versuche der von ihm verabschiedeten General- stabsossiziere, des Generals Delanne an der Spitze, ihii durch den dainaligen russischen Militärattache Obersten Murawiew-Amursky mit allerdings etwas starken Mitteln und Drohungen einschüchtern zu lassen, hat er auch in den Kreisen der Republikaner, die in ihm, Com- bes und Pelletan die Retter der Republik zu feiern üre Gewohnheit haben, eine merkliche Verstimmung hervor­gerufen, da dadurch wieder leidenschaftliche Erörterun­gen über die französisch-russische Allianz veranlaßt wer­den, während doch der betreffende Zwischenfall längst erledigt ist.

Und man weist nicht mit Unrecht darauf hin, daß General Andrä augenscheinlich mit Berechnung gerade den Zeitpunkt der Verhandlungen des neuen Dreysus- Revisionsprozesses vor dem Kassationshofe zur Ver­öffentlichung der Geschichte seiner Kämpfe mit den ehe­maligen Generalstabsoffizieren gewählt zu haben scheint, um die von ihm erwartete Erregung aus den alten Enthüllungen über diesen geheimnisvollen Handel aufs neue zu schüren. Aber diese Enthüllungen haben augen­scheinlich jedes Interesse für die breiten Massen verloren, denn die Verhandlungen vor dem Kassationshofe schleppen sich unter allgemeiner Gleichgültigkeit dahin. Selbst der Antimilitarismus kann keinen neuen Stoff mehr für seine Propaganda aus ihnen schöpfen, da die Personen, die eine verdächtige Rolle in ihm gespielt haben, entweder bereits gestorben oder aus der Armee entfernt sind. General Andre macht sich also mit seinen bezüglichen Versuchen nicht nur verhaßt, sondern auch lächerlich. Vorläufig sind angesichts der revolutionären Gefahr, die Clemeneean so eindringlich in der Kammer den Volksvertretern vorhielt und so mannhaft be­kämpfte, so daß er jetzt als Retter der bedrohten Gesell­

schaft selbst von den Mälinisten und Konservativen ge­feiert wird, die Verdächtigungen und Angriffe gegen die Armee im republikanischen Lager streng verpönt und alle Leute, selbst die bewährtesten Freunde, die die alten peinlichen Aufregungen wieder herbeizuführen suchen, werden schroff zurückgewiesen. Das könnte General Andrä am eigenen Leibe schwer zu spüren bekommen, da bereits die Rede davon ist, ihn auf Grund der er­wähnten Indiskretion wegen Bruches eines diplomati­schen Geheimnisses und wegen Gefährdung des Bünd­nisses mit Rußland vor Gericht zu stellen.

MlechnW Keirille der MlldelsklMmrn.

Die in der jüngsten Zoll- und Steuergesetzgebung des Reiches wiederum zum Ausdruck gekommene, Handel und Industrie schwer treffende Agrarpolitik des Reiches hat die amtlichen Körperschaften der Betroffenen auf Mittel und Wege sinnen lassen, wie sie künftigen Benach­teiligungen möglichst Vorbeugen und die gegenwärtigen auf das geringste Matz beschränken können. Man hat er­kannt, datz Handel und Industrie bisher so gut wie gar nicht in der Lage waren, zoll- und stenertechnische oder finanzrechtliche, oft weite Kreise finanziell berührende Fragen selbständig zu beurteilen, datz man vielmehr mehr oder weniger auf die naturgemäß fiskalischen Aus­legungen und Entscheidungen des Bundesrats und der bundesstaatlichen Finanzministcr, bezw. der Reichs-Zoll- unü Steuerstellcn angewiesen war, ohne sie finanzrecht­lich und technisch prüfen und widerlegen zu können. Denn zoll- und steuertechnisch und finanzrechtlich durch- gebilöete Verwaltungsbeamte standen Handel und In­dustrie bisher nicht zur Verfügung. Welche Bedeutung aber eine solche zoll- und stenertechnische usw. Vertre­tung ihrer und ihrer Mitglieder des gesamten Handcls- und Jndilstriestandes habe, darüber war man sich nach den Übeln Erfahrungen besonders der letzten Jahre, völlig klar. Aus echt kaufmännischer Initiative ent­schlossen sich deshalb zunächst die deutsche Brennerei-Zen­trale (Zentrale der Gärungsindustrie), dann die Ältesten der Kaufmannschaft zu Berlin und diesen folgend die Mehrheit der deutschen Handelskammern, sich mit zoll- und steuertechnischen Beiräten im Hauptamte zu ver­sehen.

Es werden jetzt bewährte zoll- und stenertechnische Oberbcamte der staatlichen Zoll- und Steuerverwaltun­gen von den Handelskammern usw. anzustellen gesucht, da mit Recht nur diese als befähigt erachtet werden, die zur Wahrung der Interessen von Handel und Industrie als notwendig erachtete finanzrechtliche oder zoll- usw. technische Prüfung ergangener Entscheidungen und etwa in Zukunft den Körperschaften vom Reichsschatzamte zur Stellungnahme zugewiesener Entwürfe zu neuen Zoll- usw. Gesetzen oder zur Abänderung bestehender solcher Gesetze und ferner — und das ist nicht das Unwesent­lichste — zur Vorbereitung von Anträgen auf Abände­rung von Handel und Industrie hemmenden bestehenden

Feuilleton.

5lu§ meiner Mappe.

(Kür das „Wiesbadener Tagblatt".)

Von Waliher Schulte vom Brühl.

CXXXVIII.

Die Nihilistin.

Gibt es etwas Öderes als den badischen Babnhof zu Pasel? Ich stand am Fenster des Wagenabteils und blickte auf die schwitzenden, verärgerten Reisenden, die s.hr „eingeschriebenes" Gepäck verzollen mußten, blickte in die vom Lokomotivrauch geschwärzte Halle, auf den gelangweilten Schweizer Zollsoldaten, der da herum- schlenderte, und meine Seele war wenig freudig ge­stimmt.

Da flatterte etwas zu mir herein in den kastenartigen Raum, etwas, von d-m ich beim Umwenden einstweilen nur einen langen grauen Paletot, darüber einen unge­heuer dicken Knoten ungeheuer blauichwarzen Haares und darüber einen mit einer langen Nadel sestgehalte- nen, einfachen Strohhut erschaute. Dann, bei einer Wendung, ein weiches, jugendliches „Überprofil", und nun nach Ablegung der grauen Hülle, in Hemdbluse und schlichtem Lodenrock ein wonnesames, graziöses Figür- chen. Dies Figürchen ließ sich auf der Rank, mir gegen­über, nieder und zwei selten große, graue, schöne und kluge Augen schauten mich einen Augenblick prüfend an. Donnerwetter, war das ein nettes Ensemble, das Figürl und das Gesichterl! Ich habe all mein Leben — mit Permiß — eine unschuldige Freude am Anblick hübscher Mitmenschen, besonders solcher mit langen Haaren, gehabt. Es kommt das von meinen Augen, die -immer nach ästhetischen Genüssen in Kunst und Natur

cmsgehcn. Und wahrhaftig, es war ein ästhetischer Ge­nuß, diese Reisegefährtin zu betrachten Eine Nadel in ihrem Haarwald, der wertvolle Griff ihres Schirms Verrieten mir. daß sie von „geschmackvollem Herkom­men" sei. Aber warum diese geradezu gesucht einfach? Toilette? Während ich mir darüber noch den Kopf zerbrach, stieg die. junge Dame wieder aus, ging auf den Bahnsteig. Ich betrachtete währenddes ihr Gepäck. Es bestand nur aus einigen, zu einem Pack zusammen­gebundenen, in Papier gehüllten Paketen, darauf fest­geschnürt etwas, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Kollegumheften hatte. Aha, also eine Studentin!

Unterdes kehrte die junge Dame zurück, in der Hand die neuesten Nummern der „Frankfurter Zeitung" tragend, in deren Lektüre sie sich alsbald vertiefte. Sie las — den politischen Teil, las, ich glaubte es deutlich zu bemerken, die Nachrichten über Rußland. Also eine russische Studentin und diesem politischen Interesse zu­folge eine — Nihilistin. Das wurde mir zur unum­stößlichen Gewißheit. Und darum auch, bei allem kör­perlichen Netz, dies gesucht einfache Kostüm, dieses offensichtliche Verschmähen jeder weiblichen Koketterie. Nur die eleganten gelben Lederstiefelchen, die einen allerliebsten Fuß mit hohem Spann verrieten, zeigten, daß doch eine Evastochter in diesem interessanten, jugendlichen Weibe stecke, das sonst nach der Art der russischen Studentinnen alles tat, in seinem Äußern das „dritte Geschlecht" zu markieren.

In Basel, beim Umstieg nach Zürich, kamen wir wieder in einem gleichen Abteil zusammen, ja sogar auf das gleiche Bänkli. Ich konnte nicht anders, ich mußte die schöne Reisegefährtin immer wieder anschauen, tat es heimlich über das Buch hinweg, um nicht in den Ver­dacht eines unerzogenen Rüpels zu kommen. Ein Mit­leid wandelte mich au. Welches Los würde dieser Revo­lutionärin wohl blühen, wenn sie vielleicht mit Prokla­

mationen im Rockfutter in ihr heiliges Rußland zurück­kehre und erwischt werde? Kerker, Mißhandlung, Ver­gewaltigung, der Strick des Henkers um dies offenbar sehr schlanke, runde Hälschen hinter dem hohen Steh­kragen!

Mein Interesse steigerte sich von Station zu Station und ich zerbrach mein Hirn, wie ich wohl in schicklicher Art ein Gespräch mit ihr, deren Blick mich öfter neu­gierig gestreift hatte, anknüpfen könne

Da, zwischen Brugg und Baden, geschah das Furcht­bare. Dringt ein täppischer Biedermann in den Wagen, stolpert über das gelbgeschuhtc Füßchen meiner Reise­gefährtin und brummt erschrocken sein: „Exkussöh!"

Doch von den Lippen meiner „Nihilistin" erklingt es da im schönsten unverfälschtesten Schwyzerdütsch: „Oh. es hüt nüt zsäge!" (Es hat nichts ;u sagen.)

6XXXIX.

Mein alter Schreibtisch.

Mir ist immer, als ob die Dinge, die ich lange in Gebrauch gehabt, eine Seele hätten, als ob es sie kränke, wenn ich mich von ihnen trenne oder sie gar der Ver­nichtung weihe. Es tut mir ordentlich leid, wenn ich einen alten Rock weggebe, bei dem Gedanken, wie treue Dienste er mir geleistet und Frost und Hitze mit mir ge­tragen habe. Zu einem rechten Freunde aber ist mir mein alter Schreibtisch geworden. Er war ein wirk­licher Schreibtisch und ich war sehr stolz, als ich ihn mir für ganze zehn Taler erstand, denn sein Vorgänger war nur ein gemeiner, glatter Tannenholztisch gewesen, über den ich ein Nesseltuch gespannt hatte. JJhm, für geint Taler kann man ja auch keinen prima Schreibtisch ver­langen, aber der neuerstandene besaß doch wenigstens zwei größere Schubladen und ein halb Dutzend kleinere, die immer gnietschten, wenn ich sie aufzog und nur be- scheidenen Dingen Raum gewährten. Aber es war ja