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Wiesbadener ÄsMstt.

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ZIÜV öcrs 3. GucwtcrL 1906

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ZU der imslllliWen Mer neuen MWellern.

der Fahr! arten st euer, schreibt uns der bekannte Eisenbahntariftachmann Professor Dr. Eduard Enger:

In der Geschichte des deutschen Parlaments wird außer dem ersten, dem verfassunggebenden Reichstag keiner eine so hervorragende Stellung einnehmen wie der gegenwärtige, lvenn auch ans ganz entgegengesetzten Gründen als der 1871 gewählte. Durch seine verkehrs- seindtichen Beschlüsse wird er sich das Andenken der schädlichsten Volksvertretung erworben haben, dre das neuere Deutschland je besessen hat. Kein selbstherrlicher Monarch mit starkem Vcrantwortlichkcitsgefühl hätte auf eigene Faust gewagt, was unser Reichstag vollbracht hat: eine Verteuerung des Personenverkehrs aus den Eisenbahnen selbst zu beschließen und eine mehr als ge­doppelte Verteuerung des Postkartenverkehrs in den Städten und Vororten von der Regierung zu fordern! Aus eigenem Antriebe wäre irnsere Rcichspostverwaltung gewiß nicht dazu gekommen, die geliebte Zweipsennrg- karte und die billige Drucksache im Ortsverkehr zu be­seitigen. Nun, da die Mehrheit der gewählten Vertreter des Volkes die Verteuerung gefordert hat, wird die Post­verwaltung, an deren Spitze seit Stephans Tode kern Lcrkchrsmann großen Stils gestanden, sicher mit beiden Händen zugreifen und das tun, was in anderen Ländern nur geschehen ist nach den furchtbarsten Niederlagen des Staates: Sie wird den Postverkehr wesentlich verteuern, wird schädigend eingreifen in Millionen nützlicher Be­ziehungen von Mensch zu Mensch, und wird schließlich doch im besten Falle nur wenige Millionen gewinnen, die im Gesamthaushalt des Reiches kaum ernsthaft mit­zählen.

Ihren ganz besonderen Charakter bekommt die vom Reichstag beschlossene Verteuerung des Eisenbahn-Ver­

kehrs durch einen Umstand, auf den nicht mit dem ge­hörigen Nachdruck hingewiesen worden ist, weder in der Presse noch im Reichstage selbst, in diesem natürlich am allerwenigsten. In derselben Woche, nur drei Tage nachdem der Reichstag sich selbst außer einer Entschäcn- aung von 3000 Mark vollkommen freie Fahrt in der ersten Klasse auf allen deutschen Eisenbahnen bewilligt hatte, verteuerte er durch die Fahrkartensteuer der Mehr­zahl aller Reisenden die Eisenbahnfahrten in sehr cmp- sindlicher Weise. Der Abgeordnete, der zum Beispiel zwischen München und Berlin ganz umsonst in der ersten Klasie fährt, legt allen seinen Mitreisenden in derselben Klasse für die Fahrt hin und zurück eine besondere Lrtener von 16 Mark ans! Und dem Reisenden, der in der dritten Klasse fährt, legt der Abgeordnete, der für die Fahrkartensteuer gestimmt hat, einen Stempelbetrag von 1,80 M. auf, den er selbst so wenig bezahlt wie die Eisenbahnfahrt.

Dazu komnit, daß von keinem Abgeordneten be­stritten werden wird, daß er seine Freikarte auch in sehr vielen Fällen nicht bloß zu „Dienstreisen" als Abgeord­neter, sondern zu Vergnügungsfahrten benutzen wird, ohne daß er jemals einen Pfennig an Fahrkartenstener bezahlt. Hier haben wir also den ganz einzigen, uner­hörten Fall, daß Volksvertreter eine Steuer dem Volke auferlegen, sich selbst aber gleichzeitig von ihr völlig frei machen. Tie Gehässigkeit einer solchen Maßregel wird dauernd auf dem Reichstage ruhen, und d'.e ganze Grundeinrichtung der deutschen Volksvertretung wird unter dieser Gehässigkeit leiden. Was will rn Zukunft ein Reichstagsabgeordneter Triftiges erwidern auf dre Frage, warum keine Verbilligung der Eiscnbahnfahrten cintritt, nachdem er für sich selbst die allcrbilligstc Karte, die „umsonstige", zur Regel gemacht hat?'

Ich stehe auch nicht an, es offen auszusprechen, daß ich in der Bewilligung der unentgeltlichen Benutzung aller deutscher Eisenbahnen für die Abgeordneten eine ernste wirtschaftliche Gefahr erblicke. Es ist kein Zufall, daß in Deutschland bisher die Eisenbahnresormbewcgnng stärker gewesen ist als in den meisten anderen Landern, daß alljährlich in den Reichstagsverhandlnngen dre Notwendigkeit einer Verbilligung der Personenfahr- preise nachdrücklich betont wurde. Ich glaube nicht, daß diese Bewegung in Zukunft mit gleicher Stärke vor sich gehen wird. Es ist ein ganz ander Ding, ob man die Reformbedürftigkeit einer Einrichtung am eigenen Geld­beutel kennen lernt oder durch persönlich teilnahmloses Nachdenken. Ich erinnere mich lebhaft der Antwort, die mir einst ein hoher Eisenbahnbeamter auf meine Frage gab, warum denn icicht der Versuch mit einer tiefgreifenden Verbilligung des Personenverkehrs ge­macht würde. Er antwortete mit einer Gegenfrage: Halten Sie denn die jetzigen Fahrpreise für teuer? So fragte mich ein Mann, der seit einem Menschenalter nre-

mals eine Fahrkarte selbst bezahlt hatte! Die Rcichs- tagsabgeordncten, die während der Hälfte des Jahres unentgeltlich auf allen Eisenbahnen fahren dürfen, wer- den an Empfindlichkeit für die jetzige Höhe der Fahr­preise merklich einbützen. Nach der Einführung der unentgeltlichen Eiscnbahnfahrt sür Abgeordnete halte ich die Möglichkeit einer Eisenbahnresorm, zu der das Parlament den Anstoß gibt, für ausgeschlossen.

Was aber die „hohen Einnahmen" aus dem Fahr- kartenstempel betrifft, so wird sich sowohl der Rcnchs- schatzsekretär wie mancher deutsche Eisenbahnministec furchtbar „schriciden". Der Reichsschatzsekretär aller- dings nicht so arg wie die verschiedenen Eisenbahn- minister. Die Reichskassc wird eine ziemlich hohe Ein­nahme aus dem Fahrkartenstempel erzielen, wenn auch nicht gleich eine so hohe, wie jetzt angenommen wiro. Die Einzelverwaltnngen aber der deutschen Eisenbahnen können ihr blaues Wunder erleben! Ich sehe mit Sicher- heit ein Nicdersteigcn der Reisenden in den Fahrklassen voraus, Verschiebungen so gewaltig und dauernd, daß ich die Möglichkeit nicht für ausgeschlossen halte, daß die Mindereinnahme der Einsenbahnen selbst durch das Sinken in der Benutzung der höheren Klassen sogar noch die Gesamteinnahme des Reiches aus dem Kartenstempel übertrifst. Es handelt sich hierbei um Bewegungen, die mit der Urgewalt von Naturgesetzen wirken. Ganz be­sonders werden sich die Wirkungen des Kartenstempcls im Nahverkehr zeigen, in der ersten Stempelzone: bei einem Fahrpreise von 60 Pfennig bis 2 Mark. Ein einfaches Beispiel mag zeigen, wie gefährlich jede Ver­teuerung im Nahverkehr werden kann. Nach dem Ge­setzesparagraphen über die Fahrkartensteuer sollen fort­an Karten von 60 Pfennig bis 2 Mark in der zweiten Klasse 10 Pfennig Stempel zahlen. Eine Fahrt von Berlin nach Potsdam in der zweiten Klasse kostet hin und zurück 1,50 Mark. Sie wird unter der Herrschaft des Fahrkartenstempels 1,70 Mark kosten. Man sage nicht: Wer für eine solche Fahrt 1,60 Mark bezahlt hat, der kann auch 1,70 Mark bezahlen! In allen solchen. Dingen tritt sehr bald der „psychologische Augenblick" ein, und die Überzeugung ist recht weit verbreitet, daß es wenige so anständige Mittel gibt, auf die leichteste Weise ein Stück Geld zu verdienen, wie die Benutzung einer niedrigeren Eisenbahnklasse. Die Zahl der Reisen­den ist sehr groß, die, vor die Frage gestellt, ob sie bei einer kleinen Familienreise von vier Personen 4 Mark für vier Hin- und Rückfahrten, die stempclfrei bleiben, bezahlen sollen oder 6,80 Mark (zweite Klasse mit Fahrkartcnstempell, sich für die stcmpelfreie Fahrt zw vier Mark in der dritten Klasse entscheiden werden, Dann hat der Reichsfiskus 80 Pfennig eingebüßt, die preußische Eiscnbahnverwaltung außerdem noch 2 Mart, Da die vierte Klasse ganz stempclfrei ist, so wird ein Übergang aus der dritten in die vierte Klasse massen-

Femüeton.

Mittsommernacht.

Von L. E. Stein.

Die Natur steht jetzt in herrlichster Pracht. Baum uno Strauch, Gras und Blumen: alles grünt in üppig- Ticr Fülle. Der Kreislauf des Jahres ist wie die Sonne, sie ihn regelt, an einem Wendepunkte angekommen; die Zeit des Lichts, der Helle Tag, hat seinen Höhepunkt er­reicht und sein höchstes Matz erfüllt: er triumphiert über das Dunkel der Nacht, die aus ihren kleinsten Raum be­schränkt ist. Die sparsame Hausmutter läßt die Lampe ruhig stehen, ohne sie anzuzünden: die Kinder spielen auf den Strahcn und Plätzen bis zum Schlafengehen, und die lichtscheue Eule muh lange warten, che sie ihr sicheres Versteck in der Spitze des Kirchturmes verlassen kann. Es will nicht ganz dunkel werden. Noch um die zehnte Abendstunde strahlt vom blauen Himmel ein seltsames durchsichtiges Licht, das einen gespenstischen Schein auf der Erde verbreitet. Allmählich wird cs dunkler, aber der helle Lichtschein verschwindet nicht, sondern zieht langsam am nördlichen Horizont weiter nach Osten: nach einigen Stunden schon beginnt die Morgendämmerung, und bald steigt der glänzende Fencrball siegreich am Firmamentc empor, Wälder und Felder mit einer Fülle von Licht übcrgießend.

Um diese Zeit geht bei unseren Brüdern im hohen Norden die Sonne gar nicht unter. Schlägt die Geister­stunde, dann scheint sie noch so hell zu Spiel und Tanz für alt und jung, als gäbe 'cs keine Nacht und keinen Schlaf. Sic senkt sich um Mitternacht wohl ein wenig, verschwindet aber nicht ganz am Horizont. Wie um di- Weihnachtszeit sich eine endlose Nacht auf Skandinaviens Nordküste herniedersenkt, so führt jetzt Helios eine un­beschränkte Herrschaft, um auch hier fröhliches Leben hcr- vorzuzauberw

In dieser Zeit der höchsten Lichtfülle feierten unsere altheidnischen Stammväter das Fest der Sommersonnen­wende, das ungefähr in die Mitte des Sommers fiel und daher auch Mittsommertag genannt wurde. Der Höhe­punkt des Jahres war erreicht: die Sonne neigte sich wieder in ihrem Laufe: da muhte nach der Anschauung unserer Altvordern der Lichtgott Baldur, zu Tode ge- I troffen vom Mistelzweig seines blinden Bruders Hödur, sterben. Als nun an die Stelle des naiven Naturkultus eine geläuterte Gottesvcrehrnng trat, suchten deren eif­rige Vertreter und Verbreiter den mit dem Fest der Sonnenwende verknüpften heidnischen Gebräuchen, die zu tief mit dem germanischen Gemütslcben verwachsen und daher nicht so leicht anszurottcn waren, eine christ­liche Bedeutung nnterzulegen. Sv trat an die Stelle des Festes der Jahresmitte das Fest Johannis des Täufers. Biele Bolksbrüuchc aber, denen man am Johannistage (24. Juni) in den verschiedensten Gegenden noch heutzu­tage begegnet, haben nicht im christlichen, sondern im heidnischen Boden ihre Wurzeln und Fasern. Das gilt ganz besonders von den Volksbrüuchen und Volks- meinungcn, die sich an die Mittsommernacht, die Nacht vom 23. znm 24. Juni, knüpfen.

Nach einem weitverbreiteten Glauben sind in der Mittsommernacht viele Geister losgelassen, vor denen man daher auf der Hut sein mutz. So umbindet man in einigen Gegenden die Obstbäumc mit Strohscilen und meint, daß dann die Früchte, die sie tragen, nicht unreif absallen können: auch legt man Besen kreuzweise übe: die Schwellen der Stalltüren, damit die bösen Geister dem Vieh nicht schaden können. Am Strande des Haringsvliets in Holland fahren die Fischer in dieser Nacht nie aus, weil sic fürchten, „geäfft" zu werden. Wer in Schweden sich nicht davor scheut, von Hexen und Nachtgeistcrn beunruhigt zu werden, sucht einen Kreuz­weg ans, wo sich drei Wege scheiden, und erwartet dort, was ihm einfällt oder begegnet, als Prophezeiung oder Warnung. Um ein Kind von Fallsucht zu heilen, muh man in der Johannisnacht zwischen 11 und 12 Uhr still­schweigend eine Schierlingswnrzel ausgraben,- diese muß

das Kind so lange an einem Faden um den Hals tragen, bis sich der Schaden verliert. Unter den Wurzeln des Johanniskrautes findet man am frühen Morgen des Johannistages einen Blutstropfen, der gegen allerhand Krankheiten nützt.

Bon ganz besonderer Bedeutung ist die Mittsvmmer- nacht für die heiratslustige Jugend. In ihr kann man den dunklen Schleier der Zukunft lüsten. In Böhmen winden die Mädchen in dieser Nacht Kränze aus neuner­lei Blumen, setzen sie aufs Haupt und begeben sich, wenn die Sterne am Himmel stehen, an einen Bach. Schauen sie dort an einer Stelle, air der ein Baum steht, ins Wasser, so erblicken sie das Bild des künftigen Lebens­gefährten. In Hessen und in Schweden dagegen legen die heiratslustigen Schönen einen aus neunerlei Blumen gewundenen Kranz unter das Kopfkisien und hoffen, daß ihnen der Liebste im Traum erscheint.

Anderwärts säen die Mädchen um Mitternacht im Hofe oder Garten Hanfsamen und sprechen dazu: „Hanf­samen, ich säe dich, Hanfsamen, ich behacke dich, und wer mein Herzliebster ist, komm hinter mir und mähe dich!" Auch geht die Jungfrau am Abend, ohne ein Wort zu sprechen, rücklings in den Garten, pflückt eine Rose, legt sic zwischen zwei Blätter Papier und nimmt sic, ohne nachznschen, erst zu Weihnachten wieder heraus, zu wel­cher Zeit sic so frisch sein soll, wie sic zur Blütezeit ge­wesen, und steckt sie an die Brust in der Hoffnung, daß der Erwartete dann kommen müsse, sich diese Rose zu erbitten. Diese Licbesorakcl, deren Zahl sich noch be­deutend vermehren liehe, verweisen ohne Zweifel aus die junge, schöne Schwester des Lichtgottes Baldur oder Freyr, Frcya, die Göttin der Liebe, hin.

An Freya selbst erinnern die Johannis- oder Sonnwendfener, die früher irr allen Gauen unseres Vaterlandes in der Mittsommernacht auf Bergen und Anhöhen, ans Strahcn und Plätzen hell cmporloderten, und die, so sehr man ihres heidnischen Ursprungs wegen, auch bemüht war, sie auszurottcn, sich hier und da, namentlich in Oberdeutschland bis heute erhalten haben. Überall herrscht Freude bei Musik und Tanz um die für