64 . Jahrgang.
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No. 284.
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1906.
Morgen - Ausgabe.
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Vertag des „Wiesvadener Fngölatt".
Die Iilmüdeilllerscheriilig der MMerker.
Es läßt sich nicht leugnen, daß die Handwerker heute besonders schwer unter der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse, unter dem Wettbewerb der erdrückend starken fabrikmäßigen Großindustrie und dem oft beklagten Borgsystem zu leiden Habens cs ist daher wohl gerechtfertigt, wenn gerade ihnen in bevorzugter Weise die rettende Hand des Staates geboten wird, vorausgesetzt, daß dies in einer Art geschieht, welche auf einen Erfolg der Hülfeleistung rechnen läßt.
Ist dies nun wirklich bei der Ausdehnung des Jn- validenversicherungszwanges auf den Handwerkerstand der Fall?
Die Antwort muß, wenn man sich die Ausführung der Hanöwerkerversichernng vergegenwärtigt, verneinend lauten, und es wäre erwünscht, daß allenthalben die ruhige, sachliche Prüfung der Frage ohne Scheu vor der daraus sich ergebenden Enttäuschung der Nächstbeteilig- ten vollzogen würde.
Wie soll denn die Beitragsentrichtung für die selbstständigen Handwerker geregelt werden? Von vornherein ist die Möglichkeit übzulehnen, daß sie im Hinblick auf die für bestimmte Auftraggeber erfolgende Tätigkeit so behandelt werden könnten, als ob die Handwerker bei diesen im Dienste ständen. Der Hinweis auf die durch Bundesratsbeschluß für vcrstcherungspslichtig erklärten Hausgewerbetreibenden der Tabak- und der Textilindustrie ist nicht stichhaltig, denn vom Hausgewerbetreibenden zum selbständigen Handwerker ist ein weiter Schritts die wirtschaftliche Abhängigkeit der Haus- industriellen, ihr festes, durch die Wiederkehr der Aufträge stets von neuem bestätigtes Arbeitsverhältnis zu den Fabrikanten läßt einen Vergleich mit fast allen Handwerksmeistern und deren Kundenkreis schlechterdings nicht zu. Die Heranziehung der Auftraggeber zu Beiträgen sowohl für die Handwerker selbst als auch für die bei diesen beschäftigten Gesellen, Gchülfen, Lehr
linge und Arbeiter würde daher auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, denen man auch durch die in der Textilindustrie bewährte Abschätzung des Arbeitsbedarfs, wie sie einst Präsident Dr. Bödiker allgemein als Ersatz für das Klebcsystem empfahl, nur in einer höchst ungewissen, an Willkür grenzenden Art und Weise zu entgehen imstande wäre. Ein scheinbar sich bietender Ausweg, die Anlegung und fortlaufende Führung von Verzeichnissen über die gefertigten Arbeiten, die Auftraggeber und die Stundenzahl, die von den Meistern und ihren Leuten bei der Ausführung geleistet ist, brächte die Harrdwerker vom Regen in die Traufe,' die meisten würden diese Listen beim besten Willen nicht genau genug im Gange erhalten und an Strafen und an Zeitverlust mehr dabei einbützen, als der Beitragsanteil dritter Personen wert ist. Sv gelangt man zu dem Schlüße, daß der Gesamtbeitrag von den Handwerkern selbst zu zahlen sein müßte — ein Ergebnis, das an sich schon geeignet ist, viele derselben von der ganzen Veranstaltung ziurückzuschrecken, in der alsdann nur eine neue Art von Steuer oder Abgabe erblickt wird.
Und wie sollte die Überwachung der Veitragsentrich- tung vor sich gehen? Der bequeme, in vielen Bezirken gewühlte Weg der Anglicderung an die Orts-, Jnnungs- krankenkassen und Gemeindekrankenverstch erringen ist nicht gangbar, weil die Handwerker für ihre Person jenen Kassen nicht anzugchören brauchen. Irgendeine Kontrolle muß natürlich da sein, damit nicht die Sache auf dem Papier stehen bleibt,' sie ist auch deshalb nötig, weil hier nicht — wie bei der Arbeiterversicherung — eine Partei der anderen gegenüber ans die Erfüllung der gesetzlichen Pflicht bedacht zu sein Anlaß hat. Es läuft also wohl darauf hinaus, den Landcsversicherungs- anstalten selbst oder den für sie tätigen Kontrollstellen, Hebeorgancn, Gemeinöehöröen usw., die-Sorge für den pünktlichen Eingang zu übertragen. Gerade diejenigen Handwerker, für welche die Invalidenversicherung voraussichtlich am zuträglichsten wäre, werden am häufigsten die Markenverwendung versäumen, und ihrer Einrede, daß es ihnen zurzeit an Geldmitteln gefehlt hätte, darf man sehr häufig Glauben schenken. Und so ist die Handhabung der Sache bald für weite Kreise auf dem toten Punkte angelangt. Will man sich noch ausmalcn, welche Wirkung es hat, wenn bei dem Handwerker um seiner eigenen Beiträge willen gepfändet werden soll?
Auch bei der Feststellung der Voraussetzungen für die Bewilligung der Invalidenrente stößt man auf mancherlei Bedenken. Die Vorbedingung für die Annahme, daß Invalidität vvrliege, pflegt im allgemeinen zu sein, daß man nicht mehr als ein Drittel des von ähnlichen Personen durch angemessene Beschäftigung erworbenen Verdienstes sich zu verschaffen imstande ist, weil die körperlichen oder geistigen Kräfte entsprechend gesunken sind. Bei den Lohnarbeitern ist das Vorliegen oder Fehlen
einer derartigen Tätigkeit der einfachste Maßstab, dessen Anlegung auch erfahrene Arzte neben der Prüfung des medizinischen Befundes nicht verschmähen. Zur Leitung und Beaufsichtigung des eigenen Betriebs ist nun aber ein Unternehmer offenbar noch lange befähigt, wenn es ihm auch nicht mehr gelingen will, selbst mit Hand an- zulegen. Es würde sehr böses Blut machen, wenn man einen um die Rente sich bemühenden Handwerksmeister auf diese noch vorhandene Möglichkeit Hinweisen wollte, und doch zwingt die Untersuchung im Einzelfallc zu solchen Erwägungen.
Eines schickt sich nicht für alle! Die Invalidenversicherung hat ein Lvhnarbeits- oder doch ein verwandtes Verhältnis zur natürlichen, regelmäßigen Voraussetzung, sie paßt für den Handwerksmeister — wenigstens im Rahmen des gesetzlichen Zwangs — zu wenig, als daß die Einführung empfohlen werden kann. Sie würde ja auf alle Fälle nur eins von den „kleinen" Mitteln sein» und unter den Vorschlägen, dem bedrängten Handwerksstande emporzuhelfen, gibt es manchen anderen, der mehr Wirkung verspricht, weil er in richtiger Weise Staatshülfe und Sclbsthülfc nebeneinander zur Geltung bringen will sMcisterknrse, Reisestipendien, Lehrwerkstätten, obligatorischer Fortbildungsunterricht, Gründung von Gewerbehallen in Verbindung mit Ausstellungen und dergleichen). Möge man hierauf das Hauptaugenmerk richten, statt immer wieder dem Trugbild der Zwangsversicherung nachzujagcn!
Ern Kries uns Manila.
Brüssel, 20. Juni.
Von Manila und den gesamten Philippinen hat man eigentlich seit der Okkupation durch die Uankees weniger gehört als zur Zeit der spanischen Herrschaft, die doch sehr zugeknöpft sein soll. Ein gewisses Geheimnis beobachten die Vereinigten Staaten, weil dies ihre „Station zur Beobachtung der japanischen Ausdehnungs- gelüste" ist, aber sie sind doch genötigt gewesen, zuzugestehen, daß auf Miölanao Aufstände stattgesunüen haben, die kriegerische Gewalt zu ihrer Unterdrückung beanspruchten.
Da ist ein Privatbrief eines gewissen TrSnnnttn, der die Inseln früher besucht hat, und nunmehr wieder nach Manila gekommen ist, vom größten Interesse. Er schreibt: Auch wenn man zehn Jahre nicht dagewesen ist, schaut der wundervolle „Paseo de ka Lunetta", die „Mondschein-Promenade" noch ebenso überraschend aus, obwohl alles sonst verändert ist. In den Wagen, die ihn durchfahren, ist keine neue Gesellschaft, aber eine neue Rasse. Jede Nacht fand hier Blumenkorso statt, wo man Kräfte für den folgenden „Abend" sammelte: Blumen über Blumen, welche die Vorfahren vhne Kenntnis des
Femlleton.
MM sntotcnj
Schwarze chualgeister.
Bon I. von Altwallstädt.
Der fröhliche Poet Leander, der durch die Welt der Wirklichkeit als der würdige Chirurgieprofessor Richard von Volkmann schritt, besingt im Anfang seiner Dichtung „Idyll" frohlockend die scheinbar erfolgreiche Vertreibung einer Fliege von seinem Kinn, um schon nach wenigen Vcrszeilcn in den zornigen Seufzer auszubrechen:
„Und nach zwei Minuten sitzt mir Wieder aus der Stirn der Unhold!
Und nun folgen die Attacken Schlag auf Schlag. Die ersten werden Zwar noch glücklich abgewiesen.
Unwirsch schüttl' ich mit dem Kopf«,
Werfe mich umher im Bette,
Doch vergeblich! Immer mrcder Ist er da, der arge Brummer,
Auf der Aase, auf der Stirne,
Jetzt im Ohr! So hol' der Henker Dies« raffinierte Bosh«itl"
In den Herzen wie vieler Lerdensgezrossen mögen diese Verse ein Echo wecken! Manch schöne Lippe und manch bärtiger Mund werden dem harten Wort von der „raffinierten Bosheit" des kleinen Quälgeistes, durch den schon ungezählte menschliche Nachmittagsruhen fromme Wünsche geblieben sind, unbedenklich beistimmen. Die alten Griechen in ihrer froheren Auffassung der Dinge vermuteten hinter der leidenschaftlichen Ausdauer, mit der die Fliege den schluminernden Menschen heimsucht, allerdings einen weit liebenswürdigeren Beweggrund, als wir ihn in der raffinierten Bosheit anzuführen wissen. In seiner „Lobrede auf die Fliege" verrät uns Lucian die Entstehungsgeschichte des Flicgengeschlechts und damit auch die Ursache für des letzteren scheinbar böswillige Aufdringlichkeit: Es war einmal, erzählt die Sage, ein allerliebstes, dunkellockiges, mutwilliges Mädchen namens Myja, das durch seine
Liebe zu dem schönen Endymion die Nebenbuhlerin der Göttin Selene wurde. Da nun die lustige, neckische, schalkhafte Myja durch ihr ewiges Summen und Singen und Schabernacktreiben den schönen Endymion weder schlafen noch ruhen ließ, so wurde dieser äußerst ungehalten auf den niedlichen Plagegeist, und die nicht weniger verstimmte Selene verwandelte das arme, junge Ding zur Strafe in jenes kleine, schwarze Insekt, das in Griechenland den Namen Myja trug, und das uns allen als Fliege wohlbekannt ist.
Weil nun der schöne Schläfer Endymion ihr bis auf den heutigen Tag im Köpfchen steckt, darum kann die Fliege noch immer niemand ruhig schlafen lassen und hat es besonders ans Kinder und junge Leute abgesehen. Darum auch „sind ihre Bisse", schreibt Lucian, „und ihre Neigung, an den Menschen zu saugen, nichts weniger als Zeichen von bösem Willen, sondern im GegenteilBeweise ihrer Liebe und Anmutung zu den Menschen: sie sucht, wenigstens soviel sie kann, von ihnen zu genießen und von der Blume der Schönheit, so zu sagen, abzuweiben."
Diese reizende und sinnige Erklärung hört sich besonders lieblich nnd rührend an, wenn in der kalten Jahreszeit eine einsame, überwinternde Fliege müde, matt und ungefährlich über unseren Tisch dahinschleicht. Ob das hübsche Märlein aber die Macht hat, uns mit den schwarzen Quälgeistern wirklich auszusöhnen, wenn wir in der Siestastnnde eines heißen Sommertages gerade „abgeweidct" worben sind, bleibt doch recht fraglich.
Ja, eine eben abgeweidete menschliche Schönheit wird sich höchstwahrscheinlich nicht einmal von der gewichtigen Stimme Homers beeinflussen lassen, die sich mehrmals zugunsten der Fliegen erhebt. Seine zäh ausdauernden Helden vergleicht der Dichter nicht unaern der summenden Fliegenschar, die sich von ihrem Ziele nicht abbringcn läßt, die immer und immer wieder zu ihrem Opfer zurückkehrt. Als Mcnelaos die Pallas Athene um Kraft bittet, da gibt die Göttin ins Herz ihm „Der Flieg' unerschrockene Kühnheit ,, ,, .
weiche, wie oft sie immer vom menschlichen Leibe gescheucht wird, stoch anhaltend ihn sticht, nach Menschenblute sich sehnend.? —
„O Schande!" ruft auch ein Tragödienüichter des Altertums aus, „eine Fliege fällt mit tapferem Mut die stärksten Männer an, nach ihrem Blute dürstend, und Männer, ganz mit Stahl bedeckt, entsetzen sich vor einer Lanze!"
Die Dichter ferner Zeiten bemühen sich jedoch vergeblich, den modernen Menschen zur Bewunderung der Fliege zu überreden. Wenn dieser nicht gerade einen Laubfrosch in sein Haus aufnahm und das schwarze Ungeziefer als Nahrung für seinen großmäuligen Pflegling zu schätzen weiß, dann bleibt für ihn die Fliege, trotz der hohen, literarischen Würdigung, die sie gefunden hat, doch nur eine unschöne Zugabe zur schönen Jahreszeit, eine recht lästige Plage.
Nichtsdestoweniger sollten wir über diese unsere Fliegenplagc nicht murren, denn sic ist leicht zu ertragen nnd wenig bedeutend, wenn wir sie mit der Fliegenplagc vergleichen, die unter anderen Himmelsstrichen, z. V. in Wüstenorten, herrscht. Der berühmte Afrikareisenüe Dr. Nachtigal gesteht, das; ihn in Mursuk die Fliegen fast zur Verzweiflung brachten. Gerade um die Frühlingszeit, als die Hitze noch nicht auf den höchsten Grad gestiegen war, erreichte das Treiben der Fliegen, das dort im Winter abnimmt und im Hochsommer ganz erstirbt, seinen Höhepunkt. Dann mußte man das Tintenfaß fest geschlossen halten und bei jedem Eintauchen der Feder es vorsichtig wieder öffnen. Trank man ein Glas Dattelwein oder eine Tasse Kaffee, so mußte die freie Hand unablässig bestrebt sein, die massenhaft andringen- üen Insekten zu verscheuchen, und gar nicht selten drang bei unvorsichtigem Sprechen eine Fliege mit der Inspiration bis zum Kehlkopf hinunter.
Nicht nur lästig und unangenehm ist die Fliege dem Menschen. Als Überträgerin von Krankheitskeimen bedeutet sie für ihn eine gesundheitliche Gefahr. Ja, sie kann ihm sogar direkt lebensgefährlich werden. Denn was man zu Lirrnes Zeiten bereits dunkel vermutete, hat sich inzwischen als Tatsache erwiesen: Es gibt einige Fliegenarten, wie die Ostriüen, die Lucilia hominivora, die ihre Eier nicht nur in den lebenden tierischen,,
