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Witsbsdemr Tsgblstt.

54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. VezugS-PreiS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch bie Post s Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgafse 27.

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Bormerslag, den 21. Juni

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1906.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

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Die Lage unserer Landwirtschaft.

Der Landwirt klagt immer, aber er klagt mit Nuancen. So klagt er heute weniger als noch vor 'einigen Jahren, und es gibt sogar billig denkende Land­wirte, die zugcben, cs gehe ihrem Gewerbe leidlich. Wie auch könnten die alten lauten Notrufe heute noch er­hoben werden, wo zwei Momente so deutlich für die Besserung der Wirtschaftslage sprechen! Das eine ist, dah die Zahl der Zwangsverkäufe stetig abnimmt; das andere ist, daß die Güterpreisc stetig steigen. Man hat einen bestimmten und sehr erfreulichen Anlaß, sich mit den landwirtschaftlichen Verhältnissen zu beschäftigen, da soeben die große Deutsche landwirtschaftliche Aus­stellung zu Berlin gezeigt hat, wie tüchtig gearbeitet wird, und welch schöne Früchte die Arbeit trägt. Der Agrar- konservatismns befindet sich gegenüber den Lehren dreser Ausstellung in einer wunderlichen Lage. Gr ist mit Recht stolz ans die erzielten Leistungen, aber er möchte cs auch jetzt noch so öarstcllcn, als werde die Landwirtschaft stiefmütterlich behandelt, als habe sic immer noch mehr unerfüllte Forderungen zu beklagen, als erfüllte anzner- kennen. So macht sich die Landwirtschaft kleiner, als sie ist Aber diese Begleiterscheinungen einer Periode hef­tiger politischer wie materieller Kämpfe brauchen den nicht sonderlich zu kümmern, der auf den Kern der Dinge elnacht. Wer dies tut, der gibt gewiß gern zu, daß die Landwirtschaft, als Gesamtheit von Prodttktionsbedin- aungcn und anfgewendeter Arbeit betrachtet, bestrebt ist, sich den veränderten Prodilktivnsvcrhältnlstcn anzu- paisen und nicht mehr hartnäckig bei überlebten Methoden ?>u verharren. Die Berliner Ausstellung bedeutete den Triumph der Maschine, die in alle Gebiete des vielvcr- -weigten landwirtschaftlichen Betriebs eindringt, mensch­liche Arbeitskräfte überflüssig macht und so dem Ubet- stanö der Leutenot wenigstens einigermaßen berzukom- men sucht. Die Landwirtschaft genießt den Vorteil cincw

ungewöhnlich ausgebildcten Kredits, der in der 3cn- tralgenossenschaftskasse den Mittelpunkt seiner ^orrksam- keit hat. Die Landwirtschaft hat sich selber eine genossen­schaftliche Organisation gegeben, an deren Entwickelung vor zehn Jahren so leicht keiner geglaubt Hatte, unv deren Wohltat jetzt auch von den stumpfen Nachzüglern vollauf begriffen wird. Die landwirtschaftlichen Neben- aewcrbe, bei denen die Konkurrenz des Auslandes kaum in Betracht kommen kann, stehen in hoher Blüte, deren Fortdauer durch die Zunahme des Konsums verbürgt wird, die ihrerseits wieder die sichere Folge der steigen­den Bevölkerungszahl und der allgemeinen Hebung des Wohlstandes ist. Der Ertrag der Ernte Hat sich nicht bloß infolge günstiger Witterungsvcrhättnisse gehoben, sondern ist verdient durch die intensivere Arbeit, durch bessere Düngungsmethoden, durch geschicktere geschäftliche Dispositionen, alles Wirkungen eines verbesserten land­wirtschaftlichen Unterrichts. Wenn die Verringerung der Zufuhr russischen Roggens auch nur vorübergehend fern mag, so scheint dafür die Abnahme der amerikanischen Weizcnzufuhr ein konstanter Faktor werden zu sollen. Denn mit der rapiden Zunahme der Bevölkerung rn der Union und mit der dadurch bewirkten Steigerung der dortigen Löhne wie vor allem der dortigen Grund- und Vodenprcise wird die Ausfuhr von Getreide neuerdings ivcniger lohnend, ein Vorgang, der sich im kleineren ur Europa schon einmal in der Weise vollzog, daß die Ge­treideausfuhr aus Österreich-Ungarn nach Deutschland, die früher als lästige Preisunterbietung empfunden wurde, nahezu völlig aufgehört hat. Wir können Hw nur einen Teil der Verhältnisse berühren, die entweder schon eine wesentliche Besserung der Lage unserer Land­wirtschaft mit sich bringen oder diese Besserung für eine nicht ferne Zukunft sicher erwarten lasten. Aber ern Moment der Warnung und des Bedenkens ser Nicht ver­gessen. Im Maße einer günstigeren Gestaltung der Grundbedingungen und des Ertrages haben die Guter- prcise unweigerlich die Tendenz zum Steig em Sw sind bereits wieder bedeutend gestiegen, vielfach um ein Viertel und mehr. Die heutigen Besitzer, d,e billig ge­kauft haben, oder die sich seit langen Jahren tm Besitz befinden, werden also die Vorteile der gebesserten Ver­hältnisse voll arrsnützcn können, aber dw neuen Er werber, die mit dem Kaufpreise eine schließlich doch nicht dauernd verbürgte hohe Rente kapitalisieren sollen, wer­den cs wahrscheinlich später weniger gut haben. Und so sehen wir voraus, dah ein leidiger Zirkel sich abermals schließen wird, daß nach einiger Zeit wieder die Klagen über die Notlage der Landwirtschaft werden erhoben werden mit demselben geringen Recht und mit dem­selben großen Unrecht wie früher auch. Aber dw mög licherweise weniger erfreuliche Zukunft soll nn^ nicht hindern, uns an der Gegenwart zu erfreuen

PolMschr Kberstcht.

Ans der Kriminalstatistik.

Die deutsche Kriminalstatistik zeigt, wie längst ve- kannt, die auffallendsten Verschiedenheiten zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd. Im Osten sind Vergehen und Verbrechen häufiger als im Westen, in Bayern wieder häufiger als in den nordwestlichen Ge­bieten des Reichs. Neben diesen Verschiedenheiten aber, deren Gründe nicht wiederholt untersucht zu werden brauchen, gibt es noch andere, auf die bisher nicht ge­nügend geachtet worden ist. Wir meinen das Verhält­nis der Freisprechungen zu den Verurteilungen. Die Kriminalstatistik der letzten Jahre (sie schließt mit 1903 ab) belehrt uns also dahin (wir wollen nur das Jahr 1903 in Betracht ziehen), daß auf je 1M0 Ilnklagen ent­fielen: imOberlandesgerichtbezirkStettin 238Freisprechun- gen, in Breslau 194, in Frankfnrt a. M. 210, in Ham­burg nur 138, in Dresden mir 124, in Karlsruhe gar nur 102. Was soll man nun aus diesen ausfallenden Verschiedenheiten schließen? Doch nicht etwa, daß die Stettiner Richter weichherziger als die Karlsruher sind oder diese härter als jene? Man muh etwas ganz anderes folgern; und das tut auch der Karlsruher Staatsanwalt Schwoercr, der in der jüngsten Nummer derDeutschen Juristenzeitung" diese merkwürdigen Dinge kritisch untersucht. Der Verfasser druckt sich möglichst schonend aus, aber man merkt bald, woraus er hinaus will, nämlich auf die Feststellung, daß die größere Freisprechungsziffer die Folge eines mangelhaften Vor­verfahrens ist. Die Staatsanwaltschaften in Preußen erheben offenbar ihre Anklagen leichter als es in Ham­burg, Oldenburg, Baden und auch in Sachsen ge,ch,cht. So erwächst den Gerichten namentlich in Preußen, aber auch in Bayern und (abgeschwächt) in Württemberg und Hessen häufiger als in den obengenannten vwr Staaten die Aufgabe, den eifrigen Staatsanwälten durch Frei­sprüche zu beweisen, daß sie allzu eifrig gewcicn sind. Es muß doch die stärksten Bedenken erregen, daß tu Preußen rund ein Fünftel sämtlicher Anklagen ergeb­nislos bleiben, Bedenken in der Richtung auf das reu, Menschliche hin. Man stelle sich vor, was das sagen will, wieviel Herzeleid das in sich schließt, wieviel materiellen Nachteil das bedeutet, wenn von 1000 Angeklagten -00 unschuldig sind, die nun zittern und zagen müssen, ob das Gericht sie freisprechen wird, und denen der Frei­spruch noch lange keine genügende Sühne für die er­littenen Qualen verschaffen kann. Das Beyprel nament­lich Badens zeigt, daß die Staatsanwälte sich selber, den Gerichten und den Angeklagten viel Mühe und Sorge

Feuilleton.

Das deutsche vikdungswesen.

Ein Ein- und Ausblick von Friedrich Pautjen.

Als 100. Bändchen der nun schon in Hunderttausen­den von Exemplaren verbreiteten so nützlichen Samm­lung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

aus allen Gebieten des WissensAus Na.ur und Geisteswelt" läßt der Verlag B. G- Teubner erne Dar­stellung des deutschen Bildungswesens*) von keinem Ge­ringeren als Friedrich Paulsen erscheinen, lms

Thema an sich für die Gegenwart bedeutsam genug, tn ber die Wichtigkeit der Bildungsfragen für unser ganzes nationales Leben immer mehr erkannt Mrd, so emp­fiehlt sich die vorliegende Darstellung der Geschichte des Bildungswesens weitesten Kreisen durch die Meister­schaft des Verfassers, mit der er aus dem beschrankten Raum die schwierige Aufgabe zu losen weiß, so daß daraus nicht nur für die Erkenntnis der Vergangenheit, sondern auch für die Einsicht in die Lage der Gegenwart und die Forderungen der Zukunft reiche Frucht erwach­sen mutz Paulsen gelingt es, indem er die Geschichte des Bildungswesens, die so leicht in uferlose Breite sich verliert stets im Rahmen der allgemeinen Kultur-Be­wegung darstellt, überall sich bemüht, die hier herrschen­den Tendenzen und ihre Einwirkung ans die Ge­staltung des Bildungswesens klar und deutlich hervor- trcten zu lassen, die gesamte Kulturentwicklung unseres Volkes in der Darstellung seines Bildungswesens wie m einem verkleinerten Spiegelbild zur Erscheinung zu brinaen Dabei legt er besonderes Gewicht auf dre Ge­schichte der deutschen Schule, sowohl der höheren als der niederen, und unserer Universitäten.

*> DaK deutsche B i l b » N g s w c s e u in seiner a c s ch i ch t l i ch e n Entwickelung. Von Professor Fried­lich P a ulsen in Berlin. lAns Natur und Geisteswelt. Sammlung missenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen ans allen Gebieten des Wissens, 100. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig.)

Mit Genehmigung des Verfassers und der Verlags­buchhandlung geben wir nachstehend dre das Buch av- schliehenden Betrachtungen wieder. , . ,

Überblickt man die Geschichte des BildungsWAms, so treten zwei durchgehende Grundzüge hervor: cer eme die fortschreitende Verweltlichung und Verstaatlichung des Bildung s w e s e n der andere, die beständige Ausbreitung schulmaßrget. Bildung über immer weitere Kreise, wenn man tültt: die Demokratisierung der Bildung. ^

Das erste Stück, man kann es auch als fortschreitende Deklerikalisiernng bezeichnen, tritt zunächst zutage in der äußerlichen Säkularisierung, dem Uoer- gang des Schulregiments von der Kirche auf den Staat. Im Mittelalter lag das gesamte Bildungswesen in den Händen der Kirche: gegenwärtig hat die politische Ge­walt überall die Leitilng an sich genommen der Küche nur noch ein Mehr oder Weniger an Einfluß ans mehr oder weniger gutem Willen überlassend, namentlich rm Gebiet der Volkserziehung. Die Universitäten haben schon, im Mittelalter den Anfang gemacht, die höheren Schulen sind seit der Reformation gefolgt, zuerst m den protestantischen Gebieten, und im 18. und 19. Jahr­hundert ist auch die Volksschule immer ntehr verstaat­licht. Die Ursache für diese Bewegung liegt offeiwar in den: allgcineincn Zursickgehen der Kirche, dem Vordrin­gen des Staats als der herrschenden Form des modernen Lebens, was wieder mit der fortschreitenden Verdies- seit'gung der gesamten Denk- und Empfnu -rngswerse der abendländischen Volkerwelt in sichtbarem Zn, ammem hang steht: das Jenseits sinkt und verliert fortwährend an Motivationskraft, und mit ihm verliert die Kirche

an Einfluß. r r * vt

So der bisherige Verlauf. Und wir haben kerne Ur­sache zu glauben, daß in dieser Hinsicht eine RnckwartS- bewegung eintretcn wird. Partielle und vorüber­gehende Rückströmungen sind möglich. Die Kirche hat ihreii Anspruch aut die Herrschaft in der Schule nicht aufgegeben; besonders die katholische Kirche halt ihn fest wie sie denn überhaupt keinen ihrer Rechtsansprilche jemals fallen läßt. Und in der Tat. man kairn ihr zu-

geben: dem Begriff nach gehört die, Erziehung eigentlich zu dem Gebiet, das die Kirche als ihre Domäne betrach­tet und zu betrachten nicht umhin kann, zum Gebiet der cura animarum, der Seelen- und Sittenleitung. Aber geschehene Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen., Der Staat wird die Regulierung des Erziehungswesens, nachdem es durch den Laus der Dinge und nicht ohne Schuld der Kirche, die seit dem Ausgang des Mittel­alters fast nur noch retardierendes Moment in der Knlturbewcgung gewesen ist, an ihn gekommen ist. sich nicht wieder entreißen lassen. Und man muß gestehen, es hängt auch mit seinen erweiterten Zwecken und Auf­gaben zu eng zusammen, als daß er jemals zulasten könnte, daß es wieder aiis einem politicuni ein ecclesiasticum werde. Ist die Selbsterhaltung und Erhöhung des Volkes in seinem ganzen Status, m seinem politischen und wirtschaftlichen, in seineüi geistigen und sittlichen Stande die Aufgabe, die sich, der moderne Kulturstaat stellt (er ist ja in der Tat nichts anderes als die Organisation des Volkes für diesen Zweck) so kann er gegen die Heranbildlmg des Nach­wuchses, auf der die Erhaltung der gesamten Kultur unmittelbar beruht, nicht gleichgültig sein, kann sie auch nickst einer von ihm unabhängigen Macht über­lassen, in dem guten Glauben, daß diese die Aufgabe in seinem Sinne und zu seinem Zwecke leiten werde., DaS lieat so auf der Hand, daß auch die Staaten, die am längsten gegen diese Aufgabe des politischen Gemein­wesens gleichgültig gewesen sind, der englische z. B., in dem letzten Menschenalter sich der Regelung iind Forde­rung des Volksbildungswesens ganz ernstlich anzu- nehmen begonnen haben. Man darf Wohl sagen: die jüngsten Erfolge des deutschen Volks haben wesentlich dazu beigetragen, den übrigen Völkern einleuchtend zu machen, wie bedeutsam eine vom Staat geleitete und geförderte nationale Erziehung und Bildung der ge­samten Bevölkerung für die kraftvolle Selbstdurchsetzung des Volks auch in militärischer und wirtschaftlicher Hin­sicht ist: die Sorglosigkeit, womit manche der Kirche oder der Selbstregiilierunq durch Angebot und Nachfrage das Schulwesen lange überlassen hatten, hat jetzt in allen