M. Jahrgang.
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Morgen«Knsgabe.
_1. Ala«.
KililOM Mv Sie Stiumnuig in Knßlnnd.
g. Petersburg, 16. Juni.
Schon seit einiger Zeit konnte man in der rnsstichen Presse eine nervöse Erregung wahrnehmen. Nach deren -Ursache brauchte man nicht lange zu suchen. Es war die Folge der Enttäuschung, daß die Duma nicht, wie man erwartete, dem Lande mit einem Schlage Ruhe und friedliche Zustände wiederzugeben vermochte, daß sie sich im Gegenteil für die nächste Zukunft geradezu Ohnmächtig erwies. „Ganz Rußland", klagten die „Wedomostt", „erwartete von der Reichsduma Beruhigung und ein Aufhören der Wirren. Aber Mord- und Raubtatcn hören nicht auf; Niederlagen von Bomben, Waffen und Dynamit werden in den verschiedensten Gegenden entdeckt; mit einem Wort die Wirrnis wiro nicht schwächer. Die politischen Morde nehmen zu, gleichzeitig werden Leute zufällig umgebracht oder weil sie Geld haben. Kann unter solchen Verhältnissen ein »fruchtbringendes Arbeitsleben sich entfalten?" Und nun die Vorgänge in Bialystok, in denen sich ausspricht, daß wieder dunkle reaktionäre Mächte cm der Arbeit sind, um die Volksleidenschaften aufs neue in ihren Grundtiesen aufzuwühlen! Wie man im Volke darüber denkt, wie bestimmt man vor allem darin ein Vorzeichen einer neuen allgemeinen Schreckenszelt sehen zu müssen iglaubt, lassen die Entrüstungsrufe russischer Blätter ernennen. „Heute Kischinew, Schitomir, Odessa", schreibt die „Neue Lodzer Zeitung", „und niorgen Kiew, Hömel und Bialhstok, und wer kann sagen, wo der letzte Etappenpunkt sein wird. Tausende und Abertausende Harmloser Bürger sind der mörderischen Wut, den blutdürstigen Instinkten einer zur Bestie gewordenen Men- schcnhorde preisgegeben, über Tausenden und Abertausenden ruhigerMenschen hängt das Damoklesschwert, das mit Tod und Verderben droht, und dennoch bemühen sich die Moiiopolisten des Patriotismus, die Pächter der Vaterlandsliebe und die Stützen des alten, morschen Regimes, all den Greucltaten, die ihresgleichen in der Geschichte suchen, ein Mäntelchen der Unschuld umzuhängen, sie „psychologisch" zu erklären und die Schuld an dem fluchwürdigen Blutvergießen den Opfern selbst aufzuoürden. Und mit welch eherner Stirn und kaltblütiger Verbrechermiene alle die Hetzer und Hasser in Uniform und Zivil diese abscheulichen Mordtaten als Ausbruch der Volksleidenschaft hinzustellen suchen! Sü, die würdigen Jünger eines Torquenado und Timencs, die Niedertracht in Person, schämen sich nicht, ihre
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Feuilleton.
lNachdrua verböte».)
Ein Besuch.
Von Ignaz Paner.
Alles in der Wohnung ist wie gewöhnlich in größter Unordnung. Die Mama und die drei Töchter haben 'nie Zeit, um aufzuräumcn und das Dienstmädchen hat merkwürdigerweise auch immer etwas anderes zu tun. Susette, die Jüngste, sitzt im nachlässigsten Neglige vor dem Papageienkäfig und ist bemüht, dessen krächzenden Und schnarrenden Bewohner die bange Frage an das Schicksal: „Hab'n Sie nicht den kleinen Kohn geseh'n?" ibeizubringen. Auf ihrem Schoße hockt der große Küchen- ikater, ein Hausgenosse der Familie, der dem Unterrichte jmit gespannter Aufmerksamkeit zu folgen scheint und Habet schnurrbartleckend sehnsüchtige Blicke ans den jVogel wirst. Babette, die Zweitälteste, verbirgt ihren Mangel an Toilette in einem Fauteuil, in dem sic sich znsanrmenkanert, die Zeitung in der Hand, die Heirats- Annoncen mit großer Aufmerksamkeit studierend, während Nanette, die Älteste, in einem ähnlichen Aufzuge gähnend am Ofen lehnt. Die Mama rekelt sich auf dem Diwan, von wo aus sie die Tätigkeit ihrer Töchter mit kritischem Blicke überwacht. —
Papa geht im Zimmer umher, er trägt einen Schlafrock und ist den ganzen Tag damit beschäftigt, das zerrissene Futter, das bei jeder Bewegung zum Vorschein kommt, in den Ärmel zu stopfen, sobald er von dieser Unterhaltung müde wird, rührt er sich nicht und so lange er sich nicht rührt, hält auch das Futter. Susette hat schon wiederholt die Absicht geäußert, den Schlafrock mit Syndetikon wieder gebrauchsfähig zü machen, Papa will aber von diesem Klebemittel nichts wissen, seitdem man sein Hauskäppchen damit reparierte, daS dann auf der Glatze sestsaß und eine volle Woche nicht herunterzu- briWen war.
Jetzt geht er ziemlich erregt aus und nieder, er würde sich gerne setzen, findet aber keinen Platz, nachdem alle
Mittwoch, den 20. Juni.
blinden Werkzeuge, die entmenschten und vertierten Mordbuben als in „patriotischer Aufwallung" Handelnde reinzuwaschen." — Revolution und Gegenrevolution arbeiten, zwar gegeneinander, aber mit gleichem Erfolge, darauf hin, Rußland dem Zustande einer völligen Anarchie entgegenzuführen. „Es gibt nichts mehr", stöhnt ein russischesBlatt, „als der doppelte Terror von oben und von unten und der zu Hunderten von Malen gelieferte Beweis, daß einzig und allein nur der Recht hat, der über die Gewalt verfügt. War schon durch die jahrzehntelange unbeschränkte Herrschaft und unantastbare Selbstherrlichkeit des Beamtentums der Begriff von Recht und Unrecht verwischt, die Gesetzesumgehung zum Schaden feiner Mitmenschen zu einem Kunststück geworden, das man durchaus nicht als Schande, sondern als Beweis von Fixigkeit und Findigkeit ansah, so wird jetzt gepredigt, daß Eigentum ^erbrechen sei, werden im Namen streikender Köche Bäckerläden und Fleischereien zerstört, um zu beweisen, daß die Inhaber die Ware billiger verkaufen können, als sie ihnen selbst kostet, tverden im Namen streikender Kellner Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt. Der ruhige Bürger aber sicht die Folgen dieser gräßlichen Zeit in schlimmen Farben vor seinem geistigen Auge entstehen und findet keinen Ausweg aus dem schrecklichen Chaos, toorin alles unterzugehen droht." Diese HerzensauZ- brüche russischer Blätter sprechen sür sich selbst; ein Kommentar wäre überflüssig.
Uolitischr Übersicht.
Bebels Neichstagsbilanz.
August Bebel veröffentlicht in der „Neuen Zeit" das Fazit der letzten Reichstagssession, wie er es sich vorstellt. Am meisten zieht Bebel über den Reichstag her, und hier treffen seine Klagen mit ähnlichen aus dem bürgerlichen Lager erhobenen zusammen. Bebel hebt an, der Parlamentarismus werde auch in Deutschland immer unfruchtbarer, und beruft sich dafür vor allein auf Bismarck; dessen Wort „Der Parlamentarismus muß durch den Parlamentarismus zugrunde gerichtet werden" werde allmählich zur Tat und zur Wahrheit. Wie ein roter Faden ziehen sich durch den ganzen Artikel Vorwürfe und Mißachtung gegen den Reichstag, seine Unfruchtbarkeit, seine qualitativ alles zu wünschen übriglassenden Leistungen, seine Kopf- und »Lystemlosigkcit usw. Allerdings verurteilt ja die Sozialdemokratie prinzipiell den bürgerlichen Parlamentarismus und sollte nach ihren eigentlichen Parteigrundsätzen dabei gar nicht mittun. Nachdem sie sich aber einmal dazu herteigelasien, dürfte inan denken, daß sie eine Besserung hätte herbeiführen können, zumal sic cs nn deutschen Reichstag auf 77 von
Sitzgelegenheiten für andere Zwecke in Anspruch genommen werden. Die Lehnen der vorhandenen sechs Stühle sind mit den Kleidern der Damen drapiert, die diese bei der gestern spät abends erfolgten Heimkehr „einstweilen" ans diese Art ans dem Wege geräumt hatten, während sich ans den Sitzen allerlei Gegenstände des Hausgebrauchs im bunten Durcheinander breit machten. Die Hüte der Damen waren auf dem Klavier in der Ecke sorgsam deponiert worden, dort waren sie auch vor der Katze sicher, denn das kluge Tier mied diesen Apparat mit ängstlicher Scheu.
Dies war so ziemlich der normale Zustand der Wohnung, an den sich Herr Pemstel schon so gewöhnt hatte, daß er kein Wort darüber verlor, was auch ganz vergeblich gewesen wäre, da man etwaige Ermahnungen zur Ordnung seinerseits gewiß nicht beachtet hätte. Papa Pemstel wurde überhaupt nur dann beachtet, wenn man Geld von ihm brauchte und da dies ohnehin ziemlich oft der Fall war, konnte er sich über Mangel an Aufmerksamkeit nicht beklagen.
Jetzt aber wollte er sitzen. — Er hob ein auf einem Stuhle stehendes Aquarium auf den Tisch, wobei er mit solcher Vorsicht zu Werke ging, daß sich kaum die Hälfte des Inhalts auf seinen Schlafrock ergoß.
„Aber wie man nur so ungeschickt sein kann!" ermahnte strafenden Tones die Mama.
„Ja, gehören denn die Fische auf den Stuhl?"
„Ach, sic sind doch auch müde und wollen sich ans- ruh'n", flötet Babette.
„Ach Gott, hör' mir auf mit solchen öden Späßen, das ist ja hier nicht mehr auszuhalten!" und ärgerlich stopfte Papa das hcrnntcrhängcnde Ärmelfutter zurecht.
„Hör' mal, Mama, da sucht ein reicher junger Mann eine Frau, wenn auch ohne Vermögen", ruft Babette plötzlich in freudigem Erschrecken.
„Wer? — wo?" .... und die ganze Familie stürzt, wie von einem Erdbeben emporgcschbeuöert, ans die Entdeckerin des jungen Mannes los. Der Kater, dem dieser Fall nur insofern nahcging, als er infolgedessen seiner bequemen Sitzgelegenheit verlustig wurde, sucht sich gclangwcilt eine angenehme Zerstreuung und bc-
1906 .
397 Sitzen gebracht, also auf eine weit höhere Zahl als bisher in irgend einem anderen Parlament der Welt, abgesehen von Australien. Bebel selbst erklärt: „Es wird schwer halten, ein Parlament zu finden, das ähnliche Widersinnigkeiten sich hat zuschulden kommen lassen. Aber Mangel an grundsätzlicher Auffassung in den wichtigsten Fragen des Staatslebens und ewiges Hin- und Herschwanken in der Auffassung der Dinge zeichnet den gegenwärtigen Reichstag vor allen seinen Vorgängern aus." Es ist also nur schlimmer geworden, und das mußte nach Bebel so kommen: „Das gesetzgeberische Tohuwabohu erreicht fernen Höhepunkt, wenn in einem dieser Parlamente auch eine Vertretung der Arbeiterklasse vorhanden ist, die ihr Gewicht manchmal ausschlaggebend in die Wagschale werfen kann. Die Anwesenheit einer solchen Vertretung der Arbeiterklasse vermehrt die Inkonsequenz und Verwirrung, weil die Furcht vor ihr die bürgerlichen Parteien öfter zu Handlungen oder Unterlassungen zwingt, die sonst für fie nicht in Frage kämen."
Japanische Siegesbeute.
Gelegentlich der großen Parade über die siegreichen Truppen am 30. April in Tokio fand nach dem „Mil.- Wochenbl." vor dem Palastc des japanischen Kaisers eine Ausstellung eines Teiles der russischen Siegesbeute statt. Es waren 281 Feldgeschütze, 178 Festungsgeschütze und 52 Maschinengeschütze ausgestellt. 72 der Feldgeschütze, und zwar Schnellseuergeschütze, hatten die Japaner zu einem „Korps genommener Feldgeschütze" zusammengestellt, die sich übrigens in japanischen Händen sehr gut bewährt haben sollen. Unter den Festungsgeschützen stellte das größte Kaliber eine 24 Zentimeter- Kanone aus dem Laolichni-Fort von Port Arthur, das kleinste ein 2,5 Zentimeter-Geschütz dar, während fast die Hälfte, nämlich 77 Stück, 4,8-Zentimeter-Geschütze waren. Der größte Teil der FcstungSgeschütze stammte aus der Landfront von Port Arthur. 611 Geschütze waren in der Ausstellung enthalten. Im ganzen sollen in japanische Hände gefallen sein 900 Geschütze, davon 369 Feldgeschütze, 462 Festungsgeschütze, darunter fünfzig 23 Zentimeter-Geschütze und über neunzig 16 Zentimeter-Geschütze, endlich 79 Maschinengeschütze. An andern Beutestücken waren ausgestellt 70000 Gewehre. 1238 Stück blanke Waffen, darunter 86 Lanzen, 1538 Muniftonswagen, 624 andere Wagen und Karren. 10112 15 Zentimeter-Geschosse, 1500 12 Zentimetern
Geschosse und ein Ballon, der auf dem Wege nach Port Arthur erbeutet wurde. Die Gesamtbeute von den bez reits aufgeführten Geschützen betrug 10 548 Gewehre, 6465 Stück blanke Waffen, darunter 163 Lanzen, 4800 Wagen und Karren, 17 987 Schuß für schwere Geschütze, 242 618 Schuß sür leichte Geschütze, 24 713 766 Schuß für Gewehre, 2 Ballons und viel anderes KriegL-
ginnt mit einem Spitzenschleier, den er irgendwo in einer Ecke entdeckt hat, „Mäuscfangen" zu spielen. Inzwischen wandert die Zeitung von Hand zu Hand.
„Da kann man sehen, es gibt doch noch Idealisten", spricht Mama pathetisch, mit einem vernichtenden Seitenblick auf Papa. Doch dieser ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.
„Das ist entweder eine Fopperei oder der Mann ist verrückt", knurrt er bissig.
„Aber Papa, das finde ich nicht", verteidigt die Älteste den Unbekannten, „wenn eine Frau häuslich und wirtschaftlich ist, so ist das mehr wert, als wenn sic Ver. mögen besitzt."
„Häuslich und wirtschaftlich? — Nun, dann meldet euch nur ja gleich, — aber alle drei!"
Di- jungen Damen wenden sich indigniert ab, wöbet aber jede für sich beschließt, Papas ironisch gemeintem Rate allen Ernstes Folge zu leisten, zu welchem Zwecke sie sich die Chiffre, unter der die Anträge verlangt wurden, gemerkt hatten. Die Sehnsucht des jungen Mannes sollte in ausgiebiger Weise gestillt werden! — Armer Kerl! —
Susette wandte sich dem Fenster zu, fuhr aber mit einem Schrcckensrufe wieder zurück.
„Um's Himmelswillen, was gibt's?"
„Eben biegen die Schmalzbaums um die Ecke, sie kommen uns zu besuchen, — schnell — schnell! . . ."
Und: „schnell — schnell!" — ein Alarmrus war's, der die Familie Pemstel ausschrccktc und einem Sturmwinde gleich durcheinandcrwirbcltc. Babette ergriff die herumhüngenden Kleider und lief damit ins Nebenzimmer, um sic, so rasch cs ging, in einen Kasten zu stopfen. Nanette stellte die Goldfische und den Papagcicn- käfig ans den ihnen gebührenden Platz, verabreichte dem Kater einen sehr annehmbaren Fußtritt, der ihn mit unheimlicher Schnelligkeit in die Küche beförderte, Susette räumte die Hüte ans dem Wege, Mama suchte im ganzen Hause nach ihrem Morgcnkleide und der Papa, der überall zu spät kam, entledigte sich im Fluge seines Schlafrocks und schleuderte ihn hinter den Diwan. Vor dem Spiegel entstand ein kleiner Vvlksauslaus, und kurze
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