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s«. Jahrgang

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N-. 276.

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Sonntag» den 17. Juni.

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1906.

Morgen -Ausgabe.

_____ 1. Matt.

Nrsorwüestreüungen in Persien.

Aus Teheran wird uns geschrieben: Das Persien von heute ist nicht mehr das Persien, wie man es noch vor einigen Jahren kennen lernen konnte. Durch die Berührung mir Europa ist es nach und nach init modernen Ideen durchtränkt worden; ein nationales Empfinden hat sich daraus entwickelt, das nun anfängt, die so lange unbeweglich scheinenden Massen aufzu­rühren und der Unabhängigkeit, dem Fortschritt und der Zivilisation entgegen zu drängen. Das Beispiel Japans hat wie auf alle anderen asiatischen Völker so auch auf die Perser einen gewaltigen Eindruck gemacht; sie wollen wie dieses vorwärts schreiten. Die Nieder­werfung Rußlands bedeutete einen Triumph für Per­sien; und die revolutionäre Bewegung, die den Thron ches Zaren erschüttert, übt ihre Rückwirkung auch aus den des Schahs aus. Es ist hier nicht anders wie in Petersburg. Während das Volk marschiert, bleibt die Staatsgewalt stehen; daher der Konflikt. Ähnlichkeiten gibt es auch in anderen Punkten. Wie der Zar, so ist auch der Schah von den besten Absichten beseelt, schwankt aber in seinen Entschlüssen und ist imstande, heute um­zuwerfen, was er gestern vollsührte. Der Schah be­greift wohl, daß vieles besser gehen würde, sowohl für ihn wie für sein Volk, wenn er einen Teil seiner Macht an verantwortliche Minister und an eine Versammlung abtreten würde. Aber wie dies ausführen? Davon versteht er nichts und seine Berater ebenso wenig. Zu­dem ist Persien auch nicht reif für ein parlamentarisches Regiment. Politisch denkende Köpfe sind selten und in der Verwaltung herrscht eine Korruption, der vielleicht die Machcknittel eines aufgeklärten Despoten, niemals aber die einer Volksversammlung gewachsen wären. Am dringendsten schreien die Zustände in den Provinzial­verwaltungen nach Reformen. Die Gouverneure, eine Art unkontrollierter Satrapen, mißbrauchen die Ge­walt, die ihnen übertragen ist, in der ausschweifendsten Weise. Sie unterdrücken ihre Untergebenen und häufen durch Erpressungen skandalöse Vermögen an. Mehrere von den Gouverneuren sind kürzlich auf Verlangen der Kaufmannschaft in Teheran ihrer Posten enthoben worden; es ist aber zu bezweifeln, ob die neuen besser sind. . Des weiteren sind Reformen im Rechtswesen vonnöten. Abgesehen von den Gerichten, die vom aus­wärtigen Ministerium ressortieren und welche Streitig­keiten zwischen Muselmanen und Fremden zu schlichten haben, gibt es überhaupt keine eigentliche Gerichts­barkeit in Persien. Dagegen übt jeder muselmanische Priester ein Schiedsrichteramt aus. Es sind ihrer Legion und die meisten sind von den Einkünften ihres

Feuilleton.

Ein- und Ausfälle.

l8 ür dasWiesbadener Tagblat t\j Von Joseph Kaisler.

Launen der Weltgeschichte.

Wie dieDeutsch-Ostasrikanische Zeitung" meldet, yat der Bezirksamtmann von Dar es Salam einen Ukas erlassen, demzufolge ^künftig die Unmanierlichkcit der Eingeborenen, das Sodawasser gleich gierig aus der Flasche zu saufen, mit schwerer Körper- oder Freiheits­strafe geahndet wird.

Unverständige deutsche Blätter haben den Mann da­für natürlich heftig angegriffen. Das geht bei uns den großen rettenden Taten immer so. Wir sind nun ein­mal die Nation der Nörgler. Wären wir das nicht, so hätte uns nicht entgehen können, daß dieser Ukas ein Ereignis bedeutet, von dem man einst eine neue Epoche der Kulturgeschichte datieren wird. Poesievolle Geschicht­schreiber der Enkel werden sagen: von Deutsch-Ostafrika kam das Licht.

Es ist ja so klar: Täglich jammern wir über unsere Kulturlosigkeit und wissen ihr doch nicht abzuhelfen. Hier ist der Weg gegeben. DerReichs-Anzeiger" veröffent­licht einen Regierungs-Knigge und offiziellen Kodex des guten Geschmackes mit den entsprechenden Straf-Be- stimmungen von fünfundzwanzig Stockprügel bis sechs Jahren Zuchthaus. Und herrlich wird sich die Welt ver­ändern. Binnen zwei Jahren sind wir garantiert das feinste Kulturvolk des Erdballs.

Ich bin in so freudiger Erwartung. Da sitzt in dem Restaurant, wo ich Mittag esse, an dem Tisch gegenüber meist ein dicker Herr, der mich oft schon zur Verzweif­lung gebracht hat. Er braucht zur Vertilgung der

richterlichen Nebenberufes abhängig, nach denen sie auch ihre Urteile einzurichten wissen, die dem islamischen Gesetz, das anzuwenden sie verpflichtet sind, häufig Hohn sprechen. Glücklicherweise gibt es gegen die Er­kenntnisse der Priester eine Berufung. Aber die Pro­zesse schleppen sich dann endlos hin, gehen von einem Richter zum andern, und die ruinierten Gegner ge­langen schließlich dort an, von wo sie hätten ausgehen müssen, bei dem Entschlüsse, sich aus freundschaftlichem Wege zu verständigen. Die Erfahrung hat dem Volke seit langer Zeit die Lehre aufgenötigt, daß Prozesse um jeden Preis vermieden werden müssen. Die von der resormbegierigen Kaufmannschaft bestürmte persische Regierung hat jetzt eine Kommission damit betraut, ein Projekt für die Organisation einer regelrechten Gerichtsbarkeit auszuarbeiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Kommission Vorschlägen, die Zahl der Richter zu beschränken, sie durch das Volk wählen und von der Regierung besolden zu lassen, die Gerichtskosten tarifmäßig scstzusctzen, in jeder großen Stadt ein Be­rufungsgericht zu gründe:: und einen obersten Gerichts­hof in der Hauptstadt. Unter allen Reformvorschlägen hat dieser die meisten Aussichten auf Erfolg; seine Ausführung würde auch für das Volk, das unter der herrschenden rechtlichen Anarchie schwer zu leiden hat, ein wahrer Segen sein. Schließlich drängen die per­sischen Fortschrittsfreunde noch auf eine Reform der Finanzverwaltung hin. Die Regierung hat in sieben Jahren 120 Millionen Mark Schulden gemacht, ohne daß ein Pfennig davon für öffentliche Zwecke aufge­wandt worden wäre. Man verlangt die Einrichtung eines Budgets, das möglichst ohne Anleihen im Gleich­gewicht zu erhalten ist. Diese weitgreifenden Reform­anträge im Zusammenhangs mit dem türkisch-persischen Grenzkonflikt haben die Gesundheit des Schahs er­schüttert. Man spricht davon, ihn eine lange Reise nach Europa unternehmen und den Thronfolger wäh­rend der Abwesenheit des Monarchen die Regierungs- geschäste ausüben zu lassen. Viele würden darin die Vorbereitung für eine in Aussicht genommene Ab­dankung des Schahs erblicken.

Soziale Kongresse.

Die vergangenen Tage standen unter den: Zeichen der sozialen Kongresse. Der evangelisch-soziale Kongreß wurde diesnml in Jena abgehalten. Radikale Forderun­gen tauchen aus diesen Tagungen nie auf und so wurde auch diesmal wieder auf dem evangelisch-sozialen Kon­greß eine recht gemäßigte Sozialpolitik getrieben. Es wurde anerkannt, daß eine Tendenz auf Herabsetzung der Arbeitszeit unverkennbar vorhanden sei und daß diese Tendenz unterstützt werden müsse. Als besonders erwünscht wurden die Herabsetzungen der Arbeitszeit betrachtet, die sich die Arbeiter durch ihre Organisationen

Saucen beharrlich das Messer, so daß ich schaudernd seinen Mund immer schon bis zu den Ohren aufgeschlitzt sehe. In Zukunft wird er das wohl bleiben lassen, wenn er für seine Unart einmal hundert Stockschläge genossen hat. Und ich werde ohne Ekel und Angst Mittag essen können. Herr Müller, der alle zwei Minuten im 6 Meterbogen nach rechts und links spuckt, wird noch ein ganz erträglicher Mitbürger werden, wenn er ein­mal die 60 Rutenstreiche, die der Regierungs-Knigge da­für verheißt, weg hat. Ungefährlich wird auch Herr Meier werden, der mit' seinem Regenschirm immer zwei Zentimeter vor den Augen der Unglücklichen hinter ihm hantiert, wenn er einmal zwei Monate für seine Manie gebrummt hat. Ich werde wieder gern reisen, denn wenn einer im Hotel mich aus dein schönsten Schlaf schreckt, indem er mit rücksichtsloser Grobheit seine Stiefel donnernd vor die Tür schmeißt, wird er vierzig Stockschläge dafür bekommen. Ich werde wieder an­genehm im Caf6 sitzen können und nicht hören brauchen, daß die Familie, die sechs Tische weit von mir sich nieder­gelassen hat, eine sehr unangenehme, boshafteTante besitzt und daß die zwei jungenMänner, die den achtenTisch von mir innehaben, in der letzten Nacht sechs Restaurants und drei Bars heroisch durchgetrunken haben. Denn auf dies indiskrete Lautsein werden mindestens vierzehn Tage Gefängnis stehen. Ich werde wieder Feste ge­nießen'können, denn keiner wird mehr kommen, zum Gehrock und Zylinder mit gelben Schuhen, grün­gesprenkelter Lodenhose und weißer Krawatte angetan. Denn der Regierungs-Knigge bedrohte ihn dafür mit zwanzig Stockschlägen.

Ja, das Leben wird herrlich werden ein ungeahn­ter Traum von Schönheck und Kultur. Wie launenhaft doch die Weltgeschichte ist: Und diese Erlösung zur Kultur wird kommen, weil in Afrika ein paar unmanier­liche Schwarze ihr Sodawasser gleich aus der Flasche ge­soffen haben.

und durch Abschluß von Tarifverträgen erringen, es müsse deshalb auch die volle Koalitionsfreiheit und eine gesetzliche Interessenvertretung verlangt werden. Pro­fessor Wagner lenkte dabei die Aufmerksamkeit darauf hin, daß viele Unternehmer sich in Kartelle:: und Syndi­katen zu einer übermächtigen Stellung zusammen- geschlossen haben, während sie den Arbeikerorgani- sationen kein Existenzrecht zuerkennen. Ein erweiterter Schutz wurde noch für die arbeitenden Frauen gefordert- Mit sozialen Verhältnissen in den Stadtverwaltungen beschäftigte sich auch die in: Anschluß an den Verbands­tag der Gemeindearbeiter in Mainz abgehaltcne Kon­ferenz der Gasarbeiter. Die Gasarbeiter, deren Arbeit recht gesundheitsschädlich ist, haben in den letzten Jahren eine rege Agitation für Einführung der achtstündigen Arbeitszeit entfaltet; wie jetzt bekannt gegeben wurde, besteht die achtstündige Arbeitsschicht bereits in 26 deut­schen Großstädten. Dabei ist jedoch noch wenig Rück­sicht auf den Schichtwechsel genommen worden, so daß die Arbeiter beim Schichtwechsel nicht selten 18 Stunden und noch länger in Tätigkeit sind. Auch über zu geringe Bezahlung wurde geklagt, denn Stundenlöhne von 25 Pfennig sind hier keine Seltenheit. Gegenüber solchen Stadtverwaltungen soll künftighin auch mittels Aus- stände vorgegangen werden. Der internationale Berg­arbeiter-Kongreß hielt seine diesjährige Tagung in London ab. Vertreten waren auf ihm rund I^Millionen Bergarbeiter aus allen Teilen der Welt. Auch die christlichen Bergarbeiter Deutschlands waren durch einige Delegierte vertreten. Es wurde darüber diskutiert, wie Katastrophen nach Art der in Courrieres verhütet wer­den könnten. Dabei wurde die Anstellung von Inspek­toren von neuem gefordert, die aus Arbeiterwahlen her­vorgehen sollen. Die französischen und die amerikani­schen Delegierten klagten jedoch, daß auch bei ihnen, die Arbeiter-Inspektoren schon haben, eine Besserung in den Bergarbeiterverhültnissen sehr schwierig durchzusetzen sei. In Frankreich seien die Befugnisse der von den Arbeitern gewühlten Bergarbeiter-Inspektoren zu gering und in Amerika fehle es den gewählten Beamten an der technischen und allgemeinen Qualifikation zur richtigen Ausübung ihres Amtes. Von deutschen Delegierten wurde wiederun: verlangt das Verbot der Frauenarbeit in Bergwerken, das Verbot der Kinderarbeit und das Verbot der Arbeit unter Tage für jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren. Von besonderem Interesse war eine Konferenz der Ziegler, die nach Magdeburg einberufen war._ Auf dieser Konferenz sind die schwersten Schäden an die Öffentlichkeit gekommen. Die normale Arbeits­zeit pro Tag dauert 16 Stunden, sie beträgt aber häufig 19 und 20 Stunden, und trotz der Schwere und der langen Dauer der Arbeit sind doch in den Ziegeleien sehr viele Frauen, Jugendliche und Kinder beschäftigt. Ganz beklagenswert sind die Wohnungsverhältnisse; sie ent­sprechen sehr oft auch nicht den niedrigsten sittlichen und hygienischen Forderungen und besonders dort, wo russi-

Strindberg.

Man mag ihm eine Zeitlang absichtlich aus dem Wege gehen, frohere, lichtere Welten zu suchen als die seine. Sobald man aber über irgendeine der großen Fragen der Zeit ernster nachdenkt, wird man ihm wieder begegnen. Notwendig. Immer auf jenen einsamen Höhen des Denkens, wo die Wege schmal zwischen Ab­gründen führen und kein Ausweichen erlauben. Und keiner wird an ihm vorüber, vielleicht höher hinauf dürfen, der ihn nicht ehrfürchtig gegrüßt hat- Und darauf hat er ein Recht. Denn er ist einer der großen Herrscher in der Höhenwelt der Einsamkeiten. Jener Höhenwelt, in der die Luft so dünn und klar ist, daß Ebene gewöhntes Menschenglück dort nicht atmen kann. Wo der verzweiflungsmutige Wanderer aber den Göttern näher ist und hinter der großen Stille alle Urstimmen des Lebens hört. Ein Entsiegeler dunkelster Lebens­geheimnisse. So erscheint Strindberg oft. Und so klar und scharf sieht er in die Dinge, die Menschenaugen sonst verschlossen sind, daß vor ihm ein altes, verdachtes Ge­spensterwort wieder drohend lebendig wird: Dämon!

SeinTotentanz"") zum Beispiel. Die Welt --ine Hölle, vor der DantesInferno" ein pathetischer Kinder- schrecken wird. Auf einer engen Insel Menschen zu- sammengepfercht, die ihr Leben lang den hatzwütigsten, mörderischesten Seelcnkrieg führen. Die rasenden Vor­kämpfer Mann und Frau. Alice hat den Kapitän, den Vampir", als er in Todeskrämpfen lag, angespten, ins Gesicht geschlagen. Und da, eine der furchtbarsten Wahr­heit, die uns je einSterblicher gezeigt: Als derKapitän tot im Nebenzimmer liegt, da fühlt Alice, daß dieser Mann, den sie gehaßt, verachtet, verflucht, ihr Leben war. Sie möchte jetzt gut von ihm sprechen, sie sieht ihn wieder,

*) Neu erschienen bei Hermann Seemann, Berlin und Leipzig: in 4 . Stuft.T o t e n t a n in 4. Stuft.Königin Christin e", in 2. Stuft.M oderne Fabel n", in 3. Stuft. «Einsam" von August Strindberg.